Die moralisch beste Verteilung knapper Güter

Ja, da kapituliert der Ökonom. Zumindest der, der die Werturteile nicht gleich mitliefert.

Wenn wir nur eine begrenzte Menge von Gut X haben, aber eine darüber hinausgehende Nachfrage, wer bekommt was? Normalerweise müssten wir sagen: Versteigern. Denn dann bekommt der etwas von X, dem es auch besonders viel wert ist. Problematisch wird es natürlich bei solchen Gütern wie dem konkret betrachteten: Da wird der Grenznutzen jedes Menschen gegen unendlich gehen, und die Budgetrestriktion, also wer hat wieviel, wird statt der Präferenzstruktur die Entscheidung bringen.

Dass aber jemand länger lebt, nur weil er mehr hat, das mögen wir in konkreten Entscheidungssituationen nicht so. Womit nicht gesagt ist, dass wir tagtäglich nicht implizit so handeln. Man könnte jetzt zwar noch kaltherzig gesellschaftsnutzenorientiert denken und sagen, dass einer, der viel hat, offensichtlich auch viel für die Gesellschaft erbringt und daher zu bevorzugen wäre, aber dagegen sprechen z.B. (nüchtern) Vererbung und (tiefer gehend) Ethik.

Also was sonst? Windhundverfahren, Schlange, “who comes first serves first”? Das ist ja das bevorzugte Zuteilungsverfahren bei sozialistisch erzeugten Knappheiten, die die Älteren unter uns noch von der DDR kennen werden. So ähnlich läuft das auch tatsächlich in Gesundheitssystemen, z.B. auch in England. Argument: Wir wissen vorher alle nicht, wer dran ist, also regiert der Zufall und wir sind von moralisch komplizierten Entscheidungen befreit.

Ähnlich: Verlosung, also quasi “Gottesurteil”. Die Zufallsabhängigkeit bleibt, sie wird nur auf eine andere Grundlage gestellt, nämlich die des Zufallsgenerators statt der Zeit.

Ein uraltes Ritual: Der Mensch entzieht sich seiner Verantwortung und übergibt sie einer höheren Macht. Ist das nicht eine moralische Scheinlösung?

Im konkreten Fall kommt aber noch eine zusätzliche, und deswegen auch besondere Komplikation hinzu: Soll der Kreis der Nutzenempfänger über den der Zahler hinausgehen dürfen? Wenn ja, wie weit? Dass dies auf Dauer jedes System zusammenbrechen lassen muss, sollte klar sein - so argumentieren auch die Verantwortlichen. Aber was ist mit Ausnahmen? Eine gefährliche Debatte. Denn - wohlgemerkt - jedes Spenderherz, das Patient A bekommt, wird Patient B verweigert.

Hilft es, wenn ich mich da auf Institutionen zurückziehe? Zum Beispiel die, dass das gewählte Zugangsverfahren vor allem von vornherein feststehen muss und keinen Raum für Einzelentscheidungen bieten darf? Und dass es aufgrund politischer Entscheidung nach dem Windhundverfahren geht? Wenn die Regel, wer was wann bekommt, bekannt ist, kann es auch keine Enttäuschungen geben. Dass nur Einzahler auch von den Leistungen des britischen Gesundheitssystems profitieren sollen, wäre eine solche Regel. Die Erweiterung auf die EU ist für ein Mitgliedsland wohl unvermeidlich.

Es ist tragisch, dass Ese Alabis ihre Chance nicht bekommen hat. Aber wem hätte sie aus welchem Grund stattdessen verweigert werden sollen?

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13 Kommentare zu “Die moralisch beste Verteilung knapper Güter”

  1. Marian Wirth
    19.05.2006 | 0:22

    Damit wir auch in einigen Jahren noch wissen, was den Anlass für diesen Eintrag gab:

    Woman in heart swap case dies (Telegraph)

    Immigration: Mother consigned to certain death by harsh new rules (längerer, informativer Independent-Artikel)

    Nigerian dies amid heart battle (BBC)

  2. Zodac
    19.05.2006 | 1:26

    Es gäbe mit großer Wahrscheinlichkeit weitaus mehr Organspender, wenn man den Organhandel erlauben würde.
    In solch einem fall wäre der Verkauf von Organen nur auf den ersten Blick unethisch. Beim zweiten Blick würde man erkennen, daß der Verkauf den Anreiz setzt Organe zu spenden bzw. die der verstorbenen Verwandschaft zur Verfügung zu stellen. Die Konsequenz ist, daß mehr Menschen ein längeres Leben haben.

    Wir wissen nicht, was wie das Leben eines einzelnen Menschen bewertet werden kann. Da uns die Maßstäbe fehlen, ist es wohl am gerechtesten, wenn wir annehmen, daß jeder Mensch gleich viel Wert ist.
    Daraus läßt sich ableiten, daß es wünschenswert ist mehr Menschen zu retten, als darauf zu achten, ob die Begünstigten repesentativ für die Bevölkerung sind.

  3. 19.05.2006 | 8:34

    Wozu Organhandel? Es gibt ja auch Widerspruchsmodellmodelle bei denen jeder Spender ist, außer er trägt eine Karte mit sich welche die Spende ausrücklich verbietet. Da müßte man mal die Zahlen vergleichen.

    Verlosung empfinde ich als sehr unfaires Verfahren. Priorität sollten die Erfolgsaussichten der Transplantation haben. Das ist natürlich auch ein Werturteil, weil man damit junge Menschen mit mehr Lebenserwartung bevorzugt.

    Eine dritte Möglichkeit ist es die Zögerlichkeiten bei der Gentechnik abzuschütteln. Die Züchtung von Spenderorganen könnte uns aus diesem Dilemma befreien.

    Organe sind natürlich nicht alle knappen Güter. Vielleicht sollte man grundsätzlich weniger Priorität in den Verteilungsmechanismus setzen und dafür mehr auf die Erhöhung der Gütermenge achten.

  4. Marian Wirth
    19.05.2006 | 8:36

    Zodac,

    im vorliegenden Fall hätte das wohl kaum das Dilemma gelöst, da meines Wissens das menschliche Herz nicht zu den Organen gehört, die für eine Lebendspende in Frage kommen. Und während man vielleicht einem Chinesen oder einer Brasilianerin noch einreden kann, dass man auch mit einer Niere prima leben kann, bedarf es wohl sehr “verfeinerter” Überredungskünste, um sie dasselbe in Bezug auf ihr Herz glauben zu machen.

    Beim Thema Organspende stößt selbst mein Neoliberalismus an seine Grenzen; das bleibt für mich ein Thema, wo ich lieber nach anderen Anreizen als denen des Marktes suchen möchte, sorry.

    Meine Bedenken ergeben sich aus Berichten aus den Niederungen des Organhandels wie diesem hier: Eine Niere für 6.000 Dollar, Telepolis 22.06.2004

    Organhandel ist eine Realität: Menschen aus armen Ländern verkaufen ihre Körperteile an Schwerkranke aus den Industrienationen

  5. Marian Wirth
    19.05.2006 | 8:47

    Weitere Literaturhinweise:

    Der Handel mit menschlichen Ersatzteilen (Telepolis, 26.06.2004)

    Zählt ein Leben mehr als zwei? (Telepolis, 07.12.2003)

    In dem zuletzt genannten Artikel wird Gary S. Becker als Befürworter einer staatlichen Preiskontrolle für den Organhandel genannt. Eine Suche im Becker-Posner-Blog ergibt folgende Artikel:

    Should the Purchase and Sale of Organs for Transplant Surgery be Permitted? BECKER

    Organ Sales–Posner’s Comment

    Organ Sales–Posner’s Response to Comments

    Response on Whether Organs Should be Purchased and Sold-BECKER

  6. R.A.
    19.05.2006 | 10:59

    @Marian:
    > da meines Wissens
    > das menschliche
    > Herz nicht zu
    > den Organen
    > gehört, die für
    > eine Lebendspende
    > in Frage kommen.
    Richtig, aber Organhandel muß sich nicht auf Lebendspenden beschränken.

    Die (derzeit sehr beschränkte) Zahl von Spendern würde drastisch ansteigen, wenn sie für die Bereitschaftserklärung schon zu Lebzeiten etwas Geld bekommen würden.

  7. 19.05.2006 | 13:50

    @Marian:
    Ich hatte den Eindruck, dass Zodac hier vom Organhandel post mortem sprach, also vom Verkauf der Organe verstorbener Verwandter, kann mich dabei aber auch täuschen.

    @Rayson:
    Sauberer Beitrag, der die moralischen Fragen nicht vorschnell zu beantworten sucht, sondern in ihrer Vielschichtigkeit beleuchtet. Darum lese ich immer gern hier.

    @Amtsleiter:
    Das trifft recht genau meine eigenen Ansichten zum Thema, wobei ich aber nicht glaube, dass sich das Problem auf diese Art völlig lösen lässt.

  8. 20.05.2006 | 11:50

    Enorm ketzerische Gegenthese:
    Nein, hier müssen ethisch gebildete Ökononomen nicht kapitulieren. (Auch, wenn man leise spotten könnte über die ggf. enthaltende implizite Idee, dass man fast jede gesellschaftliche Frage mit Hayekianischer Weltanschauung beantworten könnte, *räusper*,…)

    “Wenn wir nur eine begrenzte Menge von Gut X haben, aber eine darüber hinausgehende Nachfrage, wer bekommt was? ”

    Wenn es um Leben oder Tod geht, ist das eine schwierige Frage, wo Ethik m.E. ein Übergewicht gegenüber reiner Wirtschaftswissenschaft hat.

    “Dass aber jemand länger lebt, nur weil er mehr hat, das mögen wir in konkreten Entscheidungssituationen nicht so.”

    Stimmt. Wobei man natürlich auch fragen kann, ob es nicht vielleicht doch angemessen ist, wenn “die Erfolgreichen” (gemeint: ökonomisch Erfolgreichen) bessere Chancen erhalten.

    Das an sich richtige Arguemnt mit den Erbschaften unterschlägt m.E., dass “die Erfolgreichen”, jedenfalls im Durchschnitt, tatsächlich fleißiger, tüchtiger und leistungsbereiter sind.

    Oder nicht?

    Objektivisten und Anarchokapitalisten müssten sich demnach eher für die Versteigerungslösung entscheiden, oder was sehe ich hier falsch?

    Ich persönlich glaube (!) strikt an die Gleichwertigkeit der Menschen, erst recht in Fragen von Tod oder Leben, und daher daran, dass hier prinzipiell Chancengleichheit bestehen sollte.

    Man kann das, wenn man aus einer anderen philosophischen Ideenschule kommt, natürlich auch bestreiten.

    [Zum Zuteilungsverfahren] “Also was sonst? ”

    Klar, das Zufallsprinzip hat eine gewisse “Gerechtigkeit” auf seiner Seite. Man kann natürlich auch Insitutionen mit der Durchführung des Zuteilungsverfahrens beauftragen.

    Immerhin gibt es den Bereich der “Transplantationsmedizin” und dort Leute, die in medizinethischen Fragen echt fit sind.

    Eine andere Idee wäre z.B. die prinzipielle Bevorzugung von jüngeren Patienten (ökonomische Begründung: die haben von der Umsetzung der knappen Maßnahme länger etwas).

    “Schlange, who comes first serves first?”

    Hat manchmal sogar etwas für sich, aber in Fragen von Leben und Tod führt das m.E. kaum zu sehr gerechten Ergebnissen. Allerdings ist ein alternativer Zuteilungsmechanismus gemäß der verfügbaren Geldbörse (z.B. zur Beteiligung an einer Verlosung oder zur Korruption) auch nicht unbedingt geeigneter oder effizienter bei Gütern notwendiger Gesundheitsversorgung…

    “Hilft es, wenn ich mich da auf Institutionen zurückziehe? ”

    Ja, das kann helfen. Die Transplantationsmedizin hat ihre Institutionen, und diese haben in medizinethischen Fragen ein bemerkenswertes Maß an Kompetenz.

    Warum - in diesem Fall - auch nicht?

    “Wenn die Regel, wer was wann bekommt, bekannt ist, kann es auch keine Enttäuschungen geben.”

    Witziges Argument. Muss ich drüber nachdenken, aber intuitiv würde ich sagen, dass die Enttäuschungen genauso groß sind. Außerdem ist ein “black box”-Verfahren gefährlich, wenn die Hüter der “black box” z.B. korrumpierbar sind oder schwachsinnige Maßstäbe haben.

    “Es ist tragisch, dass Ese Alabis ihre Chance nicht bekommen hat.”

    Tragisch finde ich vor allem ihre Benachteiligung auf Basis migrantenfeindlicher Gesetzgebung. Sie war ja, wenn ich richtig im Bild bin, keine “fremde Nigerianerin”, sondern von einem Briten schwanger (!) und mit diesem liiert.

    Oder?

    Also sollte sie auch unter dem Schutz des Gesetzes stehen, aus Gründen der Humanität.

    Sie aber komplett außerhalb dieses Schutzes zu stellen: Das ist ziemlich fragwürdig. In meinen Augen sogar leicht skandalös. Es ging letztlich kein Menschenleben verloren, aber es kam in ihrem Fall zu einem Ausschluss vom Zuteilungsverfahren.

    Das ist keine ökonomische Fragestellung, sondern eine ethische: Wem gönnen wir den Schutz und die Vorzüge der EU?

    Sie hätte, meiner Meinung nach, eine Chance bekommen sollen, wenn sie die Kriterien (z.B. Abstoßungsgefahr und Lebensalter) besonders gut erfüllt hätte.

    Und ich fürchte: Das wäre der Fall gewesen.

    Es war dann ungerecht.

    Und die Konsequenz?

    Leute, liebe Liberale, warum werben wir nicht einfach für den Transplantationsausweis? Warum nicht für Migrantenrechte stärker eintreten?

    Was haltet ihr davon?

    @Zodac

    “Es gäbe mit großer Wahrscheinlichkeit weitaus mehr Organspender, wenn man den Organhandel erlauben würde.”

    Also Organhandel für alle knappen Organe zulassen? Importe aus der Dritten Welt beispielsweise, Versteigerungen in Ebay, oder wie soll das gestaltet werden?

    Vorteil Organhandel: Mehr Organe, Überweindung der Knappheit…

    @Amtleiter
    “Die Züchtung von Spenderorganen könnte uns aus diesem Dilemma befreien.”

    Was macht Dich so sicher, dass dank Gentechnik eine Zuchtlösung zustande kommen wird?

  9. 20.05.2006 | 15:05

    @Dean

    Dein erster Absatz zeugt davon, dass du meinen ersten entweder nicht richtig gelesen oder nach dem ersten Stichwort gleich ignoriert hast. Wie üblich.

    Was soll der Verweis auf Hayek hier? Hältst du alle Welt für so simpel, wie vielleicht du gestrickt bist, dass sie alles, wofür sie sich interessieren, sogleich adaptieren? Und dann noch so eine Bemerkung auf einen Text, der keine Antworten gibt, sondern Fragen stellt. Affig.

    Was haltet ihr davon?

    Man lese(!) alte und neue Beiträge auf diesem Blog.

  10. 20.05.2006 | 22:38

    @Sinmpel gestrickt
    Man sollte keine voreiligen Schlüsse ziehen. Ich fand meinen Beitrag hier nicht übel, aber gut:

    Die von mir vorgetragenen Ansichten sind primitiv, zu dumm und unwürdig, um Rayson irgendwie erörterungswürdig zu erscheinen.

    Er pickt sich darum erste Wort raus, was ihm missfällt (hier: Hayek), und schon ist die Sache für ihn durch.

    Man nennt das: Diskursstrategie.

  11. 21.05.2006 | 0:13

    Dean, wenn du nicht willst, dass deine Spitzen auf dich zurückfallen, dann lass sie bleiben. Nur mal so zum Thema Diskursstrategie.

  12. Marian Wirth
    21.05.2006 | 10:48

    Zodac,

    nach dem Hinweis von Karsten ziehe ich meinen ersten Einwand zurück.

    R.A.,

    ja, stimmt beides.

  13. 22.05.2006 | 0:04

    [...] Ich gebe zu, es ist ein etwas morbides Thema, das einen bloß an eigene Verletzlichkeit und Vergänglichkeit erinnert, aber: Bei den Bissigen Liberalen gab es, ausgehend u.a. von meinem Beitrag, eine ziemlich rege Diskussion, wie Spenderorgane zugeteilt werden sollen, wenn es mehr mögliche Empfänger als Organe gibt. Ich würde zwar weiterhin für das Los argumentieren, wenn es nicht eine klare medizinische Indikation zugunsten eines Empfängers gibt, aber könnte mir auch ein anderes Verfahren vorstellen: [...]

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