28. März 2006
Quod licet iovi non licet bovi
Als Weltmacht hat man es nicht leicht. Hält man Dokumente unter Verschluss, wittert alle Welt finstere Machenschaften. Veröffentlicht man sie, ist das aber auch zu tadeln - jedenfalls, wenn es nach SPON geht. Denn - oh Schreck - böse “konservative Blogger” oder gar solche “aus der rechten Ecke” könnten diese Dokumente nutzen, um die eigene Meinung, nämlich dass Saddam Massenvernichtungswaffen besessen und mit Al Qaida im Bunde gestanden habe, bestätigt zu sehen. Wie fies.
Einige professionelle Geheimdienstanalysten sind darum entsetzt über eben jene Idee, die die Blogger so begeistert: Dass jeder die Dokumente einsehen und sich sein Vorkriegs-Szenario zurechtschustern kann. “Es gibt keine Qualitätskontrolle”, bemängelt der ehemalige CIA-Terrorspezialist Michael Scheuer. “Es wird da draußen Leute mit gefährlichem Halbwissen geben, die verrückte Schlüsse ziehen werden”, warnt er.
Ja sowas. Haben wir davon gewusst, dass es solche Kreaturen gibt, als wir das Informationsfreiheitsgesetz (Achtung: Der Link entbehrt aus aktuellem Anlass nicht der Ironie…) einführten? Noch dazu so ganz ohne ZensurQualitätskontrolle? Das haben wir ja noch nie so gemacht, wo kämen wir dahin, da könnte ja jeder kommen!
In seiner Verzweiflung ruft SPON schließlich sogar noch die Regierung Bush (der Autor scheint die auf derselben Plattform erscheinende “Zwiebelfisch”-Kolumne nie gelesen zu haben und faselt etwas von “Administration”) als Kronzeugen auf, obwohl es doch diese hinter der so sehr zu verurteilenden Veröffentlichung vermutet. Merke: Bürgerrechte sind immer Instrumente im politischen Kampf. Konservative Amerikaner dürfen daraus keinen Nutzen ziehen.
Verfasst von Rayson um 20:47 Uhr in der Kategorie International, Politik, Presse / SPON- und taz-Blog (Trackback)