10. Mai 2006
Über den Sinn von Einleitungen
Marian wird ja nicht müde, mir die SPON-Abstinenz ans Herz zu legen, und so langsam überzeugt er mich.
Beiträge dort werden immer mit einem Text eingeleitet, der fett unter der Unterschrift erscheint und auch als eine Art Vorschau in der Übersicht auf der Startseite. Nun habe ich immer mehr den Eindruck, als würden diese Texte von anderen Leuten geschrieben als die Beiträge selbst, denn oft wird in ihnen etwas erwähnt, was im Text selbst gar nicht so steht, oder Textteile werden sinnentstellend wiedergegeben.
Zwei Beispiele von heute:
DAIMLERCHRYSLER: Städte rechnen mit Steuer-Ausfall
Die Steuerberater von DaimlerChrysler sind ihr Geld offenkundig wert: Einem Zeitungsbericht zufolge wird der Industrieriese in diesem Jahr trotz eines Milliarden-Ergebnisses keine Gewerbesteuer zahlen. Für die Region Stuttgart eine Belastung - zugleich baut Daimler Stellen ab.
Was suggeriert diese Einleitung? Klar, DaimlerChrysler scheffelt Milliarden und verdankt es nur steuerlichen Buchungstricks, dass darauf keine Steuern gezahlt werden müssen. Was steht im Text selbst? Etwas ganz anderes, nämlich dass die Milliarden nur der sogenannte “operative Gewinn” sind, danach aber noch zwingend Aufwendungen für die Umstrukturierung berücksichtigt werden müssen, die im abgelaufenen Jahr entstanden sind. Zitat aus dem Beitrag:
“Dass der Konzern angesichts dieser Lage keine Gewerbesteuer zahlt, überrascht uns nicht”, heißt es in einer der betroffenen Städte.
Also nix Steuertrick, sondern ganz einfach stinknormale Betriebswirtschaft. Ganz im Gegensatz zum Eindruck, der in der Einleitung erweckt werden soll.
KOMMENTAR: Bye-bye Schaumschläger!
Mit der Niederlage Tony Blairs bei den Kommunalwahlen ist auch das Politik-Konzept von New Labour geplatzt. Die Demontage von Blair und Georg Bush, den beiden großen Schaumschlägern auf der Weltbühne, könnte bedeuten, dass Politik global wieder seriöser betrieben wird.
Hier wird George Bush als “demontierter Schaumschläger” erwähnt. Im Kommentar selbst geht es aber fast ausschließlich um Tony Blair, der Name des US-Präsidenten taucht dort nur ein einziges Mal auf, nämlich als jemand, dessen Ablösung zusammen mit Blair sich die “Intelligenz innerhalb und außerhalb Großbritanniens” wünscht. Die “Schaumschlägerei” Bushs wird im Gegensatz zu der Blairs gar nicht thematisiert, und auch Hinweise auf seine Demontage fehlen in diesem Kommentar. Hingegen ist weit mehr von Tory-Chef Cameron die Rede.
Hier geht es mir jetzt gar nicht darum, ob das stimmt, was im Einleitungstext steht - es entspricht wohl tatsächlich der momentanen “Spiegel”-Linie. Aber ich erwarte eigentlich, dass ein solch prominent platzierter Text die wesentlichen Aussagen des folgenden Beitrags bringt, nicht mehr und nicht weniger. Bei SPON scheint das nicht mehr zu gelten.
Verfasst von Rayson um 17:03 Uhr in der Kategorie Presse / SPON- und taz-Blog (Trackback)