Nichtkarnevalistischer Beitrag zu einem närrischen Thema

Bevor wir irgendetwas zu “deutsch-amerikanischen Beziehungen” schreiben, sollten wir uns doch mal fragen, ob so etwas überhaupt existiert.

Eine Imperium wie die USA hat für gewöhnlich drei Arten von Beziehungen. Nach dem Fall der Mauer besteht an einem Vasallenverhältnis kein allzu großes gegenseitiges Interesse mehr, und an Gegnerschaft zu denken wäre lächerlich - also ist Deutschland in die Reihe der Unbedeutenden Beziehungen einzuordnen. Deutschland ist ein weltpolitischer Nichtwert, niemand braucht es. Militärisch ein Witz, wirtschaftlich auf dem absteigenden Ast, demografisch zum Tode verurteilt. Dummerweise liegt es noch mitten in Europa, und allein ein einiges Europa müsste von den USA auch nur annähernd ernst genommen werden, weshalb sie sich auch nach Kräften bemühen, eine tiefe Integration Europas zu untergraben, indem sie verschiedene Staaten gegeneinander ausspielen und sich konsequent für die Überdehnung der EU einsetzen.

Gemeinsame Ziele gibt es ebenfalls kaum noch. Zwar sind Deutschland und die USA an einer sicheren Energieversorgung und an einem friedlichen Welthandel interessiert, aber sie spielen dabei in anderen Ligen. Deutschland muss sich an die äußeren Bedingungen anpassen, die USA können sie mitgestalten.

Die Bedrohung durch den Islamismus mag ebenfalls oberflächlich eine Gemeinsamkeit darstellen, aber während sie in den USA überwiegend als äußere Bedrohung empfunden wird, die mit den klassischen Mitteln der Außenpolitik einschließlich kriegerischer Interventionen zur Ausdehnung des Imperiums zu bekämpfen wäre, kommt sie in Deutschland und Europa auch und überwiegend von innen. Die Attentäter von New York mussten extra einreisen, die von Madrid und London nur ihre Wohnungen verlassen.

Mit dem Zerfall des deutschen Wohlfahrtsstaats-Modells nach dem Ende des Kalten Krieges entfällt zusätzlich noch die Nützlichkeit als nicht hineinredender Finanzier von US-Aktionen. Insgesamt sind die deutsch-amerikanischen Beziehungen also ein wenig dankbares Betrachtungsobjekt. Kein Wunder, dass man sich gegenseitig nur noch verzerrt wahrnimmt. Dass die USA als Nachfolger der Juden den linken und rechten Extremisten als Chiffre für einen bösen Kapitalismus herhalten müssen, war schon immer so. Relativ neu war dagegen, dass sich ein deutscher Kanzler dieser Ressentiments bedient hat, um seine Wiederwahl zu sichern. Um aus dem Status der Irrelevanz herauszutreten und sich zum Gegner zu befördern, reichte allerdings auch das nicht, zumal die angebliche Achse Paris-Berlin-Moskau nicht besonders überzeugend wirkte. Die einzige Gegenreaktion bestand darin, dass die USA in Folge auf höfliche diplomatische Floskeln verzichteten und die Rolle Deutschlands auch nach außen realistisch einordneten. Als Ausdruck völliger Verkennung der Realität muss vor diesem Hintergrund der deutsche Versuch betrachtet werden, sich durch einen Sitz im Sicherheitsrat zum weltpolitischen Mitentscheider und -gestalter aufzuschwingen. Er wurde auch standesgemäß mit einer höhnischen Ohrfeige beendet. Aber die vergangene deutsche Regierung war sowieso immer stärker in der Selbstinszenierung als in der Umsetzung. Die neue Koalition bringt deutlich mehr Vernunft mit und tut das Angemessene: sich anpassen und zurückhalten, Stärke in der Einheit und nicht in der Dominanz Europas suchend.

Kurz: Auf Regierungsebene wird das Verhältnis zu einem “normalen” werden. Es gibt keine großen gemeinsamen Projekte mehr. Teils wird man gegensätzliche, teils identische Interessen verfolgen, überwiegend sich ignorieren. Es gibt Schlimmeres.

Wohlgemerkt bezieht sich das nur auf die Ebene der Staaten, also Regierungen. Kulturell hingegen stehen Deutsche und Amerikaner sich nahe und teilen überwiegend gemeinsame Werte, mit wahrscheinlich größeren Unterschieden innerhalb der jeweiligen Bevölkerungen als zwischen ihnen. Wirtschaftlich nähert sich Deutschland auf fast allen Ebenen dem angelsächsischen Wirtschaftsmodell an und trägt wie der Rest der Welt gerne dazu bei, die Konsumwünsche der Amerikaner zu erfüllen und in den USA zu investieren. Der persönliche Austausch scheint in den letzten Jahren leider etwas gelitten zu haben, teils auch als Folge von Reiseunlust und Reisebeschränkungen nach den Attentaten. Dabei trägt nichts mehr dazu bei, sich von den Abziehbildern zu verabschieden, die da medial auf beiden Seiten des Atlantiks fröhlich verteilt werden.

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26 Kommentare zu “Nichtkarnevalistischer Beitrag zu einem närrischen Thema”

  1. 15.03.2006 | 19:45

    Oh, ein guter Beitrag zum Blog Carnival!

    Allerdings das mit dem Imperium bestreiten manche :-)

  2. 15.03.2006 | 19:51

    Danke! Aber zu diesem Carnivals-Zeugs habe ich nicht eingereicht…

    Das “Imperium” ist eine bewusste Spitze, für Leser des Werks von Herfried Münkler aber ohne jegliche polemische Absicht.

  3. 15.03.2006 | 19:53

    Aber danke für den Link (wollte ich noch sagen).

  4. 15.03.2006 | 20:13

    Nur mal so eine Frage: Warum hast du den Beitrag denn nicht eingereicht? Ich interessiere mich ja auch nicht so für Massenereignisse, und das deutsch-amerikanische Verhältnis schien mir auch noch nie interessant genug für einen gezielten Beitrag, aber als mir jetzt was eingefallen ist, habe ich es eben dazu gegeben. Warum nicht? Vor allem, da du nun ohnehin schon den ausgetretenen Pfaden der Masse gefolgt bist (naja, in Deutschland vielleicht noch nicht ganz so massenhaft ausgetreten) und dich zu dem Thema geäußert hast…

  5. 15.03.2006 | 20:33

    @Karsten

    Bei S&W habe ich meine generelle Abneigung dieser Veranstaltung gegenüber und die Gründe dafür bekundet.

    Darüber hinaus halte ich diese “Carnivals” für eine Reduzierung des Blog-Gedankens. Blogging ist zutiefst liberal: Jeder macht das, was er will, und schreibt, wozu er Lust hat. Bloggen ist in Teilen auch gelebte Individualität. Eine typisch karnevalistische Veranstaltung widerspricht dem. Thema auf Kommando, Beitrag auf Kommando - Narrhallamarsch!

    Blogging ist aber auch, wenn du trotzdem drüber schreibst.

  6. 15.03.2006 | 21:36

    Natürlich ist Blogging liberal. Aber für gewöhnlich freut sich jeder, der etwas schreibt, auch, wenn es gelesen wird. Vielleicht macht man es nicht an konkreten Zahlen fest, aber wenn es offensichtlich niemanden interessieren würde, wäre so manch ein Blogger weitaus weniger daran interessiert, zu schreiben. Und für viele ist eben auch die Reichweite, die sie erreichen können, von Interesse. Selbst, wenn diese im Vergleich zu den Massenmedien nicht einmal betrachtenswert ist - ein paar mehr Menschen zu erreichen, ein kleines Scherflein mehr zur Meinungsbildung beizutragen, ist zum Beispiel für mich ganz persönlich eine große Freude.

    Und jede Art der Vernetzung, von unser aller Blogrolls über gegenseitige Kommentare bis hin zu Blog Carnivals, erhöht die Reichweite, die deine Meinung hat. Das heißt nicht, dass ich nur deswegen schreibe, kommentiere oder auch einen Trackback zum Carnival setze - ich will nur sagen, dass gegen eine Vernetzung grundsätzlich doch nichts einzuwenden ist.

    Und eine Vernetzung erfordert eben Regeln, Protokolle, wenn du so willst. Ein Thema vorzugeben und zu diesem ein Meinungsspektrum anzubieten, halte ich für eine hochinteressante Sache, weil es die Diskussion bereichert und unterschiedliche Standpunkte besonders klar definiert. Mit den deutsch-amerikanischen Beziehungen konnte ich nur nichts anfangen, und extra für den Carnival wollte ich mir auch nichts aus den Fingern saugen - da ging es mir wie dir. Aber als mir etwas einfiel, da habe ich eben etwas beigetragen.

    Übrigens habe ich meine Meinung zum realen Karneval auch kürzlich geändert. Ich bin zwar immer noch kein großer Freund von Massenveranstaltungen, aber ich sehe sie nun als ein Angebot und nicht mehr als einen Zwang an. Die Vielfalt gerade des rheinischen Karnevals ist so groß, dass man es dort sogar als ein Angebot mit reichhaltigen Optionen betrachten kann, wenn man sich engagiert. Das aber nur nebenbei gesagt.

  7. Rayson
    15.03.2006 | 21:49

    @Karsten

    Kein Dissenz hier.

    Wem es sehr wichtig ist, von möglichst vielen gelesen zu werden, der macht bei Blog Carnivals mit. Unser beider Präferenzen unterscheiden sich da offensichtlich etwas - für mich ist Bloggen entweder Beruf oder Hobby, aber es zum Beruf werden zu lassen, dazu reichen auch noch so viele Carnivals nicht. Also Hobby, die von mir vorgezogene, weil mit den höchsten Freiheitsgraden versehene Variante. Und ein Hobby, das tue ich nur für mich und die, die mir da folgen können. Um mehr zu erreichen, fehlt mir der Anlass. Vielleicht ist das ein häufiger liberaler Fehler, überall die Befriedigung von Bedürfnissen anzustreben, die nicht überall verbreitet sind?

    Auch der reale Karneval: Wer immer sich da wohlfühlt, dem sei es als legitime Verwirklichung eigener Bedürfnisse gegönnt. Nur meine sind es eben nicht.

  8. 15.03.2006 | 22:04

    Es hat ja auch nicht nur etwas mit “erreichen” zu tun, sondern auch mit der Freude an der Diskussion. Wie ich feststellen durfte, bist du ja auch durchaus mit Freude dabei, wenn es darum geht, Sprache “als Waffe” zu verwenden, als Mittel des freundlichen, manchmal aber auch recht scharfen, Duells. Und genau das fördert ein Blog Carnival für mich auch - er gibt mir weitere Diskussionspartner, mit denen ich meine Meinung austauschen kann. Und zwar nicht unbedingt die Trolle, die viele andere Blogs bevölkern (ich schätze meine Kommentarspalte da schon sehr, eure aber auch). Und ich finde, dein Beitrag würde eine wertvolle Bereicherung für den dortigen Meinungsaustausch bilden. Wo du ihn doch schon geschrieben hast…

    Übrigens spiele ich auch Schach so, wie ich im Internet politisch diskutiere: Als Hobby, mit Engagement und Freude an der Sache, aber beileibe nicht professionell und mit einer hohen Unregelmäßigkeit noch dazu.

  9. 15.03.2006 | 22:30

    Natürlich ist Blogging liberal. - potzblitz, eine steile Behauptung!
    Bloggen ist in erster Linie menschlich: wir knallen anderen unsere Meinung vor den Latz. Nun ist aber weder die amerikanische noch die deutsche Bloggerszene mehrheitlich liberal, noch kann man vermuten, dass bei unpolitischen Blogs liberale Köpfe im Hintergrund werkeln. In der Realität versammeln sich im Bloggernetzwerk die vielen kleinen Blogger und Blogkonsumenten um ein paar wenige Naben. Insofern nützen Blog Carnivals natürlich in erster Linie den Naben. Rund 90% der 30,6 Millionen Blogs führen ein einsames Leben, da müsste man schon liberal mit bedeutungslos gleichsetzen um zu obiger Aussage zu gelangen.

  10. Rayson
    15.03.2006 | 22:31

    @Karsten

    Ich kann deine Motivation durchaus nachvollziehen. Nur meine ist es eben nicht. Was das Schach betrifft: Once upon a time….

  11. Rayson
    15.03.2006 | 22:38

    @Klaus

    Wenn ich sage, dass Bloggen etwas Liberales ist, heißt das nicht zwingend, dass Blogger mehrheitlich liberale Positionen vertreten. Nur die Art der Meinungsäußerung ist eine, für die sich Liberale immer aussprechen würden.

  12. 15.03.2006 | 22:47

    @Klaus:
    Ich war von Anfang an der Ansicht, dass das Internet den uralten Traum eines allgemeinen politischen Meinungsaustausches realisieren kann. Manche beklagen sich darüber, dass das nicht unbedingt einen gleichberechtigten Meinungsaustausch bedeutet - natürlich erreicht die BILD-Zeitung mit ihrer Meinung mehr Menschen als du oder ich. Aber wir bekommen eine faire Chance, im Rahmen unserer Möglichkeiten unsere Meinung “zu Markte zu tragen” und wirken zu lassen. Das ist das “liberale” am Blogging. Vielleicht auch das “befreiende”, um es mal deutsch zu sagen.

  13. 15.03.2006 | 22:57

    Seine Meinung kund geben zu dürfen, darauf besteht jeder Blogger, auch der DKPler oder der NPD-Anhänger - das allein ist noch nicht liberal - erst falls der Blogger andere Meinungen aushält und toleriert, könnte man die Chose liberal nennen. Da sehe ich noch Defizite - bei all den kleinen Zensoren mit Admin-Rechten. Und Niederbrüllen ist auch nicht wirklich liberal, das ist höchstens donalphonsoral ;-)

  14. 15.03.2006 | 23:02

    @ Karsten
    … dass das Internet den uralten Traum eines allgemeinen politischen Meinungsaustausches realisieren kann … - nein, ich wecke dich jetzt nicht aus deinen blühenden Träumen. Aber beschwer dich nicht bei mir, falls du erwachst und die Realität wie ein Alptraum aussieht …

  15. 15.03.2006 | 23:13

    Der Satz: Mit dem Zerfall des deutschen Wohlfahrtsstaats-Modells nach dem Ende des Kalten Krieges entfällt zusätzlich noch die Nützlichkeit als nicht hineinredender Finanzier von US-Aktionen.
    ist auch erklärungsbedürftig. Was hat das eine mit dem anderen zu tun? War der Wohlfahrtsstaat ein potenterer Finanzier? Welche US-Aktionen? (außer Golfkrieg I)

  16. Rayson
    15.03.2006 | 23:26

    @Klaus

    Liberalität erweist sich nicht im eigenen Willen, sondern in der Bereitschaft, dem des Anderen Raum zu lassen.

    Was den von dir als “erklärungsbedürftig” angesehen Satz betrifft: Das Zusammenbrechen des Wohlfahrtsstaats hat natürlich die finanziellen Spielräume verengt. Ein Blick auf die Zusammensetzung der Etats 1990 und 2005 verdeutlicht das.

    Als betroffene US-Aktionen müssen die Einsätze in Afghanistan und im Irak vorerst reichen. Konkret durchexerziert wurde der deutsche Scheckbuch-Interventionismus zum frühest-möglichen Zeitpunkt, also direkt nach Ende des Kalten Krieges, mit dem 2. Golfkrieg (Iraks Einmarsch in Kuweit).

  17. 15.03.2006 | 23:27

    “Darüber hinaus halte ich diese “Carnivals” für eine Reduzierung des Blog-Gedankens. Blogging ist zutiefst liberal”

    Warum wird die Blogosphere dann von Konservativen (und/oder Islamophoben) dominiert bzw. warum herrscht dieser Eindruck in der öffentlichen Meinung vor?

    Vielleicht weil viele liberale Eigenbrödler sind und sich nicht vernetzen?

    Von wegen Blog-Karnevalsveranstaltungen seien von Natur aus nicht liberal:
    http://carnivaloftheliberals.com/

    Blogcarnivals werden in den USA von Leuten aller Couleur betrieben. Dieses Konzept ist halt brandneu in Deutschland. Und konservativ wie viele Deutsche wohl doch irgendwie sind ;-) wird das Neue erstmal abgelehnt und verteufelt…

  18. Rayson
    15.03.2006 | 23:33

    Warum wird die Blogosphere dann von Konservativen (und/oder Islamophoben) dominiert bzw. warum herrscht dieser Eindruck in der öffentlichen Meinung vor?

    Warum ist mir das egal?

    Und konservativ wie viele Deutsche wohl doch irgendwie sind ;-) wird das Neue erstmal abgelehnt und verteufelt…

    I wo. Wer mag, der soll von mir aus gerne. Das ist übrigens eine wichtige Lektion für Deutsche: Was man ablehnt, muss man nicht verbieten wollen.

    Ich wüsste allerdings viele Gründe für einen Liberalen, sowas nicht mitzumachen.

  19. 16.03.2006 | 5:37

    Die Blogosphäre ist riesig und es ist die Masse der sich vernetzenden Blogger, die aus ihr mehr als die Summe ihrer Mitglieder machen.

    Bislang dachte ich, dass es in erster Linie Big Media und Big Government sind, die diese Entwicklung mit Argwohn verfolgen. Hm…

    Rayson, mit Verlaub, und ohne, dass ich damit an Deiner bedauerlichen Haltung zu den Carnivals etwas zu ändern erhoffe: In Deiner Ablehnung klingt stark (imho) die Frage “Was habe ich davon?” mit. Und ohne es praktisch einer Prüfung unterzogen zu haben, nimmst Du die Antwort vorweg:”Nichts.” Und Du gibst noch eine Prise Verachtung hinzu, indem Du jenen, die an Carnivals teilnehmen, wertlose Motive unterstellst.

    Ich finde, es fehlt Dir ein wenig an Wohlwollen, an der Bereitschaft, nett und kommunikativ zu sein, auch wenn es nicht sofort direkt zu Deinem Vorteil gereicht. Meine Philosophie ist da eben etwas anders und ich vergebe mir nur wenig dabei.

    EOM

  20. 16.03.2006 | 13:20

    @Olaf

    Es ist doch bei allen Dingen so: Manchen gefällt es, anderen gefällt es nicht. Ich habe nun einmal eine Abscheu gegen Marketing außerhalb der Geschäftswelt, gegen das Hinterhecheln von Trends, nur weil sie Trends sind, und auch gegen Versuche, die Vernetzung in der quasi unendlichen Welt der Blogosphäre zu regeln und zu organisieren. Und ich laufe ungern in Herden mit.

    Ich brauche Carnivals nicht zu prüfen, weil der Nutzen, den man versucht, damit zu transportieren (ich frage übrigens viel weniger danach als die Befürworter ihn propagieren), kaum einen der Gründe betrifft, warum ich blogge. Dass ich hier nicht für meine Co-Blogger sprechen kann und will, versteht sich hoffentlich von selbst.

    Den Satz mit der Verachtung verstehe ich nicht. Es ist in einer freien Welt mit freien Märkten ein völlig normaler Vorgang, ein Tauschgeschäft nicht durchzuführen, weil einem die andere Ware es nicht wert ist. Das heißt doch aber nicht, dass sie anderen nicht etwas wert sein kann. Genau das berührt doch den Kern einer liberalen Einstellung: Ich würde das, was du machst, nicht machen, aber ich freue mich mit dir, dass du die Möglichkeit dazu hast. Dass ich trotzdem gerne darüber diskutieren will und dazu eine Gegenposition einnehme, erscheint mir dabei als völlig normaler Vorgang. Euch, also dir und Jörg, offensichtlich nicht.

    Irgendwer muss mir mal erklären, warum in Deutschland Handeln immer unter eine Art falsch verstandenen kategorischen Imperativ gestellt wird: “Handele so, wie du willst, dass alle anderen auch handeln.”

    Ich verstehe zwar nicht, wie man jemandem schieren Eigennutz unterstellen kann, der die angeblich uneigennützige Arbeit schon hinter sich hat und sich lediglich weigert, am angeblichen Nutzen dieser Veranstaltung zu partizipieren. Es wäre mir ein Leichtes, genau in diesem Schema zu antworten, also mich über die “wahren” Motive der Carnival-Propagisten und meinen hehren, selbstlosen Widerstand dagegen auszulassen, aber weil ich, wie gesagt, von solchen Unterstellungen und Selbsterhöhungen überhaupt nichts halte, lasse ich es.

    Ich verrate dir aber ein Geheimnis: Jeder, der am Carnival teilnimmt, darf auch gerne meinen Beitrag lesen und sich hier oder im eigenen Blog dazu äußern. Ganz ohne äußeren Rahmen, einfach so, von Blog zu Blog im Internet.

    Aber bitte, auch wenn ich Versuche, mich zu analysieren, nicht so prickelnd finde: Jedes Feedback ist wertvoll. Danke dafür.

    Bevor ich mit den Wölfen heule,
    werd ich lieber harzig, warzig grau,
    verwandele ich mich in eine Eule
    oder vielleicht in eine graue Sau.
    Ich laufe nicht mit dem Rudel,
    ich schwimme nicht mit im Strudel,
    ich hab noch nie auf Befehl gebellt.
    Ich lasse mich nicht verhunzen,
    ich will nach Belieben grunzen,
    im Alleingang, wie es mir gefällt!
    Ich will in keinem Haufen raufen,
    lass mich mit keinem Verein ein!

    Und so nehm ich zur Devise
    keine andere als diese:
    Wo schon zwei sind,
    kann kein drittter sein.
    Ich sing weiter ad libitum,
    ich marschier verkehrt herum,
    und ich lieb dich weiterhin allein!
    Ich will in keinem Haufen raufen,
    lass mich mit keinem
    Verein ein!

  21. 16.03.2006 | 20:00

    Naja, einer Herde läufst du schon hinterher, Rayson. Aber wir verzeihen dir.

  22. Rayson
    16.03.2006 | 20:11

    Diese Herde sieht nur von außen gesehen als eine solche aus, Klaus. Konkret laufen da schon verschiedene Gruppen von Schafen in verschiedene Richtungen. Ich hab meine z.B. auch mindestens zweimal gewechselt, was man m.E. nicht mehr als Nachlaufen bezeichnen kann.

  23. 17.03.2006 | 1:58

    Wo wir gerade von Karneval sprachen - da gibt es ja auch das Gegenstück zu Raysons schönem Gedicht: Kennt einer das Lied “Ich muss in jedem Verein sein?” :)

    Aber, Rayson, heißt das jetzt, dass du nicht böse bist, wenn ich einen Beitrag poste, der vor allem diesen Artikel hier lobt und kommentiert, und den dann beim Carnival anmelde? Nur, damit die interessierten Leser des C. auch auf deine klugen Worte stoßen? Oder kämst du dir dann veräppelt vor? :)

  24. Rayson
    17.03.2006 | 2:34

    @Karsten

    Zuviel der Ehre. Es ist natürlich nicht mein Gedicht, sondern ein Lied des jungen Reinhard Mey (man glaubt es kaum): “Bevor ich mit den Wölfen heule”.

    Und ob, wie und wo du und andere meinen Beitrag kommentieren, (bevorzugt) loben oder zerreißen, ist allein eure Sache. Die Freiheit, die ich mir nehme, verpflichtet niemand anderen. Veräppelt könnten sich da allerhöchstens die Leser dieses Carnivals vorkommen.

  25. 17.03.2006 | 9:17

    Man müsste einfach eine andere Art von “Karneval” einrichten, wo freie Texte liberaler Blogger einfach nominiert werden können, wenn sie zu einem bestimmten Thema passen. Sie stehen ja ohnehin in den Blogs und wären damit halt an prominenter Stelle verlinkt. Ich finde den Artikel zumindest passend zum Thema und er spricht mir teilweise aus der Seele.

  26. 18.03.2006 | 6:39

    @ Rayson, ich wollte nur meinen persönlichen Eindruck vermitteln und räume ein, dass der auch falsch sein kann. Und ich sprach ja auch nur von einer ‘Prise’ Verachtung, ich bitte das also nicht in den Vordergrund zu stellen. Auch ich laufe nicht jedem Trend hinterher, distanziere mich auch von diesem und jenem. Ich mag zum Beispiel auch nicht mit den Wölfen heulen, mich irgendwelchen Massen anschliessen: Deshalb mag ich Fussball nicht, vor allem das Gegröhle der Fans stösst mich ab. Mit dieser kleinen Spitze schliesse ich nun meinen Beitrag zu dieser Diskussion. Nix für ungut. =D

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