Markwort, Klinsmann und die Hoffnung des Fans

Boche hat angefangen… Kommen wir also zu den wirklich wichtigen Themen.

“Bei Fußball geht es nicht um Leben oder Tod - es geht um mehr!” Diese Aussage wird verschiedenen Quellen zugeschrieben, aber dass sie gültig ist, bestreitet kein Fußball-Fan ernsthaft.

Der Pottblogger machte mich jetzt auf einen Markwort-Tagebucheintrag (er bloggt also) aufmerksam. Dort wird der nationale Fußballnotstand in einer Manier aufgerufen, die jeden Stammtisch zu einer Runde von abgewogen urteilenden Experten aufwertet. Da in den Köpfen der meisten männlichen Blogger (außer natürlich meinen Kollegen hier :-( ) immer noch dieses vermaledeite Italien-Spiel und die Hoffnung auf eine schöne WM herumschwirrt, fühle ich mich als ein von der aktuellen Rumpelfußballertruppe seines Vereins schwer gezeichneter Fan berufen, wenigstens mal die nationale Perspektive ins richtige Licht zu rücken.

Markwort wirft dem aktuellen Bundestrainer Klinsmann vor, dass er sein eigenes Ding durchziehe, ohne nach links und nach rechts zu schauen. Er mobbe erfahrene Spieler weg (was Markwort die Sympathie des BVB-Fans vom Pottblog sichert) und verunsichere die jungen, weil die mit seiner Offensiv-Taktik nicht zurechtkämen. Der markwortsche Expertenrat gipfelt in der Empfehlung, Klinsmann durch Ottmar Hitzfeld, Matthias Sammer oder notfalls eine Doppelspitze aus Felix Magath und Thomas Schaaf zu ersetzen, und taktisch mehr Beton anzurühren.

Die Älteren unter uns werden sich vielleicht noch an die Europameisterschaft 2004 zurückerinnern. Hier beeindruckte das erfahrene deutsche Team durch technische Mängel, körperliche Defizite und Planlosigkeit. Offensivdrang konnte man der Mannschaft aber nicht vorwerfen: Sie schoss in drei Spielen gerade mal zwei Tore. Während heute aus einem 1:4 gegen Italien ein Weltuntergangsszenario gemacht wird, haben damals die beiden Niederlagen gegen Rumänien (1:5) und Ungarn (0:2) nur zu Schulterzucken Anlass gegeben. Vielleicht, weil es dank einer gnädigen Auslosung zwei Jahre zuvor eine Mannschaft ins Endspiel der WM schaffte, wo sie erstmals auf ein Team der Extraklasse traf und prompt verlor.

Reden wir über deutsche Fußballer. Wer von denen wird von ausländischen Klubs umworben? Außer japanischen und arabischen jetzt. International wettbewerbsfähig sind allein die zwei Torhüter und Michael Ballack. Der Rest sitzt sogar bei den eigenen Klubs auch gerne mal auf der Bank. Nur bei mittelmäßigen Vereinen, die in Finanznöten stecken, haben deutsche Spieler noch Chancen. Aber ausgerechnet unter denen die Nationalspieler zu suchen, hieße wirklich, alle Hoffnung fahren zu lassen. Deutsche Bundestrainer stehen also seit einigen Jahren vor dem Dilemma, entweder mit einigermaßen talentierten jungen Spielern und einem konkurrenzfähigen System eine riskante Wette auf die Zukunft einzugehen, oder mit in jeder Beziehung fertigen Kickern und einem System des “Hinten dicht und vorne hilft der liebe Gott” jedes Risiko zu vermeiden und trotzdem bei nicht perfekter Auslosung in der Vorrunde auszuscheiden.

Ist es denn so, dass die Sache aussichtslos wäre? Kaum. Der relative Erfolg beim Confederations Cup war zwar zweischneidig, weil der Hype um die jungen Spieler hinterher zu groß wurde und einigen davon prompt in den Kopf stieg, er zeigte aber, dass auch deutsche Mannschaften so spielen können, dass man auf der Trainerbank keinen Schnurrbart mit Pickelhaube mehr vermutet. Auch das Spiel gegen Frankreich Ende letzten Jahres machte deutlich, dass diese Truppe es eigentlich kann. Um Weltmeister zu werden, reicht das natürlich nicht. Aber hier scheidet sich der Fußball-Fan vom Fußball-Nationalisten: Von mir aus können Klinsmanns Bubis in der Vorrunde die Segel streichen, wenn sie nur beherzt Fußball spielen. Ich könnte mich an einer Elf, die sich in die weiteren Runden blutgrätscht, nicht erfreuen.

Klinsmann hat immerhin den Mumm, Eingefahrenes konsequent in Frage zu stellen. Dass Sportler anderer Disziplinen über das Training von Fußballern nur milde lächeln können und dass nur Quälixens Münchner Mannen die Fitness-Tests bestehen, ist kein Naturgesetz (und Markwort will ausgerechnet Schlaffi Hitzfeld…). Dass in deutschen Mannschaften der Torwart der Mann mit den meisten Ballkontakten ist, auch nicht. Freuen wir uns doch lieber darüber, dass die WM die Chance bietet, eine Perspektivmannschaft mit einem modernen System antreten zu lassen. Auch, wenn es sie momentan gegen Klassemannschaften überfordert - es lässt den deutschen Fans wenigstens die Hoffnung, sich irgendwann auch mal über mehr freuen zu können als über erkämpfte 1:0-Siege gegen Paraguay.

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9 Kommentare zu “Markwort, Klinsmann und die Hoffnung des Fans”

  1. 7.03.2006 | 4:53

    Fussball ist langweilig und unwichtig und es ist ein Skandal, dass die GEZ-Zahler jährlich Millionen aufbringen müssen, um diesen Quatsch zu subventionieren.

  2. Marian Wirth
    7.03.2006 | 8:21

    Rayson,

    gräm’ Dich nicht über Deine Blogger-Kollegen. Immerhin genießt Du Minderheitenschutz. Außerdem hat sich Stefanolix noch nicht geäussert - ein Patt ist also immerhin noch möglich.

    Ich habe mich jedenfalls damit abgefunden, dass die deutsche Blogosphäre in den nächsten Monaten komplett auf Fußball umstellen wird.

    in einer Manier aufgerufen, die jeden Stammtisch zu einer Runde von abgewogen urteilenden Experten aufwertet

    Das macht Markwort doch immer so?!

    Im übrigen plädiere ich für die Ersetzung von Klinsmann durch Peter Neururer; am Abschneiden der deutschen Nationalmannschaft wird das nichts ändern - aber wenigstens gibt es eine witzige Pressekonferenz nach jedem Spiel. Allein so ein Spruch wie “Ich habe den Bayern immer einen großen Kampf geliefert - egal mit welcher Mannschaft” - dazu ist doch Klinsmann gar nicht fähig.

    Unterstützt werden sollte der Bundestrainer Neururer durch das sauber quotierte Geschwisterpaar Sabine und Rolf Töpperwien. Das hätte den Vorteil, dass erstere nicht mehr bei der Bundesliga-Schlusskonferenz kommentieren könnte…

    Olaf Peters,

    ich fordere im Verhältnis zwischen den Fußballfans und den Vernünftigen Nicht-Fußballfans zu gegenseitigem Respekt auf und rufe nach einem Dialog! Wir müssen diese Parallelgesellschaft der Fußballfans dort abholen, wo sie steht und in die Gesellschaft reintegrieren (zumal sie in der Mehrheit sind ;-)). Ein bißchen mehr Achtung vor den Gefühlen und dem kulturellen Hintergrund des Blog-Gastgebers wäre da angezeigt, finde ich.

  3. Marian Wirth
    7.03.2006 | 8:44

    Rayson,

    noch eine Ergänzung (Hervorhebung von mir):

    An interview on a Granada Television chat-show hosted by Shelley Rohde in 1981 produced arguably Shankly’s most famous (and most often misquoted) quote - “Someone said ‘football is more important than life and death to you’ and I said ‘Listen, it’s more important than that’.”

    (Quelle)

  4. 7.03.2006 | 10:06

    @Olaf

    Ach, und welche sinnvollen Verwendungen von Rundfunkgebühren (”GEZ-Geldern”) fallen dir ein? Nicht, dass diese Knete unbedingt dem Fußball zu Gute kommen sollte (da fänden sich leider auch Private), aber ist nicht die Erhebung selbst der eigentliche Skandal?

    @Marian

    Danke für die Solidarität. Zumal ich hier deutlich darauf hinweisen muss, dass es “den” Fußball-Fan nicht gibt. Man darf also die Fundamentalisten, die z.B. besondere Kleidungsvorschriften beachten, nicht mit den säkularisierten Normalo-Fans, die lediglich die samstäglichen Versammlungszeiten einhalten, oder den intellektuellen Modernisierern, die den Fußball philosophischen Strömungen öffnen wollen, verwechseln. Die Gefühle von Millionen Fans wären aber verletzt, wollte jemand den gemeinen Fan als Hooligan darstellen.

  5. 7.03.2006 | 11:42

    Ach, ich sehe das so gelassen und freue mich über das was ich lesen darf. Ich geniesse es richtig. Die armen Deutschen. Hihihi. Ihr wollt Weltmeister werden? Im eigenen Land? Hihihi. Ach, herrrrrrrliche Aussichten. Klinsmann, ein Anfänger. Der virtuelle Kaiser aus Bayern schäumt. Hihihi. … Aber eins bewundere ich an euch Deutschen. Im Gegensatz zu den Bananenrepubliken findet ihr einen Schuldigen, einen Hauptschuldigen und einen Nebenschuldigen. Hihihi. … Und! Und ihr schmeisst euch richtig ins Zeug bei jedem Spiel. Das ist die Regel. Es gibt auch Ausnahmen. Ausnahmen bestätigen die Regel. 1:4. Hihihi. …. Also. Die Parole gilt: Den Kopf nicht in den Sand stecken. Eure Gruppe bei der Weltmeisterschaft ist mal wieder eine von den leichtesten G. Wie habt ihr das wieder mal hinbekommen? Soso. Ganz koscher war das nicht. Wie auch immer. 2 Wochen später sieht die Welt ganz anders aus. Euch alles Gute.

  6. 7.03.2006 | 11:50

    Bleibt nur noch die Frage, ob die Neigung zu Klischees immer mit zwanghaftem Kichern verbunden ist…

  7. 8.03.2006 | 0:12

    80 Millionen Bundestrainer…

    Da sind sie wieder, die 80 Millionen Bundestrainer. Ein schlechtes Spiel und gleich fühlt sich jeder Hanswurst berufen, Jürgen Klinsmann gute Ratschläge zu erteilen.
    Wenn der Herr Beckenbauer den Herrn Klinsmann kritisiert, tut er das zwar auch zu…

  8. 8.03.2006 | 12:46

    Haste recht. Mir geht das ständige Schwanken zwischen Euphorie und Fatalismus auch ziemlich auf die Nerven. Vor allem von solchen Tröten, deren Fußball-Sachverstand nicht einmal das des üblichen Stammtisch-Niveaus erreichen. Die Stammtischbrüder haben zumindest jahrelange Erfahrung durch Beobachtung der örtlichen Dorfmannschaften. Wie ich an anderer Stelle auch schon mal geschrieben hab, hat Klinsmann sich das Spielermaterial, das ihm zur Verfügung steht, nicht ausgewählt. Es ist das Ergebnis eines Jahrzehnts talentfeindlicher Vereinspolitik bei den deutschen Profiklubs.
    Ansonsten für das Material holt er zuweilen erstaunliches aus diesen Jungs raus, da kann so’n Italien-Ding von mir aus gerne mal geschehen, ohne dass ich gleich nach Neururer oder dem Bayern-Kaiser schreie.

  9. 8.03.2006 | 14:29

    Eben. Ich fasse wirklich nicht, welche Pappnasen sich jetzt mit welchem Unsinn zu Wort melden. Klinsmann soll in Deutschland weilen - hat der denn eine magische Ausstrahlung, dass seine permanente Anwesenheiten aus durchschnittlichen und halbfertigen Kickern plötzlich Weltklasse-Fußballer macht? Und Bedingungen für die Vertragsverlängerung - Mensch, die sollen froh sein, wenn nachher nicht Erich “Mach et, Otze” Rutemöller als einziger Kandidat übrig bleibt.

    Man muss doch berücksichtigen, dass deutsche Mannschaften selten zu denen gehörten, die besser Fußball spielten als die anderen. Das Manko haben sie durch Einsatz, Mannschaftsgeist und ein wenig Dusel oft wettmachen können - bloß, wenn sich z.B. ein Klose in einem Testspiel gegen Italien die Lunge aus dem Leib gerannt und gar beim harten Zweikampf eine Verletzung zugezogen hätte, stünde ihm ein heißer Tanz bei seinem Arbeitgeber Werder bevor, der zu diesem Zeitpunkt noch seine Chance in Turin nutzen wollte. Schon fast logisch, dass dann die spielerische Überlegenheit den deutlichen Ausschlag gibt.

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