6. März 2006
Markwort, Klinsmann und die Hoffnung des Fans
Boche hat angefangen… Kommen wir also zu den wirklich wichtigen Themen.
“Bei Fußball geht es nicht um Leben oder Tod - es geht um mehr!” Diese Aussage wird verschiedenen Quellen zugeschrieben, aber dass sie gültig ist, bestreitet kein Fußball-Fan ernsthaft.
Der Pottblogger machte mich jetzt auf einen Markwort-Tagebucheintrag (er bloggt also) aufmerksam. Dort wird der nationale Fußballnotstand in einer Manier aufgerufen, die jeden Stammtisch zu einer Runde von abgewogen urteilenden Experten aufwertet. Da in den Köpfen der meisten männlichen Blogger (außer natürlich meinen Kollegen hier
) immer noch dieses vermaledeite Italien-Spiel und die Hoffnung auf eine schöne WM herumschwirrt, fühle ich mich als ein von der aktuellen Rumpelfußballertruppe seines Vereins schwer gezeichneter Fan berufen, wenigstens mal die nationale Perspektive ins richtige Licht zu rücken.
Markwort wirft dem aktuellen Bundestrainer Klinsmann vor, dass er sein eigenes Ding durchziehe, ohne nach links und nach rechts zu schauen. Er mobbe erfahrene Spieler weg (was Markwort die Sympathie des BVB-Fans vom Pottblog sichert) und verunsichere die jungen, weil die mit seiner Offensiv-Taktik nicht zurechtkämen. Der markwortsche Expertenrat gipfelt in der Empfehlung, Klinsmann durch Ottmar Hitzfeld, Matthias Sammer oder notfalls eine Doppelspitze aus Felix Magath und Thomas Schaaf zu ersetzen, und taktisch mehr Beton anzurühren.
Die Älteren unter uns werden sich vielleicht noch an die Europameisterschaft 2004 zurückerinnern. Hier beeindruckte das erfahrene deutsche Team durch technische Mängel, körperliche Defizite und Planlosigkeit. Offensivdrang konnte man der Mannschaft aber nicht vorwerfen: Sie schoss in drei Spielen gerade mal zwei Tore. Während heute aus einem 1:4 gegen Italien ein Weltuntergangsszenario gemacht wird, haben damals die beiden Niederlagen gegen Rumänien (1:5) und Ungarn (0:2) nur zu Schulterzucken Anlass gegeben. Vielleicht, weil es dank einer gnädigen Auslosung zwei Jahre zuvor eine Mannschaft ins Endspiel der WM schaffte, wo sie erstmals auf ein Team der Extraklasse traf und prompt verlor.
Reden wir über deutsche Fußballer. Wer von denen wird von ausländischen Klubs umworben? Außer japanischen und arabischen jetzt. International wettbewerbsfähig sind allein die zwei Torhüter und Michael Ballack. Der Rest sitzt sogar bei den eigenen Klubs auch gerne mal auf der Bank. Nur bei mittelmäßigen Vereinen, die in Finanznöten stecken, haben deutsche Spieler noch Chancen. Aber ausgerechnet unter denen die Nationalspieler zu suchen, hieße wirklich, alle Hoffnung fahren zu lassen. Deutsche Bundestrainer stehen also seit einigen Jahren vor dem Dilemma, entweder mit einigermaßen talentierten jungen Spielern und einem konkurrenzfähigen System eine riskante Wette auf die Zukunft einzugehen, oder mit in jeder Beziehung fertigen Kickern und einem System des “Hinten dicht und vorne hilft der liebe Gott” jedes Risiko zu vermeiden und trotzdem bei nicht perfekter Auslosung in der Vorrunde auszuscheiden.
Ist es denn so, dass die Sache aussichtslos wäre? Kaum. Der relative Erfolg beim Confederations Cup war zwar zweischneidig, weil der Hype um die jungen Spieler hinterher zu groß wurde und einigen davon prompt in den Kopf stieg, er zeigte aber, dass auch deutsche Mannschaften so spielen können, dass man auf der Trainerbank keinen Schnurrbart mit Pickelhaube mehr vermutet. Auch das Spiel gegen Frankreich Ende letzten Jahres machte deutlich, dass diese Truppe es eigentlich kann. Um Weltmeister zu werden, reicht das natürlich nicht. Aber hier scheidet sich der Fußball-Fan vom Fußball-Nationalisten: Von mir aus können Klinsmanns Bubis in der Vorrunde die Segel streichen, wenn sie nur beherzt Fußball spielen. Ich könnte mich an einer Elf, die sich in die weiteren Runden blutgrätscht, nicht erfreuen.
Klinsmann hat immerhin den Mumm, Eingefahrenes konsequent in Frage zu stellen. Dass Sportler anderer Disziplinen über das Training von Fußballern nur milde lächeln können und dass nur Quälixens Münchner Mannen die Fitness-Tests bestehen, ist kein Naturgesetz (und Markwort will ausgerechnet Schlaffi Hitzfeld…). Dass in deutschen Mannschaften der Torwart der Mann mit den meisten Ballkontakten ist, auch nicht. Freuen wir uns doch lieber darüber, dass die WM die Chance bietet, eine Perspektivmannschaft mit einem modernen System antreten zu lassen. Auch, wenn es sie momentan gegen Klassemannschaften überfordert - es lässt den deutschen Fans wenigstens die Hoffnung, sich irgendwann auch mal über mehr freuen zu können als über erkämpfte 1:0-Siege gegen Paraguay.
Verfasst von Rayson um 23:59 Uhr in der Kategorie Allgemein, Steckenpferde der Autoren (Trackback)