Neues von der Speerspitze der Demokratie

Die IG Metall hat wieder einmal etwas gegen Ergebnisse einer demokratischen Abstimmung einzuwenden. Nun haben die SAPler endlich ihren Wahlvorstand, aber dessen Zusammensetzung ist den Herren von der Gewerkschaft nicht genehm. Da hätten die SAP-Mitarbeiter aber wirklich mal vorher nachfragen können, bevor sie einfach so blind abstimmen…

Lediglich eines der neun Mitglieder des Vorstands ist gewerkschaftlich organisiert. “Das macht keine gute Stimmung, da kommt Misstrauen auf”

Gutmeinende wundern sich jetzt, wie jemand auf die Idee kommen könnte, der Gewerkschaftsanteil in diesem Gremium, das von über 90% der abstimmenden Belegschaft gar nicht gewollt war, müsse höher als bei 11% liegen, wo doch bei SAP überhaupt nur ein “verschwindend geringer Teil” gewerkschaftlich organisiert ist. Weniger Gutmeinende, also Leute wie ich, lesen hier natürlich auch den Ärger heraus, dass keiner der drei IG-Metall-Aktivisten, die auch gegen den Willen ihrer Kollegen einen Wahlvorstand hätten gerichtlich anordnen lassen, mit diesen, einen besonderen Kündigungsschutz versprechenden Weihen versehen wurde. Obwohl auch das eigentlich nur Gewerkschafter stören kann, die sich freuen, etwas gegen die Mitarbeiter eines Unternehmens durchgesetzt zu haben. Und, ok, der Gewerkschafter gehört, sozusagen als Gipfel der Demütigung, auch noch einer christlichen Gewerkschaft an, deren Tariffähigkeit die IG Metall gerade kürzlich per höchstrichterlichem Beschluss bestätigt bekam.

[IG-Metaller Bernd] Knauber kritisiert, die neun Vorstände seien “stramm durchgewählt” worden: “Ich hab meine Bauchschmerzen dabei.”

Leider verrät uns die Meldung nicht, woran Herr Knauber diese feinen Unterschiede festmacht, wann jemand “stramm durchgewählt” oder einfach nur “gewählt” wurde, und was seine gastroenterologischen Beschwerden über das Wahlergebnis aussagen. Aber wenigstens bleiben sich die Gewerkschaften treu. Sie lassen nur ihre Interessen und die ihrer Mitglieder gelten. Nichtgewerkschaftler werden mit Misstrauen behandelt und am Besten kontrolliert:

Die Metaller und die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di wollen dem Gremium daher jeweils ein – allerdings nicht stimmberechtigtes – Mitglied zuordnen, wie Bernd Knauber von der IG Metall am Freitag ankündigte. “Man sollte da mit möglichst vielen Augen draufgucken.”

Gut, jetzt wissen wir immerhin, warum die bei qualifizierten Arbeitnehmern in Hochtechnologieunternehmen kein Land gewinnen. Es wird dabei bleiben, dass sie nur dann eine Chance haben, Mitglieder zu werben, wenn das Unternehmen in eine schwere Krise gerät. Den Gedanken, sie arbeiteten anscheinend also genau daran, muss man natürlich als völlig absurd bezeichnen: Herr Knauber ist sicher ein ehrenwerter Mann.

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5 Kommentare zu “Neues von der Speerspitze der Demokratie”

  1. Marian Wirth
    1.04.2006 | 1:16

    Rayson,

    seh’ ich das richtig, dass das Betriebsverfassungsgesetz insofern lückenhaft ist, als dass der Gesetzgeber es versäumt hat, eine hinreichende Vertretung der IG Metall im von ihr erzwungenen Betriebsrat vorzuschreiben?

  2. Rayson
    1.04.2006 | 1:21

    Zunächst im Wahlvorstand, aber ich zweifle nicht daran, dass dieselbe Lücke auch für den gewählten Betriebsrat geltend gemacht werden wird. Insbesondere für die freigestellten Mitglieder.

    Es droht ja u.U. auch die Nichtinanspruchnahme der gewerkschaftlichen, vom Arbeitgeber zu bezahlenden Fortbildungskurse.

  3. 1.04.2006 | 16:28

    Gut, jetzt wissen wir immerhin, warum die bei qualifizierten Arbeitnehmern in Hochtechnologieunternehmen kein Land gewinnen.

    Sag ich doch.Richtig! “Gewerkschaften sind was für ungebildete Assis.”

  4. 3.04.2006 | 18:44

    Mich persönlich interssiert dieser Streit um den SAP-Betriebsrat eher wenig.

    Derartige Einrichtungen können - entsprechendes Personal an Board vorausgesetzt - durchaus segensreich wirken. Überschätzen würde ich die Wirkung auch nicht. Das Geschrei von Unternehmen, wenn es um die Einführung von Betriebsräten geht, habe ich bislang immer auch als Inkompetenz in der Unternehmensspitze aufgefasst. So aufregend ist das Ganze nämlich nicht, denn schließlich handelt es sich hier nicht um einen Fall von Montanmitbestimmung.

    Lustig fand ich dagegen die Schlachtordnung: Die böse IG Metall gegen die Beschäftigten. Zum Lachen! Und so zeitgeistig! Und vor allem: Man spürt den Angstschweiß der Beschäftigten in der Nase, wenn man zu diesem Thema schreibt, nur weiß man nicht, ob es wirklich die Angst vor der IG Metall ist.

    Rayson wirds wissen. Und Marian Wirth. Das meine ich nicht mal polemisch (sorry!), sondern: Ich bin sicher, dass Rayson und Marian Wirth die Hintergründe zu diesem Fall wirklich viel besser kennen als ich.

    Haben die Leute wirklich so schrecklich Angst vor der IG Metall, oder könnte es auch etwas anderes sein, und wenn ja: was?

    Herausstellen möchte ich aber folgenden Abschnitt:

    “Und, ok, der Gewerkschafter gehört, sozusagen als Gipfel der Demütigung, auch noch einer christlichen Gewerkschaft an.”

    Also, daran gibt es kein Vertun: Wer als Arbeitnehmer von dieser Truppe vertreten wird, der wird tatsächlich gedemütigt. Oder er hat sich selbst gedemütigt. Eine üblere und korruptere (sic!) Arbeitnehmervertretung gibt es ja wohl kaum.

    Das wäre ja so, als ob die Gründer und Kapitaleigener der SAP ihren Besitz fast vollständig an die IG Metall übertragen, aus Angst davor, eines fernen Tages Opfer von Erbschaftssteuern zu werden.

  5. 3.04.2006 | 18:59

    @Dean

    Was du lustig findest, ist eine Realität, die keiner bestreiten wird. Nicht der SAP-Mitarbeiter, der zu über 90% keinen Betriebsrat wollte, und nicht der Gewerkschafter, der sich freute, einen solchen endlich gegen die Belegschaft durchgesetzt zu haben.

    Dass du kein Wort über die faktische Nichtakzeptanz der Wahlen, wo es denn Gelegenheit dazu gab, durch die IG Metall übrig hast, finde ich, nun - interessant.

    Hier geht es noch nicht mal um Angst (typisch deutsch, hier solche Begriffe auszupacken), sondern schlicht und einfach um Überflüssiges, Unnötiges, Hemmendes.

    Deine Diffamierung christlicher Gewerkschaften packe ich in dieselbe Rubrik. Dass die IG Metall frei von Korruption ist, wissen wir ja alle.

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