19. April 2006
Ach Gott, Popetown
Da Rayson sich nun schon zu dem Thema “Popetown” geäußert hat, obwohl er als Alt-Katholik nur zur erweiterten Zielgruppe gehört, möchte ich die Gelegenheit nutzen, ein paar Gedanken zum Thema “Meinungsfreiheit und Religionen” loszuwerden, die mir schon seit ein paar Monaten im Kopf herumschwirren.
Raysons letzter Absatz
Nichtsdestotrotz hätte es sowohl “Jyllands Posten” als auch MTV gut zu Gesicht gestanden, auf ihre jeweiligen Publikationen, zu denen sie alles Recht haben, zu verzichten. Nicht, weil ihnen sonst ein schweres Übel drohte (dessen Androhung der eigentliche Skandal wäre), sondern weil sie Respekt und Rücksicht hätten zeigen können. Die Chance haben sie verpasst.
erinnert mich an den Kategorischen Imperativ von Immanuel Kant:
Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.
Den Gegenentwurf vertritt besonders deutlich Ayaan Hirsi Ali, die ein “right to offend” postuliert. Ich lehne diese Einstellung ab und möchte nicht in einer Gesellschaft leben, die ein solches Recht zu ihren Maximen zählt.
Außerdem bin ich der Ansicht, dass es eine Anmaßung darstellt, wenn diejenigen, die ein solches “right to offend” für sich in Anspruch nehmen, sich auf Voltaire und die Aufklärung berufen. Eine der Säulen der Aufklärung lautet: “Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen!“; eine pauschale Verhöhung von Glaubensbekenntnissen wird dieser ermunternden Aufforderung gerade nicht gerecht, sondern widerspricht ihr m.E. fundamental. Und die religionsfeindlichen Äußerungen Voltaires losgelöst vom historischen und philosophischen Kontext für eigene religionsfeindliche Äußerungen zu verwenden, ist m.E. intellektuell unredlich.
Zu der MTV-Serie selbst fällt mir nicht viel ein. Offenbar liegt ihr ein Papstbild zugrunde, wie es vor allem Leo X. verkörpert hat, womit MTV sich weniger auf der Höhe der Zeit befindet als der gegenwärtige Papst Benedikt XVI., über den Harald Schmidt in einem der ansonsten längsten und langweiligsten Interviews, das ich je mit ihm gelesen habe, sagte:
Alles, was nun in den Feuilletons geschrieben wird, fordert Joseph Ratzinger seit dreißig Jahren. Besser, sprachlich kraftvoller, stilistisch brillanter, inhaltlich ungebeugter.
Besonders, seit Kardinal Joseph Ratzinger dem von mir nicht besonders geschätzten Marienverehrer nachgefolgt ist, stößt mir die Verachtung, die Gläubigen im allgemeinen und Katholiken im besonderen gerade in Deutschland entgegen gebracht wird (ja, durchaus auch im Alltag!), so bitter auf, dass ich mich mit dem Gedanken trage, aus Protest wieder zum allsonntäglichen Kirchgänger zu werden. Auch die zunehmende Ablehnung des Islam und die Verhöhnung von Muslimen im allgemeinen mißfällt mir (ich ziehe sichtbare, große Moscheen den im Moment vorherrschenden Hinterhofmoscheen vor und hätte auch nichts gegen öffentlich wahrnehmbare Aufrufe zum Gebet durch einen Muezzin, in einem Rahmen, wie er jetzt etwa dem Läuten Kirchenglocken zugebilligt wird).
Vor allem diese überhebliche Attitüde, die den Anschein erweckt, alle Gläubigen seien bemitleidenswerte Trottel und nur Atheisten oder Agnostiker seien modern und aufgeklärt, finde ich abstoßend.
Wenn ich auch ”Popetown” an sich gleichgültig gegenüber stehe und mir gelassenere Reaktionen von allen meinen Glaubensschwestern und -brüdern auf diese Serie gewünscht hätte, so muß ich doch zugeben, dass mich das die Serie bewerbende Plakat verletzt hat, weil es gerade in der Osterzeit jede Achtung vor dem Christentum vermissen lässt. Aber sowas muss ich und muss eine moderne Gesellschaft aushalten können.
Für alle, denen es mit dem Plakat ähnlich geht wie mir (das dürften unter den Leserinnen und Lesern dieses Blogs nicht allzu viele sein) und/oder für diejenigen, die Johnny Cash verehren gerne singen hören (das dürften wesentlich mehr sein):
Gospel-Warnhinweis! (für alle, die bei religiösen Inhalten Hautausschlag o.ä. bekommen)
Johnny Cash & The Carter Family - Where You There (Youtube-Video)
Verfasst von Marian Wirth um 18:14 Uhr in der Kategorie Grundsatzfragen, In eigener Sache (Trackback)