1. April 2006
Neues von der Speerspitze der Demokratie
Die IG Metall hat wieder einmal etwas gegen Ergebnisse einer demokratischen Abstimmung einzuwenden. Nun haben die SAPler endlich ihren Wahlvorstand, aber dessen Zusammensetzung ist den Herren von der Gewerkschaft nicht genehm. Da hätten die SAP-Mitarbeiter aber wirklich mal vorher nachfragen können, bevor sie einfach so blind abstimmen…
Lediglich eines der neun Mitglieder des Vorstands ist gewerkschaftlich organisiert. “Das macht keine gute Stimmung, da kommt Misstrauen auf”
Gutmeinende wundern sich jetzt, wie jemand auf die Idee kommen könnte, der Gewerkschaftsanteil in diesem Gremium, das von über 90% der abstimmenden Belegschaft gar nicht gewollt war, müsse höher als bei 11% liegen, wo doch bei SAP überhaupt nur ein “verschwindend geringer Teil” gewerkschaftlich organisiert ist. Weniger Gutmeinende, also Leute wie ich, lesen hier natürlich auch den Ärger heraus, dass keiner der drei IG-Metall-Aktivisten, die auch gegen den Willen ihrer Kollegen einen Wahlvorstand hätten gerichtlich anordnen lassen, mit diesen, einen besonderen Kündigungsschutz versprechenden Weihen versehen wurde. Obwohl auch das eigentlich nur Gewerkschafter stören kann, die sich freuen, etwas gegen die Mitarbeiter eines Unternehmens durchgesetzt zu haben. Und, ok, der Gewerkschafter gehört, sozusagen als Gipfel der Demütigung, auch noch einer christlichen Gewerkschaft an, deren Tariffähigkeit die IG Metall gerade kürzlich per höchstrichterlichem Beschluss bestätigt bekam.
[IG-Metaller Bernd] Knauber kritisiert, die neun Vorstände seien “stramm durchgewählt” worden: “Ich hab meine Bauchschmerzen dabei.”
Leider verrät uns die Meldung nicht, woran Herr Knauber diese feinen Unterschiede festmacht, wann jemand “stramm durchgewählt” oder einfach nur “gewählt” wurde, und was seine gastroenterologischen Beschwerden über das Wahlergebnis aussagen. Aber wenigstens bleiben sich die Gewerkschaften treu. Sie lassen nur ihre Interessen und die ihrer Mitglieder gelten. Nichtgewerkschaftler werden mit Misstrauen behandelt und am Besten kontrolliert:
Die Metaller und die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di wollen dem Gremium daher jeweils ein – allerdings nicht stimmberechtigtes – Mitglied zuordnen, wie Bernd Knauber von der IG Metall am Freitag ankündigte. “Man sollte da mit möglichst vielen Augen draufgucken.”
Gut, jetzt wissen wir immerhin, warum die bei qualifizierten Arbeitnehmern in Hochtechnologieunternehmen kein Land gewinnen. Es wird dabei bleiben, dass sie nur dann eine Chance haben, Mitglieder zu werben, wenn das Unternehmen in eine schwere Krise gerät. Den Gedanken, sie arbeiteten anscheinend also genau daran, muss man natürlich als völlig absurd bezeichnen: Herr Knauber ist sicher ein ehrenwerter Mann.
Verfasst von Rayson um 00:42 Uhr in der Kategorie Politik (Trackback)