21. März 2006
Die Büchse der Pandora
Mit der Besetzung des Iraks haben die USA die Büchse der Pandora geöffnet. Das sagt nicht irgendwer, sondern Zalmay Khalilzad, der US-Experte für die kritischen Fälle (Afghanistan, Irak) und derzeit US-Botschafter in Bagdad.
Der ehemalige Ministerpräsident Allawi spricht von einem “Bürgerkrieg”.
Nach einer Umfrage vom Januar 2006 hielten 47 Prozent der Iraker Angriffe auf die amerikanische Armee für gerechtfertigt, unter den irakischen Sunniten waren es sogar 88 Prozent.
Mit diesem Satz beginnt ein sehr kritischer Leitartikel mit dem treffenden Titel “Düstere Bilanz” von Günther Nonnenmacher in der F.A.Z. vom 20. März, der sich mit meiner Einschätzung der Dinge im Wesentlichen deckt.
Bush und seine Regierung wollten die Besetzung des Iraks unbedingt. Ex-Berater Clarke nannte diesen, von sachlichen Erwägungen weitgehend freien Drang eine “Obsession”. Was der eigentliche Zweck dieses Militäreinsatzes war und ist, scheint immer noch nicht klar. Die Motive sind sicher vielfältig genug, um den Vereinfachern aller Seiten (”Für Freiheit und Demokratie!”, “Für Öl und Haliburton!”) jeweils genügend Argumente an die Hand zu geben, aber wenn das Ziel die Eindämmung des islamistischen Terrors gewesen sein sollte, dann war der Irakkrieg ein grandioser Fehlschlag. Nicht nur, dass den Terrorkommandos ein neues Übungsfeld geschaffen wurde und sich immer mehr Muslime durch die Besetzung “ihrer” Staaten und die nachfolgenden Ereignisse wie Guantanamo und Abu Ghraib genug radikalisieren, um zu Werkzeugen des Terrors zu werden, es wurden zusätzliche Gefahren neu geschaffen oder verstärkt.
Die Absicht der schiitischen Mehrheit, entweder die Kontrolle über den Gesamtstaat zu übernehmen oder sich mit den Kurden auf ein gemeinsames Abstecken der (Öl-)Claims zu einigen, liegt auf der Hand. Nur weil die Demokratisierungsbemühungen der USA ihnen auf diesem Weg entgegenkommen, haben die Versuche von Provokateuren, durch Anschläge auf Moscheen die Lunte zu zünden, bisher nicht gefruchtet. Was aber geschieht, wenn die Truppen der Alliierten erst einmal aus dem Land sind (und irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft werden sie das sein), ist eine ganz andere Frage. Was ein Bürgerkrieg für die Region bedeuten könnte, wenn religiöse und politische Aspekte sich zu einem explosiven Gemisch zusammenbrauen, das malt man sich lieber erst aus, wenn es soweit ist. Und “weit weg” ist das Ganze nicht: Über die Türkei, für die ein Kurdenstaat im Norden des Iraks sicher einen besonderen “Reiz” hätte, steckt das politische Europa dann mitten drin im Schlamassel. Da können deutsche Kanzler sich noch so sehr den Sand in den Kopf stecken, wie ein deutscher Rasen-Philosoph mal formulierte.
Vergessen wir auch nicht, dass die heiligsten Stätten der Schiiten im Irak liegen. Obwohl es eine Rivalität zwischen arabischen und persischen Schiiten geben mag - über die gemeinsame Religion, die im Grunde die einer islamischen Minderheit ist und daher zusätzlich solidarisierend wirken sollte, hat der Iran seinen Fuß sehr weit in der Tür. Die Gesprächsangebote an die USA und das Atomprogramm sind Zeugnisse einer weiteren wesentlichen Auswirkung des Irakkrieges: den Aufstieg des Iran zur wichtigsten Macht am Golf. Nicht so schlimm? Jedes Land hat Anrecht auf die friedliche Nutzung der Atomenergie und die Anreicherung von Uran? Und wenn’s dann doch anders kommt, Israel ist ja weit und das “Nahostproblem” wäre wenigstens endgelöst? Mag mancher so sehen. Alle anderen werden sich aber wohl eher mit einem gewissen Zynismus erleichtert zeigen, dass die USA über die Bedrohung Israels einen Anlass haben, sich um die Eindämmung der Folgen ihrer Fehler zu kümmern. Wegen Bayern täten sie es vielleicht nicht.
Die Büchse der Pandora ist offen. Wie man den Deckel wenigstens wieder schließen könnte, auch ohne Aussicht, das bereits Entwichene wieder zurückzuholen, dafür gibt es im Moment keine realistische Perspektive. Es zeigt sich, dass der Plan kein Plan war, sondern der Beginn einer auf illusorischem und kurzfristigem Denken beruhenden Kette von Improvisationen. Nonnenmacher hat das letzte Wort:
Es scheint sich das Wort des polnischen Publizisten Ryszard Kapucsinski zu bestätigen, dass es “keine Abkürzung in die Zukunft” gibt, auch nicht in eine demokratische.
Verfasst von Rayson um 18:52 Uhr in der Kategorie Politik (Trackback)