Wirtschaft und Mensch

Beim Googeln bin ich auf einen Aufsatz (PDF) von Joachim Starbatty gestoßen, der für einige Leser dieses Blogs interessant sein könnte: “Das Menschenbild in den Wirtschaftswissenschaften“.

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9 Kommentare zu “Wirtschaft und Mensch”

  1. Zodac
    27.04.2006 | 11:29

    Auf http://www.townhall.at findet sich auch ein interessanter Aufsatz von Hayek: “Die freie Marktwirtschaft und ihre moralischen Grundlagen”, welcher eine gute Ergänzung zu Starbatty darstellt :-)

  2. 27.04.2006 | 12:51

    Jetzt kommentiere ich hier schon wieder jeden zweiten Eintrag - hast mich aber dazu aufgefordert in meinem Blog!

    Man könnte jetzt als Entgegnung all die alten Kalauer der Utilitarismus-Kritik aufwärmen, und vielleicht gehe ich in meinem Blog noch mal Schritt für Schritt die Denkfehler durch, die dieser Text meiner Ansicht nach enthält.

    Der für mich entscheidende ist, daß der Autor nun wieder zwei differente Logiken - nämlich jene der Ökonomie und jene der Ethik - gleichschaltet über den Umweg der Handlungsergebnisse.

    Da wird dann aber bereits eine ethischer Beurteilungsstandard in Anspruch genommen, der selbst der ökonomischen Nutzenerwägung sich gar nicht entnehmen läßt. Der ganze Text beurteilt - und das kann ja machen - die Resultate marktwirtschaftlichen Handelns aus der Perspektive eines “Guten”, das selbst nicht der Teil des Marktwirtschaftlichen selbst (außer dem im Anschluß genannten Punkt) ist, sondern das als Kriterium für dessen Ergebnisse herangezogen wird. Und behauptet dann plötzlich um dann doch wieder die Identität von beidem. Das ist ja fast schon Hegel - die “Aufhebung” eines Widerspruchs auf einer vermeindlich höheren, logischen Stufe.

    Völlig grotesk wird das an dem Punkt, wo er Ehrlichkeit als Ergebnis eines marktwirtschaftlichen Systems begreift. Das ist dessen Vorrausetzung. Man kann überhaupt nicht vernünftig miteinander kommunzieren, wenn man dem Gegenüber konsequent abspricht, ehrlich zu sein. Und das gilt für Südchina und Nordamerika gleichermaßen.

    Ich plädiere eher dafür, die im Text erwähnte These von den verschiedenen Rationalitäten auszubauen, und dann kann man darüber streiten, in welchen Kontexten die ökonomische Rationalität maßgeblich ist und auch bleiben sollte, und in welchen Bereichen doch lieber andere Rationalitäten eine Rolle spielen sollten.

    Luhmann streitet ab, daß das geht, ich glaube sehr wohl, daß das ausbaufähig ist, das Ergebnis würde überhaupt keine Verdammung der Marktwirtschaft als solcher nach sich ziehen, und es würde noch nicht einmal ein Primat der Ethik in allen Fällen dabei rauskommen. Die ist ja nicht allzuständig. Man muß ja nun wirklich nicht bei jedem Kuchenkauf gleich rummoralisieren, nur weil Adam Smith das auch so gemacht hat …

  3. Zodac
    27.04.2006 | 16:01

    [quote]Völlig grotesk wird das an dem Punkt, wo er Ehrlichkeit als Ergebnis eines marktwirtschaftlichen Systems begreift. Das ist dessen Vorrausetzung. [/quote]

    Die Frage was als erstes existierte gleicht der frage nach Henne oder Ei.
    Wichtiger ist aber wohl die Feststellung, daß die viele Werte wichtig sind für das funktionieren der Marktwirtschaft.
    Sowohl Werte als auch die Marktwirtschaft sind Teil der spontanen Ordnung, was eine Erklärung sein könnte für ihre Kompatibilität.

    [quote]in welchen Kontexten die ökonomische Rationalität maßgeblich ist und auch bleiben sollte, und in welchen Bereichen doch lieber andere Rationalitäten eine Rolle spielen sollten.[/quote]

    Ökonomische Rationalität ist überall maßgeblich, selbst in Bereichen welche außerhalb der Geld- und Tasuchwirtschaft liegen. Man denke hier an den Beziehungsmarkt oder ganz alltägliche Freundschaften, deren Muster ebenfalls ökonomisch erklärt werden können. Selbst die Entwicklung der Sprache hat ökonomische Gründe, man denke an die Senkung von Transaktionskosten.

  4. 27.04.2006 | 17:13

    @Zodac:

    Nee, die Frage nach der Henne und dem Ei stellt sich in diesem Fall ausnahmsweise nicht. Sprechen und Kommunizieren ist ja nicht an ein Wirtschaftssystem gebunden, und Aufrichtigkeit in kein Wert, sondern höchstens etwas, was man selbst gut finden kann … “ich meine wirklich, was ich sage, ich lüge nicht”, das wäre ja Ehrlichkeit.

    Vielleicht ist das “umfassend und vollständig Auskunft geben” noch darüber hinaus unter “Ehrlichkeit” zu verstehen, aber das passiert ja in der Regel gerade nicht im Kunden-”Verkäufer”-Verhältnis …

    Daß es letztlich sowas wie eine dem Wirtschaften vorgängige Moral oder einen Ethos geben muß, okay, kann man behaupten - dann wäre aber Moral sogar prioritär und Wirtschaft abkünftig.

    Faktisch differenzieren sich im Zuge der “Evolution” von Gesellschaften allerdings Handlungs- und Rationalitätstypen aus, die je unterschiedlichen Logiken folgen, daß das in der alltäglichen Praixs vielleicht so erheblich dann nicht ist.

    Dein letzter Absatz: Das würde ich auch behaupten, das halte ich aber für völlig falsch und kritikwürdig. Genau den Argumenten tritt der Autor ja eigentlich entgegen, wenn ich’s richtig verstehe … die Sprachentwicklung übrigens hat so dermaßen viele Gründe, da sind die ökonomischen nicht unbedingt die Primären.

  5. Zodac
    27.04.2006 | 20:14

    Die Marktwirtschaft ist kein erdachtes oder konstruiertes Wirtschaftssystem, sondern eine natürliche Ordung, in dessen Rahmen menschliche Handlungsweisen stattfinden. Eine Ordnung, welche auch nicht durch erdachte Wirtschaftssysteme ersetzt werden kann. Selbst im Kommunismus bleiben die marktwirtschaftlichen Regeln in Kraft.
    Die Marktwirtschaft bietet positive Anreize für Ehrlichkeit, insbesondere bei dem Kontakt über Familien- und Sippengrenzen hinaus. Viele unsere Werte haben ebenfalls eine Evolution durchlaufen. Die Werte, welche der Gesellschaft beste Überlebenschancen boten, haben sich herauskristalisiert und durchgesetzt. Diese Werte aber sind nicht unabhängig von der Marktwirtschaft, zumal die Marktwirtschaft selbst Einfluß hat auf die Überlebenschancen einer Gesellschaft.

    Die Sprachen haben sich angeglichen, damit eine größere Summe von Menschen miteinander kommunizieren können. Eine Entwicklung welche wohl kaum stattgefunden hätte, wenn nicht auch handfeste ökonomische Vorteile existiert hätten.

  6. 28.04.2006 | 9:51

    Inwiefern denn “natürlich”? So, wie Zwiebelblumen im Frühjahr austreiben und Rüden auf läufige Hündinnen draufwollen?

    Selbst, wenn die Marktwirtschaft Anreize für Ehrlichkeit schaffen sollte, kann sie da ja nun kein Exklusivrecht für sich in Anspruch nehmen. Werte im Sinne des “Überlebens” zu deuten - das mußt Du schon spezifizieren. Ebenso, welche “Werte” das sein sollen, die Du in Abhängigkeit zum Markt verstehst.

    Nach meinem Wissen ist Sprache einfach ein Vermögen, wie beim Vogel das Zwitschern … kommt mir alles ein wenig naturalistisch vor, was Du schreibst (wobei letzere Behuaptung von mir auch naturalistisch war). Ist aber auf jeden Fall trotzdem spannend, wie Du argumentierst!

  7. Zodac
    28.04.2006 | 16:54

    Die Menschliche Natur und seine Umwelt ist es, welches uns die Marktwirtschaft bescheren. Handel, Arbeitsteilung oder das Prinzip der Preisbildung durch Angebot und Nachfrage sind in diesem Sinne natürlich. Oder um Beispiele zu geben: Die menschliche Verschiedenheit ist die Grundlage des Erfolgs der Arbeitsteilung, die Knappheit der Ressourcen zum Eigentum, etc…

    Ich sehe die Marktwartschaft als Kathalysator für die Verbreitung von Werten. Der Erfolg der Marktwirtschaft gegenüber anderen Gesellschaftsordnungen stärkt ebenso die Werte, welche Grundlage der Marktwirtschaft sind. Das heißt natürlich nicht automatisch, daß jeder Wert nur mit der Marktwirtschaft verknüpfbar wäre. Manche Werte sind ja auch in anderen Gesellschaftsordnungen anerkannt. Es ist ja ein ganzes Wertebündel, welches Grundlage der Marktwirtschaft ist.
    Es würde aber nun zu weit führen, alle Werte aufzuzählen, oder gar den Versuch zu unternehmen diese zu gewichten. Es sei darauf hingewiesen, daß viele unserer Werte einen realen Nutzen bringen für die Gesellschaft. Es gibt also auich eine Ökonomioe der Ethik. Aber aufgrund der sich nicht ändernden menschlichen Natur, bleiben viele Werte auch über Jahrtausende gültig.

    Und nochmals zur Sprache: Der Vogel würde auch nicht zwischtschern, wenn er dadurch nicht einen Vorteil hätte. Vielleicht läßt sich die Tehse aufstellen, daß auch die Evolution ökonomischen Prinzipien folgt. Gewisse Paralellen sind ja durchaus erkennbar: Man denke hier an das Prinzip von Versuch und Irrtum oder dem Wettbewerb, welche in der Evolution genauso stattfinden wie in der Marktwirtschaft. Haben wir Menschen mit der Marktwirtschaft am Ende unbewußt die Natur kopiert? Keine Ahnung…

  8. 29.04.2006 | 12:01

    Hinsichtlich der Arbeitsteilung gebe ich Dir Recht - “Der Mensch als soziales Wesen” eben. Aber wie willst Du denn die Preisbildung aus der Natur des Menschen erklären?

    Hinsichtlich der Werte - Werte sind ja Sätze der Form “Ich finde gut, daß x” - und jenen Grundlagen der Marktwirtschaft: Aus denen, die Du wahrscheinlich meinst und die der Autor des den Anlaß dieses Wortwechsels bildenden Textes erwähnt, kann man genau so gut eine Kritik der Marktwirtschaft ableiten.

    Ist ja historisch sogar so gewesen: Marx z.B. hat sich ja gerade am Egoismus des liberalen Modells gerieben, also am Nicht-Ernst-Nehmen des Menschen als sozialem Gattungswesen, und die marktwirtschaftlichen Verhältnisse hat er zwar dezidiert als Riesen-Fortschritt gegenüber dem Faudalismus gefeiert, aber dennoch als “Entfremdung von der Natur” beschrieben.

    Das ist zumindest problematisch, Marktwirtschaft über Naturalismen zu beschreiben - meiner Ansicht nach sind ja Entfremdungsmodelle eine der Wurzeln des Totalitarismus, und wenn man als Verteidiger der Marktwirtschaft dann indirekt den Gegnern der Marktwirtschaft ein entfremdetes Gesellschaftsmodell vorhält, dann ist schon gefährliches Fahrwasser.

    Meiner Erfahrung nach wird “der Kapitalismus” übrigens nur in einer Hinsicht der Verschiedenheit des Menschen gerecht, nämlich hinsichtlich der Einkommensdifferenzen. Diese elitaristischen “Leistungsträger”-Diskurse, die faktisch ja bessere und schlechtere Menschen hinsichtlich ihrer Nutzwertes behaupten, finde ich zudem außerordentlich unmoralisch. Auch “der flexible Mensch” als normativ wirkende Diskursfigur führt ja faktisch zur Nivellierung und somit zum Gegenteil dessen, was er zu sein vorgibt: Man hat sich halt einzureihen in die Systemlogik der “Bedürfnisse” eines Institutionengefüges und kommt dann hinten als ein an BWL angepaßtes Etwas wieder raus, wenn man sich auf den “Beziehungsmarkt” begibt und Körperflüssigkeiten austauscht oder sich im Kneipensmalltalk bestmöglich verkauft

    Ich glaube, da ist Adorno in dem, was er als Natur versteht, nämlich die gelebte und ästhetisch gehaltvolle Erfahrung des Nicht-Identischen, der Wahrheit doch näher als die Marktwirtschaft. Dem, was Natur als Selbst- und Fremderfahrung, als Mimesis, als Hingabe, als das Nicht-Verfügbare, sich der Bestimmung Entziehende und Lustvolle eben auch sein kann …

    Die Marktwirtschaft wäre in seinem Sinne dann Verdinglichung durch instrumentelle Vernunft, würde im Fluß des Lebens eben die Begradigung, der Staudamm, die versiegende Quelle und das versalzene Grundwasser sein.

    Wie man unter aktuellen Bedingungen allerdings mit Adorno Hunger bekämpfen soll, weiß ich allerdings auch nicht ;-)

  9. Zodac
    30.04.2006 | 11:18

    Die wichtigste Vorraussetzung für das Prinzip von Angebot und Nachfrage ist das beschränkte Wissen des Menschen um die existierenden Knappheiten. Das Preissystem ist ein Informationssystem, weches Knappheiten und Bedürfnisse aller der Menschen abstimmt. Je größer die Gesellschaft ist, in welcher der Mensch sich aufhält, umso größer ist der Vorteil dieses Informationssystems. Im Rahmen der Familie und Sippe ist das Prinzip von Angebot und Nachfrage sicherlich kaum notwendig, da der Mensch eigentlich sehr gut die Bedürfnisse und Knappheiten aller anderen Beteilligen abschätzen kann. Was sich ändert, wenn diese Gesellschaften größer werden. Ein weiterer Vorteil des Preissystems ist auch dessen Einfachkeit und universale Anwendbarkeit.

    Marx Kritik an der Entfremdung war weniger eine Beschreibung des Kapitalismus, als vielmehr der Industrialisierung. Er hat wohl übersehen, daß hier nicht das Rad neu erfunden wurde, sondern schlichtweg perfektioniert wurde. Arbeitsteilung war seit Anbeginn der Menschheit gang und gäbe. Er hat wohl auch die Effekte von Bildung auf die Produktivität unterschätzt.

    Deine Kritik über die Ungleichheit im Kapitalismus führt wohl etwas vom Thema der Diskussion ab. Deswegen will ich hier nur am Rande erwähnen, daß es Erfindungs- und Unternehmergeist ist, welcher Fortschritt und Wohlstand ermöglicht. Beide Talente sind aber nicht gleichmäßig verteilt. Die daraus resultierende Ungleichheit bedeutet aber keine Ungleichehit der Menschlichen Würde. Der Kapitalismus ist hier auch sehr egalitär,: Er steht allen offen und diskriminiert niemanden.

    Und was Adorno betrifft, so habe ich die Vermutung, daß dieser allzusehr von einem in Geldströmen meßbaren Kapitalismus ausgeht.

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