Die Büchse der Pandora

Mit der Besetzung des Iraks haben die USA die Büchse der Pandora geöffnet. Das sagt nicht irgendwer, sondern Zalmay Khalilzad, der US-Experte für die kritischen Fälle (Afghanistan, Irak) und derzeit US-Botschafter in Bagdad.

Der ehemalige Ministerpräsident Allawi spricht von einem “Bürgerkrieg”.

Nach einer Umfrage vom Januar 2006 hielten 47 Prozent der Iraker Angriffe auf die amerikanische Armee für gerechtfertigt, unter den irakischen Sunniten waren es sogar 88 Prozent.

Mit diesem Satz beginnt ein sehr kritischer Leitartikel mit dem treffenden Titel “Düstere Bilanz” von Günther Nonnenmacher in der F.A.Z. vom 20. März, der sich mit meiner Einschätzung der Dinge im Wesentlichen deckt.

Bush und seine Regierung wollten die Besetzung des Iraks unbedingt. Ex-Berater Clarke nannte diesen, von sachlichen Erwägungen weitgehend freien Drang eine “Obsession”. Was der eigentliche Zweck dieses Militäreinsatzes war und ist, scheint immer noch nicht klar. Die Motive sind sicher vielfältig genug, um den Vereinfachern aller Seiten (”Für Freiheit und Demokratie!”, “Für Öl und Haliburton!”) jeweils genügend Argumente an die Hand zu geben, aber wenn das Ziel die Eindämmung des islamistischen Terrors gewesen sein sollte, dann war der Irakkrieg ein grandioser Fehlschlag. Nicht nur, dass den Terrorkommandos ein neues Übungsfeld geschaffen wurde und sich immer mehr Muslime durch die Besetzung “ihrer” Staaten und die nachfolgenden Ereignisse wie Guantanamo und Abu Ghraib genug radikalisieren, um zu Werkzeugen des Terrors zu werden, es wurden zusätzliche Gefahren neu geschaffen oder verstärkt.

Die Absicht der schiitischen Mehrheit, entweder die Kontrolle über den Gesamtstaat zu übernehmen oder sich mit den Kurden auf ein gemeinsames Abstecken der (Öl-)Claims zu einigen, liegt auf der Hand. Nur weil die Demokratisierungsbemühungen der USA ihnen auf diesem Weg entgegenkommen, haben die Versuche von Provokateuren, durch Anschläge auf Moscheen die Lunte zu zünden, bisher nicht gefruchtet. Was aber geschieht, wenn die Truppen der Alliierten erst einmal aus dem Land sind (und irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft werden sie das sein), ist eine ganz andere Frage. Was ein Bürgerkrieg für die Region bedeuten könnte, wenn religiöse und politische Aspekte sich zu einem explosiven Gemisch zusammenbrauen, das malt man sich lieber erst aus, wenn es soweit ist. Und “weit weg” ist das Ganze nicht: Über die Türkei, für die ein Kurdenstaat im Norden des Iraks sicher einen besonderen “Reiz” hätte, steckt das politische Europa dann mitten drin im Schlamassel. Da können deutsche Kanzler sich noch so sehr den Sand in den Kopf stecken, wie ein deutscher Rasen-Philosoph mal formulierte.

Vergessen wir auch nicht, dass die heiligsten Stätten der Schiiten im Irak liegen. Obwohl es eine Rivalität zwischen arabischen und persischen Schiiten geben mag - über die gemeinsame Religion, die im Grunde die einer islamischen Minderheit ist und daher zusätzlich solidarisierend wirken sollte, hat der Iran seinen Fuß sehr weit in der Tür. Die Gesprächsangebote an die USA und das Atomprogramm sind Zeugnisse einer weiteren wesentlichen Auswirkung des Irakkrieges: den Aufstieg des Iran zur wichtigsten Macht am Golf. Nicht so schlimm? Jedes Land hat Anrecht auf die friedliche Nutzung der Atomenergie und die Anreicherung von Uran? Und wenn’s dann doch anders kommt, Israel ist ja weit und das “Nahostproblem” wäre wenigstens endgelöst? Mag mancher so sehen. Alle anderen werden sich aber wohl eher mit einem gewissen Zynismus erleichtert zeigen, dass die USA über die Bedrohung Israels einen Anlass haben, sich um die Eindämmung der Folgen ihrer Fehler zu kümmern. Wegen Bayern täten sie es vielleicht nicht.

Die Büchse der Pandora ist offen. Wie man den Deckel wenigstens wieder schließen könnte, auch ohne Aussicht, das bereits Entwichene wieder zurückzuholen, dafür gibt es im Moment keine realistische Perspektive. Es zeigt sich, dass der Plan kein Plan war, sondern der Beginn einer auf illusorischem und kurzfristigem Denken beruhenden Kette von Improvisationen. Nonnenmacher hat das letzte Wort:

Es scheint sich das Wort des polnischen Publizisten Ryszard Kapucsinski zu bestätigen, dass es “keine Abkürzung in die Zukunft” gibt, auch nicht in eine demokratische.

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13 Kommentare zu “Die Büchse der Pandora”

  1. Marian Wirth
    21.03.2006 | 22:38

    Rayson,

    rein interessehalber und ohne Dir irgendwas unterstellen zu wollen: Hat sich Deine Haltung gegenüber dem Irak-Krieg innerhalb der letzten drei Jahre geändert?

    Meine Haltung hat sich nicht wesentlich geändert. Ich kann mich noch so gut an einen Kommentar aus der NYT ein paar Wochen vor dem Krieg erinnern. Der Titel war: Day Three.

    In der Kolumne hieß es sinngemäß: Am ersten Tag werden wir den militärischen Sieg erringen. Am zweiten Tag werden uns die Iraker mit Reis und Blumen bewerfen. Die entscheidende Frage aber ist: Was passiert am dritten Tag? Bush hat diese Frage bis jetzt noch nicht gestellt.

    Und ich kann mich noch an die neunmalklugen Diskussionen bei dol2day erinnern. (Fast alle Diskussionen dort waren/sind neunmalklug, wie die ganze Bloggerei auch; dessen bin ich mir durchaus bewußt). Am zweiten Tag des Krieges meinte ein eifriger Bushist: “Na, ihr Bedenkenträger??? Wo bleibt jetzt der “Flächenbrand”, vor dem ihr immer gewarnt habt?” Ich habe damals geantwortet: “Ich sehe keinen Flächenbrand. Aber ich sehe jede Menge Leute mit brennenden Fackeln auf einen Riesenhaufen Stroh zurennen.”

    Die jetzige Lage vorhergesehen zu haben (oder für wahrscheinlich gehalten zu haben), ist nun wahrlich nichts, worauf man sich besonders viel einbilden sollte. Aber gerade deshalb hätte sich Schröder nicht so früh festlegen legen dürfen. Und vor allem nicht in dem Ton.

    Ich glaube übrigens, dass der Hauptgrund für den Irak-Krieg ein geostrategischer war: Da man die wachsende Bedeutung Chinas, Indien , Brasiliens usw. schon vorhersehen konnte, wollte man wohl noch schnell im Nahen Osten “aufräumen”, bevor gegen China gar nichts mehr geht. Und der jetzige Atomstreit mit Iran zeigt ja das Dilemma. Mir wäre es allerdings lieber gewesen, man hätte das “Aufräumen” im Nahen Osten damit begonnen, dass man Palästinenser und Israelis solange in Camp David einsperrt, bis sie mit einer echten Friedensstrategie wieder rausgekommen wären.

    Aber was weiß ich schon. Ich bin sehr, sehr froh, dass mir die Informationen fehlen, darüber eine wirkliche Meinung zu haben.

  2. 21.03.2006 | 23:47

    @Marian

    Einfache Frage, einfache Antwort: Nein, meine Einstellung zum Irakkrieg hat sich nicht geändert. Nicht, dass ich alle Folgen damals vorhergesehen hätte, aber dass hinter dem Krieg (in gewisser Hinsicht stinknormale) Interessen eines Imperiums standen, die nicht mit denen von uns Europäern übereinstimmen, war immer schon meine Meinung. Sogar bei dol nachzulesen ;-)

  3. R.A.
    22.03.2006 | 11:32

    @Marian:
    > Ich habe damals
    > geantwortet: “Ich
    > sehe keinen
    > Flächenbrand.
    > Aber ich sehe
    > jede Menge Leute
    > mit brennenden
    > Fackeln auf
    > einen
    > Riesenhaufen
    > Stroh zurennen.”

    Und jetzt, drei Jahre später, kann man klar sagen: Diese Brandstifter haben ihr Ziel NICHT erreicht.

    Die Terroristen sind eine weitgehend isolierte Minderheit. Sie sind zwar leider in der Lage, immer noch täglich Menschen zu ermorden - aber es ist ihnen eben nicht gelungen, das Land in einen Bürgerkrieg zu treiben.
    Noch nicht einmal mit einer so krassen Aktion wie der Sprengung des schiitischen Hauptheiligtums.

    Immer klarer zeigt sich (auch über die steigenden Wahlbeteiligungen), daß die Masse der Irakis den demokratischen Neuanfang unterstützt und KEINE Lust hat, sich von den Fanatikern in einen Bürgerkrieg treiben zu lassen.

    Die deutschen Medien (auch die FAZ) gieren nach Weltuntergangs-Szenarien,
    und ignorieren dabei beständig alle positiven Nachrichten.

  4. Marian Wirth
    22.03.2006 | 16:16

    R.A.,

    in der Diskussion bei dol2day damals ging es nicht um den Irak, sondern um andere islamische Staaten, wie z.B. Pakistan, Syrien, Libanon und Afghanistan.

    Die deutschen Medien (auch die FAZ) gieren nach Weltuntergangs-Szenarien,

    Das tun sie bei allen Themen - und da sollen sie ausgerechnet den Irak auslassen?

    und ignorieren dabei beständig alle positiven Nachrichten

    Ich kann zu “den” deutschen Medien nichts sagen, weil ich meine Informationen über den Irak fast ausschliesslich aus solchen US-amerikanischen Blogs beziehe, die auch jetzt noch den Krieg gegen den Irak nicht nur dem Grunde nach verteidigen, sondern auch die geringste kritische Anmerkung über die Kriegsstrategie als Hochverrat ansehen. Warum soll ich mich mit der minderwertigen deutschen Presse herumschlagen? Und warum sollte ich irgendwas lesen, was mir Gegenargumente gegen den Irak-Krieg liefert? Also: Zeig’ mir eine Quelle, die den Irak-Krieg und jede einzelne damit zusammenhängende Entscheidung der Bush-Administration bedingungsloser verteidigt als The Dignified Rant von Brian J. Dunn, dann können wir weiter über Medien-Quellen reden.

    Ich bleibe dabei: Zuerst hätte Afghanistan befriedet werden und gleichzeitig die Priorität der Lösung des Status’ von West Bank und Gaza erhöht werden müssen. Saddam Hussein war nicht eine so unmittelbare Bedrohung für die USA, wie es jetzt die Lage in Afghanistan, Pakistan und Iran für die ganze Welt ist. Und der Irak-Krieg hat die Lage in diesen Ländern zusätzlich destabilisiert. Zum jetzigen Zeitpunkt vor diesem Hintergrund zu behaupten, der Irak-Krieg sei ein Erfolg, halte ich für nicht überzeugend. Dass Schröder mit seinem unverantwortlichen Kurs alles nur noch schlimmer gemacht hat, steht übrigens auf einem anderen Blatt.

  5. 22.03.2006 | 17:43

    @R.A.

    Ich kommunziere weniger mit den Medien als mit einer Reihe von Bloggern. Irgendwo muss es für die “Pro-Westlichen” ein Konzil gegeben haben, das, hier sogar noch über die Vorgaben des II. Vaticanum hinausgehend, alle Entscheidungen einer konservativen US-Regierung für unfehlbar erklärt haben und die sich und ihren Lesern weismachen wollen, es ginge hier ausschließlich um Freiheit und Demokratie. Auf das Gegenextrem, die üblichen Anti-Amerikanismen, will ich da gar nicht erst eingehen. Generell übrigens, und etwas Sinngemäßes habe ich auch mal in Marians eigenem Blog geschrieben: Der anderen Meinung zu unterstellen, sie existiere nur duch Manipulationen einer einseitigen Presse, ist ein ziemlich schlechter Einstieg in eine Diskussion.

    Die Terroristen mögen ihre Ziele nicht erreicht haben, aber das sind wir von Terroristen ja gewohnt - aber das hat ihn noch nirgendwo beendet. Isoliert sind die Terroristen da, wo sie andere Machtstrukturen bedrohen, und wo ihrem Terror überwiegend die “eigenen” Leute zum Opfer fallen.

    Der Bürgerkrieg im Irak braucht keine Terroristen von außen, er ist in der Struktur des Landes angelegt. Natürlich kann ich jetzt, nachdem ich im 16. Stock aus dem Fenster gesprungen bin und gerade am 3. vorbeirausche, immer noch standfest behaupten, dass bis hier ja noch alles gutgegangen sei, auch wenn der Boden immer näherrückt und ich mit einem Minimum an naturwissenschaftlicher Bildung die wahrscheinliche weitere Abfolge des Geschehens vorhersagen kann.

    Die negativen Folgen des Irakkriegs gehen sowieso bereits heute über das hinaus, was Terroristen vor kurzem noch nicht zu träumen gewagt hätten: Die USA sind in den Augen der Araber endgültig nur noch eine imperialistische Großmacht der Ungläubigen, die sich selbst nicht an das hält, was sie von anderen einfordert und insgesamt mit zweierlei Maß misst. Bist du schwach, zerquetschen sie dich gnadenlos, also sei besser nicht schwach.

    Und was soll das Gerede von Demokratie? Wahlen hat es gegeben. Und eine hohe Wahlbeteiligung. Ist das bereits Demokratie, wenn ich danach strebe, die Macht meiner eigenen Volksgruppe oder Religion auf allen Ebenen auszudehnen? Nach welchen Kriterien sind die Parteien denn gebildet? Die Schiiten sind große Freunde des Prinzips “one man, one vote”. Sie sind die Mehrheit, und die Amis machen Kosmetik drumherum, weil sie formal eine erfolgreiche Demokratisierung verkaufen müssen, um je wieder abziehen zu können. Wer mir erzählen will, die Prinzipien einer parlamentarischen Demokratie seinen im Irak gesellschaftlicher Konsens, der suche sich bitte ein anderes Opfer für seine Geschichten aus 1001 Nacht.

    Welches Interesse sollen Kurden und Schiiten denn überhaupt noch an einem Staat Irak haben? Warum sollen die ganz heiß auf etwas sein, was schon auf dem Balkan keine Zukunft hat?

  6. 22.03.2006 | 19:05

    Wenn der Bürgerkrieg in der Struktur des Irak angelegt ist, inwiefern hätte dann ein friedlicher Umsturz ein anderes Ergebnis gezeitigt? Wenn es stimmt, was Du sagst, dann hätte westliche Soft Power und Stärkung “zivilgesellschaftlicher Kräfte”, die im Idealfalle zu einem erfolgreicher Volksaufstand und zum Sturz Saddam Husseins hätten führen können, doch genau das gleiche Ergebnis gehabt. Denn die drei großen konfessionellen bzw. Volksgruppen - Schiiten, Sunniten, Kurden - hätte es auch dann gegeben, und ihre jeweiligen Interessen auch. Die Alternative wäre natürlich westliche Nichteinmischung gewesen, also Beibehaltung des Status quo unter Saddam. Bzw. sogar dessen Unterstützung zur “Stabilisierung” des Irak, hätten oppositionelle Kräfte irgendwann an Kraft gewonnen, einen Umsturz vorzubereiten. Wäre das erfreulicher?

  7. 22.03.2006 | 19:19

    Richtige Frage. Ich will auch nicht mehr, als die umgekehrt zu stellen. Wenn sich am Endresultat schon nichts ändert, was rechtfertigt dann den Krieg und die Besetzung? Mal abgesehen von der Ersetzung des Völkerrechts durch die Macht des Stärkeren.

  8. R.A.
    23.03.2006 | 10:44

    @Marian:
    > in der Diskussion
    > bei dol2day
    > damals ging es
    > nicht um den
    > Irak, …
    Dann ist Dein Eingangs-Statement aber ziemlich verwirrend …

    Aber ich sehe auch in der übrigen islamischen Welt nicht den Flächenbrand, der regelmäßig prophezeit wird.

    > Ich kann zu
    > “den” deutschen
    > Medien nichts
    > sagen
    Ähm - aber der wesentliche Aufhänger Deines Beitrags war der FAZ-Kommentar.
    Und der ist halt typisch deutscher Mainstream.

    > Zuerst hätte
    > Afghanistan
    > befriedet
    > werden …
    Das ist Theorie.
    In der Praxis kann man sich selten aussuchen, in welcher Reihenfolge sich die Probleme aufdrängen.

    Im übrigen ist Afghanistan - trotz aller Probleme - doch ziemlich befriedet, worauf hätte man da noch warten sollen?

    > und gleichzeitig
    > die Priorität
    > der Lösung des
    > Status’ von West
    > Bank und Gaza
    > erhöht werden
    > müssen.
    Wenn die US-Politik mit ihren sonstigen Maßnahmen warten müßte, bis sich dieses ewige Problem löst - dann könne sie ihren Laden gleich dichtmachen.

    Die beiden Themen Palästina und Irak haben letztlich auch ziemlich wenig miteinander zu tun.

    > Zum jetzigen
    > Zeitpunkt vor
    > diesem
    > Hintergrund zu
    > behaupten, der
    > Irak-Krieg sei
    > ein Erfolg, …
    Das habe ich auch nicht behauptet.
    Ich widerspreche nur der FAZ-Interpretation vom totalen Mißerfolg.
    Und ich bestreite, daß der Terrorismus dort als Bürgerkrieg bezeichnet werden kann - dazu fehlt ihm der Rückhalt in der Bevölkerung.

    Ansonsten ist die Frage Erfolg oder Nicht-Erfolg das typische Problem mit dem halb vollen Glas Wasser.

    Ich bin persönlich NICHT zufrieden mit den Zuständen im Irak.
    Aber ich glaube eben nicht, daß die Zustände bei Verzicht auf den Krieg gegen Saddam besser geworden wären.

  9. R.A.
    23.03.2006 | 10:56

    @Rayson:
    > Irgendwo muss es
    > für die
    > “Pro-Westlichen”
    > ein Konzil
    > gegeben haben, Weiß ich nicht, die US-Blogs lese ich selten.
    Ich bin auch weder ein besonderer Anhänger von Bush noch allgemein den USA zugeneigt, dazu bin ich zu sehr “alter Europäer”.

    Es ist daher eher paradox, wenn ich in den letzten Jahren immer wieder die US-Politik verteidige - aber m. E. ist es halt klar, daß die übrigen diskutierten Alternativen alle noch deutlich schlechter gewesen wären.

    Mein persönlicher Favorit in dieser Frage (und nur in dieser) ist übrigens nicht Bush, sondern Tony Blair.
    Der hat das gemacht, was Politiker selten tun (können): Eine von ihm für richtig gehaltene Maßnahme durchgezogen, obwohl er damit voraussehbar in Partei und Land erhebliche Probleme bekommen würde.
    Das ist echtes Verantwortungsbewußtsein.

    > dass bis hier ja
    > noch alles
    > gutgegangen sei,
    > auch wenn der
    > Boden immer
    > näherrückt
    Vor zwei Jahren wäre dieses Bild noch möglich gewesen.
    Aber irgendwann halt nicht mehr.
    Wieviele Jahre muß der Bürgerkrieg denn noch ausbleiben, damit Du zugestehst, daß wir doch nicht im freien Fall sind?

  10. 23.03.2006 | 13:32

    Wieviele Jahre muß der Bürgerkrieg denn noch ausbleiben, damit Du zugestehst, daß wir doch nicht im freien Fall sind?

    Ach so, ich wusste nicht, dass du von einer dauenden Besetzung ausgehst.

  11. R.A.
    23.03.2006 | 14:59

    > ich wusste nicht,
    > dass du von einer
    > dauenden
    > Besetzung
    > ausgehst.
    ???
    Habe ich nie behauptet.

    Der Unterschied zwischen Terrorismus und Bürgerkrieg ist völlig unabhängig davon, wieviele US-Truppen noch im Irak stehen.

    Im übrigen empfehle ich folgenden Text:
    http://www.achgut.de/dadgd/view_article.php?aid=2142&ref=0

  12. 23.03.2006 | 15:08

    Den Bürgerkrieg kann es erst dann geben, wenn die Besatzer raus sind.

  13. Marian Wirth
    24.03.2006 | 14:44

    R.A.,

    Dann ist Dein Eingangs-Statement aber ziemlich verwirrend …

    Ja.

    Aber ich sehe auch in der übrigen islamischen Welt nicht den Flächenbrand, der regelmäßig prophezeit wird.

    Einer der Gründe, warum ich mich - spätestens seit den Diskussionen bei dol2day vor zwei Jahren - von Äusserungen zu dem Thema fern halte, ist der, dass es sich bei der Beurteilung von Teilaspekten nur um Wertungsfragen handelt und sich beide Seiten gegenseitig die Qualifikation absprechen, diese Wertung vornehmen zu dürfen. Und die “Flächenbrand”-Frage gehört für mich eindeutig in diese Kategorie. Für mich ist das, was im Moment in der sogenannten islamischen Welt abgeht, schlimmer als ein Flächenbrand, denn ein Flächenbrand würde erstens bedeuten, dass er irgendwann auch erlischt, wenn kein brennbares Material mehr da ist und zweitens, dass er von keiner Seite mehr zu kontrollieren ist.

    Im Moment sieht es aber so aus, dass bestimmte Regierungen und ein paar Dutzend Hassprediger auf der ganzen Welt die Lage kontrollieren; sie lassen die Resentiments gegen “den Westen” auf kleiner Flamme kochen - und wenn es ihnen gerade in den Kram passt, dann streuen sie ein Gerücht oder nehmen irgendeine Kriegshandlung zum Anlass, um ihnen unterstehende Personengruppen aufzuhetzen. Das Resultat sind dann jeweils ein paar zerstörte “westliche” Gebäude und ein paar Dutzend tote Moslems mehr.

    Auch wenn sich in den meisten Ländern (von Pakistan und Indonesien mal abgesehen) nicht viele Moslems für diese Spielchen einspannen lassen, so haben diese Vorfälle jeweils zur Folge, dass die Verbitterung in der islamischen Welt gegen “den Westen” wächst.
    Und diese Verbitterung - so unberechtigt sie ist - war vor dem Irak-Krieg noch nicht so groß.

    Ähm - aber der wesentliche Aufhänger Deines Beitrags war der FAZ-Kommentar.

    Nö. Mein wesentlicher Aufhänger war der Eintrag von Rayson.

    In der Praxis kann man sich selten aussuchen, in welcher Reihenfolge sich die Probleme aufdrängen.

    Der Irak war eben kein Problem, das sich aufdrängte. Wenn für mich eines sicher ist, dann, dass die Entscheidung, den Irak-Krieg zu beginnen am 11. September 2001 gefällt wurde. Die Pläne dazu gab es schon vorher. Die Bedrohungslage war eine rein theoretische, während die gescheiterten Friedensverhandlungen in Camp David noch nicht so lange her waren, dass man dort ansetzt und so vermeidet, dass durch neue Ereignisse die Kluft zwischen Israelis und Palästinensern wieder grösser wird.

    Im übrigen ist Afghanistan - trotz aller Probleme - doch ziemlich befriedet, worauf hätte man da noch warten sollen?

    Also, nach allem, was ich weiß, ich die Lage in Afghanistan jetzt instabiler, als sie zu Beginn des Irak-Krieges war:
    - der Krieg gegen die Taliban an der pakistanisch-afghanischen Grenze ist immer noch im Gange

    - die Minen im Land sind nicht beseitigt

    - der Mohnernte ist jetzt höher als 2002 und 2003

    - die Bedrohungslage an den ISAF-Einsatzorten hat sich durch Selbstmordattentate und sonstige Terroranschläge in den letzten Monaten verschlechtert und die Bundeswehr kann sich dort nur halten, weil sie von den Amis beschützt wird

    - in den übrigen Landesteilen haben die alten Machthaber die Machtposition zurück erlangt, die sie vor dem Einmarsch hatten; das wird uns als “Demokratisierung” verkauft, weil man mittlerweile erkannt hat, dass man gegen die regionalen Clan-Chefs nichts machen kann

    - nach anfänglichen Erfolgen (Aufbau von Schulen, Zurückholen der Frauen ins öffentliche Leben) gibt es auch im gesellschaftlichen Wiederaufbau erhebliche Rückschläge.

    Die Aufgaben, die sich nach der Entmachtung der Taliban gestellt haben (Entminung des Landes, vollständiger Sieg gegen die Taliban samt Verhaftung von OBL, Entwaffnung der anderen vormaligen Bürgerkriegsparteien, Schaffung einer Perspektive für die Bauern zwecks Verzicht auf Mohn-Anbau) sind weit davon entfernt, als erledigt betrachtet werden zu können. Um diese Aufgaben wirksam erledigen zu können, hätte man mehr Truppen gebraucht - aus welchen Ländern auch immer. Durch den Irak-Krieg fällt die “Koalition der Willigen” als zusätzlicher Geld- oder Truppengeber aus.

    Wenn die US-Politik mit ihren sonstigen Maßnahmen warten müßte, bis sich dieses ewige Problem löst - dann könne sie ihren Laden gleich dichtmachen.

    Und deshalb schrieb ich ja auch: “Priorität erhöhen” und nicht “lösen”.

    Die beiden Themen Palästina und Irak haben letztlich auch ziemlich wenig miteinander zu tun.

    Zum einen stellte der Irak unter Saddam Hussein eine latente militärische Bedrohung für Israel dar und SH hat die Familien von palästinensischen Selbstmord-Attentätern finanziell unterstützt. Zum anderen trägt der Irak-Krieg zur Wahrnehmung in der islamischen Welt bei, dass es einen Krieg “des Westens” gegen “die islamische Welt” gibt. Mir wäre es einfach lieber gewesen, man hätte darauf verzichtet, diesem Mythos nicht noch mehr Nahrung zu geben und stattdessen diejenigen Kräfte vor allem in der arabischen Welt zu unterstützen, die darauf hinweisen, dass die arabischen Nationen ja auch nicht gerade Palästinenser-freundlich sind.

    Und die Sache mit der Domino-Theorie ist ja wohl komplett gescheitert.

    Und ich bestreite, daß der Terrorismus dort als Bürgerkrieg bezeichnet werden kann

    Mir ist es völlig gleichgültig, ob man die Lage im Irak nun als Bürgerkrieg bezeichnet oder nicht. Ich halte mich auch völlig raus, wenn es um die Beurteilung der Zukunft des Iraks geht. (Man könnte ja zum Beispiel auch die Frage stellen, wie lange eigentlich SH mit den Spannungen im Land noch fertig geworden wäre). Das allerdings, was Mark Steyn bezüglich der hypothetischen Opferzahlen von SH anführt, sind doch völlig unwissenschaftliche Hypothesen.

    Aber ich glaube eben nicht, daß die Zustände bei Verzicht auf den Krieg gegen Saddam besser geworden wären.

    Hinsichtlich des Irak stimme ich Dir zu. Hinsichtlich der restlichen Problem-Herde bin ich der Meinung, dass sie sich die Lage dort wohl kaum “verbessert” hätte, dass sie sich aber durch den Irak-Krieg verschlechtert hat. Das werde ich nicht beweisen können, und mein Missionierungsdrang hält sich da auch sehr in Grenzen.

    Was mich nur immer wieder wundert, und diese Verwunderung bezieht sich nicht auf Dich, sind die Leute (Blogger, Kolumnisten, Journalisten), die mit etwa meinem Zugang zu Informationen im Brustton der Überzeugung Urteile über die Lage im Irak fällen, die diese Informationsquellen einfach nicht hergeben. Das gilt sowohl für Befürworter als auch für Gegner des Irak-Krieges.

    Eine Anmerkung noch zu denjenigen, die den Irak bereisen und dann mit ihren unanfechtbaren, weil aus erster Hand erlangten Eindrücken und Informationen besondere Glaubwürdigkeit für sich beanspruchen: Tut mir leid, aber auch diese Menschen liefern nur einen Bruchteil der zur Evaluierung der Lage notwendigen Informationen; auch ihre Wahrnehmung ist begrenzt; auch sie haben sie nicht in ganzen Land umgeschaut und mit allen möglichen Akteuren gesprochen. Um einen Vergleich zu ziehen: Obwohl ich Deutscher bin, mich im Land gut auskenne und schon in verschiedenen Bundesländern gelebt habe, würde mir nicht zutrauen, einen “wahrheitsgemäßen” Eindruck von Deutschland verkünden zu wollen. Und ich bin ich immer extrem skeptisch, wenn es um solche “Ich war im Land, ich kenn’ mich aus”-Stücke geht - egal, ob es sich nun um China oder - wie hier - den Irak handelt.

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