5. März 2006
Struck und alte Vorurteile
“Sozialdemokraten können nicht mit Geld umgehen” ist ein altes Vorurteil deutscher Politik. Ein Vorurteil ist es natürlich deswegen, weil dieser Mangel kein exklusiv sozialdemokratischer ist, sondern für staatliche Entscheidungsträger ganz offensichtlich schlechthin gilt. Jedenfalls, so lange das Geld der anderen gemeint ist, aber das ist ein anderes Thema…
Auf der Suche der SPD zurück zu ihren Wurzeln hat sich ihr Fraktionsvorsitzender jetzt anscheinend entschlossen, zumindest ein weiteres Vorurteil zu bestätigen, das sich Leute wie Schiller und Möller doch redlich zu zerstören bemühten, nämlich dass Sozis keine Ahnung von Wirtschaft haben.
“Es kann ja nicht wahr sein, dass Unternehmen Gewinne machen wie nie zuvor in ihrer Firmengeschichte und gleichzeitig zigtausende Leute entlassen”, sagte Struck der “Neuen Presse” in Hannover.
Zu den Gewinnen selbst steht schon etwas Schlaues bei Oliver Luksic, aber ich möchte gern etwas grundsätzlicher fragen: Ab welcher Gewinnhöhe dürfen Unternehmen denn entlassen? Oder müssen sie erst Verlust machen? Gilt das dann nur auf Konzernebene, herrscht also Quersubventionspflicht, oder auch für Teilbetriebe? Verpflichtet das “nationale Verantwortungsbewusstsein” analog bei nichtgeplanten Entlassungen auch zu Einstellungen, wenn die Gewinne besonders hoch ausfallen? Welchen zwingenden Zusammenhang gibt es zwischen in die Zukunft gerichteten Investitions- und Desinvestitionsentscheidungen und vergangenen Periodenerfolgen?
Auf die Frage nach den Konsequenzen sagte der SPD-Politiker: “Für mich heißt das, dass Forderungen der Wirtschaft nach weiteren massiven Senkungen von Unternehmensteuern nicht berechtigt sind. Für mich heißt das auch, dass wir bei der sogenannten Reichensteuer, deren Einführung in den Koalitionsverhandlungen festgelegt wurde, nicht wackeln dürfen.”
Der Blog-Gesundheitsminister warnt: Zuviel Sozi-Rhetorik schadet ihrem Logikverständnis. Weil die Gewinne in der Vergangenheit hoch ausgefallen sind und dennoch Mitarbeiter entlassen werden, sollen also die zukünftig zu erwartenden Gewinne steuerlich nicht entlastet werden. Da hat Struck Recht: Das verhindert zukünftige Entlassungen. Aber natürlich nur von denen, die bei einer Investitionsentscheidung, für die eine Veränderung der steuerlichen Rahmenbedingungen den Ausschlag hätte geben können, erst mal zusätzlich eingestellt worden wären.
Welchen Zusammenhang zur “Reichensteuer” außer dem des Neidappells Struck in diesem Zusammenhang sieht, bleibt außerdem sein Geheimnis, sollen doch gewerbliche Einkünfte davon ausdrücklich nicht betroffen sein. Aber bei diesem Ökonomieverständnis wird sich bestimmt auch noch eine Begründung finden lassen, warum die Besteuerung besonders gut verdienender Arbeitnehmer ein Segen für den Arbeitsmarkt ist.
Verfasst von Rayson um 18:56 Uhr in der Kategorie Politik, Wirtschaftspolitik (Trackback)