19. März 2006
[Leitkultur] Speck hat Recht. Punkt.
Ulrich Speck: Integration und Immigration
Und schliesslich ist es auch nicht unsinnig, ueber Leitkultur nachzudenken, im Sinne von Bassam Tibi: Nicht als Formulierung exklusiver Traditionen (echter oder erfundener), sondern als inklusive Verstaendigung darueber, wie wir hier zusammenleben wollen. Dass dazu die unbedingte Geltung der elementaren Menschenrechte ebenso gehoert wie der Respekt fuer die Verfassung, ist eine Selbstverstaendlichkeit.
Andererseits bekommt MomoRules scheinbar immer gleich einen Rappel, wenn er das Wort Leitkultur nur erahnt - obwohl er, wenn man genau hinschaut, eifrig dabei ist, an einer solchen zu basteln:
Das ist ja das einzig interessante an diesen Fragebögen - sie behaupten einen kulturellen Wissenskanon, der “deutsch” definieren würde. Unzerzichtbar bei solchen Versuchen sind dann immer “Goethe” und “Schiller”, aber auch Röntgen, das Hitler-Attentat und der Holocaust. Ich halte jeden Versuch, so etwas wie “deutsch” Sinne von “geteiltes Minimalwissen” zu begreifen, für zum Scheitern verurteilt. Dazu ist die Personengruppe, die dieses Wissen teilen soll, viel zu groß. Auf diese Weise kann man im Sinne der Kognitiven Ethnologie Subkulturen untersuchen, Berufsgruppen zum Beispiel, aber keine 80 Millionen, die unter völlig in sich ausdifferenzierten Bedingungen leben.
(…)
Lange Rede, kurzer Sinn: Hier wird deutsches Kultur als geteiltes Wissen definiert, auch das Wissen um Recht und Verhaltensregeln, und im Gegensatz zum derzeit allseits präsenten, implizit schon analytisch grundsätzlich rassistischen Begreifen des Deutschen als über Abstammung Definiertem ist das gerade für hessische Begriffe sogar ein Fortschritt. Klar dürfte sein, daß es sich hier um Wahrheitsfragen handelt - wahre Sätze über faktische Kulturphänomene werden geprüft. So auch das Wissen über das politische System sowie das, was in Deutschland als moralisch richtig gälte.
(…)
Ich behaupte, daß man gemäß Punkt zwei auf jede Frage, was denn deutsch sei, auch gut und gerne verzichten kann, und dann braucht man auch keine Leitkultur-Vorstellungen.
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Die Beantwortung der Frage “Was ist deutsch?” durch “BRD und DDR” und all dieses eklige, nationale Pathos halte ich bis heute für grundfalsch.
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Wichtig hingegen die Zustimmung eines jeden Einwanderers zu dem politischen System und dessen normativen Vorraussetzungen und die Vermittlung des diesbezüglichen Wissens.
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Zudem sollte sich eine breite Mehrheit finden, alle christlichen Restbestände aus dem Grundgesetz zu tilgen hätte, die sind dessen Intentionen widersprüchlich. Dann hat man auch nicht mehr diesen permanenten Kurzschluß zwischen normativen und kulturellen Fragen, der die Debatte so schwierig macht.
(…)
Wenn man den Pointen “völkischer Clowns” nicht aufsitzt, ist die ganze Diskussion gar nicht so dramatisch …
Eben.
Was spricht denn dagegen, den Begriff “Leitkultur” nicht “völkisch” [Edit: MomoRules zuliebe], sondern soziokulturell zu definieren? Warum muss man denn die Definition des Begriffes den Herren Rüttgers, Merz, di Fabio usw. usf. überlassen - und heraus kommt Kartoffelsuppe? Warum soll es denn unmöglich sein, die bereits eingebürgerten Migranten und Migrantinnen an der Schaffung einer Leitkultur zu beteiligen?
Verfasst von Marian Wirth um 23:51 Uhr in der Kategorie Allgemein, Grundsatzfragen (Trackback)