5. April 2006
Milton Friedman über staatliche Drogenkontrolle; Praxisbeispiel Afghanistan
Es sollte keinerlei Kontrolle geben - zumindest sollten wir harte Drogen genauso behandeln wie Alkohol oder Zigaretten. Der Einzelne sollte den Preis für seinen persönlichen Genuss bezahlen. Man sollte Handlungen bestrafen - und nicht das Verhalten, sonst kontrolliert man den Lebenswandel anderer Menschen. Keine andere aussenpolitische Massnahme schadet den amerikanischen Interessen in Lateinamerika oder Afghanistan mehr als die Zerstörung der Lebensgrundlage von Millionen Menschen.
Milton Friedman in: Stefan Heuer: Der Kapitalist, NZZ Folio 4/06
Die Eurokraten suchen ja noch nach einer Möglichkeit, wie sie uns eine EU-Steuer unterschieben können; da könnte man auf die Idee kommen, dafür Heroin und Kokain zu besteuern.
In Bezug auf die US-amerikanische Drogenaußenpolitik, bin ich geneigt, Friedman Recht zu geben. Es ist ja kein Zufall, dass in Bolivien ausgerechnet ein Coca-Bauer zum Präsidenten gewählt worden ist.
Und Afghanistan?
Gut klingende Absichten auch beim Thema Drogen-Bekämpfung. Die Regierung in Kabul soll den Anbau von Schlafmohn weiter reduzieren und mehr korrupte Beamte und Strippenzieher des Opium-Handels festsetzen. Gut gebrüllt. Es fehlt jedoch erkennbar der politische Wille, das Problem anzupacken. Der Westen gibt widersprüchliche Signale. Amerikaner und Engländer streiten über die Vernichtung von Opium-Felder mit Flugzeugen aus der Luft. Europäer und Amerikaner bekämpfen sich de facto mit ihren Antidrogenprogramme. Und erst jetzt ist man bereit einzugestehen, dass es noch Jahre braucht, ehe den Bauern wirkliche Alternativen zur Seite stehen. Dafür trägt auch der Westen die Schuld. Weder Karsai noch die internationale Staatengemeinschaft wagt sich an die Drogen-Bosse. So bleibt vieles Augenwischerei.
Mit Geld und gutem Willen - Wie erfolgreich sind die Hilfen für Afghanistan?, Deutschlandfunk, Themen der Woche vom 4. Februar 2006 (mp3, Gesamtlänge 04:28 Minuten)
Von dem 2005 weltweit hergestellten Opium seien in dem zentralasiatischen Land 87 Prozent produziert worden, fast das gesamte Heroin für Europa stamme aus Afghanistan. Zudem breite sich der Drogenkonsum im Land selbst aus.
Immer mehr Drogen werden per Post versandt, Die Welt, 1. März 2006 zum Jahresbericht der UN-Behörde für Drogenkontrolle
Die Ernte des vergangen Jahres belief sich auf 4100 Tonnen Opium. Das entspricht 87 Prozent der weltweiten Produktion und reicht für 410 Tonnen Heroin. “Es hat sich gezeigt, daß die Drogenproduktion zu Kriegszeiten nicht ab- sondern zunimmt”, sagt Berndt Georg Thamm, Autor der Bücher “Der Welt-Drogen-Report” und “Mehrzweckwaffe Rauschgift”. Mit dem Stoff ist viel Geld zu machen: Ein Kilo Heroin koste in Afghanistan 2700 US-Dollar, in Tadschikistan schon 6000, und in Deutschland schließlich stolze 46 200 Dollar, so steht es im diesjährigen UN-Weltdrogenbericht.
1344 nahezu unkontrollierbare Kilometer, Die Welt, 28. Dezember 2005 zum “mühsamen Kampf gegen die Drogenschmuggler an der tadschikisch-afghanischen Grenze”
Aus einer Reportage über die Provinz Farjab im Norden Afghanistans:
In den letzten vier Jahren sind in der Provinz, die, anders als der Süden und Osten des Landes, nie zu den Drogenanbaugebieten zählte, die Opiumplantagen aus dem Boden geschossen. Heute blüht der Mohn auf den Feldern, in der Steppe und sogar in den Innenhöfen von Privathäusern. “Not kennt kein Gebot”, erklärt Nurullah, ein verhärmter Bauer, der mit seinem verwitterten Gesicht und seiner gebeugten Haltung wie ein Siebzigjähriger wirkt, tatsächlich jedoch erst fünfzig ist. “Ich habe kein Saatgut, keine landwirtschaftlichen Geräte und keine Möglichkeit, den Boden künstlich zu bewässern”, klagt er. “Das Opium ist für mich die einzige Chance, meine 20köpfige Familie zu ernähren.” Zehn Kilogramm Opium kann Nurullah jährlich erzeugen und damit 3000 Dollar verdienen - ein Polizeioffizier einer Antidrogeneinheit bezieht 400 Dollar Jahresgehalt.
Die Abnehmer sind die lokalen Kriegsherren. Eine Mischung zwischen Drogenmafia und feudalen Zuständen: Die Bauern verkaufen dem Mächtigsten ihre Produkte zu Preisen, die von den Kommandanten diktiert werden. Dafür dürfen die Bauern bewaffneten Schutz durch die Milizen erwarten. “Wenn die Regierung versucht, die Opiumfelder zu zerstören, werden wir uns wehren”, versichert Nurullah.
In Afghanistan werden jährlich mehr als 4600 Tonnen Opium erzeugt, die Hälfte davon im Norden; die Uno rechnet auch für dieses Jahr mit einer Zunahme. Bestimmt sind die Drogen letztlich für den europäischen Markt: Über Herat findet das Opium aus Farjab, größtenteils zu Heroin veredelt, seinen Weg über Turkmenien und den Iran bis nach Europa.
Bundeswehr in Nordafghanistan zwischen allen Stühlen Die Welt vom 11. Februar 2006
Zum Schluss noch eine Bestandsaufnahme aus dem Economist, samt pragmatischem Lösungsansatz:
AN ATMOSPHERE of despair prevails in the village of Shinwari, close to Nangahar province’s border with Pakistan. This year’s internationally-funded $860m blitz on Afghanistan’s opium industry produced a 96% drop in the poppy hectarage in the province, the best result amid a 21% overall reduction nationwide. But farmers in Shinwari say that along with the poppy went 60-90% of Nangahar’s rural economy, a void not being filled by promised “alternative livelihood” schemes, which will take years and billions of dollars to take root. There is no real alternative to poppy yet, the farmers claim.
No alternative? What, then, to make of a study by the French-based Senlis Council, which bravely proposes to introduce licensed opium production in Afghanistan for pharmaceutical painkillers? Senlis thinks this could be a panacea for a country that has in recent years depended on opium for about half of its GNP.
Not what the doctor ordered - An alternative use for opium The Economist, 6. Oktober 2005
Verfasst von Marian Wirth um 22:51 Uhr in der Kategorie International, Politik (Trackback)