6. Mai 2006
Schuluniformen? Unsinn!
Es gibt Parteifreundinnen, die treiben mich noch zum Wahnsinn. Die Bundesjustizministerin tut in dieser Hinsicht wirklich, was sie kann. Nachdem sie im Bereich der Softwarepatente ihren eigenen (ohnedies gegen Null gehenden) Diskussionsbedarf gedeckt sieht, macht sie ein neues Fass auf:
Manche Menschen verbänden mit dem muslimischem Glauben Terrorismus, sagte die SPD-Politikerin der “Welt am Sonntag”.
Daraus entstünden Ressentiments und Debatten, etwa darüber, ob muslimische Mädchen verschleiert zur Schule kommen dürften oder nicht. Eine einheitliche Schulkleidung sei hier die Lösung. “Damit beseitigen wir nicht nur die Burkas, sondern auch Probleme, die sich durch soziale Unterschieden ergeben.”
Eigentlich habe ich ja was anderes zu tun, als heute zu bloggen; das schöne Wetter genießen, zum Beispiel. Aber diese Ansicht von Frau Zypries ist so grottenfalsch, dass ich mich hier doch eben erleichtern muss:
1. Zur Lösung muslimischer Bekleidungsvorschriften (egal, ob nun im Koran erwähnt [Kopfbedeckung] oder nicht erwähnt [Burka]) wäre eine Schuluniform nur dann geeignet, wenn der Staat die größtmögliche Verhüllung anordnen würde, also Burka o.ä. Denn Eltern oder Schülerinnen, die diese Bekleidungsvorschriften für sich als bindend erachten, werden sich auch einer allgemeinen Schuluniformspflicht nicht beugen, sondern vors Verwaltungsgericht ziehen und notfalls auf einen Schulbesuch in Deutschland ganz verzichten.
2. Die “sozialen Unterschiede” innerhalb der Schülerschaft kommen nicht nur in der Kleidung, sondern auch in allen sonstigen Accessoires zum Ausdruck, die Schülerinnen und Schülern zur Verfügung stehen, angefangen vom Handy (ach so, das soll ja auch verboten werden) über die Schultasche bis hin zu der Art und Weise, wie die Schülerinnen und Schüler zur Schule morgens zur Schule kommen. Selbst, wenn es so sein sollte, dass vermehrt Straftaten im Zusammenhang mit Kleidung oder Schuhen an Schulen auftreten, wird eine Schuluniformspflicht nur dazu führen, dass sich die Betonung und Zurschaustellung von Einkommensunterschieden auf die o.a. Bereiche verlagern. Zudem führt eine optische Gleichmacherei nicht zum Verschwinden der sozialen Unterschiede, ja noch nichtmal zu einer Verringerung derselben.
3. Zur Erreichung der von Frau Zypries angegebenen Ziele wären zwingend erforderlich:
a.) eine bundeseinheitliche Regelung
b.) ein vollständiger Konsens aller am Schulbetrieb Beteiligten
c.) eine komplette Übernahme des Einkaufs und der Verteilung der Schuluniformen durch den Staat
Spätestens hier dürfte sich diese Idee erledigt haben. Ich will aber eben noch meine Erfahrungen mit der Schuluniform schildern, die ich in Nanning gemacht habe:
Kurz gesagt: Es hat sich keiner drum geschert. Es gab zwar zwei Arten von Einheitskleidung (eine Art taubenblaues Sweat-Shirt und ein landesweit üblicher blau-weiß-roter Trainingsanzug), aber ob und wie diese getragen wurde, wurde nicht kontrolliert und die reiche(re)n Schülerinnen und Schüler haben trotzdem ihre Markenklamotten getragen (die selbst als Fälschung für normale Chinesen kaum bezahlbar sind).
Was man noch alles verbieten/regulieren/einschränken müsste, um soziale Ungleichheit zu kaschieren, davon gibt dieser Blogeintrag einen Einblick, wie überhaupt Schuluniformen ein ganz heißes Thema in den Blogs mit Asienbezug ist. Komischerweise geht’s da fast immer nur um die weibliche Variante der Schuluniform…
Vor vielen Monaten bin ich mal über einen Eintrag gestolpert, der sich mit einem Wettbewerb in Bezug auf die Rocklänge der Schuluniformen in Japan beschäftigte; den Link finde ich zwar im Moment nicht wieder, aber ihr könnt den hier als Ersatz nehmen.
Wenn wir dann Schuluniformen haben, können wir ja aus Japan auch gleich noch ENJO KOSAI übernehmen…
Nee, also wirklich: Das Sommerloch scheint sich noch schneller auszubreiten als das Ozonloch; früher tauchten die Schnapsideen doch immer erst zum Beginn der Sommerferien in den Gazetten auf, oder täusche ich mich da? Und wir haben grad mal Anfang Mai!
Wie auch immer: Ich geh’ jetzt erstmal in die Sonne. Sollte Frau Zypries auch öfter tun, finde ich. Sonne wirkt manchmal Wunder.
Wenn jemand in anderen Ländern bessere Erfahrungen gemacht hat oder sowieso anderer Meinung ist, dann freue ich mich auf entsprechende Kommentare.
Verfasst von Marian Wirth um 14:58 Uhr in der Kategorie International, Politik (Trackback)