Frau Nahles drischt Phrasen - ich dresche zurück

Da ich vermute, dass mein Kommentar nicht lange online bleiben wird, dokumentiere ich ihn hier einfach mal.

Zu diesen Ausführungen der Frau Nahles habe ich folgendes angemerkt:

————————————————————————
Und jetzt auch mal ein wenig Sprachkritik, weil Ihr Beitrag ein gutes Beispiel politischer Hohlphrasendrescherei ist:

“In den letzten Jahren geriet der Begriff der Solidarität in die Defensive.”

Wie gerät ein Begriff in die Defensive?

“Insbesondere die auf dem Solidarprinzip fußenden Sozialsysteme zur solidarischen Absicherungen der großen Lebensrisiken wie Krankheit, Unfall, Alter und Arbeitslosigkeit wurden gebrandmarkt als Zwangssysteme…”

Ist die Mitgliedschaft in den besagten Systemen freiwillig? Oder erzwungen?
Wie also passt das Wort “brandmarken”?

“Ich persönlich halte diese auf dem gesamten europäischen Kontinent etablierten Sozialsysteme für eine historische Errungenschaft erster Ordnung.”

Was sind Ihrer Ansicht nach historische Errungenschaften zweiter Ordnung?

“Dass sie in die Krise geraten sind wird mit Schlagworten wie Globalisierung und Demografie, Rückgang der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnisse usw. begründet.”

Sind Globalisierung, Demografie und der Rückgang sozialversicherungspflichtiger Arbeitsverhältnisse (der Rückgang der ANZAHL solcher Arbeitsverhältnisse ist wohl gemeint) “Schlagworte” oder real beobachtbare Phänomene?

“Ich zweifle.”

Woran? An dem, was Sie “Schlagworte” nennen? Oder an den Phänomenen? Zweifeln Sie daran, dass Globalisierung oder demografische Entwicklung stattfindet? Zweifeln Sie am Rückgang der Zahl sozialversicherungspflichtiger Arbeitsverhältnisse?

“Ich weiß, es sind Faktoren der Veränderung, die so beschrieben werden.”

Werden Faktoren beschrieben? Oder die Veränderung? Klang der Satz nur besser, wenn man das wissenschaftlich klingende Wort “Faktoren” einfügt?

“Aber ob wir Solidarität leben und auch gesellschaftlich verankern ist eine Grundfrage, die auch im Wandel eingelöst werden muss.”

Wie wird eine Grundfrage “eingelöst”? Werden Fragen (zu denen Grundfragen wohl gehören) nicht eher “gestellt” oder “beantwortet”?

“Freiwillige Solidarität ist nötig, um die institutionalisierten Formen von Solidarsystemen auch für die nächsten Jahrzehnte zu sichern.”

Mal für den Laien übersetzt heißt das wohl:
Freiwilligkeit ist nötig, um Zwangssysteme zu erhalten. Sich freiwillig zwingen lassen, weil es nur freiwillig nicht geht.
Oder meinten Sie etwas anderes?

“Und genau diese Freiwilligkeit setzt etwas voraus: „Wir brauchen mehr als Bilanzen und Sharholder-Value, mehr las Gewinn- und Verlustrechnungen. Das nennen Christen Nächstenliebe. Das nennt die Arbeiterbewegung Solidarität. Das nennt Martin Luther King Compassion. Dafür gibt es die unterschiedlichsten Begriffe. Und ich nenne das den Mörtel, der das Haus zusammenhält, damit es den Sturm übersteht. Und dabei ist bei uns viel zu wenig vorhanden.“ Ich zitiere Johannes Rau.”

Sehr schön. Aber was hat das mit dem Zwang zu tun, sich auf eine bestimmte Art zu versichern?
Erinnert das nicht ein wenig an Orwells Neusprech? Freiwilligkeit ist Zwang. Zwang ist Freiwilligkeit.

“Was ich meine, ist das Grundprinzip des menschlichen Miteinanders. Gegenseitige Hilfsbereitschaft ohne einen unmittelbaren individuellen Nutzen garantiert zu bekommen. Die Perspektive des anderen Einnehmen können, sich verantwortlich fühlen über das hinaus, was den engeren eigenen Lebensbereich umfasst. Etwas tun.”

Schön. Dann predigen Sie Nächstenliebe. Das klappt ja ganz gut. Und lassen Sie die Finger von ökonomischen Fragen wie der der Krankheits- und Sozialversicherung.

“Für die Grundsatzprogrammdebatte heißt das: Freiwilligkeit setzt institutionelle Solidarität voraus - kann sie aber in einer modernen Gesellschaft nicht ersetzen. Sie muss organisiert werden. Freiwillige und institutionalisierte Solidarität bedingen einander.”

Wenn ich “institutionelle Solidarität” mal mit Zwangsversicherung übersetze, sind wir wieder bei Orwell: Freiwilligkeit setzt Zwang voraus.
Fragt sich nur, was die Christen früher gemacht haben. Wenn institutioneller Zwang zur Solidarität (was für eine begriffliche Absurdität!) Voraussetzung für freiwillige Solidarität sein soll (was Sie in diesem Satz behaupten) - wie kann es vor Bismarck je freiwillige Solidarität gegeben haben?

Schön aber, dass Sie zum Schluss Ihren wahren, Ihren bürokratischen Geist offenbaren: Sie sind angetreten, die besten Eigenschaften der Menschen, nämlich seine Solidarität (die per definitionem nur freiwillig sein kann, schauen Sie in den Duden) zu “organisieren”, zu verwalten, zu planen. Viel Spaß dabei! Dass Ihnen der Erfolg fehlen wird, ist leider jetzt schon sicher.

Ähnliche Beiträge


8 Kommentare zu “Frau Nahles drischt Phrasen - ich dresche zurück”

  1. 3.05.2006 | 17:04

    Das stach mir in’s Auge, Frau Nahles schreibt:

    “Was ich meine, ist das Grundprinzip des menschlichen Miteinanders. Gegenseitige Hilfsbereitschaft ohne einen unmittelbaren individuellen Nutzen garantiert zu bekommen.”

    Selten habe ich die menschliche Natur so verkannt gesehen. Frau Nahles schildert ein Verhalten als Grundprinzip, das man tatsächlich nur bei Menschen beobachten kann, für die es um das blanke Überleben geht, bei einer Naturkatastrophe zum Beispiel.

  2. Boche
    3.05.2006 | 17:12

    Ach, ich vermute, dass Frau Nahles wirklich nicht tiefgehender nachgedacht hat, was sie da zusammengeschrieben hat.
    Wahrscheinlich tut man nur ihr aber nicht sich selbst einen Gefallen, ihre Phrasen auf ernsthafteren Inhalt zu durchleuchten.

  3. 3.05.2006 | 17:51

    Haha, sehr guter Kommentar! Dummerweise kommt die Phrasendrescherei bei der Bevölkerung an. Wie gestern ein Diskutant in einer Mittelstandsdiskussion meinte: “Die Politik kann noch so gute Ideen haben, ein sozialpoplitischer Satz mach alles zu nichte. Dann braucht man 10 Sätze um alles zu erkären…”

  4. 3.05.2006 | 17:59

    Zu Nahles erbärmlichem Sprachquark fällt mir nur noch die gute alte “Dispensorische Erziehungstheorie” ein. Viel Vergnügen ;-)

    —————-
    Reyem, W.: Dispensorische Theorie und kritische Gesellschaft, Oldenburg 1980, S. 33
    —————-

    Was den denkenden Menschen von anderen unterscheidet, ist seine Kritikfähigkeit. Kulturen entstehen und gehen unter. Dies ist ein Gesetz allen biologischen Lebens. Eine strukturelle Dialektik zwischen Innovation und Stagnation ist allumfassend konstatierbar. Schon die griechischen Philosophen, und dort vor allem Euklyptos, haben auf diesen Sachverhalt hingewiesen. Die gilt sogar für das Klima und die Folge der Jahreszeiten. Die menschliche Gesellschaft gleicht so einem Garten, in dem die
    prächtigsten Pflanzen neben häßlichem Unkraut gedeihen. Um einen Eisschrank zu erwerben, muß
    ein Arbeiter in England zehn Stunden arbeiten, in Argentinien etwa zehnmal soviel. Demgegenüber
    gibt es kaum ein Dorf in Afrika, in dem nicht ein Transitorradio anzutreffen wäre. Die Erziehung in Afrika unterscheidet sich von der Erziehung in Amerika oder Europa. Die Gültigkeit einer mathematischen Formel ist nicht durch Kontinente begrenzt. Gegenstand der Naturwissenschaft ist die Natur. Wenn Naturwissenschaft alles ist, so ist auch alles Gegenstand der Naturwissenschaft. Feld, Wald,
    Transistorradios und Menschen bilden so eine Einheit im Ganzen. Im Boxsport kommt es darauf an, den Gegner k.o. zu schlagen. Der Stärkere gewinnt gegen den Schwächeren. Schönheit als Kategorie der Natur spielt im Boxsport keine Rolle. Die Phänomene der Welt müssen beschrieben und geordnet werden, bevor sie in eine Theorie gebracht werden können. Nichts anderes ist die Grundlage der dispensorischen Theorie, die den Anspruch erhebt, die Phänomene der Welt in ihrer Totalität zu erfassen. Versucht man diese Theorie auf die Erziehung anzuwenden, so heißt dies, eine allumfassende Theorie der Erziehung zu begründen, die ihre Bestätigung letztlich in der Praxis erfährt, wobei Praxis im einfachen Sinne als individuelles und gesellschaftliches Handeln verstanden werden soll. Die dispensorische Erziehungstheorie ist somit nicht nur erkenntnistheoretisches Prinzip, sondern
    bedeutet vor allem Handlungsorientierung zu Veränderung und Verbesserung individueller und sozialer Lebensbedingungen, die die kulturellen und gesellschaftlichen Unterschiede tendenziell aufzuheben vermag.

    (Die Fundstelle ist Wolfgang Meyer: Der Gipfel der Gläubigkeit. Wie eine Nonsens-Theorie ernst genommen wird, in: DIE ZEIT Nr. 45 vom 30.10.1981)

    Manche Formulierungen der Neosozis klingen, als entsprängen sie diesem theoretischen Gerüst.

  5. eisenschwein
    3.05.2006 | 19:22

    Allein solche Formeln wie “Ich persönlich …”. Reicht ein schlichtes “Ich” nicht? oder gibt es Frau Nahles auch unpersönlich?

  6. 3.05.2006 | 20:30

    [...] Apropos Literatur. Wer hat die Sprache der Propaganda literarisch hervorragend analysiert? George Orwell in 1984. Und die Bissigen Liberalen bringen es auf den Punkt in einer brillianten Kritik zu einem Nahlesschen Beitrag. Konkret geht es ihr darum eine sprachliche Verbindung zwischen freiwilliger Solidarität und Zwangsinstitutionen der Sozialversicherung zu konstruieren. Die Bissigen Liberalen sehen das so: Sehr schön. Aber was hat das mit dem Zwang zu tun, sich auf eine bestimmte Art zu versichern? Erinnert das nicht ein wenig an Orwells Neusprech? Freiwilligkeit ist Zwang. Zwang ist Freiwilligkeit. [...]

  7. 4.05.2006 | 9:27

    eigentlich bin ich ja ein freund des hohlen satzes, des irrsinnigen wortungetüms und der seifenblasigen sprache des nichts-sagens und trotzdem kann ich über diesen schönen kommentar zu einem beitrag von andrea “die sprecherin der spd-linken” (dann bin ich wohl auch der sprecher der spd-k????) nahles über … na ja alles und nichts, ausgiebig freudig erregt sein…oder so

  8. 4.05.2006 | 9:35

    @bart

    Freudig erregt, du persönlich? Oder unpersönlich?
    Nachzudenken wäre auch über die Frage der Bedeutung der Faktoren des Erregtseins und darüber, ob Erregtsein reicht oder in der modernen Gesellschaft durch institutionelle Erregung organisiert werden muss.

Bad Behavior has blocked 807 access attempts in the last 7 days.