Im Tal der Wölfe (2) - Der Selbstversuch

Der Appelationsausschuss der Freiwilligen Selbstkontrolle hat gestern seine endgültige Entscheidung bekannt gegeben, den Film Tal der Wölfe - Irak mit dem Kennzeichen “Keine Jugendfreigabe” zu versehen:

Im Kern stützt sich die Begründung des Appellationsausschusses darauf

  • dass der Film eine Vielzahl von gravierenden Gewaltdarstellungen zeigt, die zum Teil mit zynischen Kommentaren unterlegt sind sowie
  • dass der Film Ansätze der Selbstjustiz durch den Protagonisten Polat enthält.

Diese abschließende Entscheidung tritt mit der Veröffentlichung der sog. FSK Karte im Netz unter www.fsk.de am Montag, den 13. März 2006, 12.00 Uhr in Kraft.

Ab diesem Zeitpunkt darf Jugendlichen die Anwesenheit bei den öffentlichen Vorführungen des Films “Tal der Wölfe” nicht mehr gestattet werden.

Die Begründung der Entscheidung des Appellationsausschusses wird ebenfalls ab Montag, den 13. März 2006, unter www.fsk.de im Netz zur Verfügung stehen.

Ich nehme diese Entscheidung zum Anlass, von meiner eigenen Wahrnehmung des Films zu berichten.

Der Film ist ein Film von Türken für Türken. Warum habe ich ihn mir trotzdem angeschaut? Zum einen, weil ich jede sich bietende Gelegenheit ergreife, um mir insbesondere über heiß diskutierte Themen ein eigenes Bild zu machen; diese Einstellung hat mir u.a. das Erlebnis von vier Scud-Raketenangriffen während des ersten Golfkriegs, ein Jahr in einer Studentenverbindung, die Mitgliedschaft in drei Parteien, vier Monate als Lehrer in China und die Lektüre des Buches “Die Satanischen Verse” eingebracht - verglichen damit war der Besuch von TdW sowohl in zeitlicher wie in finanzieller Hinsicht harmlos.

Immerhin weiß ich jetzt, dass in den meisten Artikeln, die ich über den Film gelesen habe, ziemlicher Unsinn steht. Ich kann mir das nur so erklären, dass zunächst nur ein Redakteur einer Nachrichtenagentur sich den Filminhalt von einem Freund hat erzählen lassen - und alle anderen haben von dessen Agenturmeldung abgeschrieben; in einer zweiten Stufe sind dann tatsächlich deutsche Journalistinnen und Journalisten in den Film gegangen - allerdings nur, um türkischstämmige Jugendliche beim Beobachten des Films zu beobachten (Luhmann lässt grüßen). Offenbar waren sie so damit beschäftigt, die “Allahu Akbar!”-Rufe zu zählen und die Dezibel-Zahl des aufbrandenden Szenen-Applauses zu messen, dass sie von dem Film nicht viel mitbekommen haben.

Der häufigste Vergleich, der gezogen wurde, war der zu den Rambo-Filmen. TdW wurde als flach, blutrünstig und hetzerisch beschrieben. Antiamerikanismus, Antisemitismus und der Sieg des Islam über den Westen stünden im Vordergrund, hieß es. Andererseits waren sich viele türkischstämmige Zuschauer darin einig, der Film gebe nichts als die Wahrheit wieder. Da ich von den Rambo-Filmen nicht den Eindruck hatte, sie bildeten irgendeine Wahrheit ab (weil dafür die Handlung einfach zu dünn und die dargestellten Charaktere zu holzschnittartig waren), ergab sich für mich zwischen der Zuschauerreaktion und den Filmrezensionen ein gewisser Widerspruch.

Diesen Widerspruch aufzulösen, war für mich der zweite Beweggrund, mir diesen Film anzuschauen.

TdW läuft in Düsseldorf nur im UFA Palast am Hauptbahnhof. Ich besuchte die Spätvorstellung am vergangenen Samstag. Abweichend von der zu diesem Zeitpunkt geltenden FSK-Freigabe hatte die UFA das Mindestalter auf 18 herauf gesetzt. Der Film wurde im größten Kinosaal gezeigt. Da mit mir nur acht weitere Personen (zwischen 20 und 30, augenscheinlich mit Migrationshintergrund) den Film anschauen wollten, war schonmal zweierlei klar: wir hatten genug Platz - und atemberaubende Szenen mit “Allahu akbar”-Rufen und tosendem Szenen-Applaus würde ich nicht zu berichten haben.

Das Schlimmste am ganzen Film waren die Trailer für das Remake von “Der rosarote Panther” sowie “Asterix bei den Wikingern” und die Werbung für eine türkische Fahrschule, die im Vorspann liefen. Das bedeutet aber nicht, dass der Film etwa harmlos gewesen wäre - nur war meine Erwartungshaltung durch die Vorberichterstattung dermaßen aufgepumpt, dass der Film im Vergleich dazu nur lahm sein konnte.

Tal der Wölfe - Irak ist nicht so sehr anti-amerikanisch, als vielmehr anti-semitisch und anti-kurdisch. Er ist kein Action- und schon gar kein Rambo-Film, sondern eine dialoglastige türkisch-nationalistische Geschichtsklitterung in bewegten Bildern. Durch die - eher ungeschickte - Verwebung von Tatsachen, Tatsachenbehauptungen und Lügen ist eine Propaganda-Schmonzette entstanden, in der sich am Ende das Türkentum nicht nur dem durch die Amerikaner repräsentierten Westen als überlegen erweist, sondern auch dem bis an die Grenze zur Lächerlichkeit karikierten Islam.

Wie ich zu dieser seltsamen Einschätzung komme, wird hoffentlich in den nächsten Blog-Einträgen deutlich. Ich werde zunächst die Handlung und dann die Hauptpersonen schildern. Ein weiterer Eintrag wird sich mit “Dichtung und Wahrheit” beschäftigen. Schliesslich werde ich mich mit den deutschen und türkischen Reaktionen auf den Film beschäftigen und eine abschliessende Wertung vornehmen.

Einschränkend muss ich anmerken, dass ich mangels Türkisch-Kenntnissen auf die - offenbar wie üblich miserablen - deutschen Untertitel angewiesen war. Die wiedergegebenen Dialoge sind Gedächtnis-Protokolle; mitstenographiert habe ich nicht. Für Korrekturen bin ich selbstverständlich dankbar.

 siehe auch:

Im Tal der Wölfe - Die Pressekonferenz

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3 Kommentare zu “Im Tal der Wölfe (2) - Der Selbstversuch”

  1. 11.03.2006 | 13:45

    Wow! Das öffnet ganz andere Perspektiven - bin auf Deine Fortsetzung gespannt!

  2. 11.03.2006 | 14:22

    Da mit mir nur acht weitere Personen (zwischen 20 und 30, augenscheinlich mit Migrationshintergrund) den Film anschauen wollten, war schonmal zweierlei klar: wir hatten genug Platz - und atemberaubende Szenen mit “Allahu akbar”-Rufen und tosendem Szenen-Applaus würde ich nicht zu berichten haben.

    - dieser Eindruck entspricht vermutlich schon eher der Wahrnehmung der meisten Kinobesucher.

    Danke für den Artikel! Ich kenne den Film nicht und werde ihn mir (schon allein wegen der Untertitel ;-)) wohl auch nicht ansehen. Deine Beschreibungen klingen mir jedenfalls angemessener und auch realistischer als vieles, was ich bisher darüber gelesen habe.

  3. 11.03.2006 | 18:26

    deine einschätzungen bis hierher decken sich sehr mit den eindrücken die ich bei betrachtung des films gewonnen habe. mir sind besonders die kurden-feindlichen äußerungen und handlungen in dem film übel aufgestoßen.

    der anti-semitischen klischees waren wiederum so überspitzt und plakativ, dass der film schon ins groteskenhafte abschweifte.

    ich bin auf deine weiteren anmerkungen zum film gespannt.

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