Augen zu und durch - als Fußgänger im chinesischen Straßenverkehr

Auf den Straßenverkehr in China war ich vorbereitet. Theoretisch zumindest. Immerhin hatte ich das Buch Kulturschock VR China/Taiwan von Hanne Chen aus dem Reise Know How Verlag* gelesen und zwar die 6., aktualisierte Ausgabe aus dem Jahr 2004**. Dort heißt es z.B. auf Seite 238:

Der Stadtverkehr ist lebhaft, chaotisch und vor allem laut, denn als wichtigstes Teil eines Gefährtes gilt die Hupe bzw. die Klingel. Sie wird beiläufig betätigt, nicht warnend oder aggressiv, sondern eher wie zur Bestätigung. Ich hupe, also bin ich.

Zum Vergleich ein Auszug aus einer Email, die ich im September 2004 nach Hause geschrieben habe und in der ich das Leben auf dem Campus schilderte:

Autos fahren nur die Bonzen (wie die Schulleiterin, die jeden Abend von ihrem Fahrer in ihrem VW Santana nach Hause chauffiert wird), die älteren Lehrer können sich einen Motorroller leisten, die ‘reichen’ Schüler haben ein Fahrrad. Alle anderen gehen zu Fuß oder nutzen die öffentlichen Verkehrsmittel. (…)

Die Motorrad- und Schulbusfahrer betätigen zwar die Hupe, aber eher, um ‘hallo’ zu sagen. Wenn man einen lauten, lang gezogenen Hupton hört, dann weiß man: ‘Schnell zur Seite springen, Bonze im Anmarsch’ und eine Sekunde später brettert auch schon ein Audi oder Volkswagen mit irgendeinem Parteisekretär oder Professor an einem vorbei. Außer für die Bonzen gilt allerdings offenbar der Grundsatz: Für Laowais (wörtlich übersetzt etwa: “alter Ausländer”) wird nicht gehupt! Das soll nicht etwa heißen, dass diese einfach ohne Hupen ueberfahren werden, sondern im Gegenteil, dass ein Gefährt so lange hinter einem Laowai herfährt, bis dieser von selbst zur Seite geht. Da hier alle Fahrzeuge so leise sind (keine Ahnung, was das für ein Antrieb oder Motor ist, die Motorroller hört man jedenfalls überhaupt nicht), kann es einem schonmal passieren, wie mir neulich, dass man etwas zu weit in Richtung Strassenmitte unterwegs ist und auf einmal merkt, dass sich ein Lastwagen hinter einem befindet. Nachdem ich zur Seite gesprungen war, hat der Fahrer mir im Vorbeifahren nur einen mißmutigen Blick zugeworfen. Gehupt hatte er vorher nicht!)

Nach meinem ersten Ausflug vom Campus in die Innenstadt von Nanning schrieb ich:

Wie der Verkehrsfluss funktioniert, habe ich immer noch nicht begriffen. Offiziell gilt Rechtsverkehr. Sicher bin ich mir da aber nicht, weil jeder dort fährt, wo Platz ist. Motorräder und Fahrräder fahren oft auf dem Bürgersteig, um die Geschwindigkeitsbegrenzungsschwellen zu umgehen. Fussgänger benutzen dagegen - auch nachts auf Landstraßen - gerne die Straßenmitte. Dass sie die Bürgersteige meiden, weil der Bordstein so hoch ist, kann ich ja verstehen, aber warum es unbedingt die Strassenmitte sein muss, habe ich noch nicht herausgefunden.)

Autos wechseln die Fahrspur, wenn sie dadurch einer Fussgängergruppe oder einem Gefährt ausweichen können; dass sie durch den Spurwechsel mitunter in den Gegenverkehr geraten, stört niemanden. Gehupt wird wirklich nur bei Lebensgefahr. Wer als Fussgänger eine Strasse zögerlich überquert, wird die andere Straßenseite nicht vor Ablauf von zwei Stunden erreichen. Trotz diesen gerade geschilderten Umstaenden gleiten die verschiedenen Verkehrsströme auf den vorhandenen Fahrbahnen störungsfrei aneinander vorbei wie Lavaklumpen in einer Lavalampe. Ein Wunder.

Auf S. 239 des Kulturschock-Buches heißt es:

Die Verkehrssicherheit in China ist trotz des Stau-Chaos, das schnelles Fahren unmöglich macht, nicht sehr hoch. Machen Sie es beim Überqueren einer Straße wie die Chinesen. Warten sie solange, bis sich eine Menschentraube um Sie gebildet hat, und wagen Sie dann gemeinsam mit ihr den Vorstoß. Für einen einzelnen Fußgänger hält kein Autofahrer gerne an, aber die meisten scheuen doch davor zurück, eine Gruppe umzufahren.

und hier meine Schilderung der ersten Straßenüberquerung außerhalb des Campus:

Dann folgte meine erste Strassenüberquerung in China: Man wartet, bis sich ungefaehr 10 tapfere Mitstreiter gefunden haben (also ungefähr eine halbe Sekunde), dann stürzt man sich gemeinsam ins Getümmel - wenn neun heil auf der anderen Strasse ankommen, ist das in Ordnung.

Wenn man als Laowai mit Chinesinnen unterwegs ist, kommt es vor, dass sie einen während der Überquerung an die Hand nehmen, aus lauter Sorge, man könne auf einer der acht Spuren verloren gehen. Der Hinweis, dass wir in Deutschland durchaus auch Straßen haben und dass meine Augen eigentlich noch ganz gut sind, verhallte wirkungslos.

Es gibt in China übrigens auch diese weißen Streifen auf der Fahrbahn, die bei uns unter dem Namen Zebrastreifen bekannt sind. Einen Sinn haben diese Streifen in China jedoch nicht; ich nehme an, dass irgendwann einmal ein chinesischer Stadtplaner im Westen Zebrastreifen gesehen und sich gedacht hat: “Och, das sieht aber hübsch aus, das machen wir bei uns auch.”

Allgemein kann man sagen, dass man in China als Fußgänger oder Radfahrer am besten zurecht kommt, wenn man die anderen Verkehrsteilnehmer einfach ignoriert. Einmal habe ich eine Grundschullehrerin in ihrer ärmlichen Vorstadtschule besucht; nach Schulschluß musste sie noch einige ihrer Schüler und Schülerinnen heil über die achtspurige Hauptstraße bringen. Die Kinder sind einfach losgestürmt, während sich die Lehrerin entspannt mit mir unterhielt. Als wir auf der anderen Straßenseite angekommen waren, mußte ich mich erstmal auf eine Bank setzen, bis meine Knie zu zittern aufgehört hatten.

Bei meinem nächsten Besuch machten wir mit zwei Grundschulklassen einen Ausflug, wobei wir uns auf dem Bürgersteig an der Hauptstraße bewegten. Einige Kinder nutzten jedoch die angrenzende Fahrspur zum Fangenspielen, weil auf dem Bürgersteig nicht genug Platz war. Von den vorbeifahrenden Autofahrern wurde das (ohne Hupen) zur Kenntnis genommen und durch Ausweichen auf eine der sieben anderen Spuren beantwortet.

Warum ich das alles schreibe? Weil ich gerade einen wunderbaren Blog-Eintrag bei Sinosplice gefunden habe. Sinosplice ist die Seite eines Amerikaners, der seit fünfeinhalb Jahren in China lebt und von seinem Alltag aus Schanghai berichtet. Das Besondere an der Seite ist, dass sie ausdrücklich unpolitisch ist.

Jedenfalls hat John einen Link zu einer “theoretischen Fahrprüfung” in China gefunden, mit sehr realitätsnahen Fotos des chinesischen Verkehrsalltags. Ich habe noch den Link zu einem weiteren Foto anzubieten: Hier entlang, bitte.

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* die Verlags-Homepage ist eine Erlebnisreise für sich 

** ich kann das Buch nicht empfehlen, jedenfalls nicht, wenn man vorhat, sicher überwiegend in der Provinz Guangxi aufzuhalten und Umgang mit Akademikern zu pflegen. Wenn man die ersten 20 Seiten des Buches gelesen hat, möchte man jedenfalls erst gar nicht losfahren. Eine lobende Rezension findet sich hingegen hier.

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