Hic Rhodos, hic salta!

Es scheint, als breche jetzt etwas hervor, das vorher mühsam unter Verschluss gehalten wurde. In einer erklecklichen Zahl von Berliner Hauptschulen mit hohem Anteil von Schülern “nichtdeutscher Herkunft” herrschen Zustände, die ein halbwegs normales Schulleben anscheinend so sehr unmöglich machen, dass sich jetzt eine Schulleiterin in einem - so muss man es wohl schon nennen - Akt der Verzweiflung für die Schließung ihrer eigenen Schule eingesetzt und damit den Stein ins Rollen gebracht hat.

Die Reaktionen auf diese Nachricht bieten wieder das übliche Bild von Aktionismus der Politik, Ausnutzung der Nachricht für die eigene Propaganda (GEW, Rechte) und einer “Köpft-den-Boten”-Haltung (”Multi-Kulti”-Fanatiker). Die “Unpolitik” können wir schnell abhandeln: Wenn der Berliner Schulsenator diese Zustände kannte, aber nichts dagegen unternommen hat, muss er zurücktreten. Wenn er sie nicht kannte, erst recht.

Dass die demokratische Gesellschaft in einem Land mit Schulpflicht auf diese Lage reagieren muss, scheint klar. Bloß wie? Sicher, den betroffenen Schulen nutzt es vermutlich unmittelbar, sie mit einem Heer von Sozialarbeitern auszustatten, die der dort auf den Höfen vorherrschenden Sprachen mächtig sind, und eine verstärkte Präsenz der Polizei kann sich ebenfalls als nützlich erweisen. Aber das ist ein zwar notwendiges, aber eben nicht hinreichendes Bekämpfen der Symptome und nicht der Ursachen.

Die Ursache liegt in einer sich selbst verstärkenden Mischung von kulturellen und sozialen Problemen. Dass sie niemand bislang wirklich angegangen ist, liegt wohl zum einen daran, dass die beiden Enden des politischen Spektrums immer nur den in ihre Ideologie hineinpassenden Teil des Problems als solches erkennen wollen. Zum anderen dürften die möglichen Lösungen an zu vielen Tabus rühren, mit denen man sich die Lage so schöngeredet hat, dass ein Berliner Schulsenator sie dankbar ignorieren konnte. Und, machen wir uns nichts vor, es gibt andere Großstädte, in denen es nicht wirklich viel anders aussieht.

Die GEW und die ihr nahestehenden politischen Kräfte nutzen den Umstand, dass dieses Problem sich an den Hauptschulen manifestiert, ihren üblichen Pro-Gesamtschul-Weg zu propagieren. Mag sein, dass eine Zusammenfassung von Haupt- und Realschulen eine zu starke Konzentration von Problemen zunächst verhindert, aber wenn die dahinter stehenden Ursachen nicht angegangen werden, könnten auch so kombinierte Schulen dasselbe Schicksal erleiden. Mit simplem Umbenennen hat man noch nie ein Problem gelöst. Aber solche Unlösungen sind politisch sehr attraktiv.

Dabei wissen alle, die nicht mit ideologischen Scheuklappen vor ihren PCs sitzen und vor allem auf PC achten (SCNR), doch, was eigentlich getan werden müsste.

1. Qualifikation fördern, so früh wie möglich Bildung vermitteln
Der Teufelskreis der in sich selbst abgeschotteten Sozialhilfekarrieren muss durchbrochen werden. Kinder, die in die Schule kommen, müssen bereits Deutsch sprechen. Ganztagsschulen mit qualifiziertem Personal (Lehrer, Sozialarbeiter) müssen ausgebaut werden. Keine Bildung verhindernden Extrawürste für Kinder bestimmter Religionen. An eine Verknüpfung von Kindergeld u.ä. und Wahrnehmung der Elternverantwortung wird man auch mal denken müssen.

2. Für Geringqualifizierte Niedriglohnjobs in Deutschland schaffen
Wir standen nie vor der Frage, ob es Niedriglohnjobs gibt, sondern immer nur vor der, wo es sie gibt.

3. Einwanderung in die Arbeitslosigkeit verhindern
Das Boot ist nicht voll, aber das Verhältnis von Passagieren zu Besatzung stimmt nicht.

Der dritte Punkt ist der bequemste, weil relativ billigste. Die anderen beiden gehen richtig ins Geld und rühren an mehrere Tabus, z.B. dem Hochhalten des Elternwillens und der Unantastbarkeit des Auslebens importierter Kulturen. Eine weitere Ghettoisierung auf Basis staatlicher Stützungszahlungen mit Ausbau von Polizeikräften zur Verhinderung von Übergriffen, also Pariser Zustände, würde uns allen aber deutlich teurer kommen, und das nicht nur in materieller Hinsicht.

Nun, liebe Länder, ihr wollt die Zuständigkeit für Bildung. Hier ist euer Rhodos, also los!

Nachtrag: Stelle mit Erschrecken fest, dass ich bis in Details schon klinge wie Cem Özdemir, dessen Beitrag bei SPON ich gerade erst gelesen habe. Tröste mich mit dem Gedanken, dass der bei den Grünen nichts mehr zu sagen hat.

Ähnliche Beiträge


21 Kommentare zu “Hic Rhodos, hic salta!”

  1. 31.03.2006 | 17:03

    Zum Punkt 2: Ist mir nicht ganz klar. Hälst du die Arbeitslosigkeit für das Problem oder die (relative) Armut? Wie willst du mehr Niedriglohnjobs schaffen?

  2. 31.03.2006 | 17:13

    Selbstverständlich ist zunächst die Arbeitslosigkeit das Problem. Geldbezug ohne Gegenleistung gibt keine Anreize, in Bildung zu investieren oder sich sozialkonform zu verhalten.

    Über die Niedriglohnjobs haben wir schon diskutiert. Such dir einen der möglichen Wege aus: Ein-Euro-Jobs oder andere staatliche Stellen, ifo-Modell, etc. Egal, was für Nachteile hier auch entstehen, arbeitsfähigen Geringqualifizierten das Nichtstun zu bezahlen ist allemal die schlechteste Alternative. Ok, Abschieben würde noch gehen.

  3. 31.03.2006 | 17:37

    @ Rayson
    Also ich bin nun 4,5 Jahre arbeitslos, aber ich verhalte mich durchaus “sozialkonform” und Schulgeld kennen wir in Deutschland (noch) nicht, der Besuch eines Gymnasiums ist genauso kostenlos wie der Besuch einer Hauptschule (allerdings gibt es in Berlin keine Lernmittelfreiheit mehr, insofern ist theoretisch etwas dran an deiner Behauptung).

    Die Möglichkeiten der 1-Eurojobs wurden besonders in Berlin ausgeschöpft. Das ifo-Modell würde die Lage sicher verschlimmern, weil es darauf abzielt auch diejenigen, die augenblicklich im Niedriglohnsektor arbeiten, den Lohn zu senken. Es würden also mehr Menschen Staatsknete beziehen. Die Mehrheit würde trotzdem keinen Job finden und nach dem ifo-Modell müssten die Kommunen eine Arbeitsplatz stellen. Diese Menschen würden also Vollzeit (!) arbeiten aber immer noch ein Einkommen erzielen, dass auf AlgII-Niveau liegt. Was willst du mir erzählen? Disziplinieren durch harte Arbeit?

  4. 31.03.2006 | 18:06

    @Klaus

    Was ich dir erzählen will? Dass jeder, der es kann, zu seinem Einkommen beitragen soll.
    Was willst du mir erzählen? Dass das unmöglich ist?

  5. 31.03.2006 | 18:38

    Was ich dir erzählen will? Deine drei Punkte gehen an der Realität von Neukölln vorbei, die Mehrzahl der Leute dort haben ein Problem mit dem Können nicht mit dem Wollen, was das Einkommen betrifft. Die vom ifo-Modell versprochenen 3 Mio. Arbeitsplätze sind ein Luftschloß.

  6. Parker8
    31.03.2006 | 19:27

    Ich gebe Klaus vollumfänglich Recht. Wie man der gestrigen Ausgabe der Zeit entnehmen kann, hat sich von 1998 bis 2004 das durchschnittliche Manager-Monatsgehalt in den Dax-Unternehmen verdoppelt. Und zwar auf 157.500 Euro. Währenddessen ist das Arbeitnehmereinkommen nicht nur nicht gestiegen, sondern sogar leicht gesunken.

    Wenn man dem Ifo-Modell folgt, dann soll im Niedriglohnsektor in breiter Fläche für Alg II gearbeitet werden, also 345 Euro + Miete und Heizung, sagen wir 600 in toto. Das entspräche einem 263stel des Managergehaltes.

    Das ist keine Grundlage für irgendeine europäische Zivilgesellschaft. Man kann nur eines von Beiden haben: Entweder Rechtsloyalität der Unterschicht oder Neofeudalismus.

  7. 31.03.2006 | 21:29

    Kids, Konsum, Kultur…

    “Die progressiven Absichten hinter den neuen Gesetzen sind leicht zu erschließen: Arbeitslosigkeit wird nachhaltig bekämpft. Sitzt ein großer Teil der Jugendlichen erst einmal im Gefängnis, verschwinden sie aus den jeweiligen Statistiken und es si…

  8. Rayson
    31.03.2006 | 22:09

    @Klaus

    Wenn du als Überökonom in der Lage bist, die Vorschläge des ifo-Instituts zu widerlegen, solltest du deine Energie lieber darauf verwenden, selbst Lösungsvorschläge zu unterbreiten. Ich bin mir sicher, auf die Stimme von so jemandem wird die Welt hören.

    @Parker8

    Was die Manager-Einkommen damit zu tun haben, erschließt sich mir nicht. Ebensowenig die durchschnittlichen Arbeitnehmereinkommen. Du ziehst nur wieder deine übliche Verteilungsnummer ab, ob die zum Problem passt oder nicht.

    Kürze meinetwegen alle Managergehälter per Gesetz um 80%. Dann freuen sich die Aktionäre vielleicht über minimal höhere Gewinne, aber am Problem der Arbeitslosigkeit ändert das überhaupt nichts.

  9. 31.03.2006 | 23:06

    Ja, hier ist Rhodos: die Staatsschule infrage zu stellen ist genau jetzt der richtige Moment:

    http://www.galt.de/files/bildung-tha.pdf

  10. 31.03.2006 | 23:23

    @ Rayson
    Erst wollte ich deinen Tonfall übelnehmen, aber da fiel mir auf, dass das ifo-Modell sowieso nie in die Praxis umgesetzt wird. Nicht mal annähernd. Falls irgendwas mit Kombilohn kommt, ist es etwas mit tausend Ausnahmen, zig Einschränkungen und mit Mindestlohn :-)

    Da spar ich mir die Energie …

  11. Rayson
    31.03.2006 | 23:39

    @Klaus

    Tut mir Leid, aber ich kann hinter der Art, wie du ein Modell, dessen Annahmen und Mechanismen du im Einzelfall gar nicht kennen wirst, locker-flockig verwerfen zu können meinst, nur eine Arroganz erkennen, die mich nervt. Wenn dir ifo nicht gefällt, dann schau dir meinetwegen das des Sachverständigenrats an oder das der Grünen. Oder mach, wenn du dich in der Materie so gut auskennst, einen Gegenvorschlag. Eine Alternative lasse ich aber auf keinen Fall gelten: Die Dinge so treiben zu lassen, wie sie sich entwickeln.

  12. 1.04.2006 | 0:05

    Nein, Rot-Schwarz wird die Dinge nicht treiben lassen, sie werden eben ein Kombilohnmodell einführen mit tausend Ausnahmen, zig Einschränkungen und mit Mindestlohn. Und in zwei Jahren werden wir uns hier wieder fetzen weil immer noch ~ 5 Mio. Arbeitslose die Statistik versauen. Wir werden es nie erfahren ob eine Reform pur die Rettung gewesen wäre. Ich persönlich falle furchtlos in den Abgrund, falls du Angst hast, halte ich gern deine Hand ;-)

  13. Rayson
    1.04.2006 | 0:10

    Soweit kommt das noch, dass ich mich von lebenssatten alten Knackern runterziehen lasse ;-)

  14. 1.04.2006 | 0:30

    @ Rayson
    :-) dem kannst du nur entgehen durch Auswanderung, ansonsten werde ich oder einer meiner Leidensgenossen dich an die Hand nehmen. Ach, ich vergaß: dein Englisch ist nur auf Hauptschulniveau und der Jüngste bist du auch nicht mehr - ohweh

    Aber hier meint einer: ruhig treiben lassen und es wird wahrscheinlich trotzdem die A-Quote sinken.

  15. Parker8
    2.04.2006 | 14:30

    Was die Manager-Einkommen damit zu tun haben, erschließt sich mir nicht.
    Das wundert mich, denn es steht doch klipp und klar da: Entweder Rechtsloyalität der Unterschicht oder Neofeudalismus.

  16. Rayson
    2.04.2006 | 14:39

    Oh, ich wusste nicht, dass die Jugendlichen in der Rütli-Schule deswegen Probleme machen, weil die Manager-Gehälter ihnen zu hoch sind. Das muss in der Berichterstattung an mir vorbeigegangen sein.

    Entweder Rechtsloyalität der Unterschicht oder Neofeudalismus.

    Auch wenn dir so ein Szenario vielleicht lieb wäre, so bleibt es doch ausgemachter Unsinn. Wenn die Arbeitslosen arbeitslos bleiben und den ALG-II-Empfängern das Geld nicht reicht, ändert sich am Ausmaß des Problems nichts, auch wenn alle Manager nur noch auf 1-Euro-Basis arbeiten.

  17. Parker8
    2.04.2006 | 15:06

    Ich dachte, Sie wären zu abstrakterer Betrachtung fähig. Zumal es hier auch gar nichts ausmacht, wenn man bei Makro I gepennt hat. Der Zusammenhang zwischen Verteilungstendenz und Kriminalität erschließt sich einem ganz freakonomisch.

  18. Rayson
    2.04.2006 | 15:34

    Ich finde nichts Sinnvolles darin, das falsche Problem richtig zu lösen.

    Und bitte, wenn du schon über Verteilung redest, dann doch nicht über die armseligen Managereinkommen, sonst müsste ich dahinter ja eine gewisse durch bürgerliche Massenmedien verzerrte Betrachtung vermuten.

    Wie gesagt: Ob den Arbeitslosen damit geholfen ist, wenn die Manager weniger und dafür die Kapiitalbesitzer mehr verdienen?

    Der Zusammenhang zwischen Verteilungstendenz und Kriminalität erschließt sich einem ganz freakonomisch.

    Weswegen aber nicht jeder konstruierte Zusammenhang zwischen diesen beiden Größen gleich ein valider oder hinreichender ist.

  19. 2.04.2006 | 18:42

    Ob den Arbeitslosen damit geholfen ist, wenn die Manager weniger und dafür die Kapiitalbesitzer mehr verdienen? - Vielleicht nicht, aber mit dem Gegenteil, also explodierenden Managergehältern, ist dem Arbeitslosen auch nicht geholfen. Und auch nicht damit, dass AlgII-Empfänger für das gleiche Geld Vollzeit arbeiten dürfen, und diejenigen die jetzt schon im Bereich 5-7 Euro verdienen auch noch Einbußen hinnehmen müssen und sich auch noch mit Behörden rumschlagen müssen (Sinns Kombilohn).

  20. 2.04.2006 | 18:50

    Mehr als die Irrelevanz von Managergehältern in dieser Frage werde ich auch nie behaupten.

    Im Übrigen ist es keine Frage, dass am Markt erzieltes Einkommen einem über Umverteilung Anderen weggenommenen Einkommen vorzuziehen ist.

  21. 2.04.2006 | 19:31

    Im Übrigen ist es keine Frage, dass am Markt erzieltes Einkommen… - es hat keiner das Gegenteil behauptet und viele Menschen sind zu mehr Einschnitten bereit, als du vielleicht glaubst.

Bad Behavior has blocked 1170 access attempts in the last 7 days.