“Wann reisen Sie wieder ab?” [Korrektur]

Wenn sich jemand als Gast in einem anderen Land aufhält, lauten nach meiner Erfahrung die ersten drei Fragen, die an ihn gestellt werden:

1. Wie lange sind Sie schon hier?

2. Wie gefällt es Ihnen hier?

3. Welche Erfahrungen haben Sie bis jetzt hier gemacht?

Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um ein (Fernseh-, Zeitungs-, Radio-) Interview oder um eine private Unterhaltung handelt. Auf die zweite Frage wird als Antwort meist ein Lob des Gastlandes erwartet, auf die dritte Frage eine Anekdote, die auf amüsante Weise die Unterschiede zwischen Herkunfts- und Gastland aufs Korn nimmt.

Diese Reihenfolge habe ich - egal, ob als befragter Gast oder als Beobachter - nie anders erlebt. In keinem anderen Land.

Und nun hat gerade Elke Durak in den “Informationen am Morgen” des Deutschlandfunks eine palästinensische Schriftstellerin interviewt, die sich für ein paar Monate in Deutschland aufhält. Nachdem Frau Durak die Frage, wie lange die Schriftstellerin schon in Deutschland ist, in der Anmoderation selbst beantwortet hat, beginnt sie das Interview mit der Frage:

Wann reisen Sie wieder ab?

[Korrektur, 11. Mai 2006, 9:45 Uhr: Nachdem das Interview jetzt auch online zur Verfügung steht (mp3, 1,71 MB, 7:29 Minuten), hier der genaue Wortlaut:

Elke Durak: Willkommen hier bei uns im Deutschlandfunk, Frau Mukarker!

Faten Mukaker*: Danke.

E. D.: Wann wollen Sie wieder zurückgehen?

F.M.: Am 22. Juni.

E.D.: Kehren Sie gerne zurück nach Hause?

(...) ]

Ich habe es mir mittlerweile fast abgewöhnt, irgendetwas als “typisch deutsch” zu bezeichnen - aber das war für mich ein klassischer Fall von “typisch deutsch”. Damit will ich nicht sagen, dass diese Einstiegsfrage in Deutschland üblich ist - aber überhaupt auf die Idee zu kommen, eine solche Frage in der Öffentlichkeit als allererste Frage zu stellen, ist für mich typisch deutsch.

Übrigens: Bis Juni müssen wir noch durchhalten. Dann sind wir die Palästinenserin wieder los.

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*) Mehr Informationen über Faten Mukarker, eine in Deutschland aufgewachsene, palästinensische Christin, gibt es z.B. hier, hier und hier

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8 Kommentare zu ““Wann reisen Sie wieder ab?” [Korrektur]”

  1. 11.05.2006 | 9:40

    *kicher*

  2. 11.05.2006 | 11:24

    Nun, Frau Durak kann zwar nichts für ihren Namen, aber irgendwie paßt er manchmal (durak: russ. “Narr”).

  3. 11.05.2006 | 12:03

    Na ja, ich würde es als besonders plumpen Versuch betrachten, angesichts knapper Sendezeit zum Palästina-Problem überzuleiten…

  4. 11.05.2006 | 12:17

    Rayson,

    das mit der knappen Sendezeit stimmt natürlich; dies könnte man als Erklärung dafür anführen, warum sie keine der von mir als eher üblich empfundenen Fragen gestellt hat - aber die Information, wann die gute Frau wieder nach Palästina rübermacht, war völlig irrelevant.

    Letztlich sind dadurch nochmal 20 Sekunden wertvolle Sendezeit sinnlos verprasst worden.

  5. 11.05.2006 | 14:07

    Rayson hat schon recht. Totschweigen wäre aus Prowestlichungssicht besser gewesen. Es ist ein Ausdruck von “Aquidistanz”, Palästinenser zu Wort kommen zu lassen. Und Äquidistans: Das muss weg.

    Oder?

  6. 11.05.2006 | 14:12

    Es heißt natürlich “Äquidistanz” mit “Z” wie Zufall. Ihr seit doch mit mir einer Meinung, dass man dem deutschen Fernsehen ganz generell Äquidistanz vorwerfen könnte?

    P.S.
    Ich persönlich halte Äquidistanz für eine journalistische Tugend.

  7. 11.05.2006 | 14:54

    Dean, es muss für jemanden wie dich, der sich dem Denken in Schablonen gewidmet hat, ja sehr schwer sein zu begreifen, aber dass in dem Interview eine Palästinenserin zu Wort kommt, ist hier überhaupt nicht Gegenstand der Debatte, sondern nur, auf welch unhöflich-grobe Art und Weise eine deutsche Journalistin ein Gespräch mit einem ausländischen Gast beginnt.

  8. 11.05.2006 | 17:13

    Die Absicht war vielleicht gar nicht so schlecht (wenn die Moderatorin z.B. gefragt hätte, was die Schriftstellerin spürt, wenn sie an ihre Heimat denkt), aber diese Fragestellung ist wirklich unhöflich.

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