27. April 2006
Instrumentalisierung
Wer mir mangelndes Problembewusstsein im Fall von Ermya M. vorwerfen möchte, kann das gerne tun. Aber es ändert nichts daran, dass sein Schicksal jetzt mit billiger politischer Münze gehandelt wird. Nichts anderes war zu erwarten. An vorderster Front natürlich meine Lieblingsmanipulateure von SPON.
Dort lesen wir:
Die Statistik ist alarmierend: Die Zahl rechtsextremer Gewalttaten in Deutschland ist im vergangenen Jahr um knapp ein Viertel gestiegen. 958 Mal schlugen Rechtsradikale zu. Die Bundesregierung will laut einem Zeitungsbericht die Mittel für den Kampf gegen rechte Gewalt deutlich aufstocken.
…
Wie der niedersächsische Innenminister Uwe Schünemann (CDU) heute in Hannover bekannt gab, registrierte die Polizei 2005 bundesweit 958 von Rechtsradikalen begangene Gewalttaten. Im Jahr davor lag die Zahl bei 776. Daraus ergibt sich ein Anstieg von 23 Prozent. Die Zahl der Körperverletzungen mit rechtsextremem Hintergrund erhöhte sich sogar von 640 auf 816 - das entspricht 27 Prozent.
Schlimm genug. Und was möchte uns SPON damit sagen? Das:
Auf Wunsch vornehmlich der SPD werde sich der Koalitionsausschuss der Regierungsparteien am 1. Mai mit Programmen zur Bekämpfung des Rechtsextremismus beschäftigen, berichtet “Die Welt”. Erwogen werde ein Aktionsplan, dessen Volumen über die 19 Millionen Euro im Jahr hinausgehen soll, die bisher für Programme gegen Rechts- und Linksextremismus ausgegeben würden. Überlegt werde eine “spürbare Aufstockung” der Gelder.
Parteivorstand und Parteirat der SPD hatten vor wenigen Tagen eine Entschließung mit dem Titel “Rechtsextremismus bekämpfen!” beschlossen. Darin wird die Notwendigkeit beschrieben, dass die Regierung sich “weiterhin aktiv finanziell an der Bekämpfung des Rechtsextremismus beteiligt” und keine Kürzungen der Mittel vornimmt.
Gefahr erkannt, Gefahr gebannt? Sekunde. Lesen wir doch mal im von SPON zitierten Bericht des niedersächsischen Verfassungsschutzes etwas weiter (die folgenden Zahlen betreffen nur Niedersachsen):
Im Bereich der Politisch motivierten Kriminalität - rechts sei das Straftatenaufkommen insgesamt um 117 Delikte auf 1.574 Straftaten (8 Prozent) angestiegen, sagte Schünemann. Dabei seien sowohl die Propagandadelikte als auch die der Gewaltdelikte gestiegen, sagte Schünemann. Mit 982 Propagandadelikten sei eine Steigerung im Vergleich zum Vorjahr um 153 Taten (19 Prozent) zu verzeichnen (2004: 829). Diese Steigerung lasse sich auf das weiterhin zunehmende Anzeigeverhalten der Bevölkerung zurückführen.
Im Bereich der Politisch motivierten Kriminalität - links hätten die Straftaten im Vergleich zum Vorjahr um ca. 16 Prozent zugenommen, so Schünemann. Die Gesamtzahl betrug 766 Fälle (2004: 658). Die linksmotivierten Gewaltdelikte seien um ca. 54 Prozent gestiegen.
Also was Niedersachsen betrifft, ist wohl, dem Innenminister zufolge, im Bereich des Rechtsextremismus im Wesentlichen Erfreuliches zu berichten, weil bisher Verborgenes durch Anzeigen mehr ans Tageslicht geholt wurde. Wie aber der Anstieg der “linksmotivierten Gewalttaten” auf das Bundesgebiet hochzurechnen ist, wissen wir nicht. Ein Plus von 54% in Niedersachsen ist jedenfalls keine quantité négligeable, wenn auch dort die Gesamtzahl der Delikte nur die Hälfte der “anderen Seite” erreicht.
Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Der Fakt linksextremer Gewalttaten macht keinen einzigen Fall von Rechtsextremismus und Rassismus ungeschehen. Keiner ist in seiner Empörung zu öffentlich-rechtlicher Ausgewogenheit verpflichtet - das wäre ja auch so verquer wie unnötig. Bloß, wenn es um die Verteilung per staatlicher Gewalt einkassierter Gelder geht, dann erwarte ich jenseits aller politischen Präferenzen vor allem Effizienz. Da müssten mir SPD und - so sie denn dieser Partei folgte - Bundesregierung mal erklären, warum die bisher geförderten Programme gegen Rechtsextreme weiter förderungswürdig sind (und nicht vielleicht durch andere zu ersetzen wären), und wie sie die Bekämpfung von Links- und Rechtsextremismus der Bedrohung entsprechend im Haushalt abzubilden gedenkt.
Jetzt mal ausnahmsweise ganz ohne vor allem an die Bedienung von an Staatsknete interessierter Klientel zu denken, wenn es denn irgendwie geht.
Verfasst von Rayson um 01:09 Uhr in der Kategorie Politik (Trackback)