3. März 2006
Missverständnis
Ich gebe zu: Es ist nicht einfach, die Position eines Andersdenkenden losgelöst vom eigenen Hintergrund nachzuvollziehen. Die wenigsten Leute machen sich überhaupt solche Mühe. MomoRules ist da erfrischend anders, obwohl es etwas an Heinz Sielmann erinnert, wenn er sich über Liberale und ihre Altvorderen auslässt: “Dort hinten auf der Lichtung sehen wir ein Exemplar der Gattung des Hayek-Liberalen…”
Anlass ist natürlich die Geschichte um den SAP-Betriebsrat. Den Ball nehme ich gerne wieder auf, weil sich dieser Anlass schön dazu eignet, aus einer Obstschale die Äpfel und Birnen auszusortieren.
Liberale mögen keine Mehrheitsentscheidungen, weil damit immer eine Mehrheit über eine Minderheit Macht ausübt. Wir finden, dass jeder seine Dinge alleine regeln können sollte. Die Betonung liegt hier natürlich auf “seine Dinge”. So wäre es aus liberaler Sicht z.B. absurd, wenn mir mein Nachbar vorschreiben wollte, was ich mittags zu essen hätte. Was uns u.a. von den Libertären unterscheidet, ist die Akzeptanz von Dingen, die nicht jeder für sich regeln kann, auch nicht mit freiwillig eingegangenen Kooperationen. Für die finden wir auch keine bessere Lösung als demokratische Entscheide. Wir meinen allerdings, dass es sich hier um Ausnahmen handelt und nur wenige Bereiche, wie z.B. die grundlegenden Staatsfunktionen, betrifft.
Wenn wir uns jetzt der SAP-Abstimmung zuwenden, scheine ich mit MomoRules in einem einig zu sein: Die Wahl war überflüssig. Ich finde sie überflüssig, weil das Konstrukt, dessen Gründung sie herbeiführen sollte, auf staatlicher Macht beruhend in freiwillig abgeschlossene Kooperationen eingreift: Meine ideale liberale Welt hätte kein Betriebsverfassungsgesetz. Er findet sie anscheinend überflüssig, weil die Gefahr besteht, dass die Abstimmenden nicht das Richtige wählen. In einer solchen Welt gibt es also sowas wie “undemokratische Wahlergebnisse”, in etwa so, als ob Bürger in einer Abstimmung beschlössen, auf ihr Wahlrecht zukünftig zu verzichten.
Ich bin da jetzt ehrlicherweise etwas irritiert. Dass Linke das demokratische Ideal wie eine Monstranz vor sich herzutragen pflegen und am liebsten so viele Entscheidungsprozesse wie möglich kollektivieren wollen, akzeptiere ich als fundamentalen Gegensatz zum Liberalismus. Aber dass eine Wahl kein ergebnisoffener Prozess sein darf, dass war ich dann doch eher von einer Variante der Linken gewohnt, die ich von der Geschichte überholt glaubte. MomoRules nennt die SAP-Arbeitnehmer “dumm” und “dämlich” und spricht ihnen nicht nur das Recht ab, Verträge so abszuschließen, wie sie es gerne möchten (das wäre ja noch bundesdeutscher Mainstream), sondern aufgrund erfolgreicher Manipulation durch dunkle Arbeitgeberkräfte oder neoliberale Einflüsterer (”Propaganda hat gewirkt”) auch die Fähigkeit, Mehrheitsentscheidungen zu treffen.
Irgendwie passt dann auch in diese Logik, dass es gar keine Arbeitnehmer eines Betriebes braucht, um dort einen Betriebsrat einzurichten. Wenn die Leute zu dämlich sind, müssen sie eben von der Avantgarde zu ihrem Glück gezwungen werden. Jetzt sind wir doch noch bei Hayek, und es schließt sich ein Kreis:
Seinen “Weg zur Knechtschaft” kann man auch als Beschreibung des Wesens kollektivistischer Organisationen insgesamt lesen. In ihnen muss die Ausübung von Zwang immer mehr zunehmen, weil sie nicht mehr funktionieren, wenn Einzelne ihren eigenen Wünschen entsprechend handelten. Mein Beispiel von oben z.B. mit der Entscheidung des Nachbarn über mein Mittagessen klingt nur für den absurd, der deutschen Gesundheitspolitikern nicht aufmerksam zuhört. Immer, wenn eine angebliche Elite sich anmaßt, besser über die Interessen von Betroffenen Bescheid zu wissen als diese selbst, dann ist das für Liberale ein deutliches Warnsignal.
Verfasst von Rayson um 11:40 Uhr in der Kategorie Grundsatzfragen, Politik (Trackback)