Leseempfehlung

Ich verweise nicht oft kommentarlos auf andere Seiten. Aber hier muss es sein:

Alan Posener demontiert auf seinem Blog einen Leitartikel der Süddeutschen Zeitung.
Dieser glänzt nicht nur durch sprachliche Dummheit, er ist auch voll “linkskonservativer” Klischees, deren Demontage recht interessant ist.

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12 Kommentare zu “Leseempfehlung”

  1. 2.05.2006 | 12:47

    Nachdem dieser Artikel schon auf mehreren Blogs empfohlen wurde, muss ich spätestens was dazu sagen, wenn die Empfehlung auch bei uns auftaucht. Meiner Meinung nach ist die Erwiderung selbst nicht frei von Klischees und Simplifizierungen. So langsam geht mir diese “Helm auf”-Mentalität der “Pro-Westlichen” auf den Senkel. Gut, manche Behauptungen und Bewertungen von Linken und/oder Appeaseniks sind gar zu dämlich, aber auch denen gelingt es ebenso wenig, nur Unrecht zu haben, wie den “Pro-Westlichen”, nur Recht zu haben. Es sei denn, man sagt “right or wrong - my Bush”.

    Zitat Posener:

    Das “besetzte” Land ist das einzige im ganzen arabischen Raum (außer dem von den Israelis teilweise besetzten Palästina), in dem halbwegs freie und faire Wahlen stattfinden konnten.

    Warum eigentlich? Wenn denn ein US-Einmarsch (oder die Besetzung durch Israel) der Königsweg zu “freien und fairen Wahlen” (als ob damit etwas gewonnen wäre) sind, warum enthält man ihn dann den Syrern, den Saudis, den Kuweitis (für deren autokratisches Regime man sogar mal gekämpft hat) oder den Ägyptern vor? Kann es sein, dass auch andere Motive im Spiel sind als der mutige Kampf für Freiheit und Demokratie? Vielleicht macht man das nur bei denen, die eh bereits am Boden sind und nicht schon vorher die US-Flagge schwenken?

    Wohlgemerkt: US-Politik realistisch sehen, heißt nicht automatisch, US-Politik zu verurteilen. Der Handlungsspielraum weltlicher Mächte, auch wenn es sich um Imperien handelt, ist nun einmal begrenzt, und es ist ihr gutes Recht, eigene Interessen zu verfolgen. Es ist sogar ihr gutes Recht, diese eigenen Interessen mit gutem Marketing zu begleiten. Aber es ist Dummheit, das als Dritter einfach nur nachzuplappern.

    Was einem Avenarius zu denken geben müßte, wenn ihm nach Denken zumute wäre.

    Ein Anwendungsfall für die goldene Regel.

    Die Regierung ist demokratisch legitimiert und die internationale, von den USA angeführte Schutztruppe hat ein UN-Mandat. Egal. Für die SZ ist das ein “besetztes Land”.

    Welche Regierung? Gerade wenn sich in einem Land drei Volks- oder Religionsgruppen so sehr gegenüberstehen wie im Irak, ist es schwer, sich eine(!) demokratisch legitimierte Regierung vorzustellen. Wie lange hält die Legitimation, sobald die Besatzer aus dem Land sind?

    Woher Posener das Märchen mit dem UN-Mandat hat, frage ich lieber nicht. Ich befürchte, er meint das, von dem nur die Besatzer meinen, dass sie es haben. Die Russen wurden in Afghanistan ja damals auch gerufen. Geschenkt.

    Wenn der Irak nicht besetzt ist, was ist er dann? Befreit? Ja, verdammich, welch semantischen Fehler damals die Alliierten nach dem 2. Weltkrieg gemacht haben, als sie das Land in “Besatzungszonen” einteilten und es ein “Besatzungsstatut” gab, obwohl sie doch Deutschland befreit hatten. Oder etwa nicht? Da muss ich immer an die Szene von “Schindlers Liste” denken, wo zum Schluss ein berittener Rotarmist auf die überlebenden Juden trifft und ihnen verkündet: “You are liberated by the Soviet Army.” In dem ungarischen Kino, in dem ich diesen Film sah, hat das jedenfalls zu heftigem Gelächter geführt…

    Ob das Land für die SZ ein besetztes ist, ist sogar eher zweitrangig. Viel wichtiger ist, dass es auch aus der Sicht der Iraker, ihrer Nachbarn, der arabischen Welt und der Öffentlichkeit außerhalb der Regierung der USA und ihres britischen Dackels (sorry, aber etwas Besseres fällt mir für das Gekrieche um der “special relationship” willen nicht ein) eins ist. Ein Geisterfahrer? Nein, Hunderte…

  2. Marian Wirth
    2.05.2006 | 13:55

    Dann mach’ ich hier mal den Fuchur, weil die SZ-Suchmaschine den kostenfreien Fundort des Artikels verschweigt und Posener bei Google schon vor Avenarius steht:

    Kommentar: Terror und kein Ende, von Thomas Avenarius

  3. Boche
    2.05.2006 | 14:02

    Mmh, Rayson, deine Kritik ist aber etwas zu eng fokussiert, finde ich. Neben den von dir herausgepickten Punkten enthält Poseners Kommentar doch sehr viel mehr als nur das Thema Irak/Besetzung etc. Und selbst, wenn er davon schreibt, kann ich keine “Helm auf-Mentalität” entdecken.

    Aber zu dem von dir Kritisierten:

    Du fragst, warum eigentlich nicht auch Syrer, Saudis, Kuweitis oder Ägypter befreit werden, wenn doch Besetzung so etwas Tolles sei.

    Posener antwortet hier nur mit einem Fakt (die freien Wahlen haben im Irak nun einmal stattgefunden) auf ideologische Formeln von den bösen Besetzern und dem armen besetzten Volk.
    Das ist meines Erachtens der Inhalt und Grund seiner Aussage. Nicht das Anpreisen des Irak-Krieges an sich.
    Dein Vorwurf, hier würden nur Marketing-Aussagen nachgeplappert, ist mir also unverständlich.

    Zum Irak fragst du:

    Welche Regierung? Gerade wenn sich in einem Land drei Volks- oder Religionsgruppen so sehr gegenüberstehen wie im Irak, ist es schwer, sich eine(!) demokratisch legitimierte Regierung vorzustellen.

    Es gibt eine demokratisch legitimierte Regierung bzw. ist eine solche gerade im Entstehen. Deine Frage verstehe ich deshalb nicht.
    Du fragst wahrscheinlich eher nach den Chancen und der möglichen Haltbarkeit,dieses demokratischen Konsens. Das ist aber ein Thema, dass mit Posener und seiner Erwiderung nicht mehr viel zu tun hat.

    Woher Posener das Märchen mit dem UN-Mandat hat, frage ich lieber nicht.

    Ich bin mir nicht sicher und müsste das erst recherchieren, meine aber, dass die Koalitionstruppen ein UN-Mandat zum politischen Aufbau des Irak erhalten haben.

    Wenn Posener die SZ kritisiert, dass sie den Irak als “besetztes Land” bezeichnet, dann schießt er tatsächlich etwas über das Ziel hinaus bzw. verliert er sich in sprachlichem Klein-Klein.
    Denn natürlich ist der Irak besetzt. Daran ändert sich bislang auch noch nichts dadurch, dass die Besetzung Schritt für Schritt abgebaut wird und die irakische Regierung immer mehr Souveränität erhält. Da hast du, in diesem sprachlichen Klein-Klein gesehen, also Recht.

    In einem weniger wortklauberischen Sinne hat Posener allerdings wiederum nicht ganz Unrecht. Während für die, die er “Linkskonservative” nennt, der Irak besetzt ist und das Bild vom bösen, nach Öl gierenden Ami den Schlusspunkt darstellt, ist es wohl wirklich nicht falsch darauf hinzuweisen, was (wie damals in Deutschland und Japan, wenn auch mit geringeren Erfolgschancen) Folge dieser Besetzung ist: Eine frei gewählte Regierung, der nach und nach die Souveränität übertragen wird.

    Ob das Land für die SZ ein besetztes ist, ist sogar eher zweitrangig. Viel wichtiger ist, dass es auch aus der Sicht der Iraker, ihrer Nachbarn, der arabischen Welt und der Öffentlichkeit außerhalb der Regierung der USA und ihres britischen Dackels [...] eins ist.

    Nicht einmal das finde ich wichtig. Viel wichtiger ist, wie es weitergeht.
    Eine Besetzung, die keine Kolonie sondern eine Chance auf selbstbestimmte friedliche Entwicklung hinterlässt, dürfte langfristig gesehen kein Marketing-Problem sein. Egal, was die SZ oder Posener dazu schreiben.

  4. Boche
    2.05.2006 | 14:09

    Danke, Marian! :-)

  5. 2.05.2006 | 14:18

    Es gibt eine demokratisch legitimierte Regierung bzw. ist eine solche gerade im Entstehen. Deine Frage verstehe ich deshalb nicht.

    Es fehlt mir am Demos. Oder anders: Ich sehe davon drei.

  6. Boche
    2.05.2006 | 14:26

    Ich sehe davon drei.

    Ich bin mir nicht sicher, ob die Grenze zwischen diesen dreien tatsächlich und langfristig so gravierend ist, wie sie uns auf Grund der Nachrichtenlage jetzt erscheint.
    Vor allem denke ich aber, dass, wenn es denn die Chance auf Entwicklung eines Demos überhaupt gibt, sie jetzt zumindest auch ergriffen werden kann. Ob das geschieht? Keine Ahnung, nur Hoffnung. Aber das ist mehr als vorher unter Saddam, oder?

  7. 2.05.2006 | 14:39

    Aber das ist mehr als vorher unter Saddam, oder?

    Abwarten.

  8. Boche
    2.05.2006 | 14:43

    Abwarten.

    Eben.

  9. R.A.
    2.05.2006 | 18:00

    @Rayson:
    > Woher Posener
    > das Märchen
    > mit dem
    > UN-Mandat hat,
    > frage ich
    > lieber nicht.
    > Ich befürchte,
    > er meint das,
    > von dem nur
    > die Besatzer
    > meinen, dass
    > sie es haben.
    Da hast Du was verpaßt.
    Posener spricht nicht vom UN-Mandat zum Krieg (das ist bekanntlich umstritten), sondern die UN-Resolution vom Mai 2004 als Grundlage für die US-Besatzung.

    Die SZ erzählt hier schlicht Blödsinn.

    Wie leider sehr häufig.

    Ich hatte die SZ über 20 Jahre abonniert.
    Seit Mitte der 90er ist sie aber (wohl unter dem Einfluß des unsäglichen Prantl) immer weiter ins Dümmliche abgeglitten, die Kommentare sind z. T. übles Stammtischniveau.

    Vielleicht hat das auch mit dem Tod von Riehl-Heyse zu tun, das war ein erstklassiger Journalist.

    Auf jeden Fall habe ich irgendwann gekündigt, das Blatt hat in vielen Bereichen zwar noch gute Beiträge, aber die zentrale Redaktionslinie ist unterirdisch qualitätlos.

  10. Parker8
    2.05.2006 | 18:17

    So langsam geht mir diese “Helm auf”-Mentalität der “Pro-Westlichen” auf den Senkel.

    Mir auch. Es bildet sich da eine politische Korrektheit heraus, die genauso wenig sympathisch ist, wie die andere.

    Die amerikanischen Historiker kommen in einer Umfrage zu der Ansicht, dass G.W. Bush der schlechteste Präsident ist, den die USA jemals hatten.

    Man muss sich dieser Ansicht ja nicht anschließen, aber es rückt doch etwas die Maßstäbe zurecht. Für Herrn Posener müssten mittlerweile zwei Drittel der Amerikaner Anti-Amerikaner sein.

  11. 2.05.2006 | 19:00

    Oh, mir ist entgangen, dass Posener in seinem SZ-Verriss G.W.Bush gelobt hat.
    Da muss ich wohl mal die entsprechende ideologische Brille aufsetzen, um diese Botschaft erkennen zu können.

  12. R.A.
    3.05.2006 | 11:00

    > Die amerikanischen
    > Historiker kommen
    > in einer Umfrage
    > zu der Ansicht,
    > dass G.W. Bush der
    > schlechteste
    > Präsident ist, den
    > die USA jemals
    > hatten.
    Als Historiker kann ich dazu nur sagen: “Die amerikanischen Historiker” werden das bestimmt nicht sein, sondern höchstens eine unseriöse Minderheit unter diesen.

    Man kann tagespolitisch sehr kritisch zu Bush stehen.
    Aber ein solches Urteil würde kein Historiker ohne ausreichenden Zeitabstand fällen, schon gar nicht vor Ende der Amtszeit.

    Und ein echter US-Historiker wüßte auch einige Präsidenten-Vorgänger, die bestimmt noch schlechter waren, selbst wenn man alle über Bush kolportierten Vourteile glaubt.

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