EIgentum am eigenen Körper

Das Eigentum am eigenen Körper ist nicht nur eine wichtige libertäre Grundposition, sondern bekommt in anderer Form Alltagsrelevanz. Die neue Gretchenfrage lautet: Wie hältst du es mit deinen Organen?

Mediziner, die händeringend nach Nachschub suchen, um Leben zu retten oder auch nur zu erleichtern, hätten es da gerne etwas verpflichtender, und eine Forschergruppe ist jetzt auch zu einem Ergebnis gekommen, das SPON gleich einen Titel wert war: “Mehrheit der Deutschen für Zwang zum Organspende-Ausweis”. Das stimmt zwar, allerdings ist das mit 60% eine relativ knappe Mehrheit gegenüber den 90%, die lieber bei der gegenwärtigen Praxis bleiben wollen, und gegenüber den 70%, die sich mit einer Regelung anfreunden können, die expliziten Widerspruch voraussetzt. Womit auch klar wäre, wie man mit sich widersprechenden Umfrageergebnissen umgeht…

Die Mediziner ärgert, dass sie nur bei denen ran dürfen, die einen Organspendeausweis bei sich tragen, sie aber darüber hinaus eine große Gruppe von Menschen vermuten, die zwar keinen solchen Ausweis besitzen, aber dennoch grundsätzlich zur Organspende bereit wären. Deshalb fordert der Leiter des Forscherteams genau das, was SPON freundlicherweise in der Überschrift als Umfrageergebnis schlechthin ausgibt: den Zwang zum Ausweis.

Was mich zu der generellen Frage veranlasst: Wie weit soll ein Staat da eingreifen dürfen? Eins ist ja klar: Der versprochene Nutzen von Organspenden ist quasi unendlich hoch, weil Leben rettend, während ein Schaden im Grunde nicht zu erkennen ist. Mit dieser Konstellation im Rücken kann man für Unentschlossene den Organspenderausweiszwang einführen, aber auch irgendwann für Unwillige die Organspende zur Pflicht machen. So fürsorglich, wie unser Staat sonst immer ist, muss es eigentlich erstaunen, dass wir noch nicht so weit sind - er scheint mit Toten rücksichtsvoller umzugehen als mit Lebenden.

Als Alltagsökonom kommt mir noch eine andere Idee: Wer der Entnahme seiner Organe zustimmt, verleiht seinen Innereien plötzlich einen Marktwert, dessen Realisierung nur die eigene, bescheidene Existenz entgegensteht - das heißt, es gäbe Menschen, die am Tod des potenziellen Spenders ein großes Interesse haben. Kein wirklich schöner Gedanke, den auch die Ausweitung der Zulässigkeit von Lebendspenden auf Nichtangehörige, wie sie von dem Forscher ebenfalls gefordert wird, nicht vertreiben kann…

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11 Kommentare zu “EIgentum am eigenen Körper”

  1. Uli
    12.04.2006 | 19:35

    gerne lasse ich mich schlachten und ausweiden. Aber erst wenn mein Körper die allgemeinen Zeichen des Todes zeigt: keine Atmung, kalter Körper, u.s.w.
    Der Nutzen von Organspenden hält sich in engen Grenzen, der überwiegende Teil der Organempfänger hat nur etwa einem Jahr gewonnen, wovon er den größten Teil im Krankenhaus und bei Ärzten verbringt …
    Bei schlachten von Tieren verlangt man in Deutschland den vorherigen Tod (den richtigen, nicht den klinischen).
    Allerdings sind alle Organspender NACH der Spende garantiert tot.
    Uli

  2. Hardy
    12.04.2006 | 21:09

    “Womit auch klar wäre, wie man mit sich widersprechenden Umfrageergebnissen umgeht…”
    Wie heißt es so schön: Ich vertraue nur einer Statistik die ich selbst gefälscht habe.
    Spendenausweispflicht lehne ich ab, allerdings sollte wesentlich mehr Aufklärung erfolgen, viele Leute wissen noch nicht mal wo und wie sie einen Organspenderausweis erhalten können.

  3. Loc
    12.04.2006 | 23:50

    Anreize setzen. Zum Beispiel:

    Pro Jahr registrierter Organspendebereitschaft erhält man im Fall, dass man selbst mal ein fremdes Organ benötigt, einen Wartezeitbonus (gegenüber nicht spendebereiten Wartenden).

    Ob sich sowas durchsetzen läßt, ist allerdings noch eine andere Frage.

  4. 13.04.2006 | 0:19

    Als Liberaler bin ich für die marktwirtschaftliche Lösung: Die Organe werden verkauft.

    Das ist allerdings jetzt eine ausweichende Antwort auf eine schwierige Frage. Ich erspare mir jetzt mal die Kritik an SPON, das nicht in der Lage ist Umfragen zu interpretieren und an dem aus meiner Sicht schwachsinnigen mach den Perso zum Fragebogen Vorschlag. (Nebenbei: Man ist ausweispflichtig, aber was hat es einen Streifenpolizisten bei einer Routineuntersuchung zu interessieren, ob ich meine Organe spende, oder nicht).

    Die aufgeworfene Frage lautet also: Darf der Staat auch gegen den Willen des Verstorbenen, die Verwendung von Organen zulassen, oder stellt dies im Sinne der liberalen Theorie einen unzulässigen Eingriff in das Recht auf Eigentum am eigenen Körper dar?

    Offensichtlich ist das Recht auf Eigentum am eigenen Körper angegriffen und m.E. auch verletzt. Der Verstorbene oder Sterbende hätte in meinen Augen das Recht, sich gegen eine solche Gesetzesregelung zur Wehr zu setzen. Er wäre “im Recht”. Es handelt sich aber leider nicht um eine Situation Recht gegen Unrecht, sondern um eine Recht gegen Recht, denn derjenige, der die Spende benötigt, hat das Recht auf Selbsterhaltung. Um ein Extrembeispiel zu bringen: Ich hielte es (im oben genannten theoretischen Sinne) für legitim, wenn der Staat kleine Mädchen tötet, wenn dies zur Rettung eines anderen Lebens erforderlich wäre. Das ist zwar nicht wünschenswert und ich bin auch strikt dagegen, aber es wäre in meinen Augen legitim. (Ich gehe davon aus, dass die Leser dieses Blogs so klug sind und den Unterschied zwischen einer theoretischen Ableitung und eines Wunsches verstehen.) Nicht für legitim, (aber für deutlich hinnehmbarer) halte ich dagegen gesetzeliche Ladenöffnungszeiten. Der Grund ist, dass im ersten Falle, das Selbserhaltungsrecht irgendeines Menschen so (unendlich) stark ins Gewicht fällt, dass es jeden anderen Sachverhalt, sogar das Töten von kleinen Mädchen, aufwiegt.

  5. 13.04.2006 | 11:36

    Dass andere Länder da oft andere Ansichten zu haben, dazu habe ich schon vor einer Weile etwas bei uns gebloggt.

  6. 13.04.2006 | 12:40

    Für mich steht das Recht auf selbstbestimmtes Leben und Sterben an erster Stelle. Deshalb kommt aus meiner Sicht immer nur eine Zustimmungslösung in Frage. Soll die Gesellschaft sich einig darüber werden, wie sie die Leute dazu motiviert: durch Promi-Vorbilder oder durch die Vermittlung der moralisch-ethischen Werte. Man darf nicht vergessen, dass das auch tief in Religion und Weltanschauung eingreift.

    @Loc: Dann fangen wir auch bald damit an, dass wir Blutspender mit kürzeren Wartezeiten auf eine OP belohnen?

    @Dirk: Deine Konstruktion mit der Tötung eines Gesunden, um das Selbsterhaltungsrecht eines Kranken durchzusetzen, durchschaue ich nicht ganz. Was ist mit dem Selbsterhaltungsrecht des unfreiwilligen Organ”spenders”?

  7. 13.04.2006 | 16:21

    @Stefanolix

    Was ist mit dem Selbsterhaltungsrecht des unfreiwilligen Organ”spenders”?

    Das ist genau die Krux an der Sache. Auch der unfreiwillige Spender befindet sich im Recht. Es wäre also auch legitim (immer im Sinne der Theorie), wenn der Staat ein gegenteiliges Gesetz beschlössem, dass Organspende nur bei ausdrücklicher Zustimmung des Spenders erlaubt. Es handelt sich hier m.E. um eine Situation, in der Recht gegen Recht stehen.

    Das Problem ist, dass durch die Begriffe “Recht” und “Unrecht” die Welt nicht vollständig geordnet werden kann. Nicht in jedem Konflikt kann man sagen, dass eine Person A Recht hat und der Kontrahent automatisch Unrecht. Nicht jede Frage ist juristisch entscheidbar und schlimmer noch, es gibt Situationen wie oben, in denen Recht gegeneinander steht. In dem Fall ist die Frage nicht deduktiv durch die Theorie entscheidbar, sondern muss politisch, etwa von einem Parlament, entschieden werden. Wie die Entscheidung ausfällt, wessen Position mehr Gewicht erhält, ist nicht durch die liberale Theorie vorbestimmt.

  8. 13.04.2006 | 19:55

    An dieser Stelle noch ein kleiner Verweis auf SteffenH vom “Mit dem Kopf voran”, der u.a. einen hier schon genannten Lösungsansatz ins Spiel bringt.

  9. 14.04.2006 | 1:31

    Allerdings sind alle Organspender NACH der Spende garantiert tot.

    Dann geht’s ja. Ich hol mir auch nen Ausweis. Aber mir schwirrt immer noch der TV-Film mit dem Titel “Fleisch” aus den 70-ern im Kopf herum. Vielleicht erinnern sich ja noch ein paar daran.

    Der Gedanke, den Rayson im letzten Absatz seines Artikels äußert, ist exakt der, der mich, obwohl ich im Grundsatz der Organspende absolut positiv gegenüberstehe, von einer endgültigen Festlegung zurückschrecken lässt.

  10. 14.04.2006 | 20:39

    Den Film kenne ich zwar nicht. Aber mir schwirrt z.B. der Blutspendeskandal im Kopf herum …

  11. 17.04.2006 | 18:52

    Ihr habt Sorgen!

    Was wär so schrecklich schlimm daran, wenn jeder Bürger gezwungen wäre, “ja” oder “nein” zur Organspende zu sagen, und zwar schon vor seinem Ableben?

    Für die Angsthasen: Man kann auch “nein” sagen.

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