Grünfried 1, erster Teil

Nun ist die nächste Grünfried-Ausgabe in meinem Postfach gelandet, da muss ich wohl langsam zur Feder greifen und meine Ankündigung wahr machen.

Das Greenpeace-Magazin 2.06 kommt in der Warnfarbe Gelb daher. Abgebildet sind Kühltürme (der Umweltfreund assoziiert natürlich sofort richtig: AKW) und in diesen Kühltürmen die Wolken einer Atombombenexplosion.

Im Editorial wird dann dieser Zusammenhang auch gleich locker angegangen. Die Drohungen des Oberfaschisten aus Teheran, der Hitlers abgebrochene Arbeit vollenden will und dazu an Atombomben bastelt - sie sind “natürlich inakzeptabel”.
Dem aufmerksamen Leser deutscher Mainstream-Presseorgane ist klar: Wenn einem Kriegstreiber das Attribut “inakzeptabel” verliehen wird, und wenn damit nicht die USA gemeint ist, muss ein “Aber” folgen. Und der Grünfried liefert es auch zuverlässig gleich im nächsten Satz:

“Es ist jedoch ebensowenig akzeptabel. dass die atomaren Supermächte Russland und die USA sowie China, Frankreich und Großbritannien ihre nuklearen Waffensysteme mit Milliarden perfektionieren und das Wort Abrüstung komplett aus ihrem Wortschatz gestrichen haben.”

Nun kann ich der Idee, nukleare Waffen weltweit abzuschaffen, sicher viel Gutes abgewinnen. Auch der Idee vom ewigen Weltfrieden stehe ich ja nicht abgeneigt nur ungläubig gegenüber.
Allerdings fehlt mir ein wenig der logische Zusammenhang zum Iran. Glauben die Grünfriedler, dass Irans Diktatoren vor lauter Rührung über eine weltweite Abrüstung jegliche Ambition auf die Atombombe fallen lassen würden? Oder ist die Atombombe an sich gefährlich und nicht nur dann, wenn sie ein unkontrolliert agierender Irrer sie in Händen hält?

Aber weiter, halten wir uns nicht bei der Vorrede auf, sondern betrachten wir mal ein paar Sachen, über die ich gestolpert bin.

Die Kolumne auf Seite 12:
“Ist es in Ordnung, in den Skiurlaub zu fahren?” wird dort sorgenvoll gefragt (für wen eigentlich “in Ordnung”?). Der Kolumnist schreibt über den Rückzug der Gletscher und das damit verbundene Verschwinden von Skipisten. Grund natürlich: Der Klimawandel.
Dachte ich aber bisher, dass dieser Klimawandel ein globales Problem sei, erweckt Leo Hickman in seiner Kolumne den Eindruck, es könne lokale Klimawandel-Prozesse geben. So wird darüber räsoniert, wieviel CO2 die Besucher verbrauchen. Dieses CO2 scheint zielgenau und direkt die Alpen zu erwärmen, denn die Empfehlungen des Mister Hickman sind: Car-Sharing, öffentliche Verkehrsmittel, Bio-Treibstoff für die Pistenraupen, Solarpaneele auf den Chalets.
Bleibt die Frage: Werden auch wirklich die Alpen kühler, wenn in den Alpen weniger CO2 produziert wird? Oder werden womöglich statt der Alpen die Rocky Mountains oder auch nur Kleinbüdersdorf kühler und damit die Skiurlaubserhaltungsziele verfehlt, weil das Ganze doch global funktioniert? Wie wäre es eigentlich grundsätzlich mit der Neuauflage von Ablassbriefen:
Wer zu Hause CO2 einspart (oder Greenpeace-Beiträge in Höhe von x bezahlt), erhält dafür einen Ablass, der dazu berechtigt, vor Ort in Ruhe Urlaub und ohne sorgenvolle Überlegungen über das korrekte Verhalten zu machen.

Na, machen wir mal weiter:

Ein Artikel über den ehemaligen Popmusikbeauftragten und jetzigen Umweltminister Gabriel.
Er wird in Denkerpose auf einem Steg vor wedelndem Schilf abgebildet. Allerdings scheint er ein Handy in der Hand und ans Ohr zu halten. Was Fragen nach der Strahlungsbelastung des Herrn Minister und des ihm als Kulisse dienenden Sees aufwirft, die im Artikel aber nicht beantwortet werden. Stattdessen wird analysiert, wie nützlich Gabriel für die Lobby-Interessen des Vereins sein könnte. Das ist für mich recht uninteressant, genau wie Gabriel.

Aber dann gehts richtig los! Grell und bunt wird in einer, sich über zehn Seiten hinziehenden Bilderserie das Thema Atomkraft behandelt. Denn natürlich sagt ein Bild mehr als tausend Worte.
Eine Vorortsiedlung mit Solarzellen-bedeckten Dächern und einem drohenden AKW-Kühlturm im Hintergrund (erscheint das nicht als Symbol für den Kampf Davids gegen Goliath, Solarzelle gegen Reaktor) , ein in blutrot gehaltenes Foto einer Atombombenexplosion, engagierte Deutsche im Protest gegen die atomare Bewaffnung ihrer Verteidiger, eine Aufnahme des Salzstocks in Gorleben und eine frühe Greenpeace-Aktion gegen einen japanischen Plutonium-Transport…
Das alles wird nur mit knappen Erläuterungen versehen, der Schwerpunkt liegt hier nicht auf dem Argument sondern dem optischen Eindruck. Hier das Böse, dort die Guten.

Es folgt ein Artikel über die IAEO, die - wie anklagend festgestellt wird - die friedliche Nutzung der Atomenergie fördern soll. Der Friedensnobelpreis hat die Grünfriedler wohl geschmerzt.

Dann endlich ein paar Argumente, die gegen die Atomenergie sprechen sollen:

1. Uran-Bergbau

Erwähnt werden die Umweltbelastungen, denen Arbeiter in diesen Bergwerken ausgesetzt sind.
Das überzeugt nicht als Gegenargument, denn das Problem ließe sich durch technische Modernisierung der Bergwerke sicher lösen.

Die Haltbarkeit der weltweiten Uran-Vorkommen wird geschätzt: bis 2070 soll es laut Greenpeace reichen. Was nicht schlecht ist. Bis dahin wird sich einiges erfinden und verbessern lassen, so dass dieses Argument auch nicht sticht.

In Verbindung mit der Uran-Frage werden auch die Brut-Reaktoren erwähnt, weil diese Brennstoff erzeugen (die Uran-Versorgung also langfristig sichern) können.
Die werden mit dem Argument abgetan, dass dadurch auch waffenfähiges Material, Plutonium, produziert werden kann. Fragt sich: Ja, und? Muss man Plutonium zur militärischen Nutzung erzeugen? Wohl nicht, oder?
Auch kein überzeugendes Argument.

Weiter zu 2.: Anreicherung

Hier sieht Greenpeace das gleiche Problem: Die Zentrifugen können einfach länger laufen und dann waffenfähiges Uran produzieren. Gleiche Antwort: Sie müssen es aber nicht.

3. Brennelemente

Hier wird auf das Risiko verwiesen, das entsteht, wenn die Konzentration an Uranhexafluorid in den Brennelementen eine gewisse Grenze überschreitet. Das könne eine spontane Kettenreaktion auslösen.
Die Antwort scheint einfach zu sein: Man sichert technisch ab, dass die Konzentration in der Norm bleibt. Sollte machbar sein, oder?

4. Wiederaufbereitung

Das Verfahren ist nur dargestellt worden und stellt kein erkennbares Gegenargument dar.

5. AKW-Betrieb

Der Klassiker: AKWs könnten explodieren. Und zwar nicht nur dann, wenn dubiose Experimente durchgeführt werden sondern einfach mal so.
Antwort: Chemiewerke können auch explodieren. Auch nicht wünschenswert, auch als technisch statt ideologisch zu lösendes Problem erkannt.

6. Radioaktiver Müll

Hier verweisen die Grünfriede auf das fehlende Endlager in Deutschland. Nicht erwähnt wird allerdings, dass der Grüne Trittin alles dafür getan hat, das faktisch bereits gefundene Endlager in Gorleben zu verhindern. Den Betreibern der Atomkraftwerke daraus einen Vorwurf zu basteln ist also etwas gewagt.

7. Schmuggel / Diebstahl

…von radioaktivem Material.
Ähm, ja. Dafür gibt es Polizei, Zoll und Sicherheitsvorkehrungen, oder?

8. Transporte

Erwähnt wird, dass Brennmaterial und Müll transportiert werden müssen. Behauptet wird, dass für Unfälle oder Anschläge kein ausreichender Katastrophenschutz vorgesehen ist.
Keine Ahnung, ob das stimmt. Aber falls ja sollte man da nachbessern. Kann Greenpeace da nicht mal konstruktive Vorschläge unterbreiten?

9. Terrorismus

Flugzeuge in Atomkraftwerke.
Ist das schlimmer, als wenn ein Flugzeug ins Leverkusener Bayer-Werk oder das vollbesetzte WM-Stadion rast? Zumal sich bestimmt technische Vorkehrungen denken lassen, die eine unkontrollierte Kernschmelze auch beim Aufprall von Flugzeugen vermeiden.

10. Proliferation

Atomtechnik auch für militärische Zwecke wird weiterverbreitet. Das ist bedauerlich und sollte natürlich nach Möglichkeit begrenzt werden. Allerdings: Auch die Technologie zur Herstellung von Schießpulver ließ sich nicht dauerhaft geheimhalten. Der Versuch, einmal vom Menschen erlangtes Wissen unter Verschluss zu halten, wenn dieses Wissen von irgendwem als interessant angesehen wird, erscheint mir nicht sehr vielversprechend.

Fazit:

Die Argumente überzeugen mich nicht. Aber so kurz, wie sie vorgetragen werden, scheinen sie auch mehr als Erinnerungsstütze für Gleichgesinnte gedacht zu sein.

(Fortsetzung folgt…)

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7 Kommentare zu “Grünfried 1, erster Teil”

  1. 28.04.2006 | 21:30

    Schade, ich dachte Sie berichten darüber, dass es den USA im Irak nicht bloss um Öl ging, sondern auch um Weizen. Hahaha. GM ist manchmal besser als Titanic.

  2. 30.04.2006 | 12:52

    Schade, die Atomkraftgegner Kritik ist ziemlich öde und langweilig. Die Argumente sind einfach nur flach. Es ist schon ein kleiner Unterschied, ob es einen Unfall in einem Chemiewerk gibt oder in einem AKW. Der Chemiewerksunfall ist ein lokaes Ereignis, der AKW Unfall nicht. Und leider kann man technisch nicht alles beherschen. Würde dem so sein, würde es nicht zu Katastrophen kommmen. Genauso wie es trotz Gesetzen vorkommen soll, dass dagegen verstossen wird.
    Fazit: Die Argumente überzeugen erswt recht nicht.

  3. 2.05.2006 | 10:23

    @sascha

    Ich gestehe, dass ich mir nicht allzu viel Mühe gegeben habe, meine Gegenargumente auszubreiten. Das Thema Atomkraft müsste wohl auch gesondert behandelt werden, um ihm gerecht zu werden.

    Aber so viel schon einmal:

    Auch ein AKW-Unfall ist ein lokales Ereignis. In der Regel sowieso, aber selbst im unwahrscheinlichsten Fall eines GAU bleiben die gravierenden Auswirkungen recht lokal begrenzt. Die heutige Sperrzone um Tschernobyl hat meines Wissens einen Radius von 30 km.
    Wenn es um die Verbreitung radioaktiven Materials durch Wind geht - auch chemische Gifte verbreiten sich auf diese Weise.

    Der Verweis auf Gesetze und Polizei ist, wenn es um den Hinweis auf potentielle Kriminalität geht, vielleicht kein Gegenargument. Meiner Ansicht nach ist das aber schlicht die einzige Antwort, die in Betracht kommt. Um wieder zur Chemiefabrik zu kommen: Es gibt hochtoxische Stoffe, die verarbeitet werden. Niemand würde auf die Idee kommen, die Chemieproduktion zu beenden, weil die Möglichkeit des Diebstahls und Missbrauches besteht. Auch da verweist man schlicht und einfach auf zu treffende Sicherheitsmaßnahmen.

  4. Mick
    2.05.2006 | 22:34

    @sascha

    Natürlich ist es ein Unterschied, ob ein Unfall in einem AKW oder in einer Chemiefabrik passiert. 30km um ein AKW ist in Deutschland teilweise recht viel (Biblis, die AKWs um HH). Deshalb sind auch die Anforderungen an AKWs viel höher als bei den schon sehr hohen Sicherheitsanforderungen bei Chemieanlagen. Bei AKWs herrscht bspw. schon ein Schutz gegen Flugzeugabstürze, bei Chemieanlagen nicht.

    Wichtig ist, dass auch katastrophale Unfälle in AKWs in diesen begrenzt bleiben (s. Harrisburg!!). Bei westlichen Anlagen ist dies durchaus der Fall. Sicher ist nicht alles perfekt, aber ein Technologieverbot ist sicherlich auch nicht die Lösung. Schließlich wurde nahezu jee Technologie in ihrer Entwicklung sicherer. Für die Kernkraft gilt dies auch! Kernschmelzeresistente Reaktoren bzw. AKW-Typen, die die Kernschmelze erst gar nicht zulassen, existieren als Konzept bzw. Prototyp schon. Von der Abfallfront gibt es mittlerweile auch gute Nachrichten. So wird in Karlsruhe und in Italien sehr erfolgreich nach Methoden zur Reduktion von Atommüll geforscht. (Wobei hierbei noch nicht mal Zeitdruck herrscht, schließlich kann der Müll ruhig ein wenig lagern ,-)).

    Unfälle bei neuen Technologien sind trotz aller Vorsicht nie auszuschließen. Aber daraus den Schluß zu ziehen, neue Technologien sind per se zu verbieten (Vorsorgeprinip), ist kurzsichtig. Schließlich versperrt man die Möglichkeit, die Welt ein klein wenig zu verbessern. Neue Technologien setzen sich ohnehin nur durch, wenn sie einen Vorteil gegenüber herkömmlichen darstellen. Diese Entscheidung sollte jeder für sich treffen (soweit dies möglich ist). Dogmen und ideologien sind in diesem Zusammenhang fehl am Platz.

  5. Bernd Schumann
    26.05.2006 | 22:42

    Boche, ich bin mir sicher hier auf einer Satiereseite gelandet zu sein. Ich kann mir nicht vorstellen, dass an der Schwelle des 21. Jahrhunderts noch so viel Blödheit herrscht.

  6. 28.05.2006 | 23:48

    Herr Schumann, ganz so schlimm finde ich Greenpeace auch nicht, dass ich dieser Organisation Blödheit vorwerfen würde. Vielleicht sogar eher das Gegenteil. Was ja kritikwürdiger wäre.
    Oder was meinen Sie? So an der Schwelle des 21. Jahrhunderts stehend?

  7. 29.05.2006 | 2:03

    Ich weiß, es ist billig und nicht gerade die hohe Kunst der Argumentation, auf Rechtschreibfehlern herumzureiten, aber wer anderen Blödheit vorwirft, hat selbst um dieses Niveau gebettelt und sollte daher vielleicht nicht unbedingt Spottschriften im Zoologischen ansiedeln.

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