Nicht abgeschickter Brief an die Bundeskanzlerin

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin,

ich möchte Ihnen nur mitteilen, wie sehr ich mich freue, bei der letzten Wahl nicht CDU gewählt zu haben, denn sonst müsste ich jetzt die Gewissheit haben, von Ihnen fürchterlich hereingelegt worden zu sein.

Schneller und deutlicher als Sie haben es weder Kohl noch Schröder geschafft, uns Wählern zu verdeutlichen, wie viel ihnen die Insignien der Macht bedeuten und wie wenig, was sie außer der Bedienung eigener Klientel mit ihr anfangen sollten. Schön, dass sie den Grünen vorwerfen, mit Umweltsubventionen Klientelwirtschaft zu betreiben, aber wenigstens machen die das erklärtermaßen und offen, und eine gewisse, wenn auch im Detail vielleicht nicht immer überzeugende, Sinnhaftigkeit kann man dahinter sogar auch noch erkennen.

Sie hingegen haben sich mit der SPD schon beim Antidiskriminierungsgesetz darauf verständigt, den Schaden für den Arbeitsmarkt und die Freiheitseinschränkungen für Unternehmer hinzunehmen, so lange nur die jeweils eigene (Gewerkschaften hier, Kirche da) und eine gemeinsame (Juristen) Klientel bedacht wird. Und weil Sie womöglich noch mehr von dem Unsinn hätten verhindern können, haben Sie sich das gegen Steuererleichterungen für eine Gruppe eingetauscht, die es sich im Leben mit Staatsknete sowieso schon besonders behaglich eingerichtet hat, nämlich die Landwirte. Danke für die Lektion in angewandter Politik, Frau Bundeskanzlerin!

Bei der Gesundheitsreform, die Ihnen angeblich doch so sehr am Herzen lag, haben Sie sich offensichtlich an das Sprichwort Ihres ehemaligen Staatsratsvorsitzenden von Ochs und Esel erinnert: Mehr Sozialismus als in den jetzt bekannt gewordenen Maßnahmen war jedenfalls im deutschen Gesundheitswesen nie.

Waren Sie das mit dem “mehr Freiheit wagen”? Entschuldigen Sie, aber ich möchte Sie dringend bitten, wenigstens ihre scheinliberale Rhetorik einzustellen - sonst könnte man noch meinen, Sie hielten die Deutschen für grunddebil. Bekennen Sie sich meinetwegen zum Ahlener Programm und tun Sie, was man als Repräsentant eines Verteilungsstaates eben so tut: besteuern, verbieten, regulieren, fordern, mahnen, Schulden machen. Aber verschonen Sie uns zukünftig mit dem Geschwätz aus Ihrer Marketingabteilung. Danke.

Mit freundlichen Grüßen

Rayson

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12 Kommentare zu “Nicht abgeschickter Brief an die Bundeskanzlerin”

  1. 26.05.2006 | 19:13

    Im Grunde ist der Brief ja abgeschickt :-)

    Ansonsten volle Zustimmung!

  2. 26.05.2006 | 21:04

    Das Dumme ist: Frau Merkel handelt ökonomisch vollkommen rational. Eine andere Politik wollen die Wähler nicht. Ich will sie zwar, Du sicher auch, aber wir sind nicht genug.

  3. Parker8
    26.05.2006 | 22:19

    Wenn man bedenkt, dass Merkel (und Müntefering) beim DGB als schlimme Kapitalistenbüttel behandelt, und durch Sie hier als schlimme Sozialistin gebrandmarkt wird — dann könnte man ja auf die Idee kommen, dass sie es bis jetzt vielleicht gar nicht so falsch getroffen hat.

  4. der gute don
    26.05.2006 | 22:24

    ähem @dirk, ökonomisch rational? jetzt bin ich aber mal gespannt?

  5. 26.05.2006 | 22:26

    Angela Merkel wird nicht gebrandmarkt. Sie wird an dem gemessen, das sie mal verkündet und vertreten hat …

  6. Parker8
    26.05.2006 | 22:34

    @der gute don

    Dirk meint: ökonomisch rational im Rahmen des Rational Choice Ansatzes (aka Public Choice oder Neue Politische Ökonomie).

  7. 26.05.2006 | 23:52

    @Parker8

    dann könnte man ja auf die Idee kommen, dass sie es bis jetzt vielleicht gar nicht so falsch getroffen hat

    Nur der, der die Mitte zwischen 20 Grad und 100 Grad Celsius für eine angenehme Temperatur hält.

    Im Übrigen bin ich mir fast sicher, dass sie in den von mir angesprochenen Punkten den Beifall des DGB sicher hat.

  8. 26.05.2006 | 23:56

    @Dirk, Parker8

    Ich hätte ja nichts dagegen, wenn ein Einklang zwischen Politik und Rhetorik besteht. Nur ärgert es mich, wenn Politiker meinen, ihre Wähler verarschen zu dürfen.

  9. 27.05.2006 | 1:11

    @Rayson

    Ärgert mich auch (Wobei ich Frau Merkel immer noch sehr viel zutraue und meine Hoffnungen nicht aufgebe.), aber blöderweise stört es nicht genügend Leute. Wenn jemand, der die Wahrheit sagt nicht gewählt würde, kann man ihm das Flunkern nicht vorwerfen. Politiker sind Deligierte und können nicht Sachen beschliessen, die das Volk nicht will.

  10. Nex
    27.05.2006 | 2:15

    @Dirk: a) können sie das und b) was viel, viel schlimmer ist, ist das das Volk so auch wollte! Und damit muss man sich in Dt. wohl leider abfinden. Man braucht nur mit Leuten zu diskutieren und das Traurige ist, dass sie eigentlich alle gleich sind: „Wir wollten, dass alles so bleibt und sollte es wieder so sein wie Ende der 80er.“ Das einzige was hilft ist letztendlich auswandern - und zwar am besten nicht nur aus Dt. sondern auch aus der EU. Was bleibt? Schweiz oder USA, Australien, Neuseeland und vielleicht Taiwan…

  11. 27.05.2006 | 13:38

    @Nex

    Verdammt, das denke ich auch immer wieder.

  12. 27.05.2006 | 22:48

    Abschicken! Unfrankiert.

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