6. April 2006
Einwanderer zwischen Machtpolitik und Träumen aller Art
Die USA haben endlich herausgefunden, wer daran Schuld ist, dass Muslime auf sie so einen Rochus haben, dass sie sich sogar gerne umbringen, um dem “großen Satan” zu schaden: die Europäer natürlich, mit ihrer frechen Weigerung, die Nachkommen einwandernder Muslime als Staatsbürger zu betrachten, und mit ihrer dummen Meinungsfreiheit.
Die meisten europäischen Länder hätten es im Gegensatz zu den USA versäumt, eine bewusste Integration zu verfolgen und behandelten die Nachkommen muslimischer Einwanderer weiterhin als Ausländer. Muslime in Europa hätten mit Arbeitslosigkeit und Diskriminierung zu kämpfen. Dies habe ein “Publikum” geschaffen, das offen sei für extremistische Botschaften.
Ich bin da etwas verwirrt, muss ich zugeben. So sehr er uns sein eigenes Land als Vorbild hinstellt, die Errichtung eines Schutzzauns an der Südgrenze scheint Herr Fried, seines Zeichens Staatssekretär für Europa im US-Außenministerium, uns Europäern jedenfalls nicht zu empfehlen. Der Umgang mit Einwanderern, deren Heimatländer vor der Haustür liegen, wäre doch aber der einzig richtige Vergleichsmaßstab. Und natürlich der mit großen Gruppen muslimischer Einwanderern bzw. Einwanderernachkommen - dass es nennenswerte Probleme mit anderen gäbe, ist mir in Europa jedenfalls nicht bekannt.
Herr Fried meint, die europäischen Gesellschaften würden die Nachkommen muslimischer Einwanderer weiterhin als Ausländer ansehen. Für einige Europäer wird das als Grund zur Selbstanklage und Anlass zu blindem Politaktionismus wohl reichen. Herr Malzahn findet anscheinend auch, man müsse den hier Geborenen nur einen deutschen Pass in die Hand drücken, und schon sei die Einwanderungspolitik viel “moderner” (was immer damit gemeint ist). Ich weiß nicht, ob Herr Malzahn das geltende deutsche Recht kennt, aber nach dem Optionsmodell dürfte eine Vielzahl der jetzt als wenig integriert geltenden Kinder und Jugendlichen bereits einen deutschen Pass haben, und das sogar noch neben dem des Landes ihrer Eltern - dem Integrationsglück dürfte da nach rot-grüner Logik von 1998 nicht mehr viel im Wege stehen.
Vor Terror schützen europäische Pässe aber offensichtlich auch nicht: Die Attentäter von London, der “Schuhbomber”, der jetzt in den USA vor Gericht stehende Moussaoui - alle verfügen über ein solches Dokument, und zumindest die Briten dazu noch über das, was man landläufig als “bürgerliche Existenz” bezeichnen würde. Der Anschlag des 11. September wurde zwar weitgehend in Deutschland ausgeheckt, allerdings doch wohl kaum von Menschen, denen der deutsche Staat die Integration versagt hätte: Söhne wohlhabender Eltern mit einem Studienplatz und einer Wohnung mitten in Hamburg-Harburg.
Die radikalen Muslime rührt nicht etwa ihr eigenes bedauernswertes Schicksal in Europa an, sondern das ihrer Glaubensbrüder (die Schwestern zählen ja nicht) in Palästina, Afghanistan oder - ja, sorry, liebe Pro-Americans - im Irak und ein diffuser Minderwertigkeitskomplex. Was Herr Fried da also versucht, ist ein simples Ablenkungsmanöver. Da der Irakkrieg an der Radikalisierung der Muslime nach der Palmström-Doktrin nicht schuld sein kann, muss es die mangelnde Integration in Europa sein.
Außerdem nutzten extremistische Muslime die Meinungsfreiheit in vielen Ländern aus, um ihre Botschaft weiterzutragen. Zusammen mit einer “tief negativen Wahrnehmung” der US-Außenpolitik ergebe sich ein “besonders gefährlicher Mix”.
Leider gibt uns Herr Fried nicht auch noch eine Empfehlung mit auf den Weg, was wir gegen die Meinungsfreiheit tun können. Aber ich bin mir sicher, auch an der “tief negativen Wahrnehmung” der US-Außenpolitik ist die wehrkraftzersetzende europäische und deutsche Presse schuld - manche “medienkritische” Websites werden da sofort beipflichten.
Lassen wir also diesen offensichtlichen Versuch von “shock and awe” mal beiseite und kehren wir zurück zum SPON-Artikel des Herrn Malzahn, der auch bei MomoRules, dem netten Linken von nebenan, Beifall gefunden hat.
Malzahn weist empört zurück, dass insbesondere grüne Multi-Kulti-Seeligkeit etwas mit der mangelnden Integration zu tun hätten und findet den richtigen Schuldigen in Helmut Kohl. Ich weiß nicht, ob diese etwas zwanghafte Fokussierung jetzt auf eine Art Buße zurückzuführen ist, die er für die Sünde auferlegt bekam, Schwarz-Gelb im Wahlkampf in die Hände gearbeitet zu haben, aber viel wahrscheinlicher ist das Spiegel-typische, wellenartige Herfallen über und Nachtreten gegen aktuelle und ehemalige Mitspieler auf der politischen Bühne. Richtig ist, dass die Einwanderer und ihre Nachkommen in das Loch gefallen sind, dass sich zwischen unkritischer Zuzugsbegeisterung bei den einen und “gastarbeiterseliger” Realitätsverweigerung bei den anderen aufgetan hatte. Auch heute noch werde ich das Gefühl nicht los, dass die Konservativen immer noch hoffen, Menschen ausländischer Herkunft zu Urdeutschen erziehen zu können, während die Linken sich von den edlen WildenEinwanderern eine “Modernisierung” oder am besten gleich Abschaffung der deutschen Nation versprechen. Was natürlich nur ein undifferenziertes Gefühl ist.
Es wäre ja schon schön, wenn die deutsche Politik davon ablassen könnte, mit der Einwanderungsdebatte eigene Sehnsüchte und Ängste zu kompensieren, und sich statt dessen darauf konzentrierte, jungen Menschen mit wenig bildungsförderlichem familiären Hintergrund wieder eine Perspektive zu verschaffen. Jeder darf sich natürlich seinen Staat und seine Gesellschaft so vorstellen, wie sie sein sollte, aber diesen Zustand kann man sich nicht herbeibeamen: Ein morsches Bauwerk, dessen Sanierung zu lange hinausgezögert wurde, zu verbessern, ist harte Arbeit und nicht billig.
Nachtrag:
Zuzustimmen ist Malzahn, wenn er schreibt:
Die Sache ist ziemlich simpel, liebe ausländischen Interessensverbände: Ohne deutsche Sprache läuft in Deutschland nichts - Punkt. Mit Diskriminierung hat das aber auch nicht das Geringste zu tun. Wer will, dass sein Kind in Deutschland eine Zukunft hat, sollte ihm besser heute als morgen einen Duden und eine Grammatikfibel besorgen.
Warum das mit der sprachlichen Integration bislang nicht so richtig klappt, dafür liefern eben diese Interessenverbände dankbarerweise dann auch die Hinweise:
Auch die Union Europäisch Türkischer Demokraten (UETD) wetterte gestern gegen den CSU-Plan. “Heftige Ablehnung” signalisierte der UETD-Vorsitzende Fevzi Cebe. Zugleich räumte er ein, auch die Türken müssten sich um eine bessere Integration bemühen. Die Politik dürfe aber nicht mit “Stammtischparolen” auf Stimmenfang gehen. Wichtige Voraussetzung für die sprachliche Integration türkischer Kinder in Deutschland sei zuerst das Erlernen der türkischen Muttersprache, sagte Cebe.
(zitiert aus: taz vom 06.04.2006)
Man kann sich drüber streiten, ob Tests ohne ausreichendes Förderangebot etwas taugen. Aber der letzte Satz ist eine Meisterleistung der organisierten Integrationsverweigerung.
Verfasst von Rayson um 13:00 Uhr in der Kategorie Politik (Trackback)