arbeiten & essen

SPD-Arbeitsminister Franz Müntefering hat nach einem Artikel [1] in der ZEIT in einer Beratung der SPD-Fraktion folgenden Satz fallen lassen: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Das ist die sozialdemokratische Version eines bekannten Bibelzitats:

Im zweiten Brief des Paulus an die Thessalonicher [2] steht: Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen. Im Zusammenhang (nach der Lutherbibel):

Denn wir haben nicht unordentlich bei euch gelebt, haben auch nicht umsonst Brot von jemandem genommen, sondern mit Mühe und Plage haben wir Tag und Nacht gearbeitet, um keinem von euch zur Last zu fallen. Nicht, daß wir dazu nicht das Recht hätten, sondern wir wollten uns selbst euch zum Vorbild geben, damit ihr uns nachfolgt. Denn schon als wir bei euch waren, geboten wir euch: Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen.

August Bebel, einer der Vorgänger Franz Münteferings, schrieb: Der Sozialismus stimmt mit der Bibel darin überein, wenn diese sagt: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Entweder lag ihm damals eine andere Übersetzung vor oder er hat es anders gemeint — vermutlich passte das Zitat in dieser Form besser in den Klassenkampf.

Nun bekommt Franz Müntefering selbstverständlich Prügel für diesen Satz. Zuallererst von Leuten, die es den Politikern schon immer mal wieder geben wollten.

Von den Befürwortern eines bedingungslosen Grundeinkommens, die nicht wirklich vorrechnen können, woher dieses Grundeinkommen eigentlich kommen soll (Konsumsteuern sind in einer Krise genauso unsicher wie Steuern auf Arbeitseinkommen).

Von den Künstlern, die sich hier völlig zu Unrecht getroffen fühlen, weil gute Kunst immer mit harter Arbeit verbunden ist.

Von Leuten, die den Staat zwar ablehnen und vom sozialistischen Anarchismus träumen, aber “Staatsknete” doch immer ganz gern genommen haben …

Von den Beschützern der Armen und Entrechteten, die übersehen, dass da in der Bibel nicht steht “Wer nicht arbeiten kann“, sondern “Wer nicht arbeiten will” (was meiner Meinung nach ein großer Unterschied ist).

Von den Ganz-schlimm-Betroffenen, die herausgefunden haben, dass auch dieses Zitat im Laufe der Geschichte schon missbraucht wurde und Müntefering nun eine “rechte” Einstellung attestieren.

Aber wenn all diese Leute aufschreien, denke ich, dass in Münteferings Bemerkung doch ein klein wenig Wahrheit stecken muss. Vielleicht hat er an seine frustrierenden Bemühungen gedacht, wenigstens 20% der Saisonkräfte in der Ernte wieder aus Deutschland zu rekrutieren. Ernten hat auch heute noch mit Essen zu tun. Vielleicht ist es ihm auch herausgerutscht, weil er vorher die aktuellen Zahlen über die bedrückenden Verluste dauerhafter Arbeitsplätze gelesen hat.

Oder er hat sich wirklich über Ottmar Schreiner geärgert, der — seit ich ihn das erste Mal bewusst wahrgenommen habe — noch nie einen Satz von sich gegeben hat, der aus wirtschaftlicher Sicht Hand und Fuß gehabt hätte. In diesem Fall könnte ich ihn wirklich verstehen ;-)

Zuletzt noch ein Satz, der wieder etwa zweitausend Jahre alt ist und ebenfalls von Paulus stammt:

Wir ermahnen euch aber, liebe Brüder: Weist die Unordentlichen zurecht, tröstet die Kleinmütigen, tragt die Schwachen, seid geduldig gegen jedermann.

Ich denke, beide Zitate haben ihre Berechtigung, wenn man lange genug darüber nachdenkt. Ich freue mich auf eine lebhafte Diskussion.

[1] Artikel in der ZEIT
[2] Der zweite Paulusbrief an die Thessalonicher

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45 Kommentare zu “arbeiten & essen”

  1. 11.05.2006 | 22:53

    Oh ja, die Liste der kulinarischen Sprichwörter ist schier endlos. Kein Wunder, dass Heuschrecken-Franz auch mal eins aufgegabelt hat. Aber auch er sollte natürlich erstmal gründlich nachdenken, bevor er es in der Öffentlichkeit verkündet. Oder wie ein Sprichwort von der Elfenbeinküste besagt: “Ungare Speisen zieht man nicht vom Feuer, um sie zu essen”. Den Deutschen lässt das aber alles kalt. Er denkt nur “In der allergrößten Not, schmeckt die Wurst auch ohne Brot”, wählt weiter die große Koalition und wartet ab, was da noch kommen mag. Die vereinigten Gesundheitsapostel aller Länder hingegen werden sicher sofort versuchen, in das Münteferingsche Zitat eine radikale Umstellung der deutschen Essgewohnheiten hineinzuinterpretieren. Frei nach dem altägyptischen Motto: “Der Mensch lebt von einem Viertel dessen, was er isst, von dem Rest leben die Ärzte” oder der Bulgarischen Weisheit “Kurzes Abendessen, langes Leben”. Auch die deutsche Sparsamkeitslyrik à la “Wer etwas isset und etwas übrig lässet, kan zweymal Taffel halten” kann mit Müntes Bibelausflug sicher einiges anfangen. Und die Italiener wissen schon lange: “Einem vollen Bauch scheint alles Fleisch schlecht”.

    Aber letztlich wissen wir natürlich alle, auch Franz Müntefering: “Es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird”, denn “der Sitz der Gefühle ist der Magen” (Griechenland) und “ein gutes Essen ist Balsam für die Seele” (Tadschikistan) und wenn die SPD auch bei den nächsten Wahlen noch im zweistelligen Bereich liegen möchte, dann sollte sie es sich nicht mit allen, die aus welchem Grund auch immer nicht arbeiten, verderben. Welches Menü letztlich bei der großen Koalition herauskommen wird ist sowieso noch nicht abzusehen, denn “Viele Köche verderben” bekanntlich “den Brei”.

  2. 11.05.2006 | 22:54

    Das wichtigste Wort im Paulus-Satz ist tatsächlich das “will”. Nicht nur aus religiöser, christlicher Sicht, sondern auch aus liberaler.

    Jemand, der sich weigert, zum zu Verteilenden beizutragen, hat keinen Anspruch darauf. Das dürfte, soweit ich das sehe, durchaus zum moralischen Grundkonsens gehören.

    Damit ist nichts über das Verhältnis von tatsächlichem Beitrag zu tatsächlichem Anteil gesagt. Aber das ist erst die Folge.

  3. Marian Wirth
    11.05.2006 | 23:11

    Ich bin in sozialistischer Rhetorik nicht so bewandert, aber ich vermute, dass August Bebel das Hilfsverb absichtlich weggelassen hat, um etwas auszudrücken, was fast 50 Jahre später jemand, der etwas härter drauf war, so ausgedrückt hat:

    Wir werden durchführen, was wir in der Programmerklärung zur nationalen und sozialen Befreiung des deutschen Volkes gelobt haben; „Mit bolschewistischer Rücksichtslosigkeit werden wir allen bürgerlichen Faulenzern gegenüber das Prinzip durchführen: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.”‘

    Genossen! Wir haben in Deutschland zwei Nationen: die Nation der Reichen und die Nation der Armen, die Nation der Hungrigen und die Nation der Satten. Ich sage von dieser Stelle aus, daß unser Programm eine historische Bedeutung hat. Es wird der Tag kommen, wo die Nation der Hungrigen die Nation der Satten verschlingen wird.

    (Ernst Thälmann, Für Brot und Freiheit! Rede im Berliner Sportpalast vom 12. September 1930, zitiert aus: Marxistische Bibliothek, Texte zum Klassenkampf)

    Franz Müntefering hat das Zitat (inklusive Hilfsverb) übrigens letztes Jahr im Sommerinterview mit Peter Hahne schonmal gebracht. Auf Norderney.

    Mittlerweile dient das Zitat sehr gut dazu, mittels Suchmaschinen gleichzeitig Anti-Hartz IV-Seiten und Pro-Grundeinkommen-Seiten zu finden, wie ich gerade festgestellt habe.

  4. 11.05.2006 | 23:21

    Ja, das ist mir auch aufgefallen. Beim Suchen bin ich noch darauf gestoßen, dass das Zitat (ohne “will”) auch schon von gewissen Ganz-Rechten verwendet wurde und man kennt es auch aus betont konservativen Kreisen.

  5. 11.05.2006 | 23:33

    @Marian: die Bibelübersetzung /kann/ eine Rolle spielen. In meiner Version der Lutherbibel von 1915 steht:
    Und da wir bei euch waren, geboten wir euch solches, daß, so jemand nicht will arbeiten, der soll auch nicht essen.

    Diese Version kann Bebel zu diesem Zeitpunkt aber nicht gekannt haben ;-)

    In der KJV steht:

    (8) Neither did we eat any man´s bread for nought; but wrought with labour and travail night and day, that we might not be chargeable to any of you:
    (9) Not because we have not power, but to make ourselves an ensample unto you to follow us.
    (10) For even when we were with you, this we commanded you, that if any would not work, neither should he eat.

  6. 11.05.2006 | 23:59

    Hier geht es doch um die Vorbildfunktion. In diesem Kontext ist diese Bibelstelle eigentlich unmißverständlich: “Wir wollten uns selbst euch als Vorbild hinstellen, damit ihr uns nachahmt.” Es ist also eine Begründung und Erklärung für die geleistete Selbstverpflichtung.

  7. 12.05.2006 | 0:14

    Um die Vorbildfunktion geht es in den Versen vorher. In Vers 10 geht es schon um die Aufforderung an die Mitglieder der Gemeinde. Hier habe ich übrigens noch die “Elberfelder” Übersetzung:
    Denn auch als wir bei euch waren, geboten wir euch dies: wenn jemand nicht arbeiten will, soll er auch nicht essen.

  8. 12.05.2006 | 0:52
  9. 12.05.2006 | 4:17

    Es geht mir vorallem darum das man mit der Härte und den Kürzungen gegenüber den “sozial schwachen” dort besonders aktiv ist wo vergleichsweise der geringste und leiseste Widerstand droht.

    Man bekommt sogar noch noch ZUstimmung von denen die noch etwas zu verlieren haben bzw. vor allem auf Abstand zu den Schwachen bedacht sind.

    Das sind auch die Leute die leichtfertig über bestimmte Beträge reden die, um davon nicht nur zu vegetieren, sondern auch zu leben, sehr gering sind - und selbst darauf bedacht sind all ihre Steuervorteile und Förderungen etc. zu bekommen.

    Ich bin zwar kein Sozi und auch nicht sozialistisch, aber es gefällt mir nicht.

    “Von den Befürwortern eines bedingungslosen Grundeinkommens, die nicht wirklich vorrechnen können, woher dieses Grundeinkommen eigentlich kommen soll (Konsumsteuern sind in einer Krise genauso unsicher wie Steuern auf Arbeitseinkommen).”

    Es wäre schon viel erreicht wenn das Umverteilungsmonster in der Bundesrepublik (Sozialstaat, Subventionen, Steuerrecht) um einiges schlanker und weniger komplex wäre - und nicht soviel in der Bürokratie und Verteilung versickern würde.

    Der Vorteil eines “bedingungslosen Grundeinkommens” ist eben das es sehr einfach ist, dementsprechend wenig in der Verwaltung kostet und mehr Geld in den Wirtschaftskreislauf geht.

    Wir haben kein Finanzierungsbedarf wenn das Grundeinkommen alle Subventionen, Steuerförderungen und den größten Teil des Sozialstaates ersetzt.

    Allenfalls nicht arbeitsfähige bräuchten zusätzliche Unterstützung durch Gesellschaft und Staat.

    Ja, ich weiß, all das ist auf absehbare Zeit unrealistisch, leider.

    Dennoch finde ich es schlichtweg zum kotzen das auf der einen Seite das Geld zum fenster rausgeschmißen wird (sei es aktueller SPIEGEl-Titel oder Projekte wie der Transrapid in München (den leider sogar die FDP fordert (der ich ja nun vor einigen Monaten beigetreten bin)) - und auf der anderen Seite bei denen gespart werden soll die ohnehin schon als Verlierer gebrandmarkt sind und durch Kontrollen schikaniert werden (anstatt das man Mißbrauch schon durch “gute Gesetze” reduzieren würde).

  10. 12.05.2006 | 8:40

    Mein Beitrag bildete eine Klammer zwischen zwei Zitaten und man sollte sich bitte beide durchlesen.

    Die Befürworter eines bedingungslosen Grundeinkommens machen IMHO zwei entscheidende Fehler. Sie gehen erstens genau wie die Anhänger der sozialistischen/kommunistischen Idee von einem idealistischen Menschenbild aus. Dieses Menschenbild kann man aber in der Realität nicht finden und offen gesagt bewegen wir uns gesamtgesellschaftlich gesehen auch eher in die entgegengesetzte Richtung. Und der zweite Fehler liegt darin, dass sie zuerst über die Verteilung und dann über die Wertschöpfung sprechen.

    Das Dilemma des Grundeinkommens besteht darin, dass es einigen Wünschen der Menschen immer hinterherhinken wird, ihnen aber gleichzeitig ohne eigenes Dazutun zu viele Wünsche erfüllt. Dadurch werden Menschen von der eigenen Leistung entkoppelt. Und weil wir eben keine idealen Menschen haben, werden sie mehrheitlich nach spätestens zwei Jahren dauerhaft von der Leistung abgekoppelt bleiben.

    Es ist klar, dass es immer einen Anteil der Bevölkerung geben wird, der dauerhaft auf Transfers angewiesen ist. Diese Menschen sollen nicht betteln oder hungern müssen. Wer nicht arbeiten kann, hat heute ein [aus mehreren Anteilen zusammengesetztes] Grundeinkommen, das sich im internationalen Vergleich nicht verstecken muss. Es liegt aber genauso offen auf der Hand, dass man genau hinschauen muss, wer zu diesem Kreis gehört.

    Im ersten Zitat kommt zuerst das Arbeiten und dann das Essen. In der alten Bundesrepublik und auch nach der Wiedervereinigung gab es Zeiten, in denen dieser Zusammenhang nicht klar genug geworden ist. Und ich fürchte, dass man noch viel argumentieren muss, um ihn heute allen nahezubringen. Lange Zeit war Deutschland wirtschaftlich Spitze, die demographische Zusammensetzung der Bevölkerung war recht gesund und der Staat konnte viel verteilen.

    Diese Zeiten sind vorbei und wir müssen in der Gesellschaft nun darüber diskutieren, wie wir /beiden/ Zitaten von dort oben gerecht werden können. Aber bitte in der richtigen Reihenfolge.

    [OT] Und noch kurz zu dem Verkehrsmittel Transrapid: so faszinierend er sein mag — eine Strecke muss wirtschaftlich zu betreiben sein. Das kann man kalkulieren. Und wenn dabei herauskommt, dass er hierzulande nicht wirtschaftlich betrieben werden kann, dann muss man es eben bleiben lassen. Allerdings sehe ich da keinen direkten Zusammenhang zu Hartz-IV oder zum Müntefering-Zitat.

  11. 12.05.2006 | 9:08

    Ja, und früher hätte man’s den faulen Säcken mit der Dachlatte ordentlich gegeben … das ist nicht nur Polemik, das war einst der Herr Börner aus Hessen, SPD, der das sagte, und diese “Wir sind auf’m Bau”-Rhetorik, die ein Münte da nicht zufällig auskramt, hat in der Tat was mit einer typisch sozidaldemokratischen Arbeiter-Ethos-Rhetorik zu tun. In diesen Kontext gehören auch diese ressentiment-geladenen Sprüche gegen “Künstler”. Die “Künstler” sorgen für mehr Innovation in dem Feld, in dem ich arbeite, als McKinsey, beispielsweise.

    Zum Grundeinkommen: Es auf Dauer nicht nur ein wenig öde, sondern sachlich falsch,bei jeder Debatte nun auf vermeidnlich idealisierte Menschenbilder zu verweisen. Bei allem Verständis dafür, daß Erfahrungen in der ehemaligen DDR ein Leben lang prägen: Man kann nicht jeden Gedanken mit einem einzigen Argument um die Ecke bringen, das ist Dogmatismus. Ohne den real-existierenden Sozialismus gäbe es wahrscheinlich in der aktuellen Budnesrepublik auch keine Anhänger des Liberalismus, so sehr kleben letztere an ersterem fest. Frage mich auch, wieso in Nebensätzen ständig irgendwelchen Leuten ökonomsicher Sachverstand abgesprochen wird, selbst aber so selten welcher unter Beweis gestellt wird. Doktrinäres Wissen hat noch nie Fortschritt und Innovation befördert.

    Wenn ich’s richtig verstanden habe, würde ja das Grundeinkommen die Versicherungssysteme ablösen. Soll heißen: Was heute in die Renten, die Arbeitslosengelder, Hartz IV etc. fließt sowie alle unsinnigen Subventionen würden ersetzt durch ein bedingungsloses Grundeinkommen. Soll heißen: Alle kriegen das gleiche und nicht etwa die Pensionäre vom Bayrischen dann auch gleich ein Drittel der Rundfunkgebühren, obwohl’s ihnen eh schon immer super ging. Meines Wissens würde das allerlei ökonomische Probleme lösen.

    Zum Begriff der Arbeit: Erntehelfer! Weiter ist man dann weder bei Liberalen noch bei Post-Sozialisten gedanklich gekommen. Können ja auch mal wieder einen Maschsee ausheben lassen - richtige Handarbeit halt. Arbeiten Leute die ihr Geld damit verdienen, möglichst viele Leute zu entlassen? Arbeitet die unbezahlte Hausfrau? Arbeitet jemand, der auf Basis von Hartz IV promoviert? Arbeite ich, während ich Kommentare in anderen Blogs hinterlasse? Arbeiten hochbezahlte Berater, die nur dumme Sprüche absondern, die man auch in 2 Minuten im Internet recherchieren könnte?

    Ich würde das keinem von denen absprechen, aber “Arbeit” an sich sagt doch herzlich wenig aus, wenn man’s nicht qualifiziert. Und in einer Gesellschaft wie jener der Bundesrepublik ist’s überhaupt nicht notwendig, alles auf klassische Erwerbsarbeit zu beziehen. In China oder in afrikanischen Ländern wird das hoffentlich auch irgendwann so weit sein. Ich finde Ulrich Beck an sich unteräglich, aber die Aufwertung ehrenamtlicher Arbeit, grundeinkommensfinanziert, fand ich immer sehr plausibel. Weil man dann auch sinnvoll darüber diskutieren kann, in was für einer Gesellschaft man leben will.

    Und dann können die Entlasser auch weiter in Kleinkunstbühnen gehen und nette Bücher lesen, weil dann eben dieser neu zu konstituierende Sektor schlicht ihre Lebensqulität erhöht. Und vielleicht würden sogar irgendwann Unkrautjäter auf Autobahnen mehr verdienen als ich, der ich als Medienschaffender eigentlich einen ganz erfüllten Job habe. Who knows?

    Stattdessen nun in Arbeistdienst-Kategorien zu denken, nee - dann muß man auch so konsequent sein zu fragen: Typen wie der Ackermann - arbeiten die denn überhaupt?

  12. 12.05.2006 | 9:35

    Müntefering und all die, die das ALG II unbedingt wollten, wollen meiner Meinung nach nur etwas vergessen machen:

    Im April 2006 gab es nach destatis.de 546.300 gemeldete offene Stellen und 4.790.000 gemeldete Arbeitslose.

    Nur weil man sich ein neues Auto kauft, werden Straßen nunmal nicht kürzer oder besser und das Benzin auch nicht billiger.

  13. 12.05.2006 | 9:50

    Apropos, noch eins drauf: Lieblingsfeind von “Die Linken” ist ja, mit Geld Geld verdienen zu wollen, also von Kapitalerträgen leben zu wollen. Ist irgendjemandem schon aufgefallen, daß die Stoßrichtung des biblischen Münte auch das sein könnte? Bemerkenswert, daß wieder alle es zunächst gegen die interpretieren, die eh schon die Arschkarte gezogen haben …

  14. 12.05.2006 | 9:51

    @MomoRules:

    Bitte keine unsachliche Polemik, das hast Du doch nicht nötig. Ich habe niemanden zu sinnlosen Arbeiten an die Spitzhacke kommandieren wollen! Aber Obst, Gemüse und Wein kann man nun mal größtenteils nicht maschinell ernten. Der Unterschied sollte jetzt klar sein?

    Ich habe keine Ressentiment gegen Künstler geschürt, sondern im Gegenteil die Arbeit hinter der Kunst respektiert. Egal ob man den Papageno in der Zauberflöte (Semperoper) oder den Hamlet in einer alternativen Aufführung in irgendeiner Kleinkunstbühne betrachtet: hinter beiden schauspielerischen Leistungen steckt viel Arbeit. Punkt. Und nichts anderes habe ich oben geschrieben.

    Argumente für Arbeitsdienst und Zwangsarbeit liegen mir genauso fern wie jedem anderen Liberalen.

    Ich sagte: Das Dilemma des Grundeinkommens besteht darin, dass es einigen Wünschen der Menschen immer hinterherhinken wird, ihnen aber gleichzeitig ohne eigenes Dazutun zu viele Wünsche erfüllt.

    Wenn Du dieses Dilemma philosophisch auflösen möchtest: bitte tu es! Ich freue mich auf Deine Argumente.

    So: ich werde mich jetzt bis heute abend ausklinken, denn meine Arbeit tut sich leider nicht von allein. Heute abend werde ich auf alle Antworten noch mal in Ruhe eingehen. Viel Spaß bis dahin und Euch allen einen schönen Tag. Nutzt ihn! ;-)

  15. 12.05.2006 | 12:06

    [...] stefanolix beschäftigt sich bei B.L.O.G. mit dem mittlerweile berüchtigten Müntefering-Spruch “Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen”. Wie mich nicht besonders überrascht, stellt er sich hinter Müntefering und deckt ihm den Rücken gegen die üblichen Gegner solcher Aussagen - von halblinks bis ganz links und auch gedankenlos. [...]

  16. Boche
    12.05.2006 | 12:48

    Lieblingsfeind von “Die Linken” ist ja, mit Geld Geld verdienen zu wollen, also von Kapitalerträgen leben zu wollen. Ist irgendjemandem schon aufgefallen, daß die Stoßrichtung des biblischen Münte auch das sein könnte?

    Nö, das ergäbe nämlich keinen Sinn. Oder nur dann, wenn der Münte die Kapitalerträge und vielleicht auch noch das Kapital wegnehmen, also zur (kompletten) Enteignung schreiten will.
    Denn sonst kann er kaum verhindern, dass sich die Vermögenden ihr Essen einfach kaufen.

  17. 12.05.2006 | 12:48

    @stefanolix:
    Der Trick ist meiner Auffassung nach, das Grundeinkommen nicht zu hoch anzusetzen. Es darf gerade für das absolut Lebensnotwendige reichen - durchaus auch noch etwas niedriger als das augenblickliche Hartz IV. Außerdem muss jeder zusätzliche Verdienst bis zur Steuergrenze unberührt bleiben und dem Erwirtschaftenden zur Verfügung stehen. Schon haben wir eine allgemeine Absicherung und weiteren wirtschaftlichen Druck.

    Von der Vollversorgung durch Grundeinkommen reden m.E. nur Träumer.

  18. R.A.
    12.05.2006 | 12:55

    Die Arbeiterbewegung hat immer großen Wert darauf gelegt, daß sie fleißige und strebsame Menschen vertritt, denen sie zu entsprechender Gegenleistung verhelfen will.
    Von “arbeitsscheuem Gesindel” hat sie sich immer vehement abgegrenzt, da ist Müntefering in der Tat voll in der Tradition.

    Unabhängig von der exakten Formulierung kann man auch davon ausgehen, daß immer “nicht arbeiten will” gemeint war.

    Marc hat aber völlig recht, daß das in der aktuellen Situation ein völlig deplaziertes Zitat Müntes war. Man muß zwar zu Recht kritisieren, daß viele Arbeitslose tatsächlich nicht wirklich arbeiten wollen (siehe Erntehelfer) - aber das grundsätzliche Problem des kaputten Arbeitsmarkts hat damit wenig zu tun.

  19. R.A.
    12.05.2006 | 13:00

    @nite owl:
    > Wir haben kein
    > Finanzierungsbedarf
    > wenn das
    > Grundeinkommen
    > alle Subventionen,
    > Steuerförderungen
    > und den größten
    > Teil des
    > Sozialstaates
    > ersetzt.
    Das ist falsch.

    Man kann weder durch Beiträge erworbene Rentenansprüche durch ein deutlich niedrigeres Grundeinkommen ersetzen, noch die echten Sozialstaatsteile streichen: Die Versorgung von Behinderten oder Pflegebedürftigen kostet deutlich mehr als das Grundeinkommen.

    Vom Rest aber könnte man nur einen Transfer unterhalb der Sozialhilfehöhe bezahlen - das wäre dann völlig widersinnig.

  20. 12.05.2006 | 15:54

    @Stefanolix:

    Danke - ohne Ironie! - für den Satz, daß ich unsachliche Polemik normalerweise nicht nötig hätte ;-) - aber gelegentlich rege ich mich halt auch mal auf, wie wir alle. War aber ja nicht alles Polemik, mir geht’s da in vielem schon auch um die Sache …

    @Karsten:

    Die Berechnungen, die ich bisher gelesen habe, liegen deutlich über Hartz IV. Und in westdeutschen Städten wie zumindest Hamburg, Köln oder München reicht auch Hartz IV nicht für das lebensnotwendige (alles Städte mit einem noch halbwegs intakten Arbeitsmarkt und trotzdem ist’s hammerhart, ‘nen Job zu finden). Inwiefern Träumerei?

  21. 12.05.2006 | 17:21

    Über das Grundeinkommen hatten wir ja schonmal lang diskutiert, ich will die alten Argumente nicht wieder aufwärmen.

    Irgendwelche Berechnungen zu einer Systemumstellung erfassen meist nicht den Kern: So statisch denkt kein Ökonom mehr seit den Klassikern. Eine Volkswirtschaft ist ein dynamischer Prozess, der in seiner Leistungserbringung über Anreize funktioniert - in einer modernen Industriegesellschaft wie der unseren auch noch ein hochkomplexer Prozess. Wenn ich an diesen Anreizsystemen massiv etwas ändere, und genau das ist ja die Hoffnung aller Grundeinkommensbefürworter, erhalte ich auf jeden Fall etwas ganz Anderes als wir heute haben - nicht nur qualitativ, auch quantitativ. Das ist sicher. Meine Prognose geht dahin, dass das BIP deutlich zurückgehen würde. Ein staatlich zugesichertes Grundeinkommen, das über das heutige ALG II hinausgeht und bedingungslos gezahlt wird, zerstört die Grundlagen, auf denen es sorglos meint aufbauen zu können.

    Darüber hinaus hätte ich arge Probleme, was das Menschenbild dahinter betrifft. Nicht unbedingt wegen dem, was Stefanolix aus meiner Sicht zu Recht anführt (dass es den “Träumern” nicht passt, muss ja so sein), sondern vor allem, weil es den Einzelnen abhängig macht. Der Staat als Amme, nein danke.

    @MomoRules

    Ich glaube, wir hier sind weit davon entfernt, der körperlichen Arbeit einen metaphysischen Wert zuzuweisen. Als Liberaler denkt man eher vom Ergebnis her - wenn einer nicht im herkömmlichen Sinn “arbeiten” muss, weil er am Markt ein Gut bereitstellt, das für andere wertvoll genug ist, damit er seinen Lebensunterhalt damit verdienen kann, dann soll es uns auch Recht sein.

    Bloß wenn man über ein solches Gut nicht verfügt und sich darüber hinaus auch weigert, über Arbeitsverhätnisse zu seinem Lebensunterhalt beizutragen, dann ist es verständlich, wenn diejenigen, von denen erwartet wird, dass sie dann einspringen, etwas unwillig reagieren.

    Ackermann hat übrigens einen Arbeitsvertrag. Offensichtlich meinen die, die ihn ihm gegeben haben, dass er eine Gegenleistung erbringt, die sein Entgelt übersteigt. Perfekt.

  22. 12.05.2006 | 17:58

    @Rayson:

    Meine These ist ja mittlerweile eher, daß das Denken der Ökonomen schuld dran ist, daß es hier den Bach runtergeht, weil sie Wirklichkeit falsch beschreiben und jenseits ihrer dynamischen Anreiz-Konstruktion alles wirklich Relevante in Nebenbedingungen packen.

    Wie übrigens auch Formulierungen, wie man “als Liberaler”, “wir hier”, denkt - ich denk ja lieber selbst - sehr viele Probleme erst erzeugen. Das ist ja selbst statisch und eines der Kernprobleme des politischen Systems: Daß Sachfragen aus doktrinärer und identitätspolitischer Perspektive diskutiert werden, und genau ist dann auch das größte Problem, daß die SPD derzeit hat, und genau deshalb nervt mich dieser Münte-Spruch maßlos.

    Für mich formuliert das Grundeinkommen Parameter, die jenseits der Logik der Versicherungssysteme verortet sind, und das ist schon mal ein Riesenschritt nach vorn, daß darüber diskutiert wird. Und wenn man denn Träumer ist, weil man will, daß es Anderen besser geht - bin ich gerne.

    Ich halte auch diese Bilder vom “Staat als Amme” und das Umdeuten von Rechten in Abhängigkeiten für anachronistisch. Das ist eher das Resultat eines bestimmten, sich kulturell tradierenden Männerbildes, sage ich jetzt mal in unpolemischer Absicht, mich auf den Feminismus berufend … glaube wirklich, daß das so ist.

  23. 12.05.2006 | 18:17

    Also bitte: Rayson hätte den Staat genausogut als allumsorgenden, allen Brot gebenden Familienvater bezeichnen können. Der Mensch ist doch aber kein unmündiges Kind. Es geht mir auch darum, dass ein Großteil der Menschen in einer solchen Abhängigkeit — mit hoher Wahrscheinlichkeit — bequem und träge werden wird.

    Wir leben aber nicht auf einer Insel der Seligen, sondern wir stehen im harten Wettbewerb. Und das muss bei der Suche nach Lösungsansätzen berücksichtigt werden.

  24. 12.05.2006 | 18:24

    Tja, tut mir nun Leid, MomoRules, wenn ich nicht hinter den Grad meiner Erkenntnis zurück kann.

    Als Ökonom muss man sich manchmal vorkommen wie ein Arzt, dessen Wissen von all den Homöopathen und Wunderheilern als “Schulmedizin” abgetan und somit zum Problem degradiert wird. Wobei sich zum Wunderökonom eigentlich jeder erheben darf, der die gegenwärtigen Zustände nicht gut findet.

    Es ist ein Unterschied, ob man will, dass es allen besser geht und zu diesem Zweck die dicken Bretter der Realität bohrt, oder ob man meint, sich über diese Niederungen, die ja alle nur auf falscher Erkenntnis beruhen - eine Erkenntnis, die nicht geeignet ist, Utopien zu befeuern: bäh! - mit einem “großen Wurf” erheben zu können.

    Da reagiere ich übrigens mal ausnahmsweise allergisch aus meiner Erfahrung in einer Gemeinschaft, bei der alle wahnwitzigen Weltrettungsideen höchst akzeptiert waren, auch wenn sie untereinander nicht kompatibel waren. In der Ablehnung der Ökonomie als Wissenschaft und der Annahme, eine Volkswirtschaft sei beliebig gestaltbar und müsse zwangsläufig die gewünschten Ergebnisse liefern, waren sie sich aber alle einig, was das Zusammengehörigkeitsgefühl enorm verstärkte.

    Überflüssig zu sagen, dass dort auch die obskursten Medizinlehren vertreten wurden.

    Wenn dich übrigens die Amme stört, nimm meinetwegen ein Elternteil oder einen Feudalherrn. Oder sonst jemanden, von dessen Gnade du lebst.

  25. Parker8
    12.05.2006 | 20:47

    Meine These ist ja mittlerweile eher, daß das Denken der Ökonomen schuld dran ist, daß es hier den Bach runtergeht, weil sie Wirklichkeit falsch beschreiben und jenseits ihrer dynamischen Anreiz-Konstruktion alles wirklich Relevante in Nebenbedingungen packen.

    Das Denken mancher Ökonomen, denn sie sind ja nicht alle gleich. In dem Zusammenhang: Die FTD berichtet gegenwärtig über die verschiedenartige Gesinnungslage unter den hiesigen Ökonomen, soweit sie dem Verein für Socialpolitik angehören.

    Als Ökonom muss man sich manchmal vorkommen wie ein Arzt, dessen Wissen von all den Homöopathen und Wunderheilern als “Schulmedizin” abgetan und somit zum Problem degradiert wird.

    Oh, diese Größe!

  26. 12.05.2006 | 22:35

    Ja, die FTD-Umfrage empfehle ich auch. Sie widerspricht nicht dem, was ich behaupte: Die Unterschiedlichkeit bewegt sich in einem Rahmen, der von der öffentlichen Diskussion (auch in den Blogs) gerne verlassen wird.

  27. 13.05.2006 | 3:10

    “Das Dilemma des Grundeinkommens besteht darin, dass es einigen Wünschen der Menschen immer hinterherhinken wird, ihnen aber gleichzeitig ohne eigenes Dazutun zu viele Wünsche erfüllt. Dadurch werden Menschen von der eigenen Leistung entkoppelt.”

    Miete oder/ und essen sind “zu viele” erfüllte Wünsche? Zudem diese sicher nicht nur bei mir, sondern bei vielen die studieren oder studiert haben von den Eltern finanziert werden (es gibt sogar Leute die können sich alles familiär finanzieren lassen).

    Würde dieses private “Grundeinkommen” wegfallen müßten sich viele, so auch ich, einen zweiten miesen job suchen der langfristig nichts bringt und kurzfristig Geld, und zwar soviel Geld das das nötigste bezahlt wird und man unvernünftigerweise auch noch lebt und auch mal Geld für unnötiges ausgeben will oder muß.

    Die gar nicht idealen Menschen die von ca. 400 euro ohne Arbeit durchs Leben kommen sind extrem wenige. Schon heute sind unter den “Sozialschmarotzern” mehr die sich “schwarz” etwas hinzuverdienen als die die ihren Lebenstil massiv reduzieren und (nach abzug der Miete) von 150 euro (oder weniger) im Monat leben bzw. vegetieren.

    Und die die es können, zB weil sie in einer großen Familie leben, werden uns auch nicht verarmen lassen.

    Aber um es klar zu sagen: Ich will nicht nur eine einfachere, preiswertere Umverteilung, ich will auch weniger Bürokratie ansich und weniger Einstiegshemmnisse in den Arbeitsmarkt - also zB keinen Kündigungsschutz, ebenso ein massiv vereinfachtes Steuerrecht.

  28. 13.05.2006 | 3:20

    sorry, das erste posting bitte löschen.

    Aber ich habe noch mehr zu sagen:
    “Zum Begriff der Arbeit: Erntehelfer! Weiter ist man dann weder bei Liberalen noch bei Post-Sozialisten gedanklich gekommen. Können ja auch mal wieder einen Maschsee ausheben lassen - richtige Handarbeit halt. Arbeiten Leute die ihr Geld damit verdienen, möglichst viele Leute zu entlassen?”

    Mir ist gerade wieder bei einem Bewerbungsgespräch aufgefallen wie kurios der Gedanke für eine Personalabteilung zu sein scheint das man einen bestimmten Job, der durchaus Leistung und geistige Anstrengung erfordert, einfach nur machen will um Geld zu verdienen und sich seinen “Lebenssinn” gut in der Freizeit durch verschiedene Beschäftigungen (die leider auch nicht wenig Geld kosten) suchen kann.

    Und das es nicht reicht sich aufgeschlossen zu zeigen, für die Anfangszeit, bzw. bis der Arbeitgeber zufrieden ist und man sich nicht dazu entschloßen hat getrennte Wege zu gehen, auf Geld zu verzichten.

    Ich arbeite für Geld und definiere mich nicht über Arbeit - ich will Kunden, Arbeitgeber und mich zufriedenstellen - und all dies scheint potentielle Arbeitgeber nicht wirklich positiv zu stimmen (ja, es fehlt eben leider an Erfahrung und Qualifikation (wobei bei dem konkreten Beispiel Quereinsteiger gesucht, und Schulung angeboten wurde).)

  29. 13.05.2006 | 3:29

    @R.A.:

    “Man kann weder durch Beiträge erworbene Rentenansprüche durch ein deutlich niedrigeres Grundeinkommen ersetzen, noch die echten Sozialstaatsteile streichen: Die Versorgung von Behinderten oder Pflegebedürftigen kostet deutlich mehr als das Grundeinkommen.”

    Zum einen ist mir klar das die Systemumstellung schwierig und teuer ist (unrealistisch leider auch), zum anderen habe ich auch klar gesagt das nicht arbeitsfähige natürlich zusätzlicher Unterstützung bedürfen.

    “Vom Rest aber könnte man nur einen Transfer unterhalb der Sozialhilfehöhe bezahlen - das wäre dann völlig widersinnig.”

    Ich meine das es viele niedriglohnjobs-gibt und noch mehr geben kann, die sich jeder arbeitsfähige suchen kann - gerade auch im privaten Bereich. Deshalb ist ein Grundeinkommen von ca. 400 euro (also statt zB 340 hartz4 + Wohngeld etc., außerdem Kindergeld, etc.) für mich nicht “widersinnig”.

    Wie das Grundeinkommen genutzt wird bleibt ja jedem selbst überlassen, es kann zB auch die Mobilität fördern wenn ich auch in einer fremden Stadt nur fürs essen und nicht die Miete arbeiten muß (wie auch immer).

    Unser Staat leistet sich ja derzeit zB Mobilitätsbeihilfen für verschiedene Bevölkerungsteile, zB Azubis, zusätzlich ein komplexes Bafög etc.

  30. 13.05.2006 | 9:54

    @Rayson & Parker 8:

    “Die Ökonomen” war pauschalisierend und deshalb falsch, da habt ihr Recht. Da sei jede Allergie auch zugestanden.

    Insofern wollte ich auch nicht die Ökonomie als Wissenschaft ablehnen, aber sehr wohl bestimmte, durch Reagan/Thatcher einst popularisierte Theoreme und insbesondere deren Prämissen. Und die finde ich aus Erfahrungen am freien Markt heraus schlicht irreal. Dieser Seher-Gestus “Alle sind Träumer, nur ich - oder “wir hier” - bohre die dicken Bretter der Realität” ist ja reine Rhetorik, macht ja nix - was Nite Owl da beschreibt, finde ich viel realer …

    Ich habe mich nicht am Begriff der Amme gestört. Mir fiel nur wieder eine Diskussion um feministische Ethik im Gefolge von Carol Gilligan wieder ein, die sehr viel mit der Diskussion um “negative Freiheit” zu tun hat. Auch “Die Fesseln der Liebe” von Jessica Benjamin sagt sehr Schlaues zu liberalen Männerbildern, die ich auch regelmäßig vertrete, da kritisiere ich mich dann sozusagen auch mal wieder selbst, wenn ich die in die Debatte einführe. Das suche ich noch mal raus und mache da ‘nen Eintrag draus.

    Ist euch das noch nie aufgefallen, daß im liberalen Teil der Blosphäre fast nur Männer diskutieren (Liza und die beiden auf der Achse des Guten” mal ausgenommen, aber die sind auch außerordentlich männlich im Sinne des Feminismus gedacht)? Bei Che hingegen diskutiert z.B. auch Netbitch mit, bei den “Linken” z.B. Eule70 …

  31. 13.05.2006 | 12:05

    Mir ist es völlig egal, von welcher Person eine bestimmte Meinung kommt, wenn die Meinung fundiert ist und wenn man mit dieser Person vernünftig diskutieren kann. Ich diskutiere z.B. mit meiner Frau, mit Bekannten, Freunden und Frendinnen sehr oft über Fragen, die dem Thema dieses Threads nahekommen. Das ist sicher bei politisch interessierten Leuten im Alter von Mitte/Ende 30 auch naheliegend. Frauen müssen also nicht unbedingt ein Blog haben, um über solche Themen mitdiskutieren zu können ;-)

  32. 13.05.2006 | 12:59

    @MomoRules

    Da Verknüpfung von “wir hier” zu “nur wir hier” hast du jetzt aber selbst hergestellt. Wie stefanolix schon sagt, kommt es mir weniger darauf an, was jemand sagt, als wie begründet er das tut. Und wenn jemand zur Verteidigung seines Konzepts zunächst mal die Erkenntnisse der Wirtschaftswissenschaften (so breit gefächert sie auch sind) beiseite schiebt und das auch noch als Vorteil empfindet, und wenn dann die Skepsis anderer als Böswilligkeit ausgelegt wird, dann trägt das nicht viel dazu bei, meine Diskussionsbereitschaft zu fördern.

    Das auch Ökonomen zu solchen Fantastereien neigen, kann man an Thomas Straubhaar sehen. Schaut man sich sein “Modell” genauer an (jedenfalls so genau wie möglich, denn mehr als Stammtischniveau hat diese Darstellung kaum), dann hat er zur Berechnung seines jährlichen Grundeinkommens von 7.525 Euro mal eben die gesamte Krankenversicherung schon verbraten und ist sich in seiner weiteren Argumentation selbst nicht sicher, wie er damit umgehen soll. Eine nicht wenig drastische Schwäche, machen die Gesundheitskosten doch wohl ca. ein Drittel des gesamten Sozialbudgets aus. Da ist ja Werners Füllhorn solider kalkuliert. Mal abgesehen davon, dass diese statische Rechnung (Budget durch Zahl der Einwohner = funktionierendes Modell) jedem Studenten der Volkswirtschaftslehre im 1. Semester um die Ohren gehauen werden müsste.

    Das Straubhaar-Modell zeigt übrigens auch, dass die Grundeinkommens-Fans aus mehreren Lagern kommen. Die einen ersehnen sich eine Art Vorgeschmack auf den Kommunismus (obwohl echte Kommunisten natürlich dagegen sein müssen), für die anderen ist es ein Befreiungsschlag auf dem Weg zu voll flexiblen Märkten, wodurch sich z.B. Straubhaar offensichtlich die Gegeneffekte zum grundsätzlich produktionshemmenden Grundeinkommen erhofft (”hoffen” ist hier das richtige Stichwort).

    Aber ich habe jetzt genug Worte über sowas verloren…

  33. 13.05.2006 | 21:59

    @MomoRules:
    Dass Hartz IV von der faktischen Kaufkraft her sehr unterschiedlich ist, je nachdem, wo man lebt, ist ein bekanntes Problem, das ich auch bereits einmal bei uns diskutiert habe. Nur die Unterscheidung West-Ost halte ich für sinnlos - und eine tatsächliche Aufgliederung nach Wohnort leider für bürokratisch nicht zu bewältigen. Dass die Grundeinkommenskalkulationen meist deutlich über dem heutigen Hartz IV liegen, ist ein immanenter Fehler.

    @Rayson:
    Ich denke, dass es immer noch Anreize gibt, zu arbeiten, wenn es dabei nicht mehr ums nackte Überleben geht. Aber das haben wir ja schon einmal sehr kontrovers diskutiert.

    @alle:
    Was für heftige Diskussionen ziehen sich eigentlich im Augenblick quer über unsere Blogs? Aufregend…

  34. 14.05.2006 | 10:06

    @Karsten:

    ‘nen Förderalismus müßte das doch in den Griff bekommen? Ging mir auch gar nicht um Ost und West - die Mieten z.B. unterscheiden sich schon zwischen Dortmund und Hamburg immens. Für diesen Wohngeld-Zuschuß findest Du hier noch nicht mal ein WG-Zimmer. So bilden dann zunehmend auch in einer wirklich wohlhabenden Stadt mit noch einigermaßen harmloser Arbeitslosigkeit immer mehr Ghettos, je nach Mietenspiegel, und das kann’s ja nicht sein - zudem genau das die Bezirke sind, in denen dann drastisch Rechts gewählt wird.

    Wenn’s unter Hartz IV läge, machte das Grundeinkommen keinen Sinn.

    Sind denn da die Pensionen, Renten etc. reingerechnet? Krankenversicherung macht wirklich keinen Sinn, aber angesichts dessen, daß ein Drittel aller öffentlichen Haushalte für die Altersversorgung draufgeht, muß doch da was ganz anderes hinten rauskommen, rechnerisch. Wäre das rechtlich möglich, wäre ich für einen Schnitt von heute auf morgen, da lebt eine Generation auf Kosten der volkswirtschaftlichen Zukunft, man korrigiere mich, wenn ich dummes Zeug schreibe.

    Für mich tradiert ja genau das System der Alterversorgung die Chancenungleichheit und somit meiner Ansicht nach die Ungerechtigkeit - da häufeln einige auf Kosten vieler ihre Scheine und Häuser an, um ihre Kids dann mit ungleich besseren Startchancen wieder in’s Leben zu schicken.

    Da bin ich selbst bestes Beispiel für: Habe u.a. recht gemächlich studieren und parallel auch Praktika machen können, weil ich als rechtlicher Vollwaise (meine Eltern waren nach altem Recht geschieden) ich weiß jetzt gar nicht mehr, 15 oder 30% der Pensionsansprüche meines Vaters bis zu meinem 27. Lebensjahr + 20 Monate Zivilienst erhalten habe. Das war echt ‘ne Stange Geld, schönes Leben.

    Durch diese wirklich guten Startchancen verdiene ich jetzt sehr gut, das war optimal, gerade die Orientierungsphase im Studium, um beruflich drauf aufzubauen, also gerade das Nicht-Effiziente und Nicht-Anwendungsorientierte eines Studiums der Philosophie und Sozialswissenschaften hat die Basis für das, was dann kam, geschaffen.

    Habe zwar freiwillig nebenher gejobbt,trotzdem: Jetzt habe ich regelmäßig Praktikantenbewerber, die sich, obgleich wir Praktikantengehälter ungefähr in der Höhe der Gewerkschaftforderung zahlen (bei uns ist sonst alles außertariflich geregelt), die sich das schlicht nicht leisten können. So habe ich, von einer aktuellen Hartz IV-Ausnahme abgesehen, immer nur Kinder aus gutem Hause bei mir durch’s Haus stiefeln, was wirklich fies ist, weil wir tatsächlich noch ausbilden und Praktika insofern auch ein Sprungbrett in Lohn und Brot darstellen, wenn man sich nicht allzu blöd anstellt.

    Bei einem bedingungslosen Grundeinkommen hätten auch andere eine Chance … langes Beispiel, aber vielleicht’s hilft’s ja, um in der Diskussion Butter bei die Fische zu geben.

    Ich finde die Diskussionen übrigens trotz gelegentlicher Heftigkeit außerordentlich produktiv … im wahren Leben trifft man immer nur auf Leute mit ähnlichen Erfahrungshorizonten, und jetzt trifft man auf Controller, Studenten, sich politisch Engagierende und Hartz IV-Empfänger und Herrn Nef gleichzeitig und Apo mischt sich auf einmal direkt ein. Super!

  35. 14.05.2006 | 13:23

    Männerbilder, Frauenmoral: Zur Kritik der “Negativen Freiheit” aus Sicht des Feminismus der frühen 80er Jahre…

    In den Diskussionen bei den B.L.O.G.s rund um die Arbeiter-Ethos-Intervention des Münte, daß, wer nicht arbeitet, auch nicht essen solle, fiel sie mir wieder ein: Carol Gilligan. In männlich dominierten Universitäten hat sie meiner Ansicht nach nie…

  36. 14.05.2006 | 16:36

    @MomoRules

    Wenn’s unter Hartz IV läge, machte das Grundeinkommen keinen Sinn.

    Für diejenigen nicht, die es aus den Gründen wollen, aus den du es willst. Daneben gibt es ja noch die Vereinfacher und Liberalen, denen es vor allem darauf ankommt, das ganze Antragswesen abzuschaffen.

    Sind denn da die Pensionen, Renten etc. reingerechnet?

    Geh zu meinem Straubhaar-Link. Wenn du von den 7525 Euro jährlich ca. ein Drittel abziehst, hast du das Sozialbudget pro Kopf ohne Krankenversicherung, also knapp 415 Euro im Monat.

    Wäre das rechtlich möglich, wäre ich für einen Schnitt von heute auf morgen, da lebt eine Generation auf Kosten der volkswirtschaftlichen Zukunft

    Lese ich das richtig? Du willst den heutigen Rentnern von heute auf morgen ihre Ansprüche wegnehmen und sie auf eine Grundsicherung zurückwerfen? Das kann ja wohl nicht ganz ernst gemeint sein, oder ist das bereits ein Kennzeichen, wie das in deiner schönen, neuen Welt zum Nutzen und Frommen aller so laufen soll?

    Für mich tradiert ja genau das System der Alterversorgung die Chancenungleichheit und somit meiner Ansicht nach die Ungerechtigkeit - da häufeln einige auf Kosten vieler ihre Scheine und Häuser an, um ihre Kids dann mit ungleich besseren Startchancen wieder in’s Leben zu schicken.

    Es ist also nicht nur verwerflich, sich per Umlagesystem bei den Nachwachsenden zu bedienen, sondern überhaupt fürs Alter vorzusorgen. Als braver Staatsbürger hat man sich mit dem zu begnügen, was der Staat als Grundversorgung vorgesehen hat, der Rest wird weggesteuert?

    Aus deiner privaten Erfahrung heraus mag die Fixierung aufs Materielle verständlich sein, aber ein großer Startvorteil für Kinder ist es auch und vor allem, in einem Elternhaus aufzuwachsen, in dem Wert auf Bildung gelegt wird und wo die Eltern sich noch besonders um das Kind kümmern. Ist es im Sinn der Chancengleichheit jetzt erforderlich, nach der Geburt die Kinder staatlichen Erziehungseinrichtungen zu übergeben, um die ungerechte Verteilung von fördernden und hemmenden Erziehungsarten auf die Kinder endlich auszugleichen?

    Aber halt, vielleicht stimmt es ja doch, und es gibt so etwas wie genetische Vor- und Nachteile. Ich habe gehört, größere Männer haben im Beruf und auch sonst, z.B. bei der Partnersuche, Vorteile gegenüber kleineren. Das wird vielleicht zu umständlich, all sowas in Antidiskriminierungsgesetze zu packen (mir sowieso unverständlich, warum die Partnerwahl nicht zu dessen Tatbeständen gezählt wurde), vielleicht sollte man, soweit möglich, rechtzeitig gentechnisch eingreifen? Oder, wie in manchen Gesellschaften ja erfolgreich praktiziert, das Zusammenführen von Zeugungswilligen nicht mehr den Einzelnen überlassen, sondern so regeln, dass Unterschiede ausgeglichen werden?

    Ein weites Feld…

  37. 14.05.2006 | 18:38

    @Rayson:

    Das mit der Altersversorgung meinte ich völlig ernst, ja, wobei’s rechtlich wahrscheinlich gar nicht ginge. Wobei ich nicht die privaten Vorsorgemaßnahmen meine, sondern lediglich all das, was über die gesetzliche Rentenversicherung, Pensionen etc., läuft. Weggesteuert würde ansonsten über die Erbschaftssteuer.

    Und der Rest dessen, was Du geschrieben hast, geht kein Stück auf das ein, was ich geschrieben habe. Von irgendwelchen DDResken Erziehungsanstalten habe ich rein gar nix geschrieben, und das Geschriebene impliziert diese auch nicht.

    Wenn man formuliert, daß über ein garantiertes Grundeinkommen so etwas wie Chancengleichheit garantiert werden solle, dann ist ja verhältnismäßig klar eingegrenzt, in welchem Bereich ich glaube, daß Chancengleichheit formulierbar ist. In anderen Bereichen geht das freilich nicht. Im Gegensatz zu manchen aktuellen liberalen oder konservativen oder aber sozialistischen Vorstellungen von einst plädiere ich nicht für Erschaffung neuer Menschen.

    Ich finde es wirklich bemerkenswert, wie auf liberaler Seite grundsätzlich das Thema gewechselt wird, wenn’s um die Frage geht, wie aktuelle Besitzverhältnisse entstanden sind … mein individual-biographisches Beispiel ist ja nur eines, zu dem’s unzählige andere gibt. Anhand dessen wird übrigens auch deutlich, wer aktuell wirklich die Besitzstandswahrer sind …

    Ich wäre sofort bereit, für ein solches Modell mehr Steuern zu zahlen, obgleich ich bei ca. 50% Abgaben derzeit liege …

  38. 14.05.2006 | 19:04

    @MomoRules

    Also sorry, du kannst nicht Leute sich über Jahrzehnte auf das verlassen lassen, was ihnen die gesetzliche Rente garantiert hat und dann zum Schluss “Ätschibätschi” sagen. Das wäre ein ganz übles Beispiel für willkürlich ausgeübte Macht.

    Du möchtest also Chancengleichheit nur materiell verstanden wissen? Warum? Weil es da geht? So wie der Betrunkene, der den verlorenen Schlüssel unter der Lampe sucht, weil da Licht ist? Warum ist materielle Chancenungleichheit ungerecht, genetische oder durch Erziehungsleistung entstehende aber nicht? Welch naturalistisches Gerechtigkeitsmodell schimmert denn da durch?

    Da weiß ich doch als Eltern, was ich zukünftig zu tun habe. Statt Häuser und Geldvermögen anzusparen, kaufe ich meinen Sprösslingen eben ein Studium auf einer angesehenen Privatuniversität, sorge per Drittmittelvergabe für den richtigen Doktortitel und spendiere ein paar lange Auslandsaufenthalte zum Spracherwerb dazu. Dann bleibt als Erbe nicht mehr viel Materielles übrig, aber die Startchancen sind trotzdem privilegiert. Nee, da musst du, um deine Ziele zu verwirklichen, schon viel radikaler ran, da hilft so ein Grundeinkommen auch nicht viel.

    Dass Liberale die Geschichte aktueller Besitzverhältnisse nicht als diskussionswürdiges Thema ansehen, musst du ihnen nachsehen. Das überlassen sie den Linken, die ein ausgeprägteres Faible für “korrigierende” Zwangsmaßnahmen besitzen. Liberale konzentrieren sich lieber darauf, eine möglichst große Freiheit des Einzelnen anzustreben. Und zwar eine, die kein Staatspaternalist konstruiert hat.

    Übrigens ist Besitzstandswahrung an sich ja nichts Schlechtes: Als Verfechter des Rechts auf Privateigentum finde ich die grundsätzlich gut. Nur dann eben nicht, wenn der “Besitzstand” durch staatlichen Zwang erworben wurde. Den kleinen Unterschied müssen wir leider rhetorikschädlich beachten.

    Ich finde es schön, dass du für ein bestimmtes Modell gerne mehr Steuern zahlen würdest. Ich finde es weniger schön, dass du damit implizit auch die zur Kasse bitten möchtest, die das Modell nicht mögen. Aber so ist das mit den Zwangsabgaben ohne Anspruch auf Gegenleistung nun einmal, nicht wahr?

  39. 14.05.2006 | 20:12

    @Rayson:

    Diesen Systemwechsel will ja nun wirklich nicht nur ich - mir gaukelt man doch per BFA oder wie die heißt auch ständig irgendwas vor, was ich niemals erhalten werde. Wenn schon Systemwechsel, dann doch bitte ein gerechter.

    Und die Frage materialer Chancengleichheit hat nix mit Betrunkenen zu tun, sie ist eben eine, auf die man einwirken kann, andere sind Schicksal.

    Bildung und Gesundheit sind ja für mich Dank Sen die zentralen, staatlichen Aufgaben neben Polizei und Militär und öffentlichen Ressourcen wie Wasser, Luft etc. Alles andere kann von mir aus gerne privatisiert werden. Allem anderen voran die Autobahnen.

    Und der Staat zwingt mich ja durch den Schutz des Privateigentums auch, Dich z.B. nicht zu beklauen (was ich völlig richtig finde), nicht mehr an der Elbe spazieren gehen zu können, weil da jetzt häßliche Neubauten stehen (was ich falsch finde) usw.. Ich erweitere lediglich den Grundrechtskatalog im Sinne des Sozialstaatsprinzips.

    Abgesehen davon habe ich ja nicht vor, mich morgen zum Diktator ausrufen zu lassen. Ich werbe allenfalls für Alternativen zu einem System, das dafür sorgt, daß irgendwelche Elbvorortler und Walddörfler ihre ökonomische Macht exakt so zementieren wie einst die Aristokratie, völlig riskolos ein Leben lang sich wechseltig Pöstchen und Kohle zuschieben und alle Risiken auf jene verlagern die in Wilhelmsburg oder Rahlstedt geboren werden, zum Teil eh schon die Arschkarte gezogen habe, und dann wahlweise ihr Essen aus Papierkörben fischen oder jene Werte schaffen, die anderen dann ein lustiges Leben ermöglichen …

  40. 14.05.2006 | 20:36

    mir gaukelt man doch per BFA oder wie die heißt auch ständig irgendwas vor, was ich niemals erhalten werde.

    Mit dem Unterschied, dass heute jeder weiß, dass es nicht reicht, und sich drauf einstellen kann. Den heutigen Rentnern hat man noch von Staats wegen eingetrichtert, dass alles ok sei (”die Rende is sischer”).

    Und der Staat zwingt mich ja durch den Schutz des Privateigentums auch, Dich z.B. nicht zu beklauen (was ich völlig richtig finde), nicht mehr an der Elbe spazieren gehen zu können, weil da jetzt häßliche Neubauten stehen (was ich falsch finde) usw..

    Nicht ganz. Der Staat zwingt uns, uns gegenseitig nicht zu beklauen, und gegenseitig nicht das Eigentum des anderen zu nutzen.

    und alle Risiken auf jene verlagern

    Na, da bricht aber wieder der gute alte Kuchen-Linke durch: Was die Einen besitzen, müssen sie den Anderen weggenommen haben. Du kannst durch staatlichen Zwang meinetwegen die “Elbvorortler und Walddörfler” zu einem risikobehafteteren Leben anhalten - dummerweise verringert das aber eben nicht das Risiko für die Anderen. Da muss dann doch wieder der gute, alte Abraham Lincoln herhalten:

    “Ihr werdet die Schwachen nicht stärken, indem ihr die Starken schwächt. Ihr werdet denen, die ihren Lebensunterhalt verdienen, nicht helfen, indem ihr die ruiniert, die sie bezahlen. Ihr werdet den Armen nicht helfen, indem ihr die Reichen ausmerzt. Ihr werdet in Sicherheit in Schwierigkeiten kommen, wenn ihr mehr ausgebt, als ihr verdient. Ihr könnt den Menschen nicht auf Dauer helfen, wenn ihr für sie tut, was sie selber für sich tun sollten und könnten”

  41. 14.05.2006 | 21:33

    @Rayson:

    Ja, die Gebete kenne ich auch, die stimmen aber nicht, weil das Ganze mit Kuchen oder nicht Kuchen nix zu tun hat (übrigens kommt “ihr” immer mit der Kuchennummer, wenn “ihr” behauptet, daß die Arbeitsplatzbesitzer mittels Gewerksschaftshandeln den Arbeitslosen die Arbeitsplätze wegnehmen würden).

    Alles, was ich will, ist, daß niemand so tief fallen kann, wie’s aktuell der Fall ist. Und daß die “Fallhöhe” auch noch ständig erweitert wird, Und ich will auch nicht, daß einige schon per Herkunft chancenlos sind. That’s all.

    Und wenn mir da jemand bessere Wege vorschlägt als die, die ich mir so anlese oder selber ausdenke, dann immer her damit.

    Die Folgen eurer Vorschläge sind, daß es wenigen immer besser, den meisten aber immer schlechter geht, und was dabei rauskommt, sieht man derzeit in Nord-Brasilien: Neue Formen der Sklaverei. Oder in China: Diktatur plus Kapitalismus. Oder in den USA - fahr mal ins Missisipi-Delta und guck Dir die Hütten der Schwarzen da an. Da ist auch nicht viel anders als in Burundi (den Vergleich habe ich von einem, der ein paar Jahre in Burundi gelebt hat und dann das Missipi-Delta besuchte).

    Die ganzen sozialen Folgeprobleme werden zur weiteren Aufrüstung des Sicherheitsapaarates führen - Schäuble weiß das, und ich vermute, daß er deshalb Bundeswehr-Einsätze im Inland lieber jetzt schon mal fordert. Genau das will ich nicht.

  42. 14.05.2006 | 21:42

    @Rayson: http://www.zeit.de/2006/20/Working_Poor_1_xml
    “Drei Millionen Menschen in Deutschland haben eine Arbeit - und sind trotzdem arm. Unter ihnen sind Küchenhilfen genauso wie Lehrer und Handwerker”

    Diese Vollzeit-Arbeiter verdienen netto soviel wie ich (700-900) mit meinem ansich unqualifizierten/ angelernten 20-WS-job in München.

    Nur um nochmal klarzumachen das es nicht nur Studenten und Geisteswissenschaftler geht, sondern auch um “normale” Menschen.

    Zum “Systemwechsel”: er wird teuer und schwierig - aber es sollte nicht unmöglich sein, nur weil das Schneeballsystem so kompliziert angelegt ist. Da braucht es eben Übergangsfristen und kurzfristig viel Geld um erworbene Ansprüche zu bedienen.

    Und allgemein gesagt: wir Befürworter sollten Risiken und Unwägbarkeiten nicht verschweigen oder verdrängen - es ist aber auch unseriös von uns in einer Diskussion durchgerechnete und nachvollziehbare Lösungen zu erwarten, wo doch schon und insbesondere dem status quo es sehr an Transparenz mangelt.

    “Mit dem Unterschied, dass heute jeder weiß, dass es nicht reicht, und sich drauf einstellen kann.”

    Was natürlich auch ein teurer Spaß ist, insbesondere wenn das aktuelle system aufrechterhalten bleibt und man in beide systeme einzahlt.

    Ich habe in Folge meines FDP-Beitritts das Angebot einer großen Versicherung bekommen in einen Gruppenversicherungsvertrag zu wechseln und mir gleich noch mehr Versicherungen andrehen zu lassen. Ich habe dann doch lieber ganz verzichtet.

    Zitat aus dem Zeit-Artikel:

    “Er sei nicht mehr der Jüngste, er habe kaum Ersparnisse, die Bundesversicherungsanstalt habe ihm mitgeteilt, dass er wegen zu geringer Beiträge keine nennenswerte staatliche Rente zu erwarten habe.

    Also bleiben ihm genau zwei Möglichkeiten. Entweder er lebt von Sozialhilfe. Oder: »Ich arbeite bis zum Tod.«”

    Ich habe ja noch ein paar Jahrzehnte Zeit, hoffe auf Glück und mein “Megalos der ARD-Fernsehlotterie” - 10 euro im Monat die wohl besser angelegt sind als 3-7 mal soviel in private Versicherungen. Außerdem würde es mich sehr wundern wenn mich nicht irgendeine Zivilisationskrankheit rechtzeitig sozialverträglich ableben lässt.

  43. 15.05.2006 | 3:51

    @ nite owl
    und dabei gibt es noch Leute wie Hans-Werner Sinn, die einen Kombilohn einführen wollen, der als gewollte Nebenwirkungen die Löhne am untersten Ende drücken soll.

  44. 15.05.2006 | 5:01

    @Klaus: Da besteht eben die Gefahr das man den Trend fördert reguläre Jobs zu “vernichten” (und es zudem zu einer sehr teuren Angelegenheit für den Staat macht), wie das schon durch “1-euro-jobs” un die “400-euro-jobs” geschehen ist - diese Förderung durch gesetzliche Maßnahmen zu unterbinden dürfte sehr sehr schwierig, wenn nicht unmöglich sein.

    Die Lohnhöhe ansich ist da für mich ein zweitrangiges Problem.

    Die Idee von Sinn ist ansich ja gut und richtig, genauso wie die, sagen wir Vision, anderer des Grundeinkommens.

    Immerhin würde letzteres Bürokratieabbau und Vereinfachung bedeuten - im Gegensatz zum Kombilohn, der die Komplexität erhöht.

    Wobei ich immer wieder in den Medien lese das Geringverdiener ohnehin einen Anspruch auf staatliche Unterstützung hätten (wir also de facto schon einen KOmbilohn haben?) - das dies ansich wenig bekannt ist und man schon heute meint es würden viel zuviele diese Unterstützung in Anspruch nehmen… auch wieder so eine sache wo man sichfragen muß ob man wirklich Bedürftige erreichen will und wird, oder nicht doch nur die die sich durch den Bürokratiedschungel kämpfen um unterstützt zu werden - eine Anstrengung die man sicher sinnvoller nützen könnte.

  45. 19.05.2006 | 12:48

    [...] Und wer sich an Raysons Formulierung “Der Staat als Amme” echauffiert, dem sei entgegen gehalten: In Wirklichkeit ist alles noch viel schlimmer: Der Staat als Annen. [...]

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