2. März 2006
Google in China , die Fortsetzung
Eigentlich wollte ich ja schön gemächlich einsteigen, aber da Rayson das Thema schon angesprochen hat und ich hier den China-Experten geben soll, werde ich mich ohne lange Vorrede gleich ins kalte Wasser stürzen.In diesem ersten Teil über Google in China stehen die Meinungen von chinesischen Bloggerinnen und Bloggern im Mittelpunkt. Ein weiterer Teil wird sich mit dem Thema aus amerikanischer Sicht beschäftigen.
Zunächst jedoch ein aktueller Programmhinweis:
Die Gates von Google und Yahoo - Internet und Meinungsfreiheit in China
Deutschlandradio Kultur - Weltzeit
heute, 02.03.2006, ab 18:07 Uhr.
Hintergrundinformationen zum Thema liefert u.a. der China-Korrespondent der WELT, Johnny Erling, in einem Artikel vom 26. Januar 2006 (Auch Google unterwirft sich der Zensur) sowie einem Leitartikel vom 16. Februar 2006 (Yahoos heilsamer Schock). Die Ankündigung von Google, sich den den chinesischen Zensur-Bestimmungen zu unterwerfen, hat vor allem deshalb in China keine besonders hohen Wellen geschlagen, weil yahoo mit seiner aktiven Mitwirkung an der Verurteilung chinesischer Cyber-Dissidenten einen Negativ-Standard gesetzt hat, an den Google mit dieser Entscheidung nicht heran reicht.
Ein sehr guter Artikel über chinesische Reaktionen zum Vorgehen von Google ist in der FAZ vom 3. Februar 2006 erschienen (Illusionen des Westens). Dort wird die verhaltene Reaktion in China zunächst damit erklärt, dass google.cn einstweilen nur eine Ergänzung des sich weiterhin online befindenden google.com ist. google.com ist in China aufrufbar und es findet (noch!) kein Redirect statt.Weiter heißt es:
Ein zweiter Grund für die mangelnde Aufregung ist indessen irritierender. Er besteht darin, daß manche schon gar nichts anderes mehr erwarten. Ein Internet-Autor namens Chiu Yung aus dem Süden Chinas findet das Verhalten von Google völlig unüberraschend. Das Unternehmen habe nichts anderes getan als alle westlichen Unternehmen, die im Ausland Geld verdienen wollen: Sie halten sich an die Gesetze des Landes, die allerdings im Falle Chinas identisch sind mit dem Willen der Regierung. Deshalb sei es ganz logisch, daß Google der amerikanischen Regierung widersteht (wenn diese etwa statistische Informationen verlangt), der chinesischen aber nicht - in Amerika sei es eben vom Gesetz gedeckt, der Regierung zu widersprechen, in China aber nicht.
(…)
Von dieser nüchternen Einsicht leitet Chiu Yung zu einer Sentenz über, deren Sarkasmus eines Lu Xun würdig wäre: “In einem schwachen China unterwirft sich die Regierung den Ausländern, bevor sie unser Volk verfolgt; in einem starken China unterwerfen sich die Ausländer unserer Regierung, bevor sie unser Volk verfolgen.”
In einem Interview mit der taz vom 11. Februar 2006 (“Die Willkür von Diktatoren”) antwortet der Journalist Li Datong auf die Frage nach seiner Beurteilung des Verhaltens von yahoo, Microsoft und Google:
Diese Firmen haben einen großen Beitrag zur Demokratisierung und Informationsverbreitung in China geleistet. Die scharfe Kritik des Westens, die sie dafür nun auf sich ziehen, haben sie nicht verdient. Man kann von ihnen schließlich nicht verlangen, dass sie sich offen einer tyrannischen Regierung widersetzen. Wir aber sind von ihrer Präsenz in China weiter abhängig. Ein Beispiel: Für meinen Namen habe ich bei Google 118.000 Einträge gefunden, bei der chinesischen Suchmaschine Baidu dagegen nur 10 Einträge.
Unter dem Titel “Chinese bloggers debate Google” hat die BBC Ende Januar Stimmen von vier bekannten englischsprachigen Bloggern aus China veröffentlicht, darunter zwei aus Hongkong:
The problem is not that Google is censoring its search service, it is that China doesn’t have free speech.
But I’m always supportive of kicking up a fuss about American companies. Yahoo, Google and Microsoft are part of the “Great Firewall”. They helped build the infrastructure to block information.
(…)
These companies are the keepers of information from a billion people for profit. Google is just the latest manifestation of the bigger story.
(…)
Some bloggers may say this is not an important issue but I don’t think enough attention can be paid to Chinese internet censorship. If I were based a few miles across the border, I wouldn’t be able to do what I am doing now.
Roland Soong, der das Blog EastSouthWestNorth betreibt und so etwas wie das Rückgrat der englischsprachigen Blogosphäre in China ist, wendet sich gegen westliche Boykott-Aufrufe in Bezug auf Google:
I wish somebody would take the position of the typical Chinese internet user. If one is going to advocate a boycott, I would like the criteria to be the material improvement in the life of the typical Chinese internet user.
I think talk of boycotting Google is a bad idea. People in China will not appreciate that because these are esoteric issues for them.
There are a number of search engines and there are many different ways of searching. People want more choice. Don’t tell them they are free by advocating a boycott.
(…)
But with Google.cn there are different ways of finding things. You can try any number of subtle combinations. Google gives you more opportunities to triangulate.
There are all kinds of devious ways in which internet democracy can work. Better to have something than nothing.
Weitere Artikel zum Thema
Many Internet users in China unfazed by government censorship (Mercury News vom 15. Februar 2006, via)
Chinese Bloggers: GOOGLE Eunuch Version published today (China Digital Times vom 25. Januar 2006)
The Freedom of Chinese Netizens Is Not Up To The Americans (ESWN-Übersetzung eines Blogeintrags des Bloggers Anti)
Verfasst von Marian Wirth um 15:24 Uhr in der Kategorie International, Politik (Trackback)