7. März 2006
Wenn ein Rat nicht gefragt ist
Oder “Kommt Zeit, kommt Betriebsrat”.
SAP war der Anlass, also lass uns über die Wirklichkeit deutscher innerbetrieblicher (manche sagen “innerbetrüblicher”) Mitbestimmung reden. In Deutschland ist sowas natürlich geregelt, und zwar im Betriebsverfassungsgesetz. Wie der aktuelle Anlass deutlich macht, gibt es keinen Zwang zur Gründung von Betriebsräten, aber die Schwelle ist denkbar niedrig und sie können auch ohne willige Arbeitnehmer von außen durch die Gewerkschaft installiert werden.
In unternehmerische Entscheidungen eingreifen kann ein Betriebsrat im Grunde nicht, aber seine Mitwirkungsrechte führen zu einer Belastung für den Unternehmer, der bestimmte Formalien einhalten, die Sachkosten des Betriebsrats bezahlen (deren Fortbildung ist eine beliebte Nebeneinnahme der Gewerkschaften) und aber einer bestimmten Größe Mitarbeiter exklusiv dafür freistellen muss. In Kündigungsangelegenheiten ist der Gekündigte mit Betriebsrat in einer etwas besseren Situation, wenn es zu einer Kündigungsschutzklage kommt.
Insgesamt betrachtet ist ein Betriebsrat eine mit staatlicher Macht durchgesetze Beschränkung des Eigentumsrechts und der Vertragsfreiheit. Aus liberaler Sicht also ein Unding sondergleichen, das letztendlich zudem zu weniger Wohlstand führt.
Nun wird von den Anhängern solcher Organe ins Feld geführt, dass sie sich doch sehr positiv auf die von ihnen befallenen Unternehmen auswirkten. Stellt sich die Frage, warum die Unternehmer dann nicht ganz wild nach Betriebsräten sind. Gewerkschaftsfreunde beantworten sie gerne mit der Konstatierung kognitiver Defizite auf Unternehmerseite - wen eine solche Begründung überzeugt, der möge doch bitte mit der Lektüre dieses Beitrags aufhören und sich in seine Kifferrunde (oder wie man linke Stammtische sonst nennt) zurückbegeben.
Solche Untersuchungen kranken m.E. auch insbesondere an zwei Punkten. Erstens ist zumindest für Uneingeweihte nicht klar, ob da nicht nur Branchen miteinander verglichen wurden. Tatsache ist, dass Gewerkschaften in Industriebetrieben besonders gut dastehen. “Zufällig” ist aber auch die Produktivität in Industriebetrieben deutlich höher als z.B. in Dienstleistungsunternehmen - und schon haben wir eine Storch-Baby-Korrelation. Zweitens ist es meine bescheidene betriebswirtschaftliche Erkenntnis, dass jeder Unternehmer gut beraten ist, seine Mitarbeiter weitgehend in jeder Form zu beteiligen. Das gilt gerade und insbesondere für Gesellschaften wie die unsere, die Beschäftigungsmöglichkeiten um so mehr bieten kann, je höher die Qualifikation der Arbeitnehmer ist. Daher wundert es mich nicht, dass Betriebe, die ihre Mitarbeiter einbeziehen, besser dastehen als jene, die das nicht tun. Aber gerade weil ich von diesem Umstand überzeugt bin, sehe ich keinen Grund, das nicht dem Wettbewerb zu überlassen. Wenn meine These stimmt, müssten sich auf Dauer die mitarbeiterbezogenen Unternehmen gegenüber den autokratisch geführten durchsetzen.
Und da kommen wir wieder zu unserem alten Konflikt zwischen liberalem und linken Denken. Für den Liberalen ist die beste Lösung die, die sich im Wettbewerb durchsetzt. Für den Linken ist es die, der er als höherwertig erkannt hat, woraus die Aufgabe folgt, sie mit staatlicher Macht durchzusetzen. Liberale setzen auf den Markt als Entdeckungsverfahren, Linke auf die höherer Einsicht zu verdankende allgemeinverbindliche Verpflichtung. Fundamentally, my dear Watson.
Nachbemerkung: Es gibt sie, die Betriebsräte, die verantwortungsvoll mit der Waffe umgehen, die ihnen in die Hand gedrückt wurde. Aber es war schon immer ein schlechtes Rezept, sich die Begrenzung von Macht und Willkür allein durch die Vernunft der Mächtigen selbst zu erhoffen. Es gibt sie nämlich auch, die Betriebsräte, in denen sich die faulen Querulanten versammeln, die ansonsten von der Kündigung bedroht wären.
Verfasst von Rayson um 20:01 Uhr in der Kategorie Politik, Wirtschaftspolitik (Trackback)