Ach Gott, Popetown

Da Rayson sich nun schon zu dem Thema “Popetown” geäußert hat, obwohl er als Alt-Katholik nur zur erweiterten Zielgruppe gehört, möchte ich die Gelegenheit nutzen, ein paar Gedanken zum Thema “Meinungsfreiheit und Religionen” loszuwerden, die mir schon seit ein paar Monaten im Kopf herumschwirren.

Raysons letzter Absatz

Nichtsdestotrotz hätte es sowohl “Jyllands Posten” als auch MTV gut zu Gesicht gestanden, auf ihre jeweiligen Publikationen, zu denen sie alles Recht haben, zu verzichten. Nicht, weil ihnen sonst ein schweres Übel drohte (dessen Androhung der eigentliche Skandal wäre), sondern weil sie Respekt und Rücksicht hätten zeigen können. Die Chance haben sie verpasst.

erinnert mich an den Kategorischen Imperativ von Immanuel Kant:

Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.

Den Gegenentwurf vertritt besonders deutlich Ayaan Hirsi Ali, die ein “right to offend” postuliert. Ich lehne diese Einstellung ab und möchte nicht in einer Gesellschaft leben, die ein solches Recht zu ihren Maximen zählt.

Außerdem bin ich der Ansicht, dass es eine Anmaßung darstellt, wenn diejenigen, die ein solches “right to offend” für sich in Anspruch nehmen, sich auf Voltaire und die Aufklärung berufen. Eine der Säulen der Aufklärung lautet: “Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen!“; eine pauschale Verhöhung von Glaubensbekenntnissen wird dieser ermunternden Aufforderung gerade nicht gerecht, sondern widerspricht ihr m.E. fundamental. Und die religionsfeindlichen Äußerungen Voltaires losgelöst vom historischen und philosophischen Kontext für eigene religionsfeindliche Äußerungen zu verwenden, ist m.E. intellektuell unredlich.

Zu der MTV-Serie selbst fällt mir nicht viel ein. Offenbar liegt ihr ein Papstbild zugrunde, wie es vor allem Leo X. verkörpert hat, womit MTV sich weniger auf der Höhe der Zeit befindet als der gegenwärtige Papst Benedikt XVI., über den Harald Schmidt in einem der ansonsten längsten und langweiligsten Interviews, das ich je mit ihm gelesen habe, sagte:

Alles, was nun in den Feuilletons geschrieben wird, fordert Joseph Ratzinger seit dreißig Jahren. Besser, sprachlich kraftvoller, stilistisch brillanter, inhaltlich ungebeugter.

Besonders, seit Kardinal Joseph Ratzinger dem von mir nicht besonders geschätzten Marienverehrer nachgefolgt ist, stößt mir die Verachtung, die Gläubigen im allgemeinen und Katholiken im besonderen gerade in Deutschland entgegen gebracht wird (ja, durchaus auch im Alltag!), so bitter auf, dass ich mich mit dem Gedanken trage, aus Protest wieder zum allsonntäglichen Kirchgänger zu werden. Auch die zunehmende Ablehnung des Islam und die Verhöhnung von Muslimen im allgemeinen mißfällt mir (ich ziehe sichtbare, große Moscheen den im Moment vorherrschenden Hinterhofmoscheen vor und hätte auch nichts gegen öffentlich wahrnehmbare Aufrufe zum Gebet durch einen Muezzin, in einem Rahmen, wie er jetzt etwa dem Läuten Kirchenglocken zugebilligt wird).

Vor allem diese überhebliche Attitüde, die den Anschein erweckt, alle Gläubigen seien bemitleidenswerte Trottel und nur Atheisten oder Agnostiker seien modern und aufgeklärt, finde ich abstoßend.

Wenn ich auch ”Popetown” an sich gleichgültig gegenüber stehe und mir gelassenere Reaktionen von allen meinen Glaubensschwestern und -brüdern auf diese Serie gewünscht hätte, so muß ich doch zugeben, dass mich das die Serie bewerbende Plakat verletzt hat, weil es gerade in der Osterzeit jede Achtung vor dem Christentum vermissen lässt. Aber sowas muss ich und muss eine moderne Gesellschaft aushalten können.

Für alle, denen es mit dem Plakat ähnlich geht wie mir (das dürften unter den Leserinnen und Lesern dieses Blogs nicht allzu viele sein) und/oder für diejenigen, die Johnny Cash verehren gerne singen hören (das dürften wesentlich mehr sein):

Gospel-Warnhinweis! (für alle, die bei religiösen Inhalten Hautausschlag o.ä. bekommen)

Johnny Cash & The Carter Family - Where You There   (Youtube-Video)

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6 Kommentare zu “Ach Gott, Popetown”

  1. 19.04.2006 | 18:47

    Das Plakat war doch sehr amüsant … aber ich bin nicht gläubig und dementsprechend wohl nicht in dieser Hinsicht verletzbar. Trotzdem verstehe ich unter “verletzend” andere Kaliber als einen lachenden Jesus, der nicht mehr abhängen will.

    Aber mein Eindruck, das die gläubigen Christen ein sehr dünnes Fell haben, hat sich (mal wieder) verstärkt.

  2. 19.04.2006 | 18:59

    Ich sehe ehrlich gesagt gar keinen Unterschied zwischen Ayaan Hirsi Ali und Rayson. Ein “right to offend” ist eben keine “duty to offend” - soll heissen: Ich habe jedes Recht, mich ueber Religionen lustig zu machen. Das gehoert zu einer freien Gesellschaft dazu, und deswegen werde ihc dieses Recht in jedem Fall verteidigen. Aber dies heisst eben nicht, dass ich es wahrnehmen muss. Wenn ich fuer mich zu dem Schluss komme, dass ich niemanden verletzen will, dann nehme ich (freiwillig) Ruecksicht. Ich wuerde daher beide Ebenen trennen: Die rechtliche Ebene, nach der in einer freien, offenen Gesellschaft auch religioese Verletzungen moeglich und nicht justiziabel sind, und die moralische Ebene, nach der man sich - ganz nach der Kant’schen Formel - freiwillig dazu entschliessen kann, im Unmgang untereinander Ruecksicht zu nehmen. Warum sollten sich die Positionen von Ayaan Hirsi Ali und Rayson ausschliessen?

  3. 19.04.2006 | 23:28

    Verdammt! Oliver! Und ich habe beim Lesen des RSS-Feeds gedacht, ich könnte mit “Right to Offend” vs. “Duty to Offend” etwas besonders originelles zur Debatte beitragen. Mist.
    Somit muss ich dann einfach Zustimmung äußern - sowohl zu Marian als auch zu Olivers Einwurf. Wie uncool.

  4. Marian Wirth
    20.04.2006 | 8:17

    VolkerD,

    gegen einen lachenden Jesus hätte ich nichts einzuwenden gehabt.

    Oliver,

    ich werde heute noch ein paar Auszüge aus der Berliner Rede von AHA posten, um zu illustrieren, warum es bei ihr sehr wohl auf ein “duty to offend” hinaus läuft. Womit dann auch - jedenfalls nach meinem Verständnis - der Unterschied zu Rayson deutlich wird. Im übrigen kann ich mit der Religionskritik des Antibürokratieteams ganz gut leben - aber ihr seid ja auch nicht MTV.

    Karsten,

    einfach nur Zustimmung äußern zu können, ist doch auch hin und wieder ganz erholsam, oder? Obwohl ich manchmal schon den Eindruck habe, dass Liberale eher enttäuscht sind, wenn sie nichts zu mosern haben ;-).

  5. 20.04.2006 | 10:43

    Jetzt wird es ärgerlich. Jetzt kommt der Kant-Zitierer und Ayaan Hirsi Ali Kritiker und hat dabei eine simple Tatsache vergessen: Meinungsfreiheit ist schon allgemeines Gesetz. Leuten wie Ayaan Hirsi Ali geht es ja nicht darum die Gefühle von anderen Menschen aus Spaß an der Freud zu verletzen, sondern nur den Religionsfanatikern den Wind aus den Segeln zu nehmen. Letztere wollen nämlich dem Rest der Menschheit Freiheiten entziehen indem sie definieren was beleidigend ist, und diese Definitionsmacht wollen sie natürlich nicht abgeben oder mit “Ungläubigen” teilen. Katholiken und insbesondere Kleriker mögen insgeheim glauben, dass man den Menschen nicht die Wahl lassen sollte, aber das macht sie eben zu potentiellen Feinden der Freiheit und da erlaube ich es mir als Atheist ein wachsames Auge darauf zu haben.

    Mich stösst es ab, dass man als Atheist und Religionskritiker und wenn man den Religiösen selbstbewußt entgegen tritt, sofort ein überhebliche Attitüde bescheinigt bekommt.

    Marian, wenn du schon feststellst, dass: zunehmende Ablehnung des Islam und die Verhöhnung von Muslimen solltest du auch Ross und Reiter benennen, und dies nicht nur in den leeren Raum stellen und damit unterstellst, dass dafür die gleichen verantwortlich wären, die sich das recht vorbehalten sich über Religion lustig zu machen. Aber Blogs wie PI belehren ja da eines Besseren, mit ihrer religiösen Agenda und ihren rassistischen Untertönen mit Hinblick auf Muslime.

  6. 3.05.2006 | 21:24

    [...] Nee, ich bin dann doch der Ansicht, man sollte den § 166 StGB zum Gegenstand des Bürokratieabbaus machen. Einen nöligen Blogeintrag abzusetzen ist letztlich ohnedies befriedigender, als wenn jemand für mich so’n Verfahren gewinne würde. Echt mal. [...]

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