Diätenwahn

Boche fragt, was unsere Bundeskanzlerin mit dem Satz “Sparen tut weh.” gemeint haben könnte. Die Antwort auf diese Frage halte ich für relativ einfach.

Der Satz von unserem Bundesfinanzminister

Diät ohne Anstrengung ist nicht möglich.

ist dagegen eine echte Herausforderung. Was will er uns denn damit sagen? Was hat die größte Steuererhöhung in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland mit einer Diät zu tun? Da dies nur die Version ist, die in den Medien verbreitet wurde, wenden wir uns dem Original-Zitat zu; vielleicht wissen wir dann mehr.

Laut S. 68 des Plenarprotokolls 16/36 (pdf) vom 19. Mai 2006 hat Peer Steinbrück folgendes gesagt:

Der Begriff “Etikettenschwindel”, mit dem Sie, Frau Flach, Ihre Rede begonnen haben, wirkt auf Sie zurück. Sie glauben, dem Publikum weismachen zu können, dass man eine Diät ohne Anstrengungen durchziehen könne.

Das läuft aber nicht.

(Widerspruch der Abg. Ulrike Flach [FDP])

– Nein, Sie als FDP glauben sogar, dass Sie den Menschen versprechen können, trotz der angespannten Haushaltslage könne man darüber hinaus noch Steuern senken, man könne die öffentlichen Haushalte konsolidieren, ohne Maßnahmen auf der Einnahmeseite durchzuführen. Dies ist zumindest eine Selbsttäuschung. So weit, zu sagen, dass Sie die anderen täuschen, will ich gar nicht gehen.

(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)

Dieses Original-Zitat finde ich jetzt völlig verwirrend. Weil Steuersenkungen nicht möglich sind, werden die Steuern erhöht - und das Ganze soll dann eine Diät sein?

Logo, eine Diät ist es schon - für alle, die in Deutschland ab dem 1. Januar 2007 etwas einkaufen wollen; das sind ja bei weitem nicht nur Arbeitnehmer oder Rentnerinnen, Unternehmer oder Studentinnen, sondern auch Durchreisende oder Touristinnen.

Eine Diät ist es also; anstrengend wird sie für viele auch sein - aber jedenfalls nicht für die Bundesregierung.

Irgendwie erinnert mich sowohl das Merkel- als auch das Steinbrück-Zitat an den alten Sponti-Spruch: Es gibt viel zu tun - fangt ihr schonmal an.

Bleiben wir mal kurz bei dem Begriff “Diät”. Hier zeigt sich nämlich ein grundlegendes Mißverständnis. Wie einem jeder Ernährungsexperte sagen kann (es sei denn, er ist abhängig Beschäftigter bei einer Frauenzeitschrift), machen Diäten krank und dick. Der berühmte “Jojo”-Effekt ist ja auch bei den zarten Versuchen zur Sanierung der Staatsfinanzen zu beobachten, die uns die Politiker und Politikerinnen immer als “Sparen” verkaufen; irgendwelche Haushaltsposten werden gekürzt (vornehmlich solche, bei denen von den Betroffenen kaum Widerstand zu erwarten ist) - und dann wird bei den Steuern wieder zugelangt.

Viel sinnvoller als Diäten sind zwei andere Maßnahmen: Ernährungsumstellung und Bewegung.

Die meisten Politiker und Politikerinnen kommen mir vor wie jemand, der erst seinen Fernseher kaputt macht, sich dann mit dem durch falsche Angaben von der Hausratsversicherung ergaunerten Betrag einen supertollen Mega-Flachbildschirm kauft, um sich mit Pommes, Steak und Weizenbier jeden Tag vier Stunden die Tour de France anzugucken. Und am Ende regt er sich auf, weil Jan Ulrich mal wieder am Col de Madeleine abgekackt ist nur als Vierter ins Ziel kommt - und das, obwohl er ihm doch die ganze Zeit “Quäl’ Dich, du Sau!” zugerufen hat.

P.S.: Vielleicht meint Peer Steinbrück ja auch die Abgeordnetendiäten. Dann hätte er einfach unrecht ;-). 

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4 Kommentare zu “Diätenwahn”

  1. 22.05.2006 | 19:50

    Das andere Zitat passt zu diesem wie die Faust aufs Auge: Laut F.A.Z. soll Steinbrück auf dem Juso-Kongress gesagt haben “Hartz-IV war nicht Sozialabbau, sondern Sozialaufbau”. Ist Realitätsverlust bei Finanzministern berufsbedingt? Bei Hans Eichel hat es etwas länger gedauert, oder kommt mir das nur so vor? ;-)
    Die Jusos möchten übrigens in Richtung Rot/Rot/Grün gehen. Ich liebe meine Stadt und meine Heimat wirklich, aber wenn das passiert, dann beginne ich mit der Suche nach einem anderen Land …

  2. 22.05.2006 | 20:13

    [...] Jetzt, wo Boche und Marian sich über anstrengende Diäten und schmerzhaftes Sparen ausgelassen haben, kann ich meine Klappe für heute auch nicht mehr halten. [...]

  3. 22.05.2006 | 20:20

    Köstlich! :-)

  4. 23.05.2006 | 8:42

    Ernährungsumstellung und Bewegung ist aber viiiiel schwieriger.

    Schöne Analogie und der Sponti-Spruch lässt so einige Erinnerungen wach werden. (Das habe ich als Teenie-Türsteherin bei den ersten Frauendiscos jeweils den Typen gesagt, die reinwollten, weil wir doch alles gemeinsam anpacken müssten.)

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