26. Mai 2006
Nicht abgeschickter Brief an die Bundeskanzlerin
Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin,
ich möchte Ihnen nur mitteilen, wie sehr ich mich freue, bei der letzten Wahl nicht CDU gewählt zu haben, denn sonst müsste ich jetzt die Gewissheit haben, von Ihnen fürchterlich hereingelegt worden zu sein.
Schneller und deutlicher als Sie haben es weder Kohl noch Schröder geschafft, uns Wählern zu verdeutlichen, wie viel ihnen die Insignien der Macht bedeuten und wie wenig, was sie außer der Bedienung eigener Klientel mit ihr anfangen sollten. Schön, dass sie den Grünen vorwerfen, mit Umweltsubventionen Klientelwirtschaft zu betreiben, aber wenigstens machen die das erklärtermaßen und offen, und eine gewisse, wenn auch im Detail vielleicht nicht immer überzeugende, Sinnhaftigkeit kann man dahinter sogar auch noch erkennen.
Sie hingegen haben sich mit der SPD schon beim Antidiskriminierungsgesetz darauf verständigt, den Schaden für den Arbeitsmarkt und die Freiheitseinschränkungen für Unternehmer hinzunehmen, so lange nur die jeweils eigene (Gewerkschaften hier, Kirche da) und eine gemeinsame (Juristen) Klientel bedacht wird. Und weil Sie womöglich noch mehr von dem Unsinn hätten verhindern können, haben Sie sich das gegen Steuererleichterungen für eine Gruppe eingetauscht, die es sich im Leben mit Staatsknete sowieso schon besonders behaglich eingerichtet hat, nämlich die Landwirte. Danke für die Lektion in angewandter Politik, Frau Bundeskanzlerin!
Bei der Gesundheitsreform, die Ihnen angeblich doch so sehr am Herzen lag, haben Sie sich offensichtlich an das Sprichwort Ihres ehemaligen Staatsratsvorsitzenden von Ochs und Esel erinnert: Mehr Sozialismus als in den jetzt bekannt gewordenen Maßnahmen war jedenfalls im deutschen Gesundheitswesen nie.
Waren Sie das mit dem “mehr Freiheit wagen”? Entschuldigen Sie, aber ich möchte Sie dringend bitten, wenigstens ihre scheinliberale Rhetorik einzustellen - sonst könnte man noch meinen, Sie hielten die Deutschen für grunddebil. Bekennen Sie sich meinetwegen zum Ahlener Programm und tun Sie, was man als Repräsentant eines Verteilungsstaates eben so tut: besteuern, verbieten, regulieren, fordern, mahnen, Schulden machen. Aber verschonen Sie uns zukünftig mit dem Geschwätz aus Ihrer Marketingabteilung. Danke.
Mit freundlichen Grüßen
Rayson
Verfasst von Rayson um 18:33 Uhr in der Kategorie Politik (Trackback)