Road Pricing oder: Grosstädtler and Waldörfli

Auf dieser Veranstaltung hat die Berichterstatterin folgenden Dialog zweier Männer (”ca 88 Jahre”) aufgeschnappt und in meinem Lieblingsblog veröffentlicht:

-Jetzt wei si no Zoll erhäbe. Uf d’Strass.
-Ja, ig ha dervo gläse. – Das die keni angeri Problem hei.
-Ja, das faut-ne-ja nume drum y. – Wüu si kener angere Problem hei.*)

Das Road Pricing (auch Innenstadtmaut geheißen) wurde vor über 30 Jahren in Harald Schmidts**) Lieblingsstadt eingeführt; seit dem 17. Februar 2003 gibt es sie auch in London. Offizielle Hintergrundinformationen gibt es hier und einen Artikel aus der New York Times, ergänzt um weitere Quellen, hier. Und während “The Register” zweifelnd fragt “London’s charge zone: blueprint for road pricing ’success’?“ fordert das Adam Smith Institute: Price Roads! Cut Taxes!

Mit dem Kopf voran hat schon vor einiger Zeit auf einen Artikel im Handelsblatt über die Einführung der “City Maut” in Stockholm hingewiesen und dabei auch eine Folge erwähnt, die zu der Vermutung Anlass gibt, dass (neue) Steuern und Abgaben durchaus auch den Erfinder enttäuschende Lenkungswirkungen entfalten können***):

Die Staus während der Rush-Hour sind erheblich zurückgegangen, so dass die Fahrzeiten in Stoßzeiten nur noch 45 statt 200 % über dem Durchschnitt liegen. Aufgrund der deutlichen Wirkungen gibt es einen Wermutstropfen für den Fiskus. Der mußte seine Einnahmeerwartungen bereits um 20 bis 30 % nach unten korrigieren.

Meine Erfahrungen mit nicht-elektronischen Mauterfassungsstellen sind: Eine Fahrt von Deutschland nach Bosnien während der Hauptsaison kann einem dieses System ganz schön vergällen, während es an den Maut-Stationen in Guangxi ganz gemütlich zuging - aber das war vor eineinhalb Jahren, als auf den mautpflichtigen Straßen und Autobahnen fast ausschließlich Bonzenschleudern, LKW und Busse unterwegs waren; das dürfte sich in der Zwischenzeit auch geändert haben.

Die Erkenntnis, dass man durch die elektronische Mauterfassung noch ganz andere Ziele verfolgen kann, wird der chinesischen Regierung sicher auch nicht verborgen geblieben sein.
__________________________ 

*) Da mein Schwyzerdütsch noch schlechter ist als mein Englisch, hier nur eine sehr grobe Übersetzung:

- Jetzt wollen sie auch noch Zoll erheben. Auf Straßen.
- Ja, ich habe davon gelesen - Das die keine anderen Probleme haben.
- Ja, deshalb fällt ihnen ja sowas ein - weil sie keine anderen Probleme haben.

**) Antwort auf Frage 62:

Sehen Sie, meine Lieblingsstadt ist Singapur, ich war da unterwegs und wollte eine Zeitung kaufen, bis mir auffiel, dass es da gar keine Kioske gibt. Und nach weiteren drei Stunden fiel mir auf, dass es überhaupt nur eine Zeitung gibt, und die wurde von niemandem gelesen. Da habe ich gleich ein ganz schlechtes Gewissen gekriegt, weil ich festgestellt habe, dass so eine Welt ohne Zeitungen unheimlich entspannend ist.

Die ganze Stadt ist voller schöner Frauen, schon am frühen Morgen herrschen unglaubliche Vibrations. Und das Allerschönste kommt gleich beim Landeanflug: Death to Drugtraffickers steht da in Rot.

***) Das könnte ein kleiner Hinweis für meinen designierten Parteivorsitzenden sein, der ja offenbar meint, Steuererhöhungen hätten automatisch Mehreinnahmen zur Folge.

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2 Kommentare zu “Road Pricing oder: Grosstädtler and Waldörfli”

  1. 5.05.2006 | 7:59

    Münzampeln!

    =D

  2. 5.05.2006 | 17:05

    Die Übersetzung ist absolut korrekt, ich hätte es nicht besser gekonnt. Allerdings ist es für zwei Männer von 88 Jahren in der Schweiz absolut unvorstellbar, auf einem Strassenabschnitt (und mehr wäre es nicht in Bern) Maut zu zahlen, wenn sie ihren Volvo da vorbeisteuern wollen. Das widerspricht dem Schweizer Geist etwa so wie die EU-Mitgliedschaft. Aber vielleicht werden die jungen Urbanen die Alten überstimmen.

    Noch ist überhaupt nichts entschieden - wir haben einfach in Bern ein tausendfaches Autopendlerproblem (wir mussten sogar schon Brücken verstärken, weil sich der Verkehr verdreifacht hatte) und alle Parteien sind sich einig, dass das gelöst werden muss. Mein Vorschlag, keinen mehr anzustllen, der in einem Einfamilienhaus im Grünen wohnt, wurde leider abgelehnt ;-) Allerdings bin ich mit meiner Einfamlienhaus-Abneigung in immer besserer Gesellschaft: Herzog & De Meuron wiesen vor einem Jahr dem Eigenheimboom Nachhaltikeitsprobleme und nationalen Planungschwachsinn nach und jetzt kommt noch die Studie, die besagt, dass der mittelständische Hausherr im Eigenheim die Statistik der Selbstmörder-Mörder anführt.

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