Ein Modewort schafft es in die FAZ

Der Chefredakteur der „Frankfurter Rundschau“, Wolfgang Storz, ist am Dienstag mit sofortiger Wirkung von seinem Posten abberufen worden. Sein Nachfolger an der Spitze des linksliberalen Blatts soll spätestens zum 1. Juli der bisherige Chefredakteur der „Berliner Zeitung“, Uwe Vorkötter, werden.

(…)

Text: FAZ.NET mit dpa und AP (Hervorhebung hinzugefügt

Würde mich mal interessieren, ob die FAZ die FR wirklich für liberal hält - oder ob deren Online-Redaktion einfach nur gedankenlos eine Agenturformulierung übernommen hat. Oder beides.

Wie auch immer: Da hat offenbar ein Deckel seinen Topf gefunden.

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37 Kommentare zu “Ein Modewort schafft es in die FAZ”

  1. googlehupf
    16.05.2006 | 22:06

    Die FR und linksliberal?
    Da frage ich mich ernsthaft ob selbst die sich so bezeichnenden Linksliberalen (ein paar lesen ja hier) dem zustimmen würden.

  2. 16.05.2006 | 22:27

    Teils - teils. FR ist nicht reinrassig linksliberal, aber es gibt dort eine ganze Reihe von Ansätzen.

    Danke übrigens für den Informationsdienst.

    Wenn man dt. Wortentwicklungscharts anschaut, scheint es ein gewisse Renaissance für das Wort “linksliberal” zu geben. Der kleine Dissenz in der dt. Blogospäre zwischen “linksliberal” und “rechtsliberal” fand sogar schon international die ersten kleinen Resonanzen.

    Ich habe gelernt, dass man dort also beschreibend zwischen “left wing liberal” und “right wing liberal” unterscheidet.

    Auch im SPIEGEL, wie man hört, soll es intern…

  3. 17.05.2006 | 1:12

    Links”liberal” bist du, wenn du mit der Verstaatlichung des Produktivvermögens etwas zu warten bereit bist.

  4. 17.05.2006 | 1:18

    @Rayson
    Ich war noch nie sonderlich positiv gestimmt für die “Verstaatlichung des Produktivvermögens”.

    Sowas habe ich nie geschrieben. Wie kommst Du denn darauf? Ich glaub, Du verwechselst mich mit Che. Tatsächlich habe ich ihm geschrieben, dass ich von seinen Verstaatlichungsideen in Bezug auf das Produktivvermögen - hier bei uns - nichts halte, rein garnichts. Ich habe es sogar gewagt darüber zu spotten von wegen “So schön kann dezentraler Sozialismus sein” als ich ihn auf voraussichtlich Machenschaften von Bürokraten und Funktionären hinwies.

    Da wird mir dieser Tage in den USA bereits besondere Scharfsinnigkeit attestiert, aber der deutsche Leser, jedenfalls Rayson, missversteht mich komplett.

    Irgendwie ist das seltsam.

  5. 17.05.2006 | 1:23

    Das ganze wird eine ähnlich traurige Entwicklung nehmen wie in den USA. Dort steht “liberal” für sozialdemokratisch.

    Vor allem unter tätiger Mithilfe sogenannter “Linksliberaler” wird sich dieser Prozeß auch noch beschleunigen.

    @Rayson

    Linksliberale wollen nicht liberal sein. Ansonsten würden sie sich ja auch so nennen.

  6. 17.05.2006 | 1:29

    Ach Dean, du nimmst dieses Begriffsgeschiebe immer noch ernst?
    Enteignung kann übrigens viele Formen annehmen (”property rights”).

  7. 17.05.2006 | 1:32

    @Matthias B.

    Mit den Freiburger Thesen waren wir auf dem Weg schon mal weiter. Zum Glück.

  8. 17.05.2006 | 6:24

    Dr. Dean schrieb:

    Da wird mir dieser Tage in den USA bereits besondere Scharfsinnigkeit attestiert …

    Dann geh doch rüber. Der Prophet gilt nichts im eigenen Land ;-)

  9. 17.05.2006 | 6:45

    Linksliberal sit für mich so etwas ähnliches wie “Salonbolschewist”: Es ist “in” für Freiheit zu sein, wenn es dann aber darauf ankommt, flüchtet man in die starken Arme (*schauder*) des Staates

  10. 17.05.2006 | 7:40

    Ich finde “Salonlinker” besser. Salonlinke sind Leute, die aus guten Verhältnissen kommen und alle Vorteile dieser Verhältnisse nutzen. Sie achten vornehmlich darauf, dass ihre Einstellung keine Konsequenzen für sie selbst hat ;-)

    “Salonbolschewist” klingt mir zu hart und trifft es auch nicht (vgl. die Entstehungsgeschichte des Wortes “Bolschewiki”).

  11. 17.05.2006 | 7:48

    Vielleicht zurück zur FR - ich liebe diese Zeitung. Ende der 80er mochte ich die nicht so, weil sie mir zu liberal war ;-)

    In den letzten Jahren hat sie eher Biotop-Charakter. Was sie meiner Ansicht nach so wertvoll macht, ist, daß sie auch andere Perspektiven direkt zu Worte kommen läßt, die sonst verzerrt und vermittelt über allerlei ideologische Zwischenschritte in den Mediendiskurs eintreten, z.B. jene der Gewerkschaften (auch, bevor sie von diesem SPD-Konzern gekauft wurde). Da muß man die Gewerkschaften noch nicht mal mögen - wenigstens kann man da noch lesen, was die wirklich denken. Und das ist dann halt in einem anderen Sinne liberal - eben nicht schon in die Darstellung des Themas dann die eigene, politische Perspektive einfließen lassen und auch jene zu Worte kommen zu lassen, die sonst platt gebügelt werden.

    Das ist ja traurigerweise bei vielen Liberalen, gerade im Netz völlig abhanden gekommen: Dem anderen die Freiheit des Denkens auch zuzugestehen. Wer einer bestimmten, materialen Doktrin dann nicht zustimmt, ist eben doof und gehört bekämpft. Das ist illiberal. Rayson, Dich meine ich nicht.

    Ansonsten ist die FR wohl eher rot-grün, übernimmt auch liberale Positionen, vertritt aber auch andere. Spannend war’s, zu verfolgen, wie sie durchgängig nicht bereit waren, rot-grün mal eben gut zu finden. Da waren sie schon vehementes Protestorgan gegen diese Regierung - allerdings aus eher klassisch linker Perspektive. WASG/PDS mochten sie aber auch nicht.

  12. 17.05.2006 | 7:49

    Heißt das nicht “Salonsozialisten” anstelle Salonlinke? Zumal das wegen der Alliteration auch besser klingt.

  13. 17.05.2006 | 8:03

    @marcc: Ich denke, dass die F.A.Z. hier eine — aus ihrer Sicht — relativ neutrale Bezeichnung für ihre Konkurrenz aus der eigenen Stadt finden wollte.

    Das Wort “Salonsozialisten” ist auch in Ordnung. Trifft auf die gleichen Leute zu ;-)

    Die Freiheit des Denkens kann man übrigens überhaupt nicht beschränken. Wohl aber muss man bestimmten Denkansätzen mit Argumenten entgegentreten …

  14. 17.05.2006 | 8:46

    @Stefanolix:

    Dann bring doch welche, anstatt hier in dieses Schulhof-Gekicher einzustimmen …

  15. Boche
    17.05.2006 | 9:23

    @MomoRules

    Das ist ja traurigerweise bei vielen Liberalen, gerade im Netz völlig abhanden gekommen: Dem anderen die Freiheit des Denkens auch zuzugestehen. Wer einer bestimmten, materialen Doktrin dann nicht zustimmt, ist eben doof und gehört bekämpft. Das ist illiberal.

    Wieso soll es illiberal sein, als falsch angesehene Positionen zu bekämpfen?
    So lange das Bekämpfen mit Worten geschieht und nicht das Ziel hat, den anderen zum Schweigen zu bringen sondern stattdessen zum Gegenargument zu motivieren, hat das mit Illiberalität nichts zu tun.

  16. 17.05.2006 | 14:39

    Ich denke mal, Boche, MomoRules hat bewusst “wer” gesagt und nicht “was”.

  17. Boche
    17.05.2006 | 14:51

    Mmh, “wer” wird denn anders als mit Worten bekämpft?
    Irgendwie fehlt mir die konkrete Richtung seines Vorwurfes.

  18. Boche
    17.05.2006 | 14:55

    Und vor allem: Wer wird von wem als Person und nicht als Vertreter von Positionen (und ausschließlich als solcher) angegriffen?

    PS: Aber vielleicht ist das ja auch eine recht unwichtige Randdiskussion, die sich überflüssiger Weise an einem kleinen Absatz unter vielen aufhängt…

  19. 17.05.2006 | 15:47

    @Boche:

    Ich meine schon “wer” - Danke, Rayson.

    Ich habe mir angewöhnt, selbst bei Lieblingsfeinden wie Schöhnbohm, Hundt oder Schäuble auch immer mal was Gutes zu finden, wenn sie denn mal was meiner Ansicht nach Gutes sagen, aus Gründen reiner Selbst-Therapie, um die gelegentlich auch bei mir auftretenden Ausfälle dann hoffentlich irgendwann hinter mir zu lassen.

    Kann man tatsächlich in meinem Blog nachlesen (Hundt noch nicht, den haben ich ganz oben auf der Positivberichterstattungsliste).

    Manchmal geht im Zuge dessen, was denn “die Linke” so alles verbrochen haben soll und wofü sie vermeindlich stünde, ein wenig das Maß verloren, werden einfach Zerrbilder aus von mir nicht zu erklärenden Motiven aufgebaut, auch, wenn es gegen bestimmte Personen (z.B. Ströbele, Roth, Beck - da wird dann einfach nicht zugehört, sondern nur draufgehauen, Stich- und Schlagwort-orientiert) oder auch Blogger geht. Von einem Michael Sommer ganz zu schweigen.

    Dann kommen Stichworte wie “Etatist”, “der will ‘ne Diktatur errichten”, den verlinke ich aus Gründen der “Netzhygiene” nicht (ich verlinke PI auch nicht, würde das aber nicht als “Hygiene” begreifen), und die Sache ist erledigt.

    Das finde ich dann einfach schade, aber das gilt ja weiß Gott nicht nur für die liberale Seite, sondern für alle “Lager”, und das habe ich lediglich, weil ich gerade hier kommentiert habe, außen vor gelassen. Gehörte aber ergänzt, das stimmt.

  20. Boche
    17.05.2006 | 16:11

    Ok, verstanden. Mit “illiberal” hat das von dir Gemeinte meiner Meinung nach trotzdem wenig zu tun. Sondern eher mit Diskussionsstil und Argumentationsniveau.
    Oder sind diese beiden Eigenschaften in deinen Augen liberale Eigenschaften? ;-)

  21. 17.05.2006 | 17:23

    @Boche:

    Man höre und staune: Ja, sind es!

    Ich trage ja Spuren des eurer Ansicht nach nicht-existenten - wie hast Du Du die oben genannt? -Lili-Seins in mir, und ich vertrete in der Tat die Auffassung, daß wechselseitiger Respekt, Argumentation statt Diffamierung, Zuhören, die prinzipielle Offenheit für den Anderen, Irritierbarkeit und Kooperationsfähigkeit in der Tat sehr viel mit Freiheit zu tun haben, ebenso die Zurückweisung JEDES Dogmatismus und ALLER Doktrinen … insofern sind das schon sowas wie liberale Tugenden, meinem Liberalismusverständnis nach. Ob nun allen, die sich Liberale nennen, diese Eigenschaften zuzusprechen sind, steht auf einem ganz anderen Blatt …

  22. 17.05.2006 | 19:39

    Bringen wir da nicht die Ebenen etwas durcheinander? Diese Art “liberale Tugenden” erwarte ich von Menschen an sich, sie taugt daher weniger zur Charakterisierung von Liberalismus als politischer Richtung, weder positiv noch negativ.

    Liberale müssen daher nicht weniger fanatisch, engstirnig und lautsprecherisch als Rechte oder Linke sein. Obwohl es schön wäre.

  23. 17.05.2006 | 23:08

    @Stefanolix
    “Dann geh doch rüber.” *Gnihihi!*

    (übrigens war der Rübergehspruch immer kennzeichnend für Antiliberale…)

    Ach, Stefanolix: Hast Du etwas zu AMD/Intel verfasst - und wenn ja: Wo?

    @Matthias B
    Anti-Etatatismus und Sozlialdemokratie? Nee, das passt kaum. Guck mal nach Neuseeland, was die dortigen Linksliberalen veranstalten (harter Subventionsabbau, plus Aufrechterhaltung eines effizienten Sozialstaats, gute Mindestlöhne, vier Wochen Urlaub, radikaler Pazifismus): Das bekommen echte Sozis nie hin!

    @Rayson
    Aaah! Du meinst Steuern?

    Also ist für Dich jemand nicht liberal, der sich einen Staat überhaupt mit Steuern denkt?
    …Interessant! Dann bist du ja doch der “Neocon-Libertäre” den ich enorm verkürzend und in Deinem Fall unpassend gelegentlich aus Dir mache.

    Neocon-Libertäre: Eine lustige Kombination (nein: doch nicht bei Rayson): Die Steuererhebung als eine Art Staatsverbrechen anzusehen und gleichzeitig Höchstrüstung und Militarismus unterstützen. Wow!

    @VolkerD
    Nicht ganz falsch, was Du schreibst. Und fast schon ganz richtig! Denn Linksliberale betrachten die Rolle des Staates tatsächlich (in seiner Idealgestalt) anders - nämlich als potentieller Freiheitswahrer*.

    Gleichzeitig, sind sie enorm staatsskeptisch und wünschen sich daher ganz klassisch den “schlanken Staat” und eine maßvolle Staatsquote. Die gegenwärtige Staatsquote gilt bei Linksliberalen als zu hoch, und der Staat wird dennoch (!) seinen Aufgaben an vielen Stellen nur noch teils gerecht. Teils gilt auch: “deshalb”. Wir sehen: Linksliberalimsus diffenziert hier.

    *(Zwischen-Anmerkung: Das ist - nimmt man die Staatsfeindlichkeit der Rechtsliberalen und Libertären als Vergleichsmaßstab - vermutlich in Bezug auf den erreichbaren Zustand gleichermaßen unrealistisch, also in etwa genauso idealisiert wie es in umkekherter Richtung bei Rechtsliberalen/Libertären der Fall ist)

    @marcc
    Das Wort “Salonsozialisten” ist natürlich nicht in Ordnung, weder für mich, noch für die 40 Blogs auf der linksliberalen Linkliste.

    Das musst Du schon aushalten, dass es Leute gibt, die Liberalismus eher “links” verstehen. Und dennoch staatsskeptisch und anti-etatistisch sind.

    Hältst Du das aus? Dass es mehr gibt als die, welche ich “Rechtsliberale” und/oder (Achtung, Untermenge!) “Neocon-Libertäre” nenne?

    Liberalismus ist mehr - und es gibt hier, nicht nur deutlich anhand der “Freiburger Thesen”, schon immer (!) (seit ca. 1871) einen deutschen Linksliberalismus.

    Erinnert euch an die DDP!

    Na, fällt der Groschen?

    @Momorules
    “Hundt noch nicht, den haben ich ganz oben auf der Positivberichterstattungsliste”

    *hehe*

    Ein interessanter Ansatz und eine harte Arbeit, aber es geht.

    Ich bin ja aus, sozusagen außerpolitischen Gründen, sehr vom Prinzip der “Beigesellung” überzeugt, gerade dort, wo man sich in Differenz sieht. Außerdem gibt es dieses “man haut nur auf die dicken Köpfe”-Prinzip, das ich selbst nicht imemr so ganz hinbekomme. Jemand, der schon ganz klein ist, weil er entweder schwach ist oder schon viel Prügel bekommen hat, den verschont man. Daher wird man bei mir z.B. niemals einen “Anti-Peter-Turi”-Artikel finden.

    Was nun den Peter Hundt angeht, ich habe da ein paar Worte von ihm, die man vielleicht mal ganz dick auftragen sollte.

    Vielleicht bastele ich morgen einen ein paar positive Hundt-Worte in mein Blog. Das “Beigesellungsprinzip” (==> dazu deutlich mehr hier!) ist ja nicht zuletzt auch ein sehr politisches und emanzipatorisches Prinzip.

  24. 17.05.2006 | 23:53

    Ach Dean, was stocherst du hier im selbsterzeugten Nebel…

  25. 18.05.2006 | 7:55

    @Rayson:

    Nee, da bringe ich die Ebenen, glaube ich, nicht durcheinander, sondern eher der eine oder liberale Kampfschreiber, mit dem gelegentlich, nicht immer, ein heroisches Selbstbild und mitsamt verbalem Droh- und Waffengerassels durchgeht.

    Politik ist zwar ‘ne funktionale Ergänzung zur Moral und soll konkrete, differente und möglichst plurale Lebensentwürfe (Ethik) allenfalls ermöglichen, niemals jedoch vorschreiben.

    Sie sollte aber Moral nicht außer acht lassen, und um eigene Freiheitsmöglichkeiten ggf. auch nutzen zu können und den Anderen auch in seinen Freiheitsmöglichkeiten überhaupt wahrzunehmen, bedarf es der obigen Haltung.

    Ist einfach Kommunikationsvorraussetzung und somit auch Basis politischen Handelns. Ich halte tatsächlich viele unter dem Deckmantel des Liberalen auftretende Doktrinen, Dogmen und Kampfgesänge für im engeren Sinne illiberal, wenn sie dieses nicht berücksichtigen …

  26. 18.05.2006 | 11:47

    @Rayson
    Klar, als umtriebiger FDP-Anhänger ist Dir die Erinnerung an linksliberale Traditionen und z.B. die DDP ein zuinnerst empfundenes Gräuel.

    Ich verstehe Dich.

  27. 18.05.2006 | 12:48

    @Dr. Dean

    Sozialstaat und gesetzliche Mindestlöhne sind etatistisch.

  28. 18.05.2006 | 13:52

    @Dean

    Ich sag ja: selbsterzeugter Nebel eben. Den hast du ganz allein für dich, wenn du dich drin wohlfühlst.

  29. 18.05.2006 | 14:02

    @Mathias B:

    Siehste, auch das meinte ich. “Etatismus”, und mehr braucht man dann auch nicht mehr zu sagen und schon gar nicht mehr zu denken. Reine Verschlagwortung …

  30. 18.05.2006 | 14:20

    @MomoRules

    Nee, sorry, das sind nach wie vor zwei Ebenen für mich. Wenn einer die Freiheit des Einzelnen in den Mittelpunkt seiner politischen Überzeugung stellt, dann ist das auch dann ein Liberaler, wenn er sich in der Diskussion wie ein Fanatiker verhält.

    Andererseits bleibt jemand, der sich vor allem um die Gestaltung einer gerechten Gesellschaft Gedanken macht, ein Linker, auch wenn er durchaus liberal diskutiert.

    (Beide Positionen jetzt grob vereinfacht dargestellt)

    P.S. Den “Etatismus” hat Dean eingeführt, Matthias B. hat das nur als Gegenwendung aufgegriffen.

  31. 18.05.2006 | 15:15

    @Rayson:

    Siehste, so unterscheiden sich die Ansichten, was denn nun frei und liberal sei, was ja auch gut so ist. Wir würden uns ja sonst zu Tode langweilen.

    Übrigens auch hinsichtlich dessen, was denn Gerechtigkeit sei. Es gibt auch eine “Rache-Theorie” der Gerechtigkeit, die z.B. gerechte, also “der Tat angemessene” Strafen fordert, das ist dann noch mal was anderes, und die wird von mmanchen von links oft gerade nicht gefordert, zumindest nicht im Sinne von “Vergeltung”, was dann Konservative ärgert.

    Auch die Legitimation von Einkommensdifferenzen anhand des “Leistungskriteriums”, wie es zum Teil auch von jenen Libralen in Anspruch genommen wird, die noch Legitimationsfragen stellen und nicht einfach irgendwas behaupten, was ihnen gerade in den Kram paßt, ist ein Begriff distributiver Gerechtigkeit.

    In vielen Texten und Positionen ist Gerechtigkeit einfach nur “formale Gleichheit”, also z.B. die prinzipiell gleichen Freiheitsrechte aller, z.B. jene auf Privateigentum, die ja auch jene liberalen Positionen, von denen Du glaubst, sie für alle gültig definieren zu können, in Anspruch nehmen.

    Erst Recht unterscheiden sich die Ansichten hinsichtlich dessen, was denn links sei - die Schweizer Libertären z.B. formulieren eine linksanarchistische Utopie auf moralistischer Basis und begreifen gar nicht, wem sie damit auf den Leim gehen.

    Da haben, pardonnez moi, auch viele sich als Liberale Sehende einen an der Klatsche mit ihrem Glauben, sie wüßten, was denn links sei, das hat Netbitch gerade so herrlich diagnostiziert.

    Und auch in der Linken gibt’s allerlei Strömungen, gab und gibt ja z.B. auch immer eine anarchistische Linke, auch eine wertkonservative Linke, und Marx war meinens Wissens gerade kein Etatist, sondern ein Internationalist, ein Globalisierer - nur in einem anders verstandenen Sinne, als dies heute üblich ist.

    Und zum Fanatiker: Wer überhaupt nicht weiß, was Freiheit im Denken heißt, kann schlecht behaupten, für politische Freiheit zu sein, sondern zwingt stattdessen sich selbst dazu, “als Liberaler” zu denken, sonst würde er ja nicht fanatisch. Bestimmte Formen des Liberalismus sind doch dieser Zwang zum Selbstzwang, “als Liberaler” zu denken. Das ist z.B. ein Kernproblem der FDOG. Frei zu denken, das kennen die wahrscheinlich gar nicht.

    Freiheit ist kein Parteiprogramm und auch keine rein ökonomische Doktrin, sondern allenfalls ein Sich-ins-Verhältnis-Setzen zu solchen und sie möglichst jedes Dogmatismus zu entkleiden. Was Du ja auch oft vorbildich praktizierst ;-).

    Meine Kritik am sich liberal nennenden Kosmos ist ja, daß er im umfassenden Sinne gar nicht verstanden hat, was Freiheit bedeutet. Und Liberalismus ohne Freiheit macht ja nicht wirklich Sinn …

    PS: Trotzdem Verschlagwortung

  32. 18.05.2006 | 20:56

    @Mattias B.
    Moderate Mindestlöhne sind das präzise Gegenteil von Etatismus, weil sie sozialstaatliche Ziele auf besonders effiziente Weise und dazu auf eine Weise verwirklichen, welche kaum Etatwirkungen hat.

    Gestaltet der Staat über seine Möglichkeiten den Arbeitsmarkt (z.B. unterstützt mit der Art der Abgabenerhebung/Lohnnebenkosten) so, dass sich ein Anreize setzender Abstand zur Sozialhilfe ergibt, dann spart der Staat z.B. Sozialhilfe.

    Tatsächlich ist die Elastizität des Arbeitsmarktes in Bezug auf die Löhne anders (!), als es z.B. vom Professor Unsinn verkündet wird. Es zeigt sich (z.B. in Neuseeland, aber fast überall, wo man moderate Mindestlöhne hat), dass die Arbeitgeber nicht etwa Personal entlassen wegen leicht erhöhter Lohnkosten (z.B. statt 6 Euro nunmehr 6,80 Euro Mindestlohn). Stattdessen gewinnt das untere, “prekäre” Segment des Arbeitsmarktes Attraktivität für diejenigen, die bislang nicht oder nur wenig arbeiteten.

    Im Ergebnis wächst der Arbeitsmarkt sogar! Sagt jedenfalls: Die Empirie.

    Lustig, wie souverän empirische Untersuchungen von Rechtsliberalen ignoriert werden, wenn sie es damit leichter haben, den bei ihnen wenig geschätzten Mindestlohn besser ignorieren zu können.

    Im Übrigen muss man bei der Einführung von Mindestlöhnen stark aufpassen. Sie sollten m.E. so gewählt werden, dass sie nur bei etwa ca. 5-10% der vorhandenen Arbeitsplätze zu Lohnerhöhungseffekten führen. Sind Mindestlöhne nämlich zu hoch, verkehrt sich der positive Effekt ins Gegenteil.

    Im Grunde genommen ist die empirische Tatsache, dass Mindestlöhne Arbeitsmärkten gut tun können, ein Paradox.

    Ich vermute, dass es u.a. daran liegt, dass Arbeitsmärkte nicht wie ideale Märkte funktionieren und gerade die Beschäftigten in den untersten Lohngruppen nicht ausreichend wie “Kaufleute in eigener Sache”.

    Das meint:

    Prekär Beschäftigte lassen sich stärker im Lohn und den Arbeitsbedingungen drücken, als es den Annahmen der klassischen Theorie gemäß wäre.

    Das Kunststück mit den Mindestlöhnen besteht darin, bei der Bemessung genau die Grenze zu finden, wo sich ein maximal positiver Effekt ergibt.

    Deutlich unterstützen kann man die positiven Effekte (die u.a. auf dem dann gewachsenen Abstand zur Sozialhilfe beruhen), indem man die Lohnnebenkosten im unteren Lohnbereich absenkt oder (fände ich weit besser), indem man einen moderaten “Lohnnebenkostenfreibetrag” einführt, der dann einen erheblichen Teil des gewünschten “Abstandseffektes” bewirken wird, ohne die Beschäftigungsneigung der Arbeitgeber zu belasten.

    Im Gegenteil!

    Nochmals: Das wäre eine antietatistische Sozialpolitik.

    Wer übrigens glaubt, die durchaus stark verbreite Unlust, zu Sozialhilfelöhnen zu arbeiten, ließe sich mit einem extrem teuren Bürgergeld beseitigen, der ist ein Etatist reinsten Wassers.

    Und zudem ein unrealistischer rechtsliberaler Sozialromantiker, was eigentlich eine contradictio in adjecto darstellt.

    Linksliberale haben mit ihren modaraten Vorstellungen zum Mindestlohn sowohl in der Praxis, als auch in der Theorie die besseren sozialpolitischen Konzepte.

    Im Übrigen verballern Linksliberale kein Geld für Industrie- und Agrarsubventionen (wie z.B. die F.D.P.) und auch kein Geld für Hochrüstung und sweet Neocon-Träume zur militaristischen Welterrettung.

    Man sieht: Rechtsliberale sind üble Etatisten.

    Pfui!

  33. 18.05.2006 | 23:07

    @Dr. Dean

    Nö.

    Auch moderate Mindestlöhne sind gesetzlich vorgeschriebene Mindestlöhne und somit etatistisch.

    Im Ergebnis wächst der Arbeitsmarkt sogar! Sagt jedenfalls: Die Empirie.

    Ich weiß, die Emperie. Guckst Du hier:

    http://www.rbb-online.de/_/kontraste/beitrag_jsp/key=rbb_beitrag_2339708.html

    Nochmals: Das wäre eine antietatistische Sozialpolitik.

    Antietatistische Sozialpolitik ist ein Widerspruch in sich. Dazu müsste man gar keine Sozialpolitik betreiben.

    Im Übrigen verballern Linksliberale kein Geld für Industrie- und Agrarsubventionen (wie z.B. die F.D.P.) und auch kein Geld für Hochrüstung und sweet Neocon-Träume zur militaristischen Welterrettung.

    Man sieht: Rechtsliberale sind üble Etatisten.

    Ich weiß, daß diejenigen, die Du als Rechtsliberale bezeichnest, etatistisch veranlagt sind. Das musst Du aber mir nicht erzählen.

  34. 19.05.2006 | 11:51

    Im eigentlichen Sinne ist liberal liberal. Ließ schon Loriot sagen.

  35. 19.05.2006 | 14:04

    Ich würde MomoRules durchaus recht geben, wenn sie das, was Boche von Menschen an sich erwartet - ein vorurteilsfreies und auf Argumente statt Glaubenssätze ausgerichtetes Diskussionsverhalten - als “liberal” bezeichnet. Nicht im Sinne einer “liberalen Partei” sondern eher einer “liberalen Gesellschaft” oder einer “liberalen Demokratie”. In anderen Gesellschaften neigt man zu anderen Kategorien der Diskussionsführung…

  36. 20.05.2006 | 12:59

    @Matthias B

    Ich werde den Link, den Du freundlicher Weise angeführt hast, auf mein Blog kommentieren (wenn ich hoffentlich übers Wochende Zeit habe). Man kann hier z.B. gut zeigen, wie sich Vorstellungen hinsichtlich eines moderanten Mindestlohns vom Beispiel in der Baubranche, erheblich, unterscheiden.

  37. 15.06.2006 | 10:05

    [...] Als ich hier anfing zu bloggen, war ich ein “Traffic Snob”, immer auf der Suche nach Themen, die möglichst nur mich interessieren. Aber die Zugriffs- und Kommentarzahlen zu den ersten beiden Reizwörtern (linksliberal und neoliberal) haben mich korrumpiert. Deshalb hier Folge 3, für das verlängerte Wochenende: Will the market make corporations “ethical” on its own, or are governments needed to force them into social responsible positions? [...]

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