31. März 2006
Hic Rhodos, hic salta!
Es scheint, als breche jetzt etwas hervor, das vorher mühsam unter Verschluss gehalten wurde. In einer erklecklichen Zahl von Berliner Hauptschulen mit hohem Anteil von Schülern “nichtdeutscher Herkunft” herrschen Zustände, die ein halbwegs normales Schulleben anscheinend so sehr unmöglich machen, dass sich jetzt eine Schulleiterin in einem - so muss man es wohl schon nennen - Akt der Verzweiflung für die Schließung ihrer eigenen Schule eingesetzt und damit den Stein ins Rollen gebracht hat.
Die Reaktionen auf diese Nachricht bieten wieder das übliche Bild von Aktionismus der Politik, Ausnutzung der Nachricht für die eigene Propaganda (GEW, Rechte) und einer “Köpft-den-Boten”-Haltung (”Multi-Kulti”-Fanatiker). Die “Unpolitik” können wir schnell abhandeln: Wenn der Berliner Schulsenator diese Zustände kannte, aber nichts dagegen unternommen hat, muss er zurücktreten. Wenn er sie nicht kannte, erst recht.
Dass die demokratische Gesellschaft in einem Land mit Schulpflicht auf diese Lage reagieren muss, scheint klar. Bloß wie? Sicher, den betroffenen Schulen nutzt es vermutlich unmittelbar, sie mit einem Heer von Sozialarbeitern auszustatten, die der dort auf den Höfen vorherrschenden Sprachen mächtig sind, und eine verstärkte Präsenz der Polizei kann sich ebenfalls als nützlich erweisen. Aber das ist ein zwar notwendiges, aber eben nicht hinreichendes Bekämpfen der Symptome und nicht der Ursachen.
Die Ursache liegt in einer sich selbst verstärkenden Mischung von kulturellen und sozialen Problemen. Dass sie niemand bislang wirklich angegangen ist, liegt wohl zum einen daran, dass die beiden Enden des politischen Spektrums immer nur den in ihre Ideologie hineinpassenden Teil des Problems als solches erkennen wollen. Zum anderen dürften die möglichen Lösungen an zu vielen Tabus rühren, mit denen man sich die Lage so schöngeredet hat, dass ein Berliner Schulsenator sie dankbar ignorieren konnte. Und, machen wir uns nichts vor, es gibt andere Großstädte, in denen es nicht wirklich viel anders aussieht.
Die GEW und die ihr nahestehenden politischen Kräfte nutzen den Umstand, dass dieses Problem sich an den Hauptschulen manifestiert, ihren üblichen Pro-Gesamtschul-Weg zu propagieren. Mag sein, dass eine Zusammenfassung von Haupt- und Realschulen eine zu starke Konzentration von Problemen zunächst verhindert, aber wenn die dahinter stehenden Ursachen nicht angegangen werden, könnten auch so kombinierte Schulen dasselbe Schicksal erleiden. Mit simplem Umbenennen hat man noch nie ein Problem gelöst. Aber solche Unlösungen sind politisch sehr attraktiv.
Dabei wissen alle, die nicht mit ideologischen Scheuklappen vor ihren PCs sitzen und vor allem auf PC achten (SCNR), doch, was eigentlich getan werden müsste.
1. Qualifikation fördern, so früh wie möglich Bildung vermitteln
Der Teufelskreis der in sich selbst abgeschotteten Sozialhilfekarrieren muss durchbrochen werden. Kinder, die in die Schule kommen, müssen bereits Deutsch sprechen. Ganztagsschulen mit qualifiziertem Personal (Lehrer, Sozialarbeiter) müssen ausgebaut werden. Keine Bildung verhindernden Extrawürste für Kinder bestimmter Religionen. An eine Verknüpfung von Kindergeld u.ä. und Wahrnehmung der Elternverantwortung wird man auch mal denken müssen.
2. Für Geringqualifizierte Niedriglohnjobs in Deutschland schaffen
Wir standen nie vor der Frage, ob es Niedriglohnjobs gibt, sondern immer nur vor der, wo es sie gibt.
3. Einwanderung in die Arbeitslosigkeit verhindern
Das Boot ist nicht voll, aber das Verhältnis von Passagieren zu Besatzung stimmt nicht.
Der dritte Punkt ist der bequemste, weil relativ billigste. Die anderen beiden gehen richtig ins Geld und rühren an mehrere Tabus, z.B. dem Hochhalten des Elternwillens und der Unantastbarkeit des Auslebens importierter Kulturen. Eine weitere Ghettoisierung auf Basis staatlicher Stützungszahlungen mit Ausbau von Polizeikräften zur Verhinderung von Übergriffen, also Pariser Zustände, würde uns allen aber deutlich teurer kommen, und das nicht nur in materieller Hinsicht.
Nun, liebe Länder, ihr wollt die Zuständigkeit für Bildung. Hier ist euer Rhodos, also los!
Nachtrag: Stelle mit Erschrecken fest, dass ich bis in Details schon klinge wie Cem Özdemir, dessen Beitrag bei SPON ich gerade erst gelesen habe. Tröste mich mit dem Gedanken, dass der bei den Grünen nichts mehr zu sagen hat.
Verfasst von Rayson um 15:00 Uhr in der Kategorie Innenpolitik, Politik (Trackback)