FDP - das neue SPON-Feindbild

Dem aufmerksamen Leser dieses Blogs wird mein “Parteibuch” (in Wirklichkeit eine Plastikkarte) nicht entgangen sein. Hoffentlich aber auch nicht die Distanz, die ich dem aktuellen Politikangebot dieser Partei gegenüber zu wahren versuche.

Dennoch: Die Nummer, die SPON zur Zeit spiegeltypisch abzieht, provoziert meinen Widerspruch. Da wird in einem Beitrag die Lage der FDP beleuchtet, als sei es ihr Fehler, dass die schwarz-rote Koalition den Mediengesetzen gehorchend alle Diskussion erstickt. Die Grünen fliegen in Rheinland-Pfalz aus dem Parlament? Kein Thema, aber das Ende des Mitregierens trotz Stimmengewinnen bei den Liberalen ist Anlass zu hämischen Abgesängen. Diese Journaille, die der FDP bei jeder Gelegenheit vorhält, sie sei geil aufs Mitregieren, scheint sich in ihrem eigenen Zerrbild verfangen zu haben.

Witzig das Zitat im Artikel über Öttingers Taktieren: “Die Grünen statt der handzahmen FDP am Kabinettstisch, das wird er sich nicht trauen”. Wenn die FDP handzahm zu nennen ist, wie müssen wir denn dann das Verhalten der Grünen in den rot-grünen Koalitionen bezeichnen? Devot? Wo ist eigentlich das rot-grüne “Projekt” geblieben? Anspruchsstaatsbürgerschaft, Homo-Partnerschaft und Atomausstieg - war’s das? Ist es die Aufgabe des “kritischen Journalimus”, das Machtkartell der schwarz-roten Koalition ausgerechnet der größten der drei kleinen Oppositionsparteien aufs Butterbrot zu schmieren?

Vielleicht erleben wir momentan mindestens ein doppeltes Versagen. Der Staat flüchtet sich in die Friedhofsruhe eines Kartells, und die Presse, ihrer Parteibuchfeindbilder weitgehend beraubt, assistiert notgedrungen, weil ein personalisierungsfähiger Antagonismus beim besten Willen nicht herzustellen ist. Kurz: Alles schreit nach einem Haider. Ich hoffe, keiner hört’s.

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17 Kommentare zu “FDP - das neue SPON-Feindbild”

  1. 28.03.2006 | 7:05

    Das ist leider seit einiger Zeit Spiegel-Masche. Scheinbar verzeihen sie der FDP nicht, dass die Partei verschwindet, obwohl doch der Spiegel festgelegt hat, das die FDP eigentlich überflüssig ist.

    Ich habe dieses Magazin seit mehr als 20 Jahren im Abo, aber es wird mir wöchentlich immer schwerer, es zu lesen.

  2. Parker8
    28.03.2006 | 11:55

    Eine Möglichkeit für Sie, sich weniger zu ärgern wäre, SPON gar nicht mehr zu lesen. Es gibt ja noch die Focus-Site oder FAZ.NET. Zwar kommt mir SPON gar nicht ‘linkslastig’ vor, aber bei den Genannten wären Sie bestimt auf der sicheren Seite. Und schließlich sind das ja auch keine Randmedien (mit jeweils 15 bzw. 8 Mio. Visits im Monat).

    Sie gehen ja auch nicht in die SPD, um sich zu ärgern. - Keine Ursache für den Tip zur Lebenshilfe.

  3. 28.03.2006 | 12:59

    @Parker8

    Für manch einen scheint das vielleicht nicht ganz so leicht zu verstehen zu sein - aber ich vermute, dass es dem Kollegen Rayson weniger um links oder rechts geht als vielmehr um schlechten oder guten Journalismus.

  4. 28.03.2006 | 13:03

    Ich glaube noch nicht einmal, dass der Spiegel bewusst linkslastig ist. Es ist nur so schön einfach, alte Klischees aufzuwärmen. Wahrscheinlich gibt es solche Standardartikel über die FDP, über Bush oder Berlusconi schon als MS-Word-Vorlage. Da muss dann nur noch das Datum drauf gesetzt werden und fertig.

    Im Kopf des Lesers sind bereits die enstprechenden neuronalen Netzwerke angelegt, die entsprechenden Assoziationsketten vorhanden, und so muss nur ein Stichwort fallen und das Netzwerk erzählt die ganze Geschichte von alleine. Der Autor muss sich nicht bemühen und der Leser nicht anstrengen. Trotzdem wird er von den Assoziationen betäubt. Das nennt der deutsche Michel dann Nachrichtenmagazin, ich nenne es Schlafmittel.

  5. Michael Herzog
    28.03.2006 | 13:22

    Die FDP kann nach dem Ausscheiden aus zwei Länderkabinetten noch entschiedener und ohne taktische Rücksichten Alternativ- und Gegenpositionen zu tendenziell faulen schwarz-roten Kompromissen artikulieren und damit ihr Profil und ihre Glaubwürdigkeit weiter schärfen.

    Selbst in Sachsen-Anhalt scheint es unterdessen einen harten Kern von FDP-Wählern zu geben, der sie sicher über der 5%-Marke etabliert.

    Andernorts scheint das inzwischen ohnehin gesichert. Und das nach Abschmelzen aller nur taktischen oder Protest-Wähler.

    Vor diesem Hintergrund finde ich Niebels Rede vom Substanzgewinn der FDP durchaus stichhaltig.

    Und auch Genschman — mir ansonsten durchaus unsympathisch — hat recht, wenn er von der FDP als der einzigen gesamtdeutschen Oppositionspartei spricht.

    Die FDP ist geht strategisch gestärkt aus dieser Wahl hervor. Das Ausscheiden aus zwei Landesregierungen ist demgegenüber eine Marginalie.

  6. 28.03.2006 | 14:15

    @Parker8

    Der Spiegel “linkslastig”? Das ist dann aber eine sehr bescheidene Definition von “links”.

    Im Übrigen hat Boche es schon gesagt: Mir geht es weniger um die Meinung selbst als um die Art, wie sie vertreten wird. Wenn ich nur Liberales lesen wollte, müsste ich von der F.A.Z. den Hauptteil und das Feuilleton jedes Mal ungelesen entsorgen…

    Vielen Dank, aber die Anwendung dieser Art von “Lebenshilfe”, nämlich sich selbstreferenziell in den eigenen Gedanken einzumauern, die Welt in Freund und Feind einzuteilen und ansonsten ein guter Soldat zu sein, die überlasse ich dann doch lieber den Kommentartrollen in den vielbesuchten Blogs.

  7. 28.03.2006 | 16:27

    Parker8,

    ich denke doch, dass es mir aufgefallen wäre, wenn SPIEGEL ONLINE links”lastig” wäre. Ist er nicht. SpOn ist vor allem eines, nämlich destruktiv. SpOn ist immer dagegen, vor allem, wenn zu vermuten ist, dass die Mehrheit seiner Leser und Leserinnen es auch ist. SpOn betont die Schadenfreude. Dort werden gerne menschliche Schwächen vorgeführt, bei gleichzeitiger Verschweigung der eigenen Schwächen.

    Warum ich trotzdem SpOn lese? Weil er mir immer wieder vor Augen führt, was mich an der deutschen Gesellschaft manchmal verzweifeln läßt. Und weil er für sehr, sehr viele Menschen mittlerweile die Hauptnachrichtenquelle ist. Dass das so ist, finde ich bedauerlich - ignorieren kann ich es nicht.

  8. Patentizität
    28.03.2006 | 22:47

    Der Staat flüchtet sich in die Friedhofsruhe eines Kartells, und die Presse, ihrer Parteibuchfeindbilder weitgehend beraubt, assistiert notgedrungen, weil ein personalisierungsfähiger Antagonismus beim besten Willen nicht herzustellen ist.

    Im ähnlichen Zusammenhang sprach übrigens der Parteienforscher Franz Walter von “Baldrian-Politik”.

  9. Rayson
    28.03.2006 | 22:50

    Yep, und der Unterschied ist: Er gilt als Experte und kassiert C-irgendwas. Ich bin nur ein kleiner Blogger.

  10. Parker8
    28.03.2006 | 23:42

    Dass die Beiträger dieses Blogs mit ihrer Dauerkritik an SPON bloß ihrer ständigen Sorge um journalistische Qualität Ausdruck geben wollen, nehme ich mal zur Kenntnis. Zu bedenken ist allerdings, dass kein deutsches Online-Medium auch nur annähernd eine solche Menge originärer Artikel pro Tag produziert. Eventuelle Unzulänglichkeiten sind in Relation dazu zu sehen.

    Dass die Spiegel-typische Schreibe erkennbar ist, hat die Grimme-Jury letztes Jahr nicht nur verzeihlich, sondern lobenswert gefunden: “SPIEGEL ONLINE hat eine adäquate Form gefunden, das neue Medium zu nutzen und zugleich eine fruchtbare Bindung an das Muttermedium zu pflegen, die sich bis in den Schreibstil hinein ausdrückt.” Das ist eben das Markenzeichen und unter marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten nicht kritisierbar.

    Offensichtlich sind wir uns darin einig, dass SPON eine große Meinungsvielfalt hat. (Man denke allein an die verschiedenen prononcierten Meinungen zum Mittleren Osten.) Anderen Sites, wie beispielsweise FAZ.NET, täte das auch gut.

  11. Rayson
    29.03.2006 | 0:33

    Dem kann ich nicht folgen. Menge wäre dann eine Entschuldigung, wenn es sich bei den kritisierten Texten nur um Nachlässigkeiten handeln würde. Davon gehen wir nicht (mehr) aus.

    Nochmal: Es geht nicht um die Meinung, sondern um die Methoden, mit denen sie transportiert wird.

  12. 29.03.2006 | 7:23

    Aber um noch einmal zur eigentlichen Sache zurückzukommen: Interessant ist doch, was SpOn nicht geschrieben hat. Die Grünen sind ja eigentlich die direkten Konkurrenten der FDP. Sie sind aber aus den letzten Wahlen nun wirklich nicht gestärkt hervorgegangen, obwohl Herr Bütikofer sich verzweifelt darum bemüht, das Ergebnis schönzureden. Die eigentliche Meldung wäre also gewesen, dass die FDP nach den Wahlen am Sonntag in drei Landtagen sitzt und die Grünen nur in einem. Ich denke, dass die FDP insgesamt eine bessere Ausgangsposition für die nächsten Bundestagswahlen hat — wann immer die stattfinden.

  13. 29.03.2006 | 12:11

    Spiegel und Spiegel Online haben garantiert keine klare politische Linie. Eine statistische Analyse der politischen Spiegel-Beiträge der letzten 10 oder 100 Jahre würde das belegen. Sie würde wahrscheinlich genau das zeigen, was Dirk in seinem Comment sagt: Wenn Spiegel-Redakteure einen Artikel schreiben wählen sie aus einem Dutzend Standard-Formatvorlagen die passende aus. Die Formatvorlage enthält vorgefertigte Textpassagen, in die je nach Bedarf “links” oder “rechts”, “grün” oder “gelb”, “dick” oder “dünn” eingesetzt werden kann. Im Moment ist offenbar mal wieder “gelb” dran. Vielleicht ist der grün-bashende Kollege gerade im Urlaub. So what?

  14. 29.03.2006 | 12:35

    Vielleicht ist der grün-bashende Kollege gerade im Urlaub. So what?

    Was hier für die FDP steht, würde ich umgekehrt auch für die Grünen gelten lassen, wenn der Spiegel da ähnlich wurschtig zur Sache geht. Denen stehe ich nur nicht so nahe, dass mich das ebenso ärgern würde. Aber das hängt nun wirklich nicht von Urlaubsplanungen ab, sondern von einer generellen Linie, die vorgegeben wird.

    Da Schwarz-Grün momentan das Thema ist, dass die Journalisten, die es gewohnt sind, Politik als Parteipolitik zu verstehen, am meisten fasziniert, dürfen wir uns darauf einstellen, dass bestimmte CDU-Politiker (Müller, Öttinger) und die Grünen in Zukunft sehr pfleglich vom Spiegel behandelt werden.

    Die FDP ist bis zur nächsten Bundestagswahl journalistisch uninteressant, selbst wenn sie nobelpreisverdächtige Lösungsvorschläge für die deutschen Probleme hätte. Deswegen kann man es sich leisten, auf sie einzuprügeln. Vielleicht springt ja ein Wechsel des politischen Personals dabei heraus, und das wieder würde die Partei interessant machen. Journalisten folgen der Macht wie Fliegen der Sch…

  15. 29.03.2006 | 13:35

    @ rayson:

    Bestimmt hast Du Recht, dass schwarz-grün im Momnet das next big thing für Spiegel Online ist. Aber das ist auch nur eine kurze Mode. Danach kommt erstmal wieder die Politikverdrossenheitrhethorik, bei der alle Parteien schlecht sind. Dann wird entdeckt, dass die große Koalition den Oppositionsparteien Auftrieb gibt, was dazu führt, dass FDP und Grüne in einen Trendtopf geworfen werden (ob sie es wollen oder nicht). Dann, kurz vor dem EU-Beitritt Rumäniens, werden die Rechtsextremen Parteien entdeckt und mit angewiderter Faszination umtanzt. Dann … Wenn man von alledem dann den statistischen Durchschnitt nimmt, stellt sich heraus, dass der Spiegel keine klare parteipolitische Linie hat.

  16. 29.03.2006 | 13:45

    Wenn man von alledem dann den statistischen Durchschnitt nimmt, stellt sich heraus, dass der Spiegel keine klare parteipolitische Linie hat.

    Sieht das hiesige Autoren-Kollektiv genau so.

  17. 31.03.2006 | 20:10

    Auch wenn es hier keiner gerne hört: Möllemanns Konzept war doch richtig. Wenn wir jetzt nicht auf einen postmodernen, emanzipatorischen Populismus der bürgerlichen Mitte setzen, sind wir verloren. Haider? Nein! Aber ein bißchen Christoph Blocher, Anders Fogh Rasmussen oder Pim Fortuyn dürfte es schon sein!

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