Nestbeschmutzung durch “Reisewarnung”?

Ich kann die Empörung über die Äußerungen von Uwe-Carsten Heye nicht nachvollziehen. Die Interview-Passage

Degenhardt: Dann machen wir es zum Schluss noch mal ganz praktisch. Herr Heye, was raten Sie einem Fußballtouristen zum Beispiel aus Togo oder der Elfenbeinküste, sollen die bestimmte Gegenden in Deutschland einfach meiden?

Heye: Jedenfalls sollten sie sich da keinem Experiment aussetzten. Ich glaube, es gibt kleinere und mittlere Städte in Brandenburg und auch anderswo, wo ich keinem raten würde, der eine andere Hautfarbe hat, hinzugehen. Er würde es möglicherweise lebend nicht wieder verlassen.

ist der Abschluß des Interviews (Wortlaut, Original als mp3), nachdem Herr Heye darauf hingewiesen hat, dass die lokalen Bündnisse in Brandenburg durchaus Erfolge verzeichnen können, dass z.B. die Gewalt an Schulen zurückgegangen ist.

Vor diesem Hintergrund kann ich Einlassungen wie die von Bischof Huber

Es tut denjenigen Unrecht, die sich in Brandenburg nachhaltig darum bemühen, eine Atmosphäre zu schaffen, in der Menschen auch mit anderer Hautfarbe sich bewegen können. Dass es Situationen nachts um drei gibt, in denen man ein gewisses Risiko läuft, das ist nicht nur in Brandenburg, sondern in Berlin so. Das ist nicht nur für Menschen mit schwarzer Hautfarbe so, sondern auch für Frauen. Insofern ist das weit übers Ziel hinausgeschossen.

(Wortlaut, Original als mp3)

nicht nachvollziehen. Heye hat weder pauschal Ostdeutsche diffamiert, noch hat er behauptet, dass es in den alten Bundesländern das Problem von Angriffen auf Menschen anderer Hautfarbe nicht gäbe. Und den Vergleich mit Frauen in Berlin finde ich noch viel “unglücklicher”, als das, was Heye gesagt hat. Zum einen gibt es in Berlin mehr Frauen als Menschen anderer Hautfarbe in Brandenburg und zum anderen bestreite ich, dass sich Frauen, die nachts in Berlin unterwegs sind, einer ähnlichen Gefahr aussetzen, wie WM-Gäste aus Afrika, die selbiges in Brandenburg beabsichtigen.

Insofern halte ich die “Reisewarnung” für völlig berechtigt und schließe mich Joachim vom Antibürokratieteam und dem Kommentar von statler dort an.

Nicht derjenige ist ein Nestbeschmutzer, der auf den Schmutz im Nest hinweist, sondern derjenige, der durch Verharmlosung und Leugnung des Schmutzes dafür sorgt, dass dieser bleibt, wo er ist, nämlich im Nest:

Abwiegeln, verdrängen, kleinreden - manche erwecken in der Debatte gar den Eindruck, als hätten wir es mit einer Art Linkskampagne zu tun, die das (ost-)deutsche Image in den Dreck ziehen will.

So ist es nicht. Im Bericht des Brandenburger Verfassungsschutzes von 2005 werden 17 Orte aufgezählt, an denen rechtsextreme Subkulturen aktiv sind, die spontan auf alles losgehen, was anders aussieht als sie selbst. Vorgestellt hat den Bericht übrigens Jörg Schönbohm. (Quelle)

Und unser Bundesinnenminister? Der klopft lieber Sprüche (”Niemand, der versucht, Ausländer und Menschen anderer Hautfarbe anzugreifen, wird Erfolg haben”, Die Welt oder “Während der WM kann sich jeder sicher fühlen, egal, wo in Deutschland er sich aufhält”, Kölner Stadtanzeiger) und bereitet sich auf polnische Hooligans vor. Superduper, Herr Schäuble.

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25 Kommentare zu “Nestbeschmutzung durch “Reisewarnung”?”

  1. Boche
    19.05.2006 | 11:05

    Ist es albern, das Kommentarfeld nur zu nutzen, um einem Beitrag zuzustimmen, dies aber aus ganzem Herzen?

    Nun - ich bin heute mal so albern.

  2. R.A.
    19.05.2006 | 11:06

    Wie in vielen anderen Ländern gibt es in Deutschland sehr viele “no-go-areas”.

    Darüber zu sprechen wäre durchaus mal eine sinnvolle öffentliche Diskussion.

    Daß Heye nur über die Ausländer betreffenden redet ist ok, das war halt der Kontext der Frage.

    Aber die spezielle Hervorhebung eines Bundeslands war schon recht daneben und wohl auch sachlich falsch.
    Die Proteste der Brandenburger kann ich daher verstehen.

  3. Boche
    19.05.2006 | 11:18

    @R.A.

    Aber die spezielle Hervorhebung eines Bundeslands war schon recht daneben und wohl auch sachlich falsch.

    Ich verfüge über keine statistischen Erhebungen, meine aber auf Grund eigener und von Freunden und Bekannten berichteter Erfahrungen, dass Brandenburg (und wohl auch Meck-Pom) durchaus besonders gravierende Probleme mit geist-, niveau- und haarlosen Gewalttätern hat.

  4. 19.05.2006 | 11:31

    Ich bin jetzt auch so albern wie Boche und stimme ebenfalls vorbehaltlos zu - auch Jo@achim (passiert ja auch nicht alle Tage).

    R.A. nicht, es ist in der Tat meines Wissens so, daß die Lage in Brandenburg ganz besonders heftig ist

  5. 19.05.2006 | 11:31

    Auch wenn ich die Brandenburger verstehe und nicht alle Ostdeutschen über einem Kamm schere, aber das mit den No-Go-Areas und den “national befreiten Zonen” ist eine erschreckende Tatsache. Und es wird nicht dadurch besser, daß man das leugnet. Gerade diejenigen im Osten, die die rechtsradikale Hegemonie in einigen regionen anlehnen, sollten sich mehr als andere, meist nicht direkt betroffene Wessies am meisten freuen, wenn man das Problem endlich mal beim Namen nennt.

  6. 19.05.2006 | 11:53

    Das Schlimme ist - wenn es auch paradox klingt -das zur Fussballweltmeisterschaft mit hoher Wahrscheinlichkeit nichts (oder nur wenig) passieren wird. Da passt dann die Polizei höllisch auf, wird Überstunden schieben und auch das nicht zulassen, was sie sonst “übersieht” (wenn der Skinhead-Sohn vom Bürgermeister mal ein wenig “übertreibt” und anderes, was man “nicht so eng sieht”).

    Aber danach, wenn wieder alles beim alten ist?

  7. 19.05.2006 | 12:10

    Das Problem bei Heye ist doch nicht der Inhalt, sondern die Form seiner Aussage. Ich kenne nun keine Statistik über die Anzahl der Toten, die auf rechtsextremistische Übergriffe zurückgehen, bin mir aber ziemlich sicher, dass sie gegen Null geht. Dass ist nun noch keine Entschuldigung jede Form von Gewalt ist abzulehnen. Aber wenn Heye sagt, dass es Gebiete in Brandenburg gibt, die Farbige nicht mehr lebend verlassen würden, dann entbehrt das jeder Grundlage und leitet die notwendige Diskussion in die falsche Richtung. Im Moment wird über Heye diskuttiert, und nicht über Rechtsextremismus im Osten.

  8. 19.05.2006 | 12:54

    @Boche:
    Ich finde das nicht albern, als Autor freut mich ja Zustimmung auch (auch, wenn Kritik mehr Spaß macht). Und darum:
    Ich stimme ebenfalls aus voller Überzeugung zu. :)

  9. Boche
    19.05.2006 | 13:33

    @Stefan

    Ich kenne nun keine Statistik über die Anzahl der Toten, die auf rechtsextremistische Übergriffe zurückgehen, bin mir aber ziemlich sicher, dass sie gegen Null geht.

    Das könnte vielleicht auch daran liegen, dass den potentiellen Opfern bewusst ist, wo sie sich besser nicht aufhalten sollten.

    @Karsten

    Das habe ich jetzt als Sehnsucht nach Zustimmung empfunden. Ich werde wohl mal wieder deinen Blog Besuchen und dir zustimmen müssen… ;-)

  10. 19.05.2006 | 13:46

    @Stefan
    Der Verfassungsschutzbericht des Jahres 2004 (der von 2005 ist anscheinend noch nicht fertig) nennt die Zahl von fünf Tötungsversuchen bei denen rechtsextremistische Gesinnung der wesentliche Antrieb war. NGO’s sprechen dagegen von jährlich 17 Morden mit rechtsextremen Hintergrund. Auch in einer Broschüre des Verfassungsschutzes aus diesem Jahr finden sich Berichte über Ermordungenen durch Rechtsradikale.

    Dabei ist es anscheinend nicht ganz unüblich, dass Fälle anders deklariert und somit nicht als rechte Gewalt registriert werden. So läuft der Mord an einem Rentner, der sich bei seinem Nachbarn, einen passionierten Neonazi, über dessen laute Nazi-Propaganda-Musik zu beschweren wagte und dies nicht überlebte, unter der Rubrik Nachbarschaftsstreit.

    @Marian
    Die Aussage von Bischof Huber ist vor allem auch dahingehend verharmlosend, da er auf den Potsdamer Fall abhebt und von 3 Uhr Nachts spricht. Die Gewalt in diesen “national befreiten Zonen”, wie sich die Neonazis rühmen, findet durchaus auch am helllichten Tag und in der Öffentlichkeit statt.

    Es ist zwar zu verstehen, dass man sich als Ostdeutscher hier in ein schlechtes Licht gerückt sieht, aber der Dreck ist nun mal da und solange man davor die Augen verschließt anstatt zu fegen, bleibt man in der Schmuddelecke.

    Manuell getrackbacked.

  11. R.A.
    19.05.2006 | 14:16

    @Boche:
    > Ich verfüge über
    > keine
    > statistischen
    > Erhebungen, …
    Und auch sonst über keine belastbaren Fakten über die Bedrohungslagen in diversen Gebieten.

    Aber dieses Nicht-Wissen hindert komischerweise niemand hier, ganz toll über die speziellen Gefahren in Brandenburg zu reden.

    Eine genaue Statistik habe ich auch nicht - die gibt es nämlich (merkwürdigerweise?) nirgends.

    Aber nach zwölf Jahren Schöffenarbeit am Jugendgericht einer westdeutschen Stadt weiß ich: Es gibt einiges an no-go-areas.
    Viel mehr, als die paar vom VS durchgezählten Glatzen an “national befreiten Zonen” errichten können.

    Wer mit der “falschen” Nationalität in diversen Straßen abends unterwegs ist, kann froh sein, wenn er mit einer Tracht Prügel davon kommt (die Polizei registriert das meist erst ab Messerstecherei).

    Und wenn es Heye konkret um ausländische WM-Gäste geht: Kaum ein togolesischer Fan dürfte auf die Idee kommen, irgendwo in die Uckermark zu reisen.

    Aber den amerikanischen oder europäischen WM-Besuchern sollte man schon sagen, daß es in Laufreichweite diverser WM-Stadien ziemlich riskant für sie sein kann.

    Das Problem ist also weniger, was Heye gesagt hat, sondern was er nicht gesagt hat.
    Und was auch sonst kein Thema in Deutschland ist, obwohl es inzwischen skandalöse Dimensionen annimmt.

  12. 19.05.2006 | 14:43

    @bazinho
    Ich habe die Statistiken auch gelesen, allerdings halte ich sie, wie du richtig bemerkst, für nich sonderlich belastbar. Auch die Daten von “Gesicht zeigen” werden z.T. entstellt. Bspw. schreibt die Berliner Morgenpost von 17 rechtsextremen Tötungsdelikten in Ostdeutschland, die BZ hingegen von Gesamtdeutschland. Daher finde ich es ein wenig populistisch, wenn Heye meint, die Wahrheit zu kennen. Wobei ich dem Fakt an sich — Rechtsextremismus als Problem des Ostens — durchaus zustimme.

  13. Boche
    19.05.2006 | 15:37

    @R.A.

    Und auch sonst über keine belastbaren Fakten über die Bedrohungslagen in diversen Gebieten.

    In der WELT KOMPAKT war heute eine Statistik des Verfassungsschutzes zu finden, die zeigte, dass in Brandenburg am häufigsten rechtsextreme Straftaten vorkommen, gerechnet je Einwohner.
    Das mag noch kein endgültiger Nachweis einer besonderen Problemlage sein, auch die immer wieder bestätigten Eindrücke, dass in Schwedt und anderswo rund um Berlin Rechtsextreme am offensichtlichsten auftreten und öffentlichen Raum dominieren, mögen auf zahlreichen Fata Morgani (Morganen?) beruhen. Das sei zugegeben.

    Das Problem ist also weniger, was Heye gesagt hat, sondern was er nicht gesagt hat.

    Was hat er nicht gesagt? Dass es anderswo auch gefährlich sein kann?
    Lies nochmal das Zitat, das Marian oben geschrieben hat.

  14. 19.05.2006 | 16:28

    Tut nicht Herr Huber denjenigen, die sich “nachhaltig bemühen eine Atmosphäre zu schafffen” Unrecht, indem er ihre Arbeit für überflüssig erklärt?

  15. R.A.
    19.05.2006 | 16:40

    @Boche:
    Ich glaube gerne, daß es in diversen Gebieten Brandenburgs heftige Probleme mit Rechtsextremismus gibt.

    Ich dagegen rede von Gewalt, unabhängig von der Motivation.

    Und ich halte die Gewalt für das Hauptproblem, wenn irgendwelche Skins durch Zeigen von Nazi-Symbolen im VS-Bericht gezählt werden halte ich das für nebensächlich.

    Wenn der Besucher aus Togo auf die Idee kommt, von Berlin aus irgendwo in die märkische Pampa zu fahren, dann gibt es in der Tat leider das Risiko, daß Glatzen ihn angreifen. Dieses Problem ist real - was die Glatzen sonst so treiben, kann ihm dagegen egal sein.

    Derselbe Besucher aus Togo läuft aber ein wesentlich höheres Risiko, in der WM-Stadt selber in die falsche Straße einzubiegen und dann sehr häßliche Bekanntschaft mit einer Gang Marokkaner, Türken oder Rußland-Deutscher zu machen.

    Genau dieses Risiko haben auch Deutsche oder Besucher aus vielen anderen Ländern - aus Togo kommen ja die wenigsten.

    Aber darauf gehen Heye und sein Gesprächspartner nicht ein.
    Sie mißbrauchen die WM und eine eher seltenes Beispiel, um Munition zu sammeln für den “Kampf gegen rechts”.

    Und die viel realeren und größeren Risiken für Bürger und Besucher blenden sie aus, weil das nicht ins Weltbild paßt.

  16. 19.05.2006 | 16:55

    @R.A.:

    “Aber den amerikanischen oder europäischen WM-Besuchern sollte man schon sagen, daß es in Laufreichweite diverser WM-Stadien ziemlich riskant für sie sein kann.”

    Wie meinst Du denn das? Und woran erkennt man im normalen Alltag Amerikaner oder Europäer?

    Und wäre es nicht gut, wenn Togolesen völlig problemlos die Uckermark bereisen könnten? Was is’n das für’n Argument - die kommen da doch eh nicht hin? Ja, eben!!!

    Diese Statistik mit den höchsten pro Kopf-Zahlen rechtsextremer Gewalt in Brandenburg habe ich mittlerweile mehrfach gelesen, in verschiedenen Zeitungen (Hamburger Morgenpost, FR, z.B.). Die absoluten Zahlen sind wohl in NRW am höchsten, was an der Bevölkerungsanzahl liegt.

    Auch in Hamburg sind sie in den letzten Jahren drastisch gestiegen, die rechtsextremen Straftaten, wobei hier auch andere Fälle als Körperverletzung und schlimmeres mitgezählt wurden.

  17. R.A.
    19.05.2006 | 17:24

    @MomoRules:
    > Und woran
    > erkennt man im
    > normalen Alltag
    > Amerikaner oder
    > Europäer?
    Die Frage meinst Du nicht ernst?
    Auf jeden Fall erkennen das die gewaltbereiten Gangs sehr gut.

    > Und wäre es
    > nicht gut, wenn
    > Togolesen völlig
    > problemlos die
    > Uckermark
    > bereisen
    > könnten?
    Das wäre nicht nur gut, daß sollte für ein zivilisiertes Land eine Selbstverständlichkeit sein.

    Nur ist das halt ein recht untypisches Szenario.
    Zuerst einmal sollte man da ansetzen, wo täglich und andauernd Probleme bestehen.

    > Diese Statistik
    > mit den höchsten
    > pro Kopf-Zahlen
    > rechtsextremer
    > Gewalt in
    > Brandenburg …
    Schon wieder diese angeblich Statistik.
    Jetzt ist es schon rechtsextreme Gewalt, vorhin war es noch rechtsextreme Delikte aller Art.

    Ich finde die nicht-rechtsextreme Gewalt keineswegs besser.
    Und deswegen sollte man in erster Linie über die zunehmende Gewalt reden, und nicht nur dann, wenn mal ein rechtsextremes Motiv dabei ist.

  18. 19.05.2006 | 18:23

    @R.A.

    Dein Vorwurf an Heye, er verschweige andere Gefahrenquellen und wolle die WM für seine Zwecke instrumentalisieren ist, mit Verlaub gesagt abwegig. Wenn du dir die von Marian verlinkte Quelle einmal genau schaust, dann wirst du sehen, dass das Deutschland Radio aufgrund des sich jetzt als vorgetäuscht entpuppten Überfall auf einen Italiener, etwas zur Bedrohung durch den Rechtsradikalismus im Vorfeld der WM machen wollte. Und dazu haben sie Heye eingeladen, damit er als Gesicht einer Initiative gegen Rechts sich genau zu diesem Thema äußert. Und das hat er getan. Für andere gesellschaftliche Missstände ist schlicht nicht der adäquate Ansprechpartner.

    Auch wenn du bezüglich der anderen Missstände nicht unrecht hast, halte ich diese Vermengung unterschiedlicher Themen für nicht angebracht. Häufig wird nämlich bei Diskussionen um die rechtsradikale Gewalt auf andere Themen, vorzugsweise Linksextremismus oder Ausländerkriminalität abgehoben, um dem eigentlichen unangenehmen Thema auszuweichen. Ich finde es überhaupt erschreckend, dass die Debatte in weiten Teilen nicht um das Problem geführt wird, sondern um die Art seiner Artikulation bei Heye und ob es überhaupt thematisiert werden darf oder besser todgeschwiegen wird.

    Wenn sich die Diskussion tatsächlich einmal darum geht, wie junge Menschen besser in unsere demokratische und pluralistische Gesellschaft integriert werden können, müsste man derartige Probleme natürlich wieder mit hereinnehmen. Ich habe bereits vor einigen Wochen, als die öffentliche Diskussion an dem Aufhänger der Gewalt jugendlicher Migranten an der Rütli-Schule tobte, welche unpassender Weise im Rahmen der Einbürgerungsdiskussion geführt wurde, die Position vertreten, dass man deren Gewaltakte und mangelnde Integration nicht auf den kulturellen Faktor verkürzen dürfe, unter dem Hinweis das es auch zahlreiche desintegrierte Deutschstämmige gibt. Offensichtlich gibt es in unserer Gesellschaft zahlreiche grundlegende Faktoren, welche es Individuen erschweren sich in diese zu integrieren.
    Abweichendes Verhalten in Form von Extremismus, Kriminalität und Gewalt sind eben schlicht ein Ausdruck der Desintegration in einer Gesellschaft.

    Im Übrigen, um auf die Eingangsdiskussion zurück zu kommen, bin ich froh darum, dass andere Länder keinen Skrupel vor einem Imageschaden haben. Noch vor wenigen Jahren bekam man, wenn man mit dem Auto nach Spanien fuhr, als Ausländer (Kennzeichen!) an der 1.Mautstation einen Zettel in die Hand gedrückt, auf dem man davor gewarnt wurde mit einem ausländischen Kennzeichen auf einem nichtbewirteten Rastplatz halt zumachen, da die Gefahr bestand, von der lokalen Bevölkerung überfallen und beraubt zuwerden. Eine Information die ich gerne vorab bekomme.

  19. 19.05.2006 | 19:26

    @Boche:
    Wie gesagt, Kritik macht mehr Spaß. :)

    @R.A.:
    Wenn ich dich richtig verstehe, dann hältst du das Thema “Jugendgewalt” allgemein für öffentlich unterrepräsentiert, hingegen die rechtsextreme Gewalt für überbeachtet und die von ausländischen Jugendlichen ausgehende Gewalt für ein wesentlich häufigeres und bemerkenswerteres Problem. Gut, kann ich einsehen.

    Wenn wir als Oberthema aber nicht “Jugendgewalt” nehmen, sondern “Politisch oder weltanschaulich motivierte Gewalt”, wie sieht es dann aus mit dem Verhältnis Rechtsextremisten/Zuwanderer? Denn das sah ich hier eher als Oberthema, nicht die Gewalt unter und von Jugendlichen im Allgemeinen.

  20. 19.05.2006 | 23:24

    @bazinho

    Die eigentliche Frage ist, ob es sich bei der rechtsextremistischen um eine Unterart einer allgemeinen Gewalt mit gemeinsamen Ursachen handelt oder ob sie singulär ist.

    Ob eine Einschätzung zugunsten der ersten Alternative als Ablenkung verstanden wird oder nicht, muss dabei außer Betracht bleiben, wenn man sich nicht selbst betrügen will.

  21. 20.05.2006 | 10:08

    @Rayson:

    Nein, so finde ich das Gewaltthema auch nicht auf den Punkt gebracht. Gewalt an sich ist immer schlimm, daß sei vorrausgeschickt.

    Aber die Motive für Handlungen sind ja auch nicht unerheblich, übrigens auch im Strafrecht nicht. Auch wirken verschiedene Formen von Gewalt unterschiedlich in Kulturen und Gesellschaften hinein.

    Rechtsextreme Gewalt unterscheidet sich hinsichtlich beider Punkte z.B. von linksextremer Gewalt, einer Schulhofprügelei, einem “Abziehen” von, wasweißich, ‘nem teuren Handy, weil die Motivlagen aus unterschiedlichen Quellen schöpfen.

    Das, was der Herr Heye da thematisiert, zeigt ja Wirkungen auf einen ganzen Landstrich (siehe auch jo@chims Eintrag und Statlers Kommentar dazu) und normalisiert eine an sich plurale Gesellschaft und plurale Kulturen im Sinne der Vorstellungen eines breiten, schweigenden Umfeldes.

    Wenn keiner meiner schwarzen Freunde sich da noch hintraut, was der Fall ist, dann ist das eine Wirkung dieser Gewalt und verändert so ganze Regionen.

    Habe gerade gestern in Die Zeit über die Thälmann-Siedlung (… ausgerechnet der Held seiner Klasse …) auf dem nördlichen Prenzlauer Berg gelesen, wo Ähnliches versucht wird von rechter Seite wie in den “national befreiten Zonen” in Brandenburg. Ich war mal in einer solchen in Brandenburg, scheußlich. Hätte meinen türkischen Taxifahrer dann hier in Hamburg am liebsten abgeknutscht.

    Die Motivlagen sind deshalb hochproblematisch, weil diese rechte Gewalt immer nur die Speerspitze jener ist, die man mit “Ausländer raus”-Parolen, und seien diese noch so verklausuliert, dann zum Wählen der eigenen Partei bewegen kann.

    Ein erster Erfolg der Diskussion über dieses Thema ist, daß ein Herr Schönbohm beginnt, zu differenzieren, was insgeheim und wenn man genau hinhört, der Herr Beckstein übrigens schon immer getan hat.

    Dieses “Gewalt = Gewalt”, was Herr Schäuble immer verkündet oder auch der Herr Nagel, Polizeipräsident hier in Hamburg, dient doch einzig dem Zweck, das alles nicht diskutieren zu müssen. Wahrscheinlich auch, um potenzielle NPD-Wähler auch weiterhin lieber an die CDU zu binden (oder, siehe Lafontaine, an PDS/WASG), um das ganze mal freundlich zu deuten. So eine Art Integration halt.

    Die ganze Diskussion muß man in der Tat strukturell analog zu jener über sogenannte “Ehrenmorde” führen.

    Wenn sich da allenfalls temporär eine reiner Beziehungskonflikt, den’s auch in anderen, kulturellen Formationen genau so gibt, ideologisch auflädt, weil sich der jeweilige Täter seine eigentlich “niederen Beweggründe” nicht eingestehen mag, dann ist das schon furchtbar genug, tangiert aber nicht ganze Felder innerhalb von Subkulturen auf deutschem Territorium. Wenn’s aber tatsächlich in einem breit gestreuten Diskurs gründet, der flächendeckend Angst erzeugt, muß man das Thema völlig anders diskutieren.

    Das ist doch bei Formen “linker” Gewalt genau so - da muß man schon genauer hinschauen.

    Jetzt mal zurückerinnert an die “Bambule”-Demos in Hamburg: Da gab es viele Darstellungen, wie auch beim 1. Mai in Berlin oder diesen Schlachten an der Elbe in Dresden, die das - zynischer Begriff, ich nutze ihn trotzdem, weil mir kein anderer einfällt - einfach als eine Art erlebnisorientiertes Event gedeutet haben, also im Grunde unpolitisch. Sowas wie ein Funsport-Event, nur härter, realer, risikobehafteter, mehr Kitzel. Auch da muß man dann anders rangehen als an die R.A.F.

    Auch diese in der Tat scheußlichen Attentate auf “neoliberale” Wirtschafstwissenschaftler, über die Statler geschrieben hat, sind noch einmal ein anderes Paar Schuhe. Das ist - auch das begrifflich zynisch, mir fällt gerade nix anderes ein - ja ein linker Gewalt-”Klassiker”: Hoher Symbolwert, einzelne Personen rauspicken, die für etwas stehen, worauf man dann mit “Gegengewalt” antworten will.

    Das ist totale Scheiße und schlimm, es wirkt aber ja nicht wie rechte Gewalt auf ganze Landstriche ein. Es kann jedoch - ähnlich wie das Karrikaturen-Thema - perspektivisch erzeugen, daß bestimmte Sachen einfach nicht mehr gesagt oder geschrieben werden, und auch das ist ein außerordentlich schlimmer Effekt, aber eben ein ganz anderer.

    Ein weiterer Diskussionspunkt ist: Wenn man davon ausgeht, daß bestimmte Weltsichten Gewalt motivieren, muß man immer noch mal schauen, ob dies an der Weltsicht selbst liegt oder aber lediglich eine Instrumentalsierung dieser stattfindet. Rechte Ideologien z.B. sind immer gewaltsam in ihrer Wirkung.

    Manche Linke würde behaupten, das sei auch bei “neoliberalen”, wirtschaftspolitischen Positionen der Fall (Stichwort Kinderarbeit in der zweiten und dritten Welt, Irak-Krieg zum Erschließen neuer Märkte und zur Gewinnung der Kontrolle über Ölquellen, das Produzieren neuer Unterschichten und somit neuer Gewalt z.B.), und dem muß sich der Liberale an sich schon stellen, dieser Diskussion, selbst wenn er all diese Theoreme dezidiert und mit guten Gründen zurückweist.

    Im Falle linker Positionen gibt es welche, die Gewalt unmittelbar legitimieren. Aber ungleich mehr, bei denen das gar nicht möglich ist, diese als Legimation zu begreifen. Nicht umsonst geht der Mythos vom “pazifistischen Gutmenschen” um. (Bei diesem Koordinaten-Kreuz-Text aus Amerika war ich auf der Ghandi-Position ganz links unten)

    Diese richten sich u.a. gegen Vorstellungen, man könne durch Gewalt (Kriege sind ja zweifelsohne solche) das Gute im Irak erreichen. Das hat mit der Diskussion schon sehr viel zu tun, wenn man über Gewalt diskutiert, dann bitte umfassend - dieser Krieg versteht sich ja auch als legitime Gewalt und begreift zudem Gewalt als Problemlösung. Sowas wirkt.

    Hier setzt ja auch eine nicht unberechtigte Kritik an Hollywood an, ebenso am “Tal der Wölfe” - auch wenn kein Schwein nachweisen kann, wie diese wirken, gehören ja auch moderne und postmoderne (Tarantino) Mythen mit in die Diskussion.

    Lange Rede, kurzer Sinn: Man muß sich auf die Differenzierungen schon einlassen, will man Sinnvolles sagen.

    Gewalt = Gewalt, diese Formel verschleiert einfach nur, was kulturell und gesellschaftlich wirklich stattfindet ist.

    @R.A.:

    Auf die wichtigste Frage hast Du noch nicht geantwortet, und ich meinte das bierernst, wie man denn Europäer und Amerikaner erkennt, wenn sie nicht zufällig sich den Union Jack in’s Gesicht malen oder entsprechende Schals tragen.

  22. R. A.
    20.05.2006 | 12:22

    @MomoRules:
    > Auf die wichtigste Frage hast Du noch
    > nicht geantwortet, und ich meinte das
    > bierernst, wie man denn Europäer und
    > Amerikaner erkennt, …
    Sehr oft wenn Linke über Politik und Gesellschaft reden hat man das Gefühl, sie hätten vom realen Leben, das sie politisch regeln wollen, so überhaupt keine Ahnung.

    Aber so krass wie in dieser Frage erlebt man es selten.

    Es ist wirklich keine Kunst, einen US-Touristen im Ausland zu erkennen. Bei Fußballfans diverser Länder noch viel weniger.

    Und ob der Passant, der sich abends in einer von Türken / Albanern / Marokkanern / Rußlanddeutschen etc. dominierten Straße verirrt nun Deutscher ist, das sieht man in der Regel an Aussehen, Gesichtsfarbe, Haarfarbe, Kleidung und Auftreten recht gut. Und in den verbleibenden Zweifelsfällen reicht ein kurzes Ansprechen, dann ist alles klar.

    Bei den diversen Gerichtsverfahren, die ich miterlebt habe, hatte kein Gewalttäter je Schwierigkeiten, seine Opfer zuzuordnen. Und “was will der Typ bei uns” war völlig ausreichender Grund, jemanden zusammenzuschlagen.
    Und nur die schwerwiegenden Fälle kommen ja überhaupt vor Gericht - daß die Gang-Reviere und no-go-areas im normalen Alltag durch Gewalt “rein” gehalten werden, daran ließen die Beteiligten keinen Zweifel und für die Polizisten und Sozialarbeiter ist das bekannt und gewohnt.

  23. R. A.
    20.05.2006 | 12:38

    @bazinho:
    > Und dazu haben sie Heye eingeladen, damit
    > er als Gesicht einer Initiative gegen
    > Rechts sich genau zu diesem Thema äußert.
    Eben.
    Ich kritisiere Heye und den Interviewer nicht nur wegen des konkreten Textes, sondern für ihre allgemeine Einstellung.
    Beide sind typische Repräsentanten einer Medienlandschaft, die die seit über 20 Jahren ansteigende Gewaltproblematik konsequent ignoriert, weil sie nicht in ihr politisches Weltbild paßt.

    Die aber sofort Initiativen gründen und Interviews organisieren, wenn eine zahlenmäßig viel unbedeutendere, aber politisch mißliebige neue Gewaltart entsteht.

    > Häufig wird nämlich bei Diskussionen
    > um die rechtsradikale Gewalt auf andere
    > Themen, vorzugsweise Linksextremismus
    > oder Ausländerkriminalität abgehoben,
    > um dem eigentlichen unangenehmen Thema
    > auszuweichen.
    Es ist halt die Frage, was man für das “eigentliche”, d.h. wichtigere Thema hält.

    No-go-Areas - egal welcher Art, sind ein Skandal für einen Rechtsstaat und ein Problem für die Gesellschaft. Aber immerhin können die Betroffenen pragmatisch damit umgehen: Indem sie diese Areas meiden.

    Man kann aber z. B. keine Schule meiden, solange man schulpflichtig ist.
    Die Rütli-Schule ist doch nur ein Fall, wo es besonders extrem ist (und trotzdem verschwand das schon nach wenigen Tagen wieder aus den Medien).
    Heftige, organisierte rassistische Gewalt ist aber Alltag an vielen Schulen, und tausende Schüler sind die Opfer, schon seit vielen Jahren.
    Und das wird verniedlicht zu “Schulhofprügelei” oder “Handys abziehen”.
    Es ist übrigens keinesfalls verwunderlich, daß diese Opfer und ihre Familien zum sicheren Wählerpotential von populistischen und ausländerfeindlichen Parteien werden - so schließt sich dann der Kreis zur Frage, wie man gegen Rechtsextremismus angehen sollte.

    Übrigens: Mir ist völlig klar, daß hier nicht “die Ausländer” die Schuldigen sind, das es hier um soziale Probleme geht, daß das alles nichts mit Einbürgerung oder Abschiebung zu tun hat.

    Aber Fakt ist, daß wir hier sehr krasse und sich immer mehr verfestigende Probleme haben, die ein erhebliches Risikopotential für die Zukunft unserer Gesellschaft bergen (siehe Frankreich).
    Und daß sich Medien und Politik völlig der Analyse oder gar der Lösung dieser Probleme verweigern, und statt dessen irgendwelche Wohlfühl-Symbolaktionen à la “Gesichts gegen Rechts” machen.

  24. R. A.
    20.05.2006 | 13:27

    Mal zurück zum Eingangsthema.
    Jeder hat wohl schon irgendwo von diesen no-go-areas in Brandenburg gehört, und irgendwann hält man dann deren Existenz für bewiesen.

    Der aktuelle Bericht in der WELT läßt zweifeln, ob an der ganzen Geschichte überhaupt etwas dran ist:
    http://www.welt.de/data/2006/05/20/889727.html

    Ich selber habe nun überhaupt keine Ahnung von diesen Gegenden und kenne keinerlei Fakten, um die These von den no-go-Areas dort zu bestätigen oder zu widerlegen.

    Aber es gibt schon zu denken, daß natürlich sowohl die rechtsextremen wie die Antifa-Gruppen ein hohes Interesse daran haben, solche Geschichten zu verbreiten und zu bestätigen - das kann in der heutigen Medienlandschaft schon reichen, um das als Fakten weiterzuverbreiten.
    Recherche ist ja nur noch in Ausnahmefällen üblich …

  25. 20.05.2006 | 14:37

    @RA:

    Natürlich haben immer alle Anderen keine Ahnung, und schon gar nicht die aus dem “linken Lager”, außerdem sind das alles Medienverschwörungen, und wer verschiedene Motivationen zur Gewalt und deren Wirkung zu beschreiben versucht und damit zur Diskussion stellt, verharmlost dann auch immer gleich irgendwas und ansonsten sind das wieder alles nur interessierte Kreise, die irgendwas instrumentalieren, gähn … ist doch Quatsch, ich will damit nicht verharmlosen, sondern differenzieren.

    Alles, was Du schreibst, sind ganz alte, aber immer noch tragfähige und brandaktuelle, linke Hüte, min Jung (oder Mädel, wasweißich). Die zunehmende Verrohung wird doch seit langem, eigentlich seit den frühen 80ern, als die ersten Skins und Wehrsportgruppen auch im Westen auftauchten, auch auf linker Seite thematisiert, das ist doch wieder ein Popanz, den Du da aufbaust (es sei denn, Du meinst das gar nicht “gegen links”, dann baue ich gerade einen auf und schreibe trotzdem weiter). Abgesehen davon habe ich auch schon vor Ort in Jugendknästen recherchiert und wohne in einer 2-Millionen-Stadt, da bleibt einem das eine oder andere auch nicht verborgen. Nur daß es auch andere schlimme Phänomene gibt, ist ja kein Grund, über bestimmte zu berichten, wie Herr Heye das tat.

    Die No-Go Areas wurden mir übrigens u.a. von Leuten vor Ort berichtet, die da leben und das auch noch gut fanden und auch noch mit mir verwandt waren … recherchiert haben wir da aber auch schon intensiv drüber. Und ich habe auch viele, gut recherchierte Artikel darüber gelesen.

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