[Leitkultur] Speck hat Recht. Punkt.

Ulrich Speck: Integration und Immigration 

Und schliesslich ist es auch nicht unsinnig, ueber Leitkultur nachzudenken, im Sinne von Bassam Tibi: Nicht als Formulierung exklusiver Traditionen (echter oder erfundener), sondern als inklusive Verstaendigung darueber, wie wir hier zusammenleben wollen. Dass dazu die unbedingte Geltung der elementaren Menschenrechte ebenso gehoert wie der Respekt fuer die Verfassung, ist eine Selbstverstaendlichkeit.

 

Andererseits bekommt MomoRules scheinbar immer gleich einen Rappel, wenn er das Wort Leitkultur nur erahnt - obwohl er, wenn man genau hinschaut, eifrig dabei ist, an einer solchen zu basteln:

Das ist ja das einzig interessante an diesen Fragebögen - sie behaupten einen kulturellen Wissenskanon, der “deutsch” definieren würde. Unzerzichtbar bei solchen Versuchen sind dann immer “Goethe” und “Schiller”, aber auch Röntgen, das Hitler-Attentat und der Holocaust. Ich halte jeden Versuch, so etwas wie “deutsch” Sinne von “geteiltes Minimalwissen” zu begreifen, für zum Scheitern verurteilt. Dazu ist die Personengruppe, die dieses Wissen teilen soll, viel zu groß. Auf diese Weise kann man im Sinne der Kognitiven Ethnologie Subkulturen untersuchen, Berufsgruppen zum Beispiel, aber keine 80 Millionen, die unter völlig in sich ausdifferenzierten Bedingungen leben.

(…)

Lange Rede, kurzer Sinn: Hier wird deutsches Kultur als geteiltes Wissen definiert, auch das Wissen um Recht und Verhaltensregeln, und im Gegensatz zum derzeit allseits präsenten, implizit schon analytisch grundsätzlich rassistischen Begreifen des Deutschen als über Abstammung Definiertem ist das gerade für hessische Begriffe sogar ein Fortschritt. Klar dürfte sein, daß es sich hier um Wahrheitsfragen handelt - wahre Sätze über faktische Kulturphänomene werden geprüft. So auch das Wissen über das politische System sowie das, was in Deutschland als moralisch richtig gälte.

(…)

Ich behaupte, daß man gemäß Punkt zwei auf jede Frage, was denn deutsch sei, auch gut und gerne verzichten kann, und dann braucht man auch keine Leitkultur-Vorstellungen.

(…)

Die Beantwortung der Frage “Was ist deutsch?” durch “BRD und DDR” und all dieses eklige, nationale Pathos halte ich bis heute für grundfalsch.

(…)

Wichtig hingegen die Zustimmung eines jeden Einwanderers zu dem politischen System und dessen normativen Vorraussetzungen und die Vermittlung des diesbezüglichen Wissens.

(…)

Zudem sollte sich eine breite Mehrheit finden, alle christlichen Restbestände aus dem Grundgesetz zu tilgen hätte, die sind dessen Intentionen widersprüchlich. Dann hat man auch nicht mehr diesen permanenten Kurzschluß zwischen normativen und kulturellen Fragen, der die Debatte so schwierig macht.

(…)

Wenn man den Pointen “völkischer Clowns” nicht aufsitzt, ist die ganze Diskussion gar nicht so dramatisch …

Eben.

Was spricht denn dagegen, den Begriff “Leitkultur” nicht “völkisch” [Edit: MomoRules zuliebe], sondern soziokulturell zu definieren? Warum muss man denn die Definition des Begriffes den Herren Rüttgers, Merz, di Fabio usw. usf. überlassen - und heraus kommt Kartoffelsuppe? Warum soll es denn unmöglich sein, die bereits eingebürgerten Migranten und Migrantinnen an der Schaffung einer Leitkultur zu beteiligen?

 

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10 Kommentare zu “[Leitkultur] Speck hat Recht. Punkt.”

  1. 20.03.2006 | 0:20

    @Marian

    Der voll verlinkte Eingangsabsatz wird in meinem Firefox nicht richtig umbrochen. Setz den Link doch da mal extra…

    Zum Thema: Der Begriff “Leitkultur” war nie “völkisch” gemeint, auch von konservativer Seite nicht. Aber andererseits sind wir ja auch nicht einfach eine willkürlich auf ein Fleckchen Erde geworfene zufällige Gemeinschaft von Menschen, die sich vollkommen losgelöst von anderen Bedingungen frei aus einem Menü an möglichen Kulturformen die jeweils präferierte heraussucht, sondern wir sind schon mehrheitlich durch so manches “Deutsche” geprägt. Und auch durch Christliches.

    Ich kann deinem Vorschlag, “Leitkultur” sozusagen als “Work in process” zu begreifen, das gemeinsam von Einwanderern und Einheimischen gestaltet wird, nicht zustimmen. Was diese “Leitkultur” ist und ausmacht, muss vorher feststehen, so dass jeder Einwanderer von vornherein weiß, worauf er sich einlässt. Es entspricht zwar gewissen linken Sehnsüchten, erscheint mir aber einfach aus Sicht der Deutschen als völlig inakzeptabel, über Zuwanderung Deutschland selbst umgestalten zu wollen. Das beschwörte die Abwehrreaktionen geradezu herauf, und ich könnte sie gut verstehen.

  2. Marian Wirth
    20.03.2006 | 0:41

    Der Begriff “Leitkultur” war nie “völkisch” gemeint, auch von konservativer Seite nicht.

    Ich hab’s ediert. Ich mag das Wort völkisch ohnedies nicht, aber ich war so in das MR wording in den Text von MomoRules vertieft, dass es mir so durchgerutscht ist.

    Ich kann deinem Vorschlag, “Leitkultur” sozusagen als “Work in process” zu begreifen, das gemeinsam von Einwanderern und Einheimischen gestaltet wird, nicht zustimmen.

    Das nimmst Du mir wahrscheinlich nicht ab, aber ich versuch’s mal auf die treuherzige Art: Ich weiß nicht, was Du hast?! Ich habe doch nur Fragen gestellt. Um MR’s Beißreflex zu hemmen.

    Wenn ich die Frage wirklich mit “JA” beantworten wollen würde, dann würde ich darauf bestehen, dass es sich nicht um ein “work in progress” handeln soll. Ich meinte vielmehr, dass die an einem bestimmten Stichtag die deutsche Staatsangehörigkeit Innehabenden mitwirkungsberechtigt sein sollen. Wenn dann der Leitkultur-Kanon zusammengezimmert worden ist, bleibt es dabei. Sonst wäre es ja auch keine Leitkultur, sondern Multikul irgendwas anderes.

    Umgestalten will ich eben gerade nicht. Sonst hieße dieser Eintrag: “MomoRules hat Recht. Punkt.”

    Ich bestreite die christlichen Wurzeln natürlich nicht. Aber ich vermute, dass MomoRules Recht hat, dass eine Mehrheit der Deutschen auch noch das letzte bißchen Christentum aus dem Grundgesetz eliminieren würde. Dann will ich halt Minderheitenschutz.

  3. 20.03.2006 | 0:52

    Ok, dann hab ich dich falsch verstanden. Ey, du, das find’ ich jetzt irgendwie gut, dass wir mal drüber gesprochen haben, du.

    Aber ich vermute, dass MomoRules Recht hat, dass eine Mehrheit der Deutschen auch noch das letzte bißchen Christentum aus dem Grundgesetz eliminieren würde.

    Ich glaube nicht, dass Artikel 1 so sehr in Gefahr ist…

  4. 20.03.2006 | 7:21

    @Ihr beide: “völkische Clowns” war O-Ton Rayson ;-) - fand ich gut.

    Ansonsten: Ich behaupte immer noch einen Unterschied zwischen Kultur und Gesellschaft. Zu letzterer zählt das politische System und seine normativen Grundlagen, die für mich (von ein paar Resten abgesehen) eben post-traditional zu verstehen sind. Diesbezügliches Wissen nun als “Leitkultur auszuzeichnen halte ich begrifflich für falsch, und das hat dann immer Rüttgersche/Lammertsche Konsequenzen in der Debatte.

    Speck betont ja völlig zu Recht einen ganz anderen Bereich als jenen der Traditionen, nämlich die Regeln des Zusammenlebens. Da stimme ich ihm auch zu, also zumindest dem Zitat oben, aber Tibi nicht. Ein diesbezügliches Wissen ist nicht im selben Sinne Kultur wie die Gepflogenheiten im Düsseldorfer Karneval.

    Für Minderheitenschutz bin ich übrigens auch ;-)

  5. 20.03.2006 | 7:27

    @Rayson: Noch was - dieser Wunsch danach, daß irgendetwas von vornherein feststünde, dem dann alle gefälligst zuzustimmen haben, ist über das politische System und seine normativen Grundlagen hinaus schlicht illusionär. Natürlich verändern sich Kulturen durch Zuwanderung sowieso immer, und diesen ganz normalen Prozeß kann man auch nicht durch Vorabsprachen unterbinden …das wäre ja auch schrecklich, wenn uns die G.I.s nicht den Rock’n'Roll gebracht hätten …

  6. Marian Wirth
    20.03.2006 | 7:44

    Moin moin, MomoRules,

    Diesbezügliches Wissen nun als “Leitkultur auszuzeichnen halte ich begrifflich für falsch, und das hat dann immer Rüttgersche/Lammertsche Konsequenzen in der Debatte.

    Begriffsverwirrungen sind in politischen Debatten völlig normal; ich wollte nur eine Vorarbeit leisten. Und eine Debatte ohne CDU-Konsequenzen wird sich wohl kaum vermeiden lassen, sonst bräuchtest Du keinen Minderheitenschutz ;-).

    dieser Wunsch danach, daß irgendetwas von vornherein feststünde, dem dann alle gefälligst zuzustimmen haben, ist über das politische System und seine normativen Grundlagen hinaus schlicht illusionär.

    Illusionslose Integrationspolitik (und für mich wäre eine Leitkultur angewandte Integrationspolitik) führt dann geradewegs zu Schröderschem Utilitarismus. Ausserdem sind wir ja hier in einem Blog und nicht im Bundestag. Wenn Illusionen nicht in Blogs gehören - wohin dann?

  7. 20.03.2006 | 12:07

    @MomeRules

    Mein “völkisch” fängt aber jenseits eines Lammert oder Merz an…

    Natürlich verändern sich Kulturen durch Zuwanderung sowieso immer, und diesen ganz normalen Prozeß kann man auch nicht durch Vorabsprachen unterbinden …

    Was wieder mit deinem Kulturbegriff zu tun hat. Um diesen normalen Prozess, der allerdings auch nicht immer reibungslos verläuft, ging es mir jedenfalls nicht. Der ist übrigens auch nicht auf Einwanderung beschränkt, sondern geschieht auch über solche bösen Dinge wie Welthandel. Es kommt mir sowieso so vor, als ob viele Linke (Anwesende ausgenommen) sich gute Ausländer nur in zwei Formen vorstellen können: als Empfänger von Entwicklungshilfe und als schutzbedürftige Einwanderer. Wenn sie statt Entwicklungshilfe zu beziehen Handel treiben und statt sich schützen zu lassen lieber arbeiten wollen, lässt die Sympathie dann rapide nach. Leute wie Lafontaine haben die Möglichkeiten erkannt, die sich daraus ergeben.

  8. FAB.
    20.03.2006 | 14:12

    Thesen, Thesen, Thesen… Das hört sich alles sehr gut und weise und zivilisatorisch hochwertig an. Prima! Als intellektuell minderprivilegierter, unter mangelnder Abstraktionsfähigkeit leidender Bevölkerungsteil habe ich nur noch zwei schlichte Fragen.
    a) Wie sieht das Sich-Verständigen darüber, wie “wir hier” zusammenleben wollen, konkret aus, wenn “hier” zB Berlin-Neukölln (oder Duisburg-Marxloh, oder…) ist und “wir” mehrheitlich moslemische Südländer sind?
    b) Wenn ich als “ethnischer Deutscher” (oder heißt es “mitteleuropäischer Aboriginal”) mit dem mutmaßlichen Ergebnis dieser “Verständigung” nicht konform gehe - welche praktischen Konsequenzen sollte ich ziehen?

    PS: “Geh sterben” wird als Antwort auf Frage b) vorläufig noch nicht akzeptiert.

  9. 20.03.2006 | 16:11

    @Rayson: Uff, Anwesende ausgenommen ;-) - ich sehe diese Tendenz bei sehr, sehr vielen Linken auch und finde sie überheblich und paternalistsich und noch einges mehr. Die Weltmärkte hätte ich übrigens auch noch gegen die Leitkultur-Postion in’s Feld geführt, da hatte ich mich schon so drauf gefreut, aber jetzt hast Du’s doch selbst gemacht :-(

    @FAB:

    zu b.) Geh doch nach drüben ;-) … man, wahrscheinlich bin wirklich schon so alt, daß den Witz jetzt gar keiner mehr versteht. Ich denke, damit muß man halt leben.

    Jetzt aber mal im Ernst: Was soll man denn darauf antworten, auf beide Fragen? Zu a.) Alle ausweisen und umsiedeln? zu b.) Na klar, Du als “ethnischer Deutscher”, was immer das sein soll, hast ein natürliches Vorrecht, den Neu-Neuköllnern vorzuschreiben, wie sie leben sollen?

    Hinsichtlich klarer rechtlicher Regeln als Verhaltensvorgaben sind da ja weitestgehend alle d’accord, aber die gelten grundsätzlich für alle gleichermaßen ungeachtet ihres Selbstverständnisses als “mitteleuropäische Aboriginals” oder sonstwas. Das hat übrigens mit intellektuell in der Praxis rein gar nix zu tun, sehr wohl aber mit der Frage nach der Zivilisation.

  10. FAB.
    20.03.2006 | 16:26

    Keine Antwort ist auch eine Antwort. Danke.

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