Unpolitik, Unprobleme und Unlösungen

Ich fing mit dem politisch motivierten Bloggen an, als gerade Bundestagswahlkampf war. Das war Zufall, denn der Zeitpunkt wurde durch die Gegebenheiten in der politischen Plattform bestimmt, in der ich mich vorher tummelte. Wenn ich heute mit damals vergleiche, dann fällt sofort ein ingesamt geringeres Niveau politischer Aktivität auf. Zahlreiche Blogs schweigen, seitdem das Wahlergebnis bekannt ist. Offensichtlich wurde unter “Politik” in weiten Teilen “Parteipolitik” verstanden. Den so Motivierten kam es nicht darauf an, sich Gedanken über politische Probleme zu machen und diese zur Diskussion zu stellen, sondern sie versuchten vor allem, die von ihnen präferierte Partei zu unterstützen. In manchen sich ab und an politisch gebärdenden Blogs ist diese Neigung (bzw. Abneigung gegen die anderen) auch heute noch zu spüren.

Bei B.L.O.G. können wir damit nicht viel anfangen. Von den vier mehr oder weniger aktiven Autoren haben, soweit ich weiß, nur zwei ein “Parteibuch”, und zwar ein unterschiedliches. Einer war bis kurz vor der Wahl bei den Grünen, und ein anderer hält sich von den Parteien eher fern. Wir treten zwar für liberale Ideen ein, sehen diese aber nicht an bestimmte Parteien gekoppelt. Bis auf die Linkspartei/PDS/SED dürfte es in allen im Bundestag vertretenen Parteien Mitglieder geben, deren Einstellung man als liberal bezeichnen würde. So wie es, diesmal einschließlich der Linkspartei/PDS/SED, in allen Parteien Sozialdemokraten gibt. Alles mit zum Teil durchaus unscharfen Abgrenzungen.

Wenn wir hier über Politik reden, dann meinen wir, von wenigen Ausnahmen mal abgesehen, etwas in der Art, wie es u.a. bei Wikipedia zu lesen ist. Wir wollen uns mit konkreten Themen beschäftigen und unsere Meinung dazu zum Besten geben, ohne vorher auf der Website irgendeiner Partei nachzuschauen, welche das denn heute zu sein hätte. Die Art Politik, die den Wettbewerb der Parteien zum Inhalt hat, nenne ich von jetzt an “Unpolitik”, wobei mir die Ambivalenz der schönen deutschen Vorsilbe “un” sehr entgegenkommt. Leider ist die Unpolitik nicht nur das, was die Medienberichterstattung beschäftigt, sondern auch das, was in den Köpfen der führenden politischen Unternehmer steckt. In der Ökonomischen Theorie der Politik wurden diese mal als “Stimmenmaximierer” bezeichnet; die so gut wie nicht vorhandene Reaktion auf die sinkenden Wahlbeteiligungen legt allerdings eher die Bezeichnung “Stimmenanteilmaximierer” nahe - im Gegensatz zu den Märkten, die wir sonst kennen, ist der für Politiker zu verteilende Kuchen nicht abhängig von der Größe des Stimmenmarktes.

Das Ziel der Unpolitik ist es, für Unprobleme Unlösungen zu finden. Wir können das am Beispiel des Gesundheitswesens einmal durchexerzieren. Die steigenden Ausgaben im Gesundheitswesen sind z.B. ein Unproblem. Da haben wir schon mal nachhaltiges Wachstum in einem Markt und wollen es nicht? Ein Problem wird das Unproblem durch die Art der Allokation: In hohem Maß staatlich regulierte Märkte werden durch Zwangsabgaben auf den Faktor Arbeit bedient, die ganz bewusst nicht dem Äquivalenzgebot folgen. Eine Lösung müsste an allen Punkten anknüpfen: Mehr Wettbewerb, weniger Zwang, weniger Belastung des Faktors Arbeit (bzw. von Produktionsfaktoren schlechthin), mehr Äquivalenz. Auf diese Herausforderung hat die Politik jetzt geantwortet, indem sie sich ein neues Unproblem gebastelt hat. Die beiden Koalitionsparteien haben sich auf den Aspekt “Entlastung der Arbeit” beschränkt und bieten dafür unterschiedliche Rezepte an, die sich im Wesentlichen in ihrer primären (d.h. politisch relevanten) Verteilungswirkung und in der Option “Belastung des Konsums” unterscheiden. Die Reduzierung des eigentlichen Problems auf diesen Aspekt ist die eine Seite des Unproblems. Die andere Seite ist, dass sich die Aufmerksamkeit jetzt nicht etwa darauf richtet, welcher Ansatz wenigstens zielführender wäre als der andere, sondern allein darauf, wer sich wie weit durchsetzt. Für dieses Unproblem gibt es auch eine Unlösung: einen Mischmasch aus beiden Modellen. Dieser Berg wird monatelang kreißen, und die simple Tatsache, dass sich zwei Parteien auf irgendwas geeinigt haben, wird uns als Problemlösung verkauft werden. Dass der größte Teil des Problems noch gar nicht angegangen wurde, geht im allgemeinen Schulterklopfen unter.

Wir brauchen uns also nicht zu wundern, wenn die Weisheiten Herbergers (ja, Boche und Marian, Fußball bildet!) auch für die Politik Geltung haben: Nach der Reform ist vor der Reform. Die Politik merkt nicht oder zeigt sich uninteressiert, welche Folgen unpolitische Unlösungen haben: Die Menschen fühlen sich verschaukelt, wenn nach der einen Jahrhundertreform die nächste auf dem Fuße folgt. Das untergräbt völlig zu Recht die Glaubwürdigkeit der Akteure, und irgendwann werden die Politiker und Ministerialbeamten sich nur noch selbst wählen. Wolfgang Münchau von der FTD legt den Finger in die Wunde, aber wer in Berlin hört uns beide?

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50 Kommentare zu “Unpolitik, Unprobleme und Unlösungen”

  1. 29.03.2006 | 21:10

    Abwarten. Ich traue Frau Dr. Merkel einiges zu. Und die beiden Modelle Kopfpauschale und Bürgerversicherung halte ich sogar für vereinbar. Die Ziele sind die gleichen, nur das eine Modell ist richtig und das andere falsch.

    Ich kann nur das Gerede von der Belastung des Faktors Arbeit nicht mehr hören. Als ob es dazu eine Alternative geben. Jede Steuer und Abgabe belastet das Einkommen, also in aller Regel den Faktor Arbeit. Es ist ein Irrsinnsgeschwätz zu behaupten, man könne Arbeit billiger machen, in dem man irgendetwas an der Finanzierung ändert. Es macht keinen Unterschied, ob der Bürger die Abgaben direkt über den Lohn zahlt, oder indirekt über die Mehrwertsteuer.

  2. 29.03.2006 | 22:01

    Rayson,

    ich stimme Dir in allem zu - abgesehen von zwei Punkten:

    Die Politik merkt nicht oder zeigt sich uninteressiert, welche Folgen unpolitische Unlösungen haben

    Den ersten Halbsatz hast Du von Münchau übernommen. Und was mir bei Münchau immer wieder auffällt: Er hat keine Ahnung von Politik. Man sollte ihn dazu verurteilen, zwei Jahre lang jede Woche an mindestens einem Unterbezirksparteitag von CSU, CDU, SPD, FDP oder Grünen teilzunehmen. Und zwar bis zum satzungsgemäßen Ende um 22 Uhr (oder was immer die Satzung vorsieht).

    “Die Politik” weiß genau, welche Folgen das hat, nur: Ein(e) Reformer(in) weiß, dass er oder sie im Regelfall die Früchte davon nicht wird ernten können, während die Folgen von pseudoreformeifrigem Herumeiern die gesamte Politik trifft. Die jetzige politische Konstellation auf Bundesebene ist dafür das beste Beispiel, denn von der Wahlmüdigkeit werden Linkspartei, Grüne und - vor allem! - die FDP mitbetroffen, ohne dass sich gleichzeitig die Erfolgschancen von Union und SPD bei den nächsten Wahlen verschlechtern.

    Fußball bildet!

    Herberger und Neururer et al. übertragen Lebensweisheiten auf den Fußball - und nicht umgekehrt ;-). Uschi Eid hat z.B. in ihrem FAS-Interview auch nichts anderes gesagt als Neururer neulich: “Ich habe afrikanischen Diktatoren und Warlords immer einen großen Kampf geliefert - egal, von welcher Nationalität meine Truppen waren!” (Ersetze “Diktatoren und Warlords” durch “Bayern” und “Truppen” durch “Mannschaft” - und Du bist bei dem Neururer-Spruch, den ich neulich schonmal zitiert habe.)

    Münchau erklärt übrigens hervorragend, warum das mit den Reformen nichts werden wird. Das mir auch alles gefällt, was er über Merkel und die große Koalition auf EU-Ebene schreibt, wird Dich auch nicht überraschen. Aber in drei weiteren Punkten hat er unrecht:

    1. Schröder ist nicht an Hartz IV gescheitert, sondern an seiner Basta!-Attitüde.

    2. Merkel ist nicht an dem Steuerkonzept gescheitert, sondern daran, dass sie Prof. Kirchhof nicht klar gemacht hat, dass er sich bitte darauf beschränken und die Familienpolitik der siebenfachen Mutter überlassen solle. Dadurch hat sie erst Schröder den Ball auf den Elfmeterpunkt gelegt. Dass er den Ball dann noch irgendwie reingestolpert hat, darf man von einem mit dem Spitznamen “Acker” wohl erwarten.

    3. Nachdem Münchau sich bis auf den vorletzten Satz fast ausschließlich mit Merkel beschäftigt, muß dann natürlich noch der obligatorische Ausfall gegen Steinbrück kommen. Hat der ihm mal die Frau ausgespannt oder woher kommt diese Animosität? Gerade am Vergleich zwischen Steinbrück und Merkel zeigt sich doch, wie vielleicht was gehen könnte - und wie auf gar keinen Fall. Steinbrück hat kein Problem damit, sich unbeliebt zu machen. Aber scheitern tut er nicht daran, dass er unbeliebt ist, sondern dass er regelmäßig von Müntefering oder Merkel zurück gepfiffen wird. Ich finde das schon deshalb bedauerlich, weil ich gerne mal sehen möchte, ob er das tun würde, was er ankündigt. Da er dazu nie die Gelegenheit bekommt, bleibt die Kritik von Baron Münchau an ihm irgendwie grundlos.

    (Ich hoffe, das war jetzt einigermaßen ausgewogen. Okay, auf explizite Grünen-Schelte habe ich verzichtet. Aber das kann Boche eh’ besser als ich.)

  3. Rayson
    29.03.2006 | 22:30

    @Dirk

    Jede Steuer und Abgabe belastet das Einkommen, also in aller Regel den Faktor Arbeit.

    Das ist ökonomisch grob verkürzend, denn wir müssen Entstehung und Verwendung unterscheiden. Wenn es um die Vorteilhaftigkeit von Investitionsentscheidungen geht, sind Grenzbetrachtungen der Entstehung maßgeblich. Die ist in der Regel gemeint, wenn von “Einkommen” die Rede ist. Spricht man von der Einkommensverwendung, geht es um Konsum und Ersparnis.

    Gerade die Maßgeblichkeit von Grenzentscheidungen ist es, die in der Politik sträflich ignoriert wird. Die Welt des Linken besteht aus Verteilung, die des Liberalen aus Belastung - beides bedarf der ökonomischen Differenzierung.

  4. Rayson
    29.03.2006 | 22:40

    @Marian

    Den Verdacht, ich hätte auch nur Halbsätze von Münchau übernommen, muss ich entschieden zurückweisen - etwaige Formuliierungsähnlichkeiten sind rein zufällig. Ich bin mir im Übrigen auch nicht sicher, ob es bei der Aussage, jemand habe “keine Ahnung von Politik”, nicht eigentlich wieder um Unpolitik geht. Dann wäre das ein Kompliment.

    Zu deiner Kritik an Münchau (in der korrekten Bewertung der Relevanz des Fußballs ist bei dir eh Hopfen und Malz verloren): Ich sehe es in allen drei Punkten wie er. Und auch Steinbrück, der nun wirklich nicht im Zentrum der Kritik Münchaus steht, betreibt nur Unpolitik. In der Haushaltsdebatte sogar noch vulgärkeynesianisch verbrämt, aber dafür gibt es bei der FTD ja die richtige Claque.

  5. Nex
    29.03.2006 | 23:33

    @Dirk: Leider sind beide Systeme quatsch! Man wird die Kosten nur dann dämpfen bzw. senken können wenn der in Anspruchnehmende also der Patient weiß wofür er wie viel zahlt. Wer weiß z.B. schon dass eine kurze(!) Fahrt mit dem Krankenwagen locker 800€ oder ein normaler Allergietest ebenfalls mit 500€ zu buche schlagen kann? (bei den total überzogenen Privatrechnungen in Dt.) Schon die Praxisgebühr hat gezeigt, daß eine nur geringfügige direkte Kostenbeteiligung Wunder vollbringen kann. Die Leute müssen erfahren was etwas kostet, denn dann werden die Kosten auch nicht ins Unermessliche steigen!

  6. 29.03.2006 | 23:41

    etwaige Formulierungsähnlichkeiten sind rein zufällig.
    Sowas sagen normalerweise SPD-Politiker, nachdem sie von der Jungen Freiheit zitiert worden sind ;-).

    Ich bin mir im Übrigen auch nicht sicher, ob es bei der Aussage, jemand habe “keine Ahnung von Politik”, nicht eigentlich wieder um Unpolitik geht.

    Inwiefern geht es denn dabei um “Wettbewerb der Parteien”? Wenn ich geschrieben hätte, dass er keine Ahnung von der SPD hat, dann könnte ich Deine Aussage verstehen.

    in der korrekten Bewertung der Relevanz des Fußballs ist bei dir eh Hopfen und Malz verloren

    Sag’ das nicht. Nach dem drölfzigsten Teil der St.Paul-Passion von Herrn B. bin ich vielleicht so weit.

    Ich sehe es in allen drei Punkten wie er.

    Ich bin erschüttert. Dieser tiefe Riß im Autoren-Kollektiv. Dieser Vertrauensverlust. Wenn ich noch nichtmal Dich überzeugen kann, wenn denn dann? (Bei MomoRules müsste ich jetzt noch dazu schreiben, dass das nicht ernst gemeint war.) Ich denke an Rücktritt.

    In der Haushaltsdebatte sogar noch vulgärkeynesianisch verbrämt

    Ja, das ist das Maß an Unpolitik, das in der SPD unbedingt sein muß. Wenn er das nicht machte, würde der nächste Zukunftskongress der NRWSPD vom Finanzminister Müntefering eröffnet. (Bis dahin habe ich hoffentlich schon die Antworten auf die Fragen “What are the 49th and 50th states of the Union?” und “Who wrote the Star Spangled Banner?” auswendig drauf ;-)

  7. 29.03.2006 | 23:45

    Nex,

    das sehe ich auch so. Gibt es eigentlich irgendwelche empirischen Untersuchungen darüber, ob Privatpatienten “kostenbewusster” sind?

  8. Nex
    29.03.2006 | 23:59

    @Marian:
    Ich kenne keine, man muß dazu bedenken, daß wahrscheinlich, meiner Vermutung nach, viele Privatversicherten auch “vollversichert” sind. Also auch keinen Kostenanteil direkt übernehmen müssen. Ein Kostenbewusstsein wird allerdings auch durch den starren Kostenkatalog GOÄ mit den Hebesätzen und die Tatsache verhindert, dass sich viele Ärzte durch “größere” Behandlungen bei Privatpatienten schadlos zu halten versuchen.

  9. 30.03.2006 | 0:02

    @Rayson

    Es spielt aber der reale Grenzertrag eine Rolle, nicht der nominale. Wenn ein Apfel einen Euro kostet und ich für einen Tag zusätzliche Arbeit 100 Euro kassiere und davon 50 Euro Steuern zahlen muss, dann ist der Grenznutzen des zusätzlichen Arbeitstages 50 Äpfel. Kann ich dagegen 100 Euro behalten, muss jedoch 2 Euro für den Apfel bezahlen, liegt der Genznutzen ebenfalls bei 50 Äpfeln. Spare ich dagegen die 100 Euro, dann bedeutet das ja, dass ich in Zukunft Äpfel kaufen möchte, d.h. ich muss wieder mit dem Preis von 2 Euro rechnen.

    Vorteile in der Mehrwertsteuer sehe ich alleine in politökonomischer Hinsicht: Es kann keine Progression geben.

    @Nex

    Die Kopfpauschale ist der halbe Weg in Richtung Privatisierung. Wenn erst einmal alle dasselbe zahlen und es sich dabei um Marktpreise handelt, ist es nicht einzusehen, warum man sich seine Versicherung nicht auf dem freien Markt aussuchen darf.

    Ich sehe aber zwischen beiden Systemen keinen Zielkonflikt. Jeder vernünftige Mensch muss m.E. einsehen, dass die Lösung in einer Privatisierung liegt bei gleichzeitigem Sozialausgleich über das Steuersystem. Das muss auch in ein SPD-Hirn hereingehen.

  10. Nex
    30.03.2006 | 0:12

    @Dirk:
    Da sind wir wieder beieniander. Zumal alle Preise im Gesundheitswesen zu 80% (angeblich) durch den Staat festgelegt werden. Da ist es nicht zu verstehen, daß die Kosten explodieren, wenn der Staat eh schon das komplette System von vorne bis hinten durchreguliert.
    Nun ich hätte die sofortige privatisierung verlangt. Aber vielleicht ist der Schritt wirklich zu groß….

  11. 30.03.2006 | 0:46

    @Nex

    Das schöne ist, dass jetzt die Privatisierung einen dritten Weg darstellt und somit eine Richtung, in die ein Kompromiss vorgenommen werden kann. Ich bin zwar extrem pessimistisch, was die SPD und die CSU angeht, aber bevor ich weigere mich Frau Merkel zu unterschätzen. Sie kann das druchsetzen und auch Müntefering besitzt m.E. ausreichend Intelligenz. Platzeck, dieses Weichei, können die beiden über den Tisch ziehen, zumal auch die SPD bei der richtigen Rhetorik (Die reichen Steuerzahler zahlen Kindersoli oder so) einiges abkaufen kann.

    Ausserdem müssen wir jawohl optimistisch sein, damit ein fauler Kompromiss für die Regierung hohe Kosten, i.e. Enttäuschung, verursacht. (-:

  12. Nex
    30.03.2006 | 1:14

    @Dirk
    Schön wärs aber gibt es ja noch die Grundschullehrerin (oder Hauptschule?!) und den Fliegenträger Lauterbach. Beide so links (eher schon kommunistisch), dass sie der NL/PDS/SED eine Ehre machen würden. Naja aber in Zeiten von Privatisierungen durch die PDS sollte man optimistisch sein. Obwohl ich doch eher an dieses neue schöne Mischsystem glaube…

  13. Parker8
    30.03.2006 | 11:27

    Die Kopfpauschale ist der halbe Weg in Richtung Privatisierung.
    Und deshalb wird sie zu einer weiteren, saftigen Reduzierung der Nettoeinkommen der unteren 50 Prozent führen. Damit - und mit der MwSt-Erhöhung - ist dann sichergestellt, dass auch dieser aktuelle Konjunkturaufschwung so rechtzeitig abgewürgt wird, dass weitere Reformen als unausweichlich präsentiert werden können.

  14. 30.03.2006 | 12:54

    @Parker

    erstens geht es nicht um die Konjunktur, sondern um strukturelle Probleme. Zweitens: Die Kosten für das Gesundheitswesen sind auch heute vorhanden. Sie tun ja gerade so, als ob sie mit der Kopfpauschale erst eingeführt werden.

  15. Boche
    30.03.2006 | 13:11

    @Dirk

    Kannst du mir Folgendes mal bitte näher erklären:

    Die Kopfpauschale ist der halbe Weg in Richtung Privatisierung. Wenn erst einmal alle dasselbe zahlen und es sich dabei um Marktpreise handelt…

    Wie kann es sich um Marktpreise handeln, wenn alle dasselbe und zwar das staatlich Festgelegte zahlen? Ist das nicht ein Widerspruch in sich?

  16. 30.03.2006 | 13:20

    @Dirk

    Dein Äpfelbeispiel kann man zwar vielleicht anbringen, wenn es um die Herleitung einer Arbeitsangebotskurve geht, nicht aber, wenn es darum geht, ob eine Investitionsentscheidung positiv ausfällt und mit welchen Anteilen von Kapital und Arbeit investiert wird. Der Konsum der Bezieher von Faktoreinkommen spielt hier erstmal keine Rolle, dieser Kreis wird dann erst in der Saldenmechanik geschlossen, die für Grenzbetrachtungen aber irrelevant ist.

  17. 30.03.2006 | 13:49

    @Marian

    Wenn du mit “keine Ahnung von Politik” nicht meinst “kennt die einschlägigen Mechanismen nicht”, dann sag mir doch bitte, was du darunter verstehst.

    Was den Dissenz angeht, müssen wir das in den zuständigen Gremien besprechen. Jetzt dürfen keine voreiligen Schlüsse gezogen werden. Ich bin mir sicher, im Interesse der gemeinsamen Sache werden wir zu der pragmatischen Lösung finden, die von den Wählern Lesern erwartet wird.

  18. 30.03.2006 | 13:57

    @Rayson: Findest du nicht, dass es einigermassen normal ist, wenn viele Blogs sich nur in der Vorwahlphase mit Politik (Parteipolitik) beschäftigen? Es geht doch sehr vielen auch darum, ihr Mütchen abzukühlen und dazu eignet sich ein Blog ja auch - selbst wenn es nur wenige Leser wären, die sich dort einfinden.

    Ich kann verstehen, wenn du die unter Nichtbeteiligung der Liberalen entstehenden Diskussionen und Massnahmen nicht als ausreichend betrachtest und sie entsprechend kritisierst. Aber deine Kritik geht sehr viel weiter. Sie impliziert, dass nur eine handverlesene Anzahl von Blogs oder deren Autoren sagen wir mal an einem ernsthaften politischen Diskurs interessiert seien. Auch halte ich es für normal, dass man in der Blogsphäre höchstunterschiedliche Niveaus vorfindet. Das gilt nicht nur für den wohl eher kleinen politischen Bereich.

  19. 30.03.2006 | 14:15

    @apollon

    Ich äußere eben mein Missfallen am Normalen.

    unter Nichtbeteiligung der Liberalen

    Das ist nicht der Punkt. Die FDP kann Unpolitik mindestens genau so gut.

    Sie impliziert, dass nur eine handverlesene Anzahl von Blogs oder deren Autoren sagen wir mal an einem ernsthaften politischen Diskurs interessiert seien.

    Genau.

    Auch halte ich es für normal, dass man in der Blogsphäre höchstunterschiedliche Niveaus vorfindet.

    Das auch, ist aber nicht Inhalt meiner Kritik, die auf das “was” und nicht auf das “wie” abzielt.

  20. 30.03.2006 | 14:59

    @Boche

    Was soll die Sophisterei?

    @Rayson

    Sorry, aber diesmal machst Du einen Gedankenschritt zuwenig. Wenn die direkten Belastungen des “Faktors Arbeit” sinken wird die Arbeit dadurch nicht billiger. Nur wenn der Arbeitgeberanteil sinkt, ist dies der Fall. Sinkt aber der Arbeitgeberanteil finanziert durch eine höhere Mehrwertsteuer, so ergibt sich eine Reallohnkürzung. Diese hätte allerdings Auswirkungen auf die Faktorallokation. Allerdings nicht, weil jetzt der Faktor Arbeit zuungunsten des Konsums weniger belastet wird, sondern weil die Löhne geringer sind.

  21. 30.03.2006 | 15:03

    @Nex

    Die Kellnerin und Sonderpädagogin nimmt doch keiner ernst. Genauso wenig wie den Kaspar mit der Christian-Wörns-Stimme. Wie der zu professoralen Ehren gekommen ist, würde ich gerne mal erfahren. Mal ehrlich, wenn ich feststellen sollte, dass ich die gleiche Meinung habe, wie diese beiden, dann bekäme ich schmerzhafte Selbszweifel.

  22. Boche
    30.03.2006 | 15:05

    @Dirk

    Sophisterei?
    Wenn du das Pauschalen-Modell verteidigst und dafür den Begriff “marktwirtschaftlich” verwendest, solltest du das schon begründen können.

  23. 30.03.2006 | 15:14

    @Boche

    Im Kopfpauschalenmodell entprechen die zu zahlenden Prämien in etwa denen, die man bei einem privatem Versicherer zu zahlen hätte. Das ist gemeint und das haben Sie nicht anders verstanden. Darin unterscheidet sich das Modell beträchtlich vom heutigen.

    Natürlich ist dieses “in etwa” kein “hundertprozentig”, da beispielsweise nicht zwischen Männern und Frauen, oder bezüglich des Alters unterschieden wird. Auch wenn die Möglichkeit dieser Art von Diskriminierung wünschenswert wäre, sind doch marktwirtschaftlcihe Modelle denkbar, in denen eine solche vom Gesetzgeber untersagt ist.

  24. 30.03.2006 | 15:18

    @Dirk

    “Arbeitgeberbeitrag”? Die Zahlungsmethode des Lohns ist unmaßgeblich. Daher wäre bei einer 1:1-Umschichtung zwischen Sozialbeiträgen und Mehrwertsteuer auch zunächst keine Reallohnkürzung zu konstatieren (selbst wenn man Vollüberwälzung der Mehrwertsteuer voraussetzt). Stattdessen können wir dann wohl das Gegenteil beobachten, da nicht nur die Bezieher von sozialversicherungspflichtigen Einkommen (bzw. deren Familienmitglieder) konsumieren.

    Aber nur mal angenommen, es käme dadurch tatsächlich zu einer Kürzung des Reallohns. Welche Folgen hätte das auf die Arbeitsnachfrage?

  25. Boche
    30.03.2006 | 15:26

    Im Kopfpauschalenmodell entprechen die zu zahlenden Prämien in etwa denen, die man bei einem privatem Versicherer zu zahlen hätte.

    Bei einem? Bei welchem? Denn die Privaten führen ja einen Wettbewerb ihrer Leistungen auch über den Preis.
    Oder wird ein Durchschnitt durch alle Versicherer gebildet?

    Ich hatte bisher immer gedacht, zur Marktwirtschaft würde Wettbewerb (auch) über Preise gehören…
    Dass man sagt “Ihr alle dürft den Liter Milch nur für 50 Cent anbieten!” und das dann als marktwirtschaftliche Lösung verkauft, finde ich recht erklärungsbedürftig.

  26. 30.03.2006 | 17:00

    @Rayson

    “Arbeitgeberbeitrag”? Die Zahlungsmethode des Lohns ist unmaßgeblich.

    Das ist richtig. Der Arbeitgeberanteil entspricht nichts anderem als vorenthaltenem Barlohn.

    Daher wäre bei einer 1:1-Umschichtung zwischen Sozialbeiträgen und Mehrwertsteuer auch zunächst keine Reallohnkürzung zu konstatieren

    Doch. Bis Teil der gesamten Arbeitskosten, die der Arbeitgeber einspart, durch Lohnerhöhungen kompensiert wurde. Der Arbeitgeberanteil ist zwar in gewisser Weise äquivalent zu Lohnzahlungen, aber durch die Tarifverträge und gesetzliche Regelungen eben doch nicht ganz.

    Stattdessen können wir dann wohl das Gegenteil beobachten, da nicht nur die Bezieher von sozialversicherungspflichtigen Einkommen (bzw. deren Familienmitglieder) konsumieren. Aha. Der Kuchen werde also größer, da jetzt auch Selbsständige betroffen seien. Nun ein Teil dieses Effektes geht wieder verloren, weil der Selbsständige seine Preise anhebt. Aber auch der Selbsständige arbeitet und auch seine steuerliche Belastung ist eine des Faktors Arbeit. Bleiben jene Kuchenstücke, die Kapitaleinkommen beziehen. Nun ist Kapitaleinkommen nichts anderes als Arbeit aus der Vergangenheit. Es macht keinen Unterschied, ob ich von 100 Euro direkt 50 an das Finanzamt abführen muss, oder durch höhere Preise von den 5 Euro Zinsen jedes Jahr mir nur die Hälfte leisten kann.

    @Boche

    Ich habe nie von der Kopfpauschale als einer “marktwirtschaftlichen” Lösung gesprochen. Jeder staatliche Eingriff, noch dazu solche mit Biedermann Argumenattion, ekelt mich an. Aber Du musst doch eingestehen, dass der Schritt von einem Kopfpauschalenmodell zur Privatisierung deutlich kleiner ist, als vom Status Quo - oder nicht? Jedenfalls ist man das Krankenschwester-Chefarzt-Bild los.

  27. Boche
    30.03.2006 | 17:15

    @Dirk

    Ich habe nie von der Kopfpauschale als einer “marktwirtschaftlichen” Lösung gesprochen.

    Oh, dann entschuldige, es klang so.

    Aber Du musst doch eingestehen, dass der Schritt von einem Kopfpauschalenmodell zur Privatisierung deutlich kleiner ist, als vom Status Quo - oder nicht?

    Er ist kleiner, ja. Aber immer noch unnötig groß.

  28. Parker8
    30.03.2006 | 17:15

    @Boche
    erstens geht es nicht um die Konjunktur, sondern um strukturelle Probleme.
    Gottseidank erkennen immer mehr Leute, dass diese Distinktion nur beschränkt tauglich ist.
    Sie tun ja gerade so, als ob sie mit der Kopfpauschale erst eingeführt werden.
    Nein, aber die Kopfpauschale - die ja der Container der Kostensteigerungen sein soll - führt gegenüber linearer Belastung zu einer Umverteilung, logischerweise.

    @Dirk
    Sinkt aber der Arbeitgeberanteil finanziert durch eine höhere Mehrwertsteuer, so ergibt sich eine Reallohnkürzung.
    Gerade wollte ich mich schon auf den Weg zu den Julis Bonn machen …
    Die Kellnerin und Sonderpädagogin nimmt doch keiner ernst. Genauso wenig wie den Kaspar mit der Christian-Wörns-Stimme. Wie der zu professoralen Ehren gekommen ist, würde ich gerne mal erfahren.
    … da seh ich, dass ich es doch besser lasse.

  29. 30.03.2006 | 17:27

    @Parker8

    Nein, aber die Kopfpauschale - die ja der Container der Kostensteigerungen sein soll - führt gegenüber linearer Belastung zu einer Umverteilung, logischerweise.

    Nein. Die Frage der Verteilung ist völlig unabhängig von der Frage der Finanzierung. Die entsprechende Umverteilung können Sie genauso gut über das Steuersystem haben. Oder muss man de Kosten der Umverteilung erst verstecken, bevor man sie dem Bürger zu Muten kann?

    Gerade wollte ich mich schon auf den Weg zu den Julis Bonn machen … da seh ich, dass ich es doch besser lasse.

    Häh?

    Bei Ihnen würde mich im übrigen mal Beruf, ökonomische Vorbildung, und Wohnort interessieren.

  30. 30.03.2006 | 19:49

    @Dirk

    Du verweigerst dich zum einen der mikroökonomischen Grenzbetrachtung, indem du direkt von der Maßnahme auf die Ex-post-Verhältnisse makroökonomischer Größen schließt. Ob der Konsum des Selbständigen belastet wird oder nicht, ist für die Investitionsentscheidungssituation, auf die ich abziele, z.B. irrelevant. Zum anderen erschnüffele ich da eine Fahne (”Hauch” wäre zu wenig) von Arbeitswertlehre (”Nun ist Kapitaleinkommen nichts anderes als Arbeit aus der Vergangenheit.”)…

    Und meine letzte Frage hast du immer noch nicht beantwortet.

  31. 30.03.2006 | 21:21

    @Rayson

    1) Eine Kürzung des Reallohnes erhöht die Arbeitsnachfrage. Die Ursache liegt aber in der Reallohnkürzung und nicht in einer Verschiebung der Finanzierung des Sozialstaates von direkten zu indirekten Abgaben.

    2) Erkläre doch bitte mal die Investitionsentscheidungssituation, auf die du abzielt, genauer.

    3) Im Gleichgewicht gilt in der Tat eine Art Arbeitswertlehre: Der Preis von reproduzierbaren Gütern (also von Rohstoffen, wie Öl abgesehen), richtet sich nicht nach Angebot und Nachfrage, sondern entspricht den (Re-)Produktionskosten.

    4)Da letzlich jedes Einkommen dem früherem oder späterem Konsum dient, ist es dem Einkommensbezieher egal, ob das Einkommen besteuert wird, oder mit Zeitverzögerung der Konsum. Dem Investor ist es aber auch egal, da sich für ihn die Preise nicht ändern. Einerseits wird zwar die Arbeit entlastet, andererseits muss er aber auch einen höheren Lohn zahlen, um die höhere Mehrwertsteuer zu kompensieren.

  32. 30.03.2006 | 22:45

    @Dirk

    ad 1) Ok.
    ad 2) Versetz dich einfach in die Situation eines Unternehmers, der ein Investitionskalkül anstellt, bei dem der Ertrag und die Kapitalkosten gegeben sind.
    ad 3) Das ist Marx. Im neoklassischen Modell entspricht der Gleichgewichtspreis den Grenzkosten. Was ein nicht unwesentlicher Unterschied ist.
    ad 4) Das überspringt unter in diesem Fall handwerklich falschen und daher unzulässigen Ceteris-Paribus-Annahmen die eigentlichen mikroökonomischen Wirkungsmechanismen. Wie sich die höhere Mehrwertsteuer auf das Arbeitsangebot auswirkt, ist eine nicht so einfach zu beantwortende Frage. Wenn wir speziell auf die deutsche Situation abstellen, müssen wir dabei vor allem berücksichtigen, dass bei einer höheren Mehrwertsteuer nicht nur der Reallohn, sondern auch die reale Lohnersatzleistung sinkt, was eher geringe Reaktionen erwarten lässt (für wen innerhalb der Problemgruppen ist unbezahlte Freizeit denn eine echte Alternative?) Hinzu kommt das Timing, und da spricht meiner Ansicht nach viel dafür, dass, bevor auf der Arbeitsangebotskurve irgendeine relevante Reaktion erfolgt, die höhere Arbeitsnachfrage mit ihrer gesamten konjunkturwirksamen Dynamik durchschlägt. Der Schlüssel liegt immer bei den Investitionen.

  33. Nex
    31.03.2006 | 2:24

    @Dirk und Rayson
    Ich bin mit der Mehrwertsteuererhöhung zwar nicht zufrieden, aber der meiner Meinung nach wichtigste Gesichtspunkt ist letztendlich etwas woran sich niemand wagen würde: Die Senkung der sog. Tansferleistung, also Renten, Arbeitslosengeld und Hartz4. Bei allen Lohnzahlungen bleibt es unterm Strich gleich. (außer in Grenzregionen natürlich - aber da können wir ja eine Chipkarte einführen und die MwSt. in 1% Punkten pro 50km vom niedrigeren Satz aus anheben ;))

  34. 31.03.2006 | 17:18

    @Rayson

    zu 2) Wie Du bereits geschrieben hast, kann man annehmen, dass es sich bei dem Arbeitgeberanteil um Lohnzahlungen handelt. Genauso kann man annehmen, dass die Mehrwertsteuer nicht von Unternehmen gezahlt wird, sondern vom Verbraucher. (Es werden Transaktionen besteuert, welche der beiden Transaktionspartner das Geld dann zum Staat bringen muss, ist unerheblich). Was ändert sich dann für das Unternehmen? Nichts. Was ändert sich für den Arbeitnehmer? Ist der jetzt bereit zu einem geringeren Lohn zu Arbeiten, weil er weniger direkte Abgaben zahlen muss, dafür aber mehr indirekte? Nein.

    3) Das ist Marx. Das ist Polemik und auch nicht richtig.

    Im Neoklassischen Modell entpricht in der Tat der Preis den Grenzkosten. (Jedenfalls, wenn die Firmen gegebene Preise vorraussetzen, also die Firmengröße klein gegenüber dem Markt ist.) Solange aber der Erlös nicht den gesamten Produktionskosten entsspricht, handelt es sich nicht um ein (dynamisches) Gleichgewicht. Ist er höher, werden Firmen in den Markt eintreten, ist er niedriger werden Firmen aus dem Markt austreten. Die Fixkosten spielen zwar das Gewinnmaximierungsproblem einer gegebenen Firma keine Rolle (die Konstante fliegt beim differenzieren heraus), allerdings wird keine Firma langfristig existieren, wenn ihre Fixkosten so hoch sind, dass sie Verluste macht.

    4) Die Sache mit den Lohnersatzleistungen ist richtig, tut aber nichts zur Sache. Denn der beschriebene Effekt liegt einzig und allein an der Leistungskürzung, nicht jedoch an der Struktur der staatlichen Finanzierung.

  35. 31.03.2006 | 17:23

    @Parker8

    Ich hoffe ich habe Sie jetzt nicht verschreckt. Der Grund für meine Frage war, dass Sie anscheindend über akademische ökonomische Kompetenzen verfügen, wie man aus mehreren Kommentaren schliessen kann. Gleichzeitig wären Sie der erste, der mir begegnet und Herrn Lauterbach nicht für einen Volltrottel hält.

  36. 31.03.2006 | 18:03

    @Dirk

    ad 2) Was ändert sich dann für das Unternehmen?

    Viel. Der Einsatz eines Faktors kostet weniger, was entweder bestimmte Investitionen wieder lohnend erscheinen lässt oder die Faktorkombination ändert.

    ad 3) Doch, das ist Marx. Oder meinetwegen Ricardo, wenn Marx für dich negativ besetzt ist. Der Unterschied liegt nicht in den Fixkosten, sondern dass bei einer Menge von 100 die Grenzkosten nur für das 101. Stück gelten, nicht aber für die zwischen 1 und 100.

    ad 4) Konsumbesteuerung wirkt grundsätzlich investitionsneutral. Abgaben auf speziell einen Faktor sorgen dafür, dass dieser weniger nachgefragt wird als der nicht mit Abgaben belastete. Diese Verzerrung wird durch die Strukturänderung ausgeglichen.

  37. 31.03.2006 | 18:45

    @Rayson

    zu 2) Nein. Er muss den gleichen Lohn zahlen. Es würde sich erst etwas ändern, wenn der Arbeiter mehr Kohle in der Tasche hat und somit bereit wäre, auf einen Teil des Lohnes zu verzichten

    3)Ricardo schon eher. Marx nach hätte es keine Kapitalrendite geben dürfen, da nur Arbeit Mehrwert schaffe.

    Fixkosten sind ein Beispiel für einen Unterschied zwischen Produktions- und Grenzkosten. Was macht denn der Anbieter, wenn die variablen Kosten lineaer sind, also die Grenzkosten konstant sagen wir 1 sind, aber Fixkosten in Höhe von 100 Euro anfallen? Verkauft er das Produkt für 1 Euro das Stück und macht einen Verlust von 100? Gegeben er hat die Fixkosteninvestition getätigt bleibt ihm keine Wahl, dann muss er das tun. Er wird aber so schnell wie Möglich den Markt verlassen. Die Anzahl der Firmen sinkt und somit steigt der Erlös der im Markt verbliebenen Firmen. Das geht so lange, bis sie keine Verluste auf Dauer machen. Gleichzeitig muss es sich natürlich um ein Gleichgewicht handeln, also die Firmen müssen die Gewinne maximieren. Letzteres bedeutet, dass die Grenzkosten (in etwa) dem Preis enstprechen.

    4) Konsumbesteuerung ist Investitionsneutral. Ja. Eine Einkommenssteuer auf Arbeitseinkommen ist es jedoch auch. Als (Privat-)Investor stehe vor folgendem Problem:Ich habe 100 Euro erhalten, soll ich sie kosumieren, oder investieren. Im letzteren Falle erhalte ich als Bonbon eine Steuerbefreiung (es wird ja nur der Konsum besteuert.). Wenn ich das Geld investiere, dann schmeisse ich es ja nicht weg, sondern ich erwarte, dass ich Zukunft einen höheren Betrag zurückerhalte. Ich erwarte also, in Zukunft zu konsumieren, ergo die Konsumsteuer in Zukunft zu bezahlen. Ich werde deswegen keine andere Entscheidung treffen.

  38. Rayson
    31.03.2006 | 22:53

    @Dirk

    ad 2) Niemand wird freiwillig auf etwas verzichten. Es kommt nur darauf an, die bis jetzt in der einen Richtung laufende Dynamik wieder in die andere Richtung in Gang zu setzen. Heute sieht es so aus: Sozialleistungen mit Ausgabendynamik werden über Arbeitseinkommen finanziert. Daraufhin steigt die Belastung, was zu einem Rückgang der Arbeitsnachfrage führt. Das wiederum lässt die Sozialleistungen ansteigen und die Beitragssumme sinken, woraufhin die Belastung je geleisteter Arbeitsstunde wieder steigen muss usw. Dies wird dadurch begünstigt, dass Änderungen bei den Sozialbeiträgen entweder gar nicht, nur zum Teil oder nicht sofort lohnwirksam werden.

    Es ginge auch in der umegekehrten Richtung, wenn es dazu einen Impuls gibt.

    ad 3) Auch Ricardo sah den Wert eines Gutes ausschließlich in der Arbeit, die in ihm steckte. Wie schon vor ihm Smith übrigens.

    Die Neoklassik nimmt steigende Grenzkosten an. Das bedeutet, dass die Grenzkosten im Gleichgewicht nicht den durchschnittlichen Produktkosten entsprechen, selbst wenn ich von zu 100% variablen Kosten ausgehe.

    ad 4) Doch, das wirst du, weil du bei einer Einkommensteuer nur auf Arbeit erstens auf das Ersparte generell eine höhere Rendite nach Steuern erzielen kannst und zweitens kapitalintensive Projekte bevorzugen wirst.

  39. 1.04.2006 | 1:23

    2) Was aber keinen unendlichen Regress zur Folge hat, sondern ein Pozess ist, der konvergiert.

    3)Weil für Ricardo Kapital aus Arbeit bestand. Für Ricardo schaffte somit definitiv Kapital auch Mehrwert.

    Die Neoklassik macht erst einmal keine Annahme über die Kostenfunktion. Die von Dir angesprochene ist allerdings eine Vereinfachung, die die Existenz einer gewinnmaximiernden Produktionsmenge (i.e. Grenzkosten = Preis), bei gleichzeitigem Nullgewinn (i.e. Preis = Durchschnittskosten) GARANTIERT. Bei steigenden Grenzkosten UND Fixkosten existiert eine Produktionsmenge, zu der Nullgewinne erzielt werden (Graphisch wäre das der Schnittpunkt des Graphen der Produktionsfunktion mit der Tangente durch den Nullpunkt). In diesem Punkt werden die Durchschnittskosten minimiert, somit ist das gleichgewicht auch effizient (Ein Hoch auf die Marktwirschaft). Ansonsten, im Falle von nur variablen Kosten, wäre es bei steigenden Grenzkosten optimal die kleinstmögliche Menge zu produzieren. Bei diskreten Mengen (1 Auto, 2 Fahrräder, drei Badewannen), ist das möglich. Jede Firma produziert eine Einheit. Bei stetigen Mengen (Mehl, Wasser,…) nicht. Dann müsste jede Firma ein unendlichstel Gramm Mehl produzieren. Ein Gleichgewicht existiert also nicht.

    Bei fallenden Grenzkosten kommen eventuell natütliche Monopole, oder Oligopole zustande. Dann haben die Firmen Preissetzungssmacht und die Grenzkosten sind kleiner, als der Preis.

    4) Nein. Es ist mir gleich, ob ich von meinen 100 erarbeiteten Euro sofort 20 an den Staat abführen muss und dann jedes Jahr 5 % Zinsen,also 4 Euro, erhalte, oder ob ich die 100 Euro behalten darf, 5 % Zinsen jedes Jahr bekomme, aber von diesen 5 Euro aufgrund der 25%igen Mehrwertsteuer nur für 4 Euro netto einkaufen kann.

    Abgesehen von dem Effekt, dass bei einer Umstellung der Besteuerung die Kapitaleigentümer doppelt besteuert werden,ändert sich nichts. Die alten Gleichgewichte sind die neuen Gleichgewichten. Die Doppelbesteuerung ergibt sich dadurch, dass das gebildete Kapital bereits als Arbeitseinkommen besteuert worden ist und jetzt eine erneute Besteuerung des Kapitalzinses vorgenommen würde.

  40. Rayson
    1.04.2006 | 2:44

    @Dirk

    ad 3) Auch bei Marx ist Kapital “geronnene Arbeit”.

    Die Neoklassik als System, das sich mit dem Gleichgewicht beschäftigt, macht die Annahmen von sinkenden Grenzerträgen und steigenden Grenzkosten in ihrem Grundmodell schon. Sinkende Grenzkosten müssten, wie du richtig anmerkst, schließlich zu Monopolen führen. Jedenfalls trifft das (Fixkosten vorausgesetzt) auf die Ausbringungsmenge jenseits des Schnittpunkts von Durchschnitts- und Grenzkosten zu, die der langfristigen Angebotsfunktion entspricht.

    Bei den fixen und variablen Kosten kann ich dir zwar grob folgen, doch gibt es auch bei rein variablen steigenden Grenzkosten wohl immer eine Mindestangebotsmenge, und sei sie nur durch die Nachfrage determiniert. . Es ändert aber alles nichts am Kernargument, dass der Unterschied zu Marx und Ricardo eben doch (u.a.) darin besteht, dass im Gleichgewicht der Preis gerne oberhalb der duchschnittlichen Produktkosten liegt, so dass selbst in der gewinnlosen Grenzbetrachtung eine Produzentenrente zu beobachten ist und ein Gewinn (Produzentenrente minus Fixkosten) entstehen kann.

    ad 4) Der abweichende Steuersatz in deinem Beispiel hat mich leicht irritiert, ist aber wohl nur ein Fingerfehler ;-) Dein Beispiel ist aber nicht so recht erquickend, da du mir hier unter einer prinzipiellen Annahme von Y=C nur verschiedene barwertäquivalente Besteuerungszeitpunkte anbietest. Da müssten wir schon Annahmen über die Anteile von C und I in allen Perioden, inklusive der ersten, treffen.

  41. 1.04.2006 | 22:11

    @Rayson

    zu 3) Marx ist da ziemlich konfus und lässt Ricardos analytische Schärfe deutlich vermissen.

    Achtung jetzt kommt Lieblingssprich: Es gibt keine Gewinne oder Profite,sondern nur einen Zinssatz auf das Eigenkapital. Letzterer gehört damiut auch zu den Produktionskosten.

    4) Nein, ich muss nicht Y=C annehmen, sondern nur, dass jeder, der eine Investitionsentscheidung trifft, i.e. jeder, der Geld spart, dies mit Ausblick auf zukünftigen Ertrag, also zukünftigem Konsum tut. Eigentlich eine natürlcihe Annahme.

    Im übrigen ist die Mehrwertsteuer auch keine Konsumsteuer. Sie muss schliesslich auch auf Investitionsgüter gezahlt werden.

    Die KOnfusion mit dem Steuersatz ergibt sich daraus, dass ein Bei einem Einkommenssteuersatz von 20 % von 100 verdienten Euro 80 übrig bleiben, genausoviel, wie bei einem Mehrwertsteuersatz von 25%. Hätte ich vielleicht kenntlich machen sollen.

  42. 1.04.2006 | 23:29

    @Dirk

    ad 3) Finde ich nicht (Marx). Und natürlich muss es Gewinne geben, sonst gäbe es auch kein unternehmerischeres Risiko.

    ad 4) Du musst es vielleicht nicht annehmen, aber in deinem Beispiel tust du’s indirekt. Natürlich führt jede Ersparnis irgendwann mal zu Konsum, aber uns interessieren ja die Veränderungen der beiden Größen im Zeitablauf.

    Dass Mehrwertsteuer auch auf Investitionsgüter gezahlt werden muss, ist angesichts des Vorsteuerabzugs nicht viel mehr als eine Formalie.

    Steuersatz: Ach so, du wolltest, dich an das Modell der Mehrwertsteuer anlehnend, sozusagen “von unten” rechnen.

  43. Parker8
    1.04.2006 | 23:31

    @Dirk
    Es ist mir gleich, ob ich von meinen 100 erarbeiteten Euro sofort 20 an den Staat abführen muss und dann jedes Jahr 5 % Zinsen,also 4 Euro, erhalte, oder ob ich die 100 Euro behalten darf, 5 % Zinsen jedes Jahr bekomme, aber von diesen 5 Euro aufgrund der 25%igen Mehrwertsteuer nur für 4 Euro netto einkaufen kann.
    Eines müssen Sie dabei bedenken: Sie müssen im Einkommensteuer-Modell auf die Zinsen - Einkommensteuer bezahlen. Man sagt: Die Einkommensteuer führt zu Verzerrungen im Konsum zugunsten des Gegenwartskonsums.

    Konkret: Wenn Sie Ihr Gehalt sofort konsumieren, haben 20 Prozent ESt und 25 Prozent MwSt in der Tat keinen distinktiven Effekt. Aber wenn Sie sparen wollen, haben Sie einen: Mit ESt legen sie 80 Euro an, bekommen bei einem Zinssatz von sagen wir 10 Prozent nach einer gewissen Zeit also 88 Euro, nach Besteuerung mithin 86,4.

    Mit MwSt legen Sie 100 Euro an, bekommen 110 Euro und können dafür (110 = 125 Prozent) für 88 Euro netto einkaufen.

  44. 1.04.2006 | 23:45

    @Parker8

    Die Annahme war eine Einkommensteuer nur auf Arbeit. Eine Ausdehnung auf Kapitalerträge wurde auch von Dirk negativ bewertet.

  45. Parker8
    2.04.2006 | 14:25

    @Rayson
    Gut, hab ich nicht gesehen. Dann lassen Sie mich einen weiteren Versuch einer informativen Aussage machen. Mehrwertsteuer und Einkommensteuer unterscheiden sich noch in einem anderen wichtigen Punkt. Das Verhältnis zwischen Konsum und Einkommen verschiebt sich im Alter zugunsten von Ersterem. Die Konsequenz ist, dass für ältere Menschen die Einkommensteuer attraktiver ist als die Mehrwertsteuer. Daraus ergibt sich natürlich eine entsprechende Präferenz alternder Gesellschaften.

    Um die fiskalischen Verhältnisse im Lot zu halten, kann ein Gegensteuern Richtung Mehrwertsteuer durchaus angebracht sein. Aber auch das muss man sinnvoller gestalten können als in Gestalt des 3-Prozent-Hammers.

  46. 2.04.2006 | 20:29

    @Rayson

    “von unten” Rechnen

    ?

    @Parker8

    Der von Ihnen beschriebene Effekt entsteht durch die Umstellung des Systems und der damit verbundenen Verteilungswirkungen. Versteuert man zunächst das Einkommen und stellt dann, wenn die Zinserträge anfallen auf eine Mehrwertsteuer um, wird der Sparer doppelt belastet. Das soll hier, zu Mindest was mich angeht, nicht interessieren. MIch interessiert, ob es einen grundsätzlichen (langfristigen) Unterschied macht, ob Arbeit besteuert wird, oder über die Mehrwertsteuer der Konsum.

    Meiner Ansicht nach gibt es den nicht. Zur Begründung:

    1) Wir können ohne Einschränkung annehmen, dass die Mehrwertsteuer vom Konsumenten bezahlt wird und nicht vom Verkäufer. Genauso, dass die Einkommenssteuer auf Arbeitsleistung vom Arbeitenden bezahlt wird.

    2) Somit spielen sich alle Effekte auf der Ebene des Arbeitenden ab, der sich zwischen Konsum und Investition entscheidet. Die Unternehmen sind irrelevant und würden erst dann auf den Plan treten, wenn das Verhalten des Arbeitendens abweicht. (Beispielsweise, wenn ihnen durch erhöhte Sparleistung mehr Kapital angeboten wird).

    3) Für den Arbeitenden besteht kein Unterschied zwischen beiden Systemen. Die Rendite auf Sparleistungen ist in beiden Fällen identisch. Es ändert sich weder sein Grenznutzen für Spareinlagen, noch für zusätzliche Arbeit.
    Ein kleiner Unterschied besteht allerdings doch noch: In unserem Beispiel spart er einmal 80 Euro, einmal 100 Euro. Dies ist der Unterschied im Staatshaushalt. Einmal erhält er sofort 20 Euro, einmal den Barwert von 20 Euro. Als rationaler Akteuer (diese beim Staat vielleicht zu restriktive Annahme muss in der Tat gemacht werden) wird der Staat das zusätzliche Kreditangebot im Falle von 100 gesparten Euro aufsaugen.

    4) Für den Arbeitenden und für den Staat ändert sich also nichts. Damit ändert sich auch für die Unternehmen nichts. Schlussfolgerung: Beide Systeme sind äquivalent.

  47. Nex
    2.04.2006 | 22:06

    Dh. es handelt sicher bei der Mehrwertsteuererhöhung um eine versteckte reale Senkung aller Transferleistung da diese ja nominell den gleichen Betrag erhalten und eben keinen MwStausgleich bekommen. (bei der Schwarzarbeit ist es doch auch ähnlich?) Ich denke das ist der gewollte Effekt, der nur mit einem Murren seitens der Bevölkerung billig erkauft wird statt mit Großprotesten von diversen Verbänden.

    Warum ist dann die FDP so dagegen? Weil es keine “saubere” Lösung ist?

  48. 2.04.2006 | 22:48

    @Dirk

    Na, 25% auf den Restbetrag. Theoretisch hätte man auch 20% auf den Gesamtbetrag annehmen können (Liquiditätsannahmen waren ja nicht getroffen…).

    @Nex

    Die FDP ist aus zwei Gründen dagegen. Erstens aus konjunkturellen (Befürchtung, dass die inländische Konsumnachfrage einbricht), und zweitens aus taktischen: Wenn man dem systemimmanenten Druck der Sozialsysteme dadurch ausweichen möchte, dass man die Steuern erhöht,

    @Dirk

    In deinem Modell ist die Einkommensteuer nur eine zeitlich vorgezogene Konsumsteuer. Wenn interner Zins der betrachteten Investition und Abzinsungszins übereinstimmen, ist es Jacke wie Hose, ob ich sage: “Ich nehme Investitionen von der Besteuerungsgrundlage aus” oder “ich besteuere die Erträge von Investitionen nicht”. Soweit klar und trivial. Mit immer mehr Realitätsannahmen wird es natürlich komplizierter (Unsicherheit, gespaltene Zinsfüße etc.).

    Und jetzt unterhalten wir uns darüber, wie schnell wir auf Mehrwertsteuer umschichten können bzw. wie schnell wir die Kapitalerträge aus der Besteuerung herausnehmen. Letzteres wird selbst dann nicht geschehen, wenn Westerwelle mit absoluter Mehrheit regiert.

  49. 3.04.2006 | 18:52

    @Rayson

    Und jetzt unterhalten wir uns darüber, wie schnell wir auf Mehrwertsteuer umschichten können bzw. wie schnell wir die Kapitalerträge aus der Besteuerung herausnehmen. Letzteres wird selbst dann nicht geschehen, wenn Westerwelle mit absoluter Mehrheit regiert.

    Wäre das aus Deiner Sicht also wünschenswert?

  50. 11.06.2006 | 21:46

    [...] War doch klar. [...]

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