16. Mai 2006
Spargeln wachsen aus den Dämmen
[D]ie polnischen Erntehelfer sind in diesem Jahr teurer. Für sie müssen in Polen Sozialversicherungsbeiträge abgeführt werden:
“Wir müssen 47 Prozent auf den Nettolohn nach Polen überweisen, das hört sich jetzt gewaltig an. Wenn der polnische Erntehelfer 2000 Euro netto verdient, muss ich noch einmal zusätzlich 1000 Euro nach Polen überweisen für die Sozialversicherung, was vorher nicht war, das ist eine gewaltige Summe, 47 Prozent, das wird einigen Betrieben, auch gesunden Betrieben, den Garaus machen.”
(…)
Von 1000 Spargelstechern auf Hof Schlunkendorf stammen 50 aus Deutschland, 200 aus Rumänien, der Rest aus Polen. Sie sind nicht durch deutsche Arbeitslose zu ersetzen, ist Brandenburgs Agrarminister Dietmar Woidke überzeugt:
“Eines muss man immer dabei wissen, dass diese Arbeitskräfte deutsche Arbeitsplätze sichern. Und wenn sie wegfallen würden, hätten die Betriebe einen großen Wettbewerbsnachnachteil. Und dieser Wettbewerbsnachteil hätte zur Folge, dass deutsche Arbeitsplätze wegfallen, Dauerarbeitsplätze wohlgemerkt.”
Die Sozialabgabepflicht hat Nachteile für Arbeitgeber und Arbeitnehmer, ist Agrarminister Woidke überzeugt. Dass diese EU-Regelung durch ein bilaterales Abkommen zwischen Polen und Deutschland außer Kraft gesetzt werden könnte, hält er allerdings für unwahrscheinlich. So wird in diesem Jahr mancher Spargel nicht gestochen werden können. In Schlunkendorf fehlen Erntehelfer. Die grünen Stangen wachsen bereits aus den Dämmen.
Ähem…kurze Nachfrage: Wenn ein deutscher Spargelbauer einem nicht bei ihm arbeitenden polnischen Spargelstecher 0 Euro zahlt, dann fließen dadurch 0 Zloty ins polnische Sozialversicherungssystem, oder sehe ich das falsch?
Und soll ich mal raten, wo (zumindest ziemlich bald) die Spargelsortiermaschinen hergestellt werden, die jetzt an die Stelle der Spargelstecher treten?
Um ganz sicher zu gehen, dass ich diesen DLF-Beitrag (Polnische Helfer bleiben daheim - Bei der Spargelernte fehlen Arbeitskräfte, mp3, 03:11 Minuten, 749 KB) in dieser Ausführlichkeit zitieren darf, müsste ich jetzt noch etwas mehr eigene Meinung liefern, um die erforderliche Schöpfungshöhe zu erreichen…Ich bitte um Verzeihung, ich hab’s minutenlang versucht - aber mir fehlen einfach die Worte.
Aber irgendwie ist das für mich ein treffendes Symbol für die EU: Spargeln, die aus Dämmen wachsen.
Verfasst von Marian Wirth um 23:33 Uhr in der Kategorie Politik, Wirtschaftspolitik (Trackback)