Die Welt zu Gast bei Freundinnen

Die ganze Welt? Nein, einige dürfen wohl nicht.

Zunächst wollte ich das nicht bebloggen, weil ich mir dachte, im Rotlichtmilieu kommen noch ganz andere Sachen vor, und außerdem schimpfen dann irgendwelche selbsternannte Liberale wieder mit mir, wo ich doch so empfindlich bin und so furchtbar gerne liberal sein möchte…

So weit zu den guten Vorsätzen, denn jetzt muss ich doch. Einmal, weil der “Religious Policeman” die Sache mal wieder urkomisch beschrieben hat, aber auch, weil mir bei dieser Gelegenheit aufgefallen ist, wie unterschiedlich sich SPON in Deutsch und in Englisch liest.

In der deutschen Version steht:

Nach unmissverständlichen Drohungen der ungebetenen Gäste hat das Bordell die Fahnen der Weltmeisterschafts-Teilnehmer Saudi-Arabien und Iran auf dem Plakat geschwärzt.

“Einige Leute waren hier und haben verlangt, dass wir die Flaggen entfernen”, sagte ein Bordell-Mitarbeiter. Sie hätten sich zunächst ruhig verhalten und dann Drohungen ausgestoßen. Später seien vermummte und bewaffnete Personen aufgetaucht, um den Forderungen Nachdruck zu verleihen.

In English you read:

The campaign provoked excitement, but not the kind the management was hoping for. Men from the Muslim community came to the door complaining that showing the flags of Saudi Arabia and Iran was an insult to the Prophet Muhammad. Later, some returned in masks.

“On Friday evening we were threatened by 11 masked men who demand that we take down the Saudi Arabian flag,” Lobscheid told the Kölner Express, a local newspaper. Not wanting any trouble, the brothel obliged and removed it and the Iranian one. But that still left the flags printed on the poster.

“On Saturday night there were 20 masked men armed with knives and sticks. They threatened to get violent and even bomb the place unless we black out the Iranian and Saudia Arabian flags on the poster as well,” said Lobscheid.

Wer wird besser informiert? Und warum?

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6 Kommentare zu “Die Welt zu Gast bei Freundinnen”

  1. R. A.
    26.04.2006 | 7:50

    Schon interessant, diese unterschiedliche Berichterstattung.

    Obwohl eigentlich schon die deutsche Version reicht, um den Skandal zu erkennen: Ein bewaffneter Mob setzt mitten in Deutschland seine Forderungen durch - und weder Polizei noch Justiz reagieren.

  2. Marian Wirth
    26.04.2006 | 9:20

    Naja, wenn man David’s Medienkritik zu seiner Pflichtlektüre zählt, dann ist es keine wirkliche Neuigkeit, dass der SpOn ein mittleres bis großes Problem mit der englischen Sprache hat - sowohl, wenn es darum geht, englische oder amerikanische Texte ins Deutsche zu übertragen, als auch hinsichtlich der Übersetzung der deutschen SpOn-Texte für die englische Ausgabe.

    Das ist einer der Gründe, warum ich in diesem Blog dieses Produkt nicht mehr zitiere.

  3. 26.04.2006 | 11:16

    Von Übersetzungsproblemen kann man allerdings wohl kaum reden, schließlich ist das Original ein deutsches und der englische Text detaillierter.

  4. 26.04.2006 | 11:48

    Rayson,

    stimmt. Das “Übersetzung” muß ebenfalls “Übertragung” heißen. Normalerweise verwendet man das Wort “Übertragung” ja nur, wenn es sich um Texte handelt, bei denen eine Übersetzung von vorneherein für schwierig oder unmöglich gehalten wird, z.B. wenn Shakespeares Sonette nicht einfach nur übersetzt, sondern ebenfalls in Sonettform veröffentlicht werden sollen.

    Insofern ist auch meine Behauptung, der SPIEGEL habe ein Problem mit der englischen Sprache, falsch. Der SPIEGEL hat kein Problem mit Englisch, sondern mit Angelsachsen. Anders ist es ja auch nicht zu erklären, warum die englische Ausgabe z.T. sogar anders bebildert wird als der ursprüngliche deutsche Originalartikel.

    Eine unterschiedliche Ausgabe für unterschiedliches Zielpublikum kann man machen; die indonesische Ausgabe des PLAYBOY weicht ja auch von der amerikanischen ab. Allerdings würde wohl niemand auf die Idee kommen, bei dem indonesischen PLAYBOY handele es sich um eine ansonsten identische Reproduktion der amerikanischen Ausgabe. Das dürfte im Falle SpOn anders sein. Und deshalb ist es m.E. mit journalistischer Sorgfaltspflicht nicht vereinbar, wenn absichtlich falsch übersetzt wird oder dem Originalartikel Sätze hinzugefügt werden oder Sätze weggelassen werden - ohne, dass dies in irgendeiner Weise kenntlich gemacht wurde.

  5. 27.04.2006 | 2:23

    Interessante Beobachtung - aber ich glaube, es sind einfach zwei Orginale.

    Die SpOn International Redkation sitzt in Berlin, glaube ich, und Sie besteht zumindest zum Großteil aus Muttersprachlern, wenn ich mich richtig an ein paar Stellenanzeigen erinnere. “Davids Medienkritik” sollte nun wirklich kein Maßstab für Journalismuskritik in der “reality based community” sein…

  6. 27.04.2006 | 10:35

    Ich glaube, es sind einfach zwei Orginale.

    Allerdings behandelt die internationale Redaktion immer auch nur Themen, die auch in der deutschen Ausgabe erscheinen, oder? Das heißt, ich jedenfalls gehe davon aus, dass die “Internationalen” die Versionen der “Deutschen” schon kennen, wenn sie an ihrer basteln. Und dann für unzureichend halten? Oder ist da einfach nur “mehr” drin, weil es weniger englische Beiträge gibt und damit für den einzelnen mehr Raum bleibt? Fragen über Fragen…

    Im Prinzip nervt mich ja weniger die Unterschiedlichkeit, als die im Vergleich zur englischen Version sichtbare Dürftigkeit der deutschen, durch die (bewusst oder unbewusst?) ein weniger dramatisches Bild vermittelt wird.

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