8. März 2006
Erziehungsdiktatoren bei Maischberger
Ich gestehe: Ich bin leicht verzweifelt.
Vielleicht kennen Sie das auch: Es gibt Momente, in denen die Wirklichkeit die Wände der Traumwelt durchbricht, die man mühsam um sich herum hochgezogen hat.
Solch einen Moment erlebte ich gestern Abend.
Als Einschlummerhilfe lief der Fernseher, mangels besserer Alternative Frau Maischbergers Gesprächsrunde. Diese Sendung bietet ja zumindest das optische Vergnügen, einer recht schönen Frau beim Sprechen mit anderen Menschen zuzusehen.
Gestern ging es ums Rauchen. Anwesend waren (die Namen lasse ich mal weg, weil ich mich an sie nicht mehr zweifelsfrei erinnere und sie auch nichts zur Sache tun):
Ein Ex-Raucher, den der Lungenkrebs zum Nichtraucher machte, ein Schauspieler, eine Sprecherin der Tabakindustrie, ein Vertreter des Krebsforschungszentrums, eine “Diseuse” und die Drogenbeauftragte der Bundesregierung.
Ich möchte hier keine erschöpfende Kritik und Analyse der Sendung bringen, nur kurz eine Zusammenfassung: Der Ex-Raucher erzählte von seiner Sucht und dem heilsamen Schock der Erkrankung, der Krebsforschungs-Mensch glänzte vor allem mit Statistiken, die Drogenbeauftragte erklärte, dass sie auch als Nichtraucherin die Nikotinsucht verstehen könne, der Schauspieler war als solcher ein begabter Selbstdarsteller…
Was mich aber schockierte war die Selbstverständlichkeit eines illiberalen Konsenses in der Runde.
Der Krebsforscher fragte, warum man denn dem Rauchen nicht mit Verboten beikommen könne. Es gäbe doch für dieses und jenes Verbote, warum denn beim Thema Nikotin nicht auch?!
Die Drogenbeauftragte meldete sich stolz und strahlend mit der Nachricht, dass “sie dazu [Anm.d.V.: zu irgendeiner Raucherproblematik] auch schon ein Gesetz” gemacht hätten. Gleichzeitig war ihr der gesetzgeberische Enthusiasmus und die Lust am Schaffen von Vorschriften förmlich anzusehen.
Der Ex-Raucher geriet in geharnischten Furor, als die Drogenbeauftragte von freiwilligen Selbstverpflichtungen des Hotel- und Gaststättenverbands sprach.
“Ob denn solche Freiwilligkeit beim Thema der Lehrstellen geholfen hätte?!” Welche Alternative zur Behandlung von Problemen ihm generell vorschwebte, brauchte er gar nicht mehr auszusprechen.
Und natürlich ging es versammelt gegen die Tabakindustrie. Die böse, gewinnsüchtige Vergifterin des armen deutschen Bürgers. Es wurde auch die Aussage von deren Vertreterin entrüstet zurückgewiesen, dass die Schädlichkeit des Passivrauchens möglicherweise wissenschaftlich noch gar nicht als erwiesen gelten könnte. Wozu braucht der Deutsche wissenschaftliche Expertise? Ist doch klar, dass die Tabakmultis lügen!
Bei all dem blieb eine Frage unbeantwortet (der Schauspieler stellte sie nur halbherzig, die “Diseuse” nur ungeschickt):
Was sollte denn bitteschön den Staat berechtigen, erwachsenen Menschen in ihren Nikotingebrauch hinein zu reglementieren?
Mit welcher Begründung sollte man berechtigt sein, Besitzer von Gaststätten und Bars zu zwingen, ihren Gästen das Rauchen zu untersagen? (Hier waren sich die Reglementierer wohl der Problematik des - noch - geltenden Eigentumsschutzes bewusst und führten als Argument den Schutz der Angestellten in der Gastronomie an. Man scheint der Ansicht zu sein, dass diese Angestellten zwangsweise im Gaststättengewerbe arbeiten und bei der Berufswahl nicht wussten, dass sie später einmal Tabakrauch ausgesetzt sind.)
Unterm Strich: Eine große Koalition der Unfreiheit.
Für unangenehme Folgen freier individueller Verfügung über den eigenen Körper werden fast reflexhaft staatliche Regeln in Anschlag gebracht. Und dazu natürlich der antikapitalistische Reflex, den Anbieter (”die Industrie”) unter Verächtlichmachung seines Gewinnstrebens für die Existenz von Nachfrage nach seinem Angebot verantwortlich zu machen.
Bei diesen Argumentationsmustern wird mir etwas mulmig zu Mute, wenn ich an die Zukunft unserer Republik denke. Die Freiheitsfeinde scheinen längst die Oberhand zu haben. Die Menschen sehen sich selbst als dumm, unselbstständig und unfähig zu selbstverantwortlichen Entscheidungen. Die Rettung wird im “Staat” erhofft, in der herdendemokratischen Erziehungsdiktatur über die Einzelnen.
Übrigens bin ich Nichtraucher.
Verfasst von Boche um 15:57 Uhr in der Kategorie Innenpolitik, Politik (Trackback)