Drei Links für MomoRules

Im Verlauf einer der Diskussionen mit MomoRules habe ich auf die Schnelle drei Links ausgegraben, um seinem geäußerten Bedarf nach Quellen meiner Behauptungen nachzukommen, dass

  1. Kinderarbeit nichts mit Kapitalismus, sondern etwas mit Armut zu tun hat und generell auf dem Rückzug ist
  2. Armut weltweit zurückgeht

Zum Thema Kinderarbeit war dies die relativ aktuelle Meldung der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), die vom Rückgang der Kinderarbeit berichtet. Nun sollte man vielleicht wissen, dass diese Organisation sich aus Vertretern von Regierungen sowie Arbeitnehmer- und Arbeitgeberverbänden zusammensetzt und man dort schon daher mit einer gewissen Staatsnähe zu rechnen hat. Deshalb sind Äußerungen von Funktionären der ILO, wie sie MomoRules in seiner Kommentierung aus dem Link heraus zitiert, auch alles andere als überraschend. Aber man kann in den beiden von mir gelieferten Links zu dieser Meldung (einer von der Basler Zeitung, einer von n-tv) auch Anderes lesen (im Folgenden zitiert aus der Basler Zeitung):

Besonders prekär ist die Situation im südlichen Afrika, wo Kinderarbeit sogar gestiegen ist. Ein hohes Bevölkerungswachstum, HIV/Aids und Armut haben dort den Fortschritt verhindert.

Besondere Erfolge erzielte Brasilien. Von 1992 bis 2004 ging dort die Arbeit von Kindern um etwa zwei Drittel zurück. Gründe dafür sind nach Einschätzung von Günther ein hohes Bewusstsein in der Regierung. So seien beispielsweise soziale Transferprogramme für die Ärmsten an den Schulbesuch ihre Kinder geknüpft.

Grosse Herausforderungen liegen nach Einschätzung der Organisation auch im Landwirtschaftssektor, denn dort sind sieben von zehn arbeitenden Kindern beschäftigt. (Hervorhebung von mir)

Halten wir fest: Kinderarbeit ist ein Symptom von Armut und tritt insbesondere in den Ländern auf, an denen die Globalisierung weitgehend vorbeigelaufen ist. Um Kinderarbeit zu bekämpfen, muss man zuerst das Problem der Armut ihrer Eltern lösen (wie es Brasilien anscheinend ansatzweise vorgemacht hat). Das war meine These, und ich sehe keinen Widerspruch zur ILO-Meldung.

Wo MomoRules anhand eines anderen Zitats feststellt, dass Politik und starke Wirtschaft ergänzend gewirkt hätten, muss ich dann doch die Nachfrage stellen: Wer ergänzt da wen? Denn das war meine zweite These: Demokratische Institutionen können dafür sorgen, dass Wohlstand in grundlegende Infrastruktur investiert wird, aber dazu muss dieser Wohlstand erst geschaffen werden. Wie MomoRules anhand dieser These dazu kommt, über einen “Verzicht auf Politik” zu sinnieren, ist mir nicht ganz verständlich. Aber gegen eine ganz bestimmte Politik wende ich mich schon, nämlich die, unter Verweis auf “Sozialstandards” den armen Ländern ihre Wettbewerbsfähigkeit zu nehmen und somit die Entwicklungschancen zu verbauen. Die besten “Standards”, die die reichen Ländern den armen nahelegen können, sind die eines demokratischen Rechtsstaats (der ohne Handlungsfreiheit übrigens nicht denkbar ist).

Zur Entwicklung der weltweiten Armut gibt es einige Quellen, und ich fand damals schon die animierte Darstellung der Weltbank ganz instruktiv. MomoRules nimmt das nicht als Beleg meiner Behauptung, sondern moniert gleich, dass dort nicht klar werde, woher die Zunahme des Wohlstands komme. Außerdem sage das nichts zur Einkommensverteilung innerhalb der einzelnen Gruppen (OECD-Länder, Lateinamerika, Asien, Afrika) selbst. Beides ist richtig, und über beides kann man reden, aber MomoRules möge mir verzeihen, dass ich diesen nicht ungeschickten Versuch, die Bestätigung meiner zweiten These durch das Aufmachen neuer Fässer zu relativieren, nicht ganz widerspruchsfrei hinzunehmen bereit bin.

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30 Kommentare zu “Drei Links für MomoRules”

  1. 31.05.2006 | 17:56

    Ich verzeihe Dir alles, Rayson ;-)

    So, wie Du das jetzt hier darstellst, haben wir aber auch gar keinen so großen Dissens …

    “Gründe dafür sind nach Einschätzung von Günther ein hohes Bewusstsein in der Regierung. So seien beispielsweise soziale Transferprogramme für die Ärmsten an den Schulbesuch ihre Kinder geknüpft.”

    Ja, sowas meine ich mit Sozialstandards … wenn’s in Brasilien erfolgreich war, warum dann nicht auch in Südafrika?

    Und, um auf die andere Diskussion zwischen lauter Männern, die alle keinen Sex haben, eins tiefer zu verweisen - als Verfechter demokratischer Rechtsstaatlichkeit sowie einer politischen Steuerung solcher Prozesse, in deren Rahmen sowas dann überhaupt erst denkbar ist, erweist Du Dich da (und nicht nur da) nicht gerade, pardonnez-moi …

    Auch die These, daß Wettbewerbsfähigkeit offensichtlich nur auf den Schultern der Schwächsten, die jeweils greifbar sind (zumindest in Zusammenhängen industrieller Fertigung oder aber der Landwirtschaft) generierbar ist, widerlegt das ja nicht - es sei denn, Politik interveniert. Daß die sonst gar nichts zu essen hätten, ist leider auch wahr.

    Was jetzt das Thema AIDS und die Rolle von profitorientierten Pharma-Konzernen betrifft, da muß ich noch mal recherchieren, um das andere Faß, welches wir bei mir gerade diskutieren, dann noch mal aufzumachen …

  2. 31.05.2006 | 18:26

    Es hat wohl nicht viel gebracht. MomoRules Diskussionsstil ist es “Hier an dieser Stelle ist die Welt ganz dreckig” zu schreien, um dann, wenn man sich zu ihm hinbewegt und erläutert, warum es dort eigentlich ganz in Ordnung ist, wieder zu brüllen “Aber dort drüben stinkt es”. Das macht er ihm Thread unten mehrmals, und auch hier wieder. Alternativ listet er eine Reihe von Philosophen auf.

  3. 31.05.2006 | 18:28

    “als Verfechter demokratischer Rechtsstaatlichkeit sowie einer politischen Steuerung solcher Prozesse, in deren Rahmen sowas dann überhaupt erst denkbar ist, erweist Du Dich da (und nicht nur da) nicht gerade”

    Ich bin gegen eine Überhöhung der Demokratie, richtig. Muss ich sein, weil ich Herrschaft prinzipiell ablehne, auch die der Mehrheit über die Minderheit. Da es in einigen, so eng wie möglich zu begrenzenden Bereichen, ohne Herrschaft aber nicht geht, ist dort die Demokratie das kleinere Übel.

  4. Parker8
    31.05.2006 | 18:30

    Demokratische Institutionen können dafür sorgen, dass Wohlstand in grundlegende Infrastruktur investiert wird, aber dazu muss dieser Wohlstand erst geschaffen werden.

    Das ist vielleicht etwas zu simpel. Man kann sich zum Beispiel die Frage stellen, warum England die Heimat der Industrialisierung war. Einer der Gründe war mit Sicherheit die Existenz einer umverteilenden Institution wie es das Poor Law war.

    Eine Studie dazu (Why England? Demand, Growth and Inequality during the Industrial Revolution) kommt zu dem Ergebnis:

    Industrialization was the result of having a critical mass of consumers that is ‘rich enough’ to afford (potentially) mass-produced goods.

  5. 31.05.2006 | 18:42

    @Parker8

    Ohne konkret auf die Studie eingehen zu wollen: Das widerspricht meiner Behauptung nicht, im Gegenteil.

    Umverteilung setzt eben erstmal Wohlstand voraus. Im konkreten Fall einen geringen, der dann - wenn man der Studie glaubt - durch Umverteilung den Prozess zur Entstehung eines höheren ermöglichte.

  6. 31.05.2006 | 18:55

    “Umverteilung setzt eben erstmal Wohlstand voraus. Im konkreten Fall einen geringen, der dann - wenn man der Studie glaubt - durch Umverteilung den Prozess zur Entstehung eines höheren ermöglichte.”

    Wahnsinn. Dieses Wort aus dem Munde eines Liberalen… Wie würde eine meiner Schülerinnen sagen: “Ich kann net fassen!”

  7. 31.05.2006 | 19:03

    @dointime

    In deiner Begeisterung hast du den Einschub “- wenn man der Studie glaubt -” überlesen ;-) Mir ging es hier nur um die Kompatibilität zu meiner These, nicht um die Aussage selbst.

  8. 31.05.2006 | 19:04

    @Parker8

    Wenn du die Quicktags nutzt, das Linkziel bitte nicht nochmal in Kommata angeben - das macht das Plugin selbst.

    Ansonsten funktioniert der Link nicht.

  9. Parker8
    31.05.2006 | 19:30

    @Rayson
    Tja, der zweite Link klappt, der erste nicht. Ich hab das händisch gemacht. Und zwar in diesem Fall sogar in einem Editor, sodass ich die Quelle jetzt noch sehe: Beide syntaktisch identisch. Kurios.

  10. 31.05.2006 | 21:01

    Wahnsinn. Dieses Wort aus dem Munde eines Liberalen… Wie würde eine meiner Schülerinnen sagen: “Ich kann net fassen!”

    Diesem Phänomen könntest du des Öfteren begegnen. Ich bin auch liberal und bin auch für Umverteilung.

    Einzige Vorraussetzung: Freiwilligkeit.

    Es ist absurd anzunehmen Liberale wären gegen soziales Engagement. Die liberale Alternative zum bürokratischen Sozialstaat sind eben private Institutionen.

  11. 31.05.2006 | 21:06

    @Parker8

    Welcher zweite Link? Den in diesem Faden hatte ich übrigens bereits korrigiert. Es lag definitiv an den Anführungszeichen.

  12. 31.05.2006 | 23:54

    Matthias schrieb: Es ist absurd anzunehmen Liberale wären gegen soziales Engagement. Ja. Und es ist einfach traurig, dass man das jeden Tag so oft wiederholen muss.

    Die erste liberale Alternative zum bürokratischen Sozialstaat könnte sogar ein bürokratiereduzierter Sozialstaat sein, der allen weniger Fesseln anlegt und mehr Freiräume lässt.

  13. 1.06.2006 | 7:50

    @Matthias B.
    “Diesem Phänomen könntest du des Öfteren begegnen. Ich bin auch liberal und bin auch für Umverteilung.
    Einzige Vorraussetzung: Freiwilligkeit.”

    Das Wort Umverteilung wird aber im Allgemeinen dann benutzt, wenn der Staat sie vornimmt.

    @Stefanolix
    “Matthias schrieb: Es ist absurd anzunehmen Liberale wären gegen soziales Engagement. Ja. Und es ist einfach traurig, dass man das jeden Tag so oft wiederholen muss.”

    Ich habe mit meinem Kommentar nicht das soziale Engagement von Liberalen in Frage gestellt, sondern war verwundert über die vermeintliche Zustimmung zu Umverteilung im oben genannten Sinn. Das Problem, dass ich mit dem liberalen Verständnis von sozialem Handeln habe, ist nicht, dass es nicht vorhanden ist, sondern dass es bei diesem Modell letzten Endes von der Großzügigkeit der besser verdienenden abhängt, ob Arbeitslose und andere Unterstützungsbedürftige menschenwürdig leben können oder nicht - bzw. bei den Libertären überhaupt leben dürfen. Und da ist meiner Ansicht nach die Abhängigkeit von staatlichen Leistungen die kleinere Unfreiheit.

  14. 1.06.2006 | 8:56

    @dointime:
    Genau diese Abhängigkeit von staatlichen Leistungen möchte ich minimieren. Wir haben in D eine Sozialbürokratie, die streng genommen nicht das geringste Interesse daran hat, ihre Klienten wieder freizugeben. Denn mit höheren Fallzahlen steigt auch die Anzahl der Posten in der Sozialbürokratie und steigt die Chance der bereits dort Beschäftigten auf Beförderung.

    Dieser Zustand ist eine Qual für den wirklich arbeitswilligen Teil der Betroffenen und für alle anderen Klienten, die für dieses System nicht abgebrüht genug sind. Er ist aber auch sehr unbefriedigend für alle, die jeden Tag ihre Leistung bringen und eigentlich Freude an ihrer Arbeit haben. Deshalb bin ich immer dafür gewesen, den arbeitswilligen Menschen größere Freiräume zu geben. Dazu gehört unbedingt eine freizügigere Zuverdienstregelung, die sich auf ein ganzes Jahr bezieht (und einiges andere).

    Nun aber zu den Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen nicht arbeiten /können/. Da wird immer der Begriff “menschenwürdig” in die Debatte geworfen. Ich kann aus diesem Begriff alles oder nichts machen. Die materiellen Leistungen (Lebensunterhalt, vollwertige Krankenversicherung, Wohnkosten, gewisse Zuschüsse) sind meiner Meinung nach objektiv menschenwürdig und nicht von der “Großzügigkeit der Besserverdienenden” (wie Du es nennst) abhängig.

    Subjektiv betrachtet kann man sich immer mehr wünschen, aber es ist die Frage, ob die Gesellschaft es sich leisten kann. Deshalb bin ich der Meinung, dass über die Grundsicherung hinaus vor allem Chancen eröffnet werden müssen, die den Abhängigen helfen, aus ihrer Abhängigkeit herauszukommen. Zwang halte ich für kontraproduktiv. Nutzt der Betroffene seine Chancen, geht es ihm schrittweise besser. Lässt er sie aus, bleibt er bei der Grundsicherung. Und nein, das ist nicht zynisch. Mit der selben Messlatte messe ich auch mich selbst.

    Ich bleibe aber bei meiner Überzeugung, dass zum Nutzen dieser Chancen echter Leistungswille notwendig ist und dazu reicht es nicht, um es mal etwas überspitzt zu sagen, mit dem PC hundert gleichartige Bewerbungen zu erstellen und auf Kosten des Arbeitsamts zu versenden.

    Es wird immer wieder darüber geklagt, dass es nicht genügend Arbeitsplätze für Menschen mit geringem Ausbildungsniveau gibt, aber wenn es denn jedes Jahr in die Ernte gehen soll, sind diese Jobs auch nicht gut genug. Ich habe neulich auf einer Dienstreise im Hotel einen Bericht über dieses leidige Spargelthema gesehen. Erfolgreich war eine Firma im Osten, wo Arbeitsagentur und Bauer gemeinsam mit Anreizen gearbeitet haben. Es waren zwar noch nicht ganz die richtigen Anreize, aber nur der Anreiz und nicht der Zwang hat die Mitarbeiter nachhaltig an die Arbeit gebracht. Erfolglos war eine Firma im Westen, wo die Arbeitsagentur einfach wahllos irgendwelche Leute zum Bauern geschickt hat. Am Ende war das kostbare Gemüse verdorben.

  15. der gute don
    1.06.2006 | 10:16

    Diesem Phänomen könntest du des Öfteren begegnen. Ich bin auch liberal und bin auch für Umverteilung. Einzige Vorraussetzung: Freiwilligkeit.

    An dieser Stelle ein kurze persönliche Erfahrung aus dem veruchten, bösen und kapitalistischen Land USA. Dort bracht man mich einmal beinahe aus der Fassung als man mich fragte, ob es stimme das die Deutschen so geizig seien und kaum etwas spenden. Natürlich kam ich erstmal ins stottern und musste auf die Krankenversorgung, Arbeitslosenhilfe etc. pp. hinweisen. Was ich in vier Wochen (12 Familien) beim Reisen erlebt habe, war eine unglaubliche Bereitschaft der Menschen zu spenden und ein wesentlich höherer Effizienzgrad der Spendengeldverwendung als ein Staat das jemals könnte. Aus dem einfachen Grund, das keiner mehr großzügig spendet, wenn er nicht das Gefühl hat das sein Geld effizient verwendet wurde.

    Die Linke stellt dogmatisch in den Raum, das es kein “private welfare” gibt, sondern nur der Staat sich um das “public welfare” kümmern kann. Solange die Menschen es nicht schaffen sich hier gedanklich zu bewegen, wird dem liberalen Gedankengut vermutlich nur mit Angst und Aversion begegnet werden.

  16. 1.06.2006 | 18:25

    @stefanolix
    “Denn mit höheren Fallzahlen steigt auch die Anzahl der Posten in der Sozialbürokratie und steigt die Chance der bereits dort Beschäftigten auf Beförderung.”
    Ja. Polizisten bekämpfen ja das Verbechen auch nicht, damit mehr Polizisten eingestellt werden und sie selber höhere Posten bekommen. Lehrer lehren ja auch nicht, damit das Bildungsproblem nicht gelöst wird. Müllmänner fahren auch immer nur die Hälfte des Mülls weg usw. usf. Ich gebe ja zu, dass die Effektivität der Arbeitsämter in den Fällen, die ich persönlich kenne, zu wünschen übrig lässt, aber diese Argumentation kommt mir doch ein bisschen seltsam vor.

    “Die materiellen Leistungen (Lebensunterhalt, vollwertige Krankenversicherung, Wohnkosten, gewisse Zuschüsse) sind meiner Meinung nach objektiv menschenwürdig und nicht von der “Großzügigkeit der Besserverdienenden” (wie Du es nennst) abhängig.”
    Ich sprach auch nicht von der gegenwärtigen Sozialhilfe, sondern von Sozialfällen in einem liberalen Nachtwächterstaat.

    Zum allzeit beliebten Spargel:
    Ja, an der Kritik gegenüber denen, die diese und ähnliche Arbeiten ablehnen, ist sicher was dran. Ich persönlich weiß aber auch von dem Fall eines Freundes, der einen Teilzeitjob in 60km und mehr Entfernung annehmen sollte, obwohl er keine brauchbaren Fahrmöglichkeiten hatte und natürlich mit Hartz 4 auch nicht die Mittel, um ein eigenes Auto zu unterhalten. Ich weiß nicht, ob beim Spargel genauso vorgegangen wird, aber wenn, kann ich verstehen, wenn keine begeisterte Reaktion erfolgt.

    “Die Linke stellt dogmatisch in den Raum, das es kein “private welfare” gibt, sondern nur der Staat sich um das “public welfare” kümmern kann. Solange die Menschen es nicht schaffen sich hier gedanklich zu bewegen, wird dem liberalen Gedankengut vermutlich nur mit Angst und Aversion begegnet werden.”
    Bei allem Lob für die amerikanische Spendenfreudigkeit: Die vielen Armen in den USA, die objektiv materiell schlechter gestellt sind als ihre deutschen Pendants, können sich von Spendenfreude allein auch keine medizischine Versorgung leisten. Aber die Taktik hat einen Vorteil: Die Reichen in Amerika haben ein ungleich besseres Gewissen als reiche Deutsche, wenn sie einen Teil der Steuerersparnisse, die ihnen zum Beispiel Herr Bush geschenkt hat, spenden können, während die deutschen zwar mehr bezahlen, aber sich kein gutes Gewissen leisten können, weil sie es ja wegen dem Finanzamt tun müssen.

    War natürlich überspitzt formuliert, aber ganz falsch ist es sicher nicht.

  17. 1.06.2006 | 18:34

    Nur damit nichts falsch verstanden wird: Ich finde das geringe Spendenaufkommen in Deutschland peinlich und schlimm für die, bei denen diese Spenden fehlen.

    Nett übrigens:
    http://www.zeit.de/2003/40/Spenden

  18. 1.06.2006 | 22:19

    @dointime
    Tatsache ist: die Anzahl der Polizisten sinkt, viele Lehrer in Sachsen wurden auf 75%- oder 80%-Stellen mit gekürzter Bezahlung gesetzt, die Müllmänner haben ihre festen (und recht harten) Normen.
    Die Sozialbürokratie wächst aber messbar. Hier in Dresden werden wegen der steigenden Zahl der Hartz-IV-Empfänger gerade neue Angestellte gesucht und möglicherweise muss auch neuer Büroraum gesucht werden. Dabei war die Effektivität der Arbeit der Arbeitsämter schon vor der Reform sehr schlecht. Etwa 10.000 der 100.000 Angestellten bei der Arbeitsagentur gehören zur internen Verwaltung. So finde ich, dass meine Bemerkung schon einen gewissen Hintergrund hat. Sie sperren sich mit Händen und Füßen gegen eine Effektivierung ihrer Arbeit und verwalten vorwiegend das Elend. Und jede Bemühung eines Arbeitslosen, sich selbst aus dieser Misere zu befreien, müsste eigentlich belohnt oder gefördert werden.

  19. 1.06.2006 | 22:44

    @stefanolix

    Ich glaube, es ist weniger die Bürokratie als die Politik selbst, die bürokratische “Lösungen” bevorzugt. Wir haben eine Umwidmung der Staatsaufgaben erlebt: Für das, was man als klassische Staatsaufgaben bezeichnen würde, scheint der heutige Wohlfahrtsstaat relativ immer weniger Mittel bereitzustellen bzw. die Aufgaben nur höchst unzureichend zu erfüllen: Infrastruktur, Polizei, Justiz, Landesverteidigung.

    An die Stelle dessen tritt immer mehr die Versorgung einer nicht arbeitenden Mehrheit: Arbeitslosengeld, ALG II, Rente, Kindergeld, Elterngeld…

  20. 1.06.2006 | 23:19

    Wenn man aber die Ausgaben für Infrastruktur, Polizei und Bildung kürzt: was passiert dann in Kürze? Die Versorgung der nicht arbeitenden Teile der Bevölkerung wird sich verschlechtern, weil wichtige Grundlagen dafür fehlen.

    Also /muss/ man dieses Sozialsystem reformieren. Also /muss/ man mehr passive Leute in Arbeit bringen. Wenn das aber immer wieder von einem Klagegesang und endlosen Diskussionen begleitet wird, dann wird daraus nichts mehr. Wir lassen uns von Selbstzweifeln zerfressen, statt in einer ehrlichen Analyse den Ist-Zustand aufzunehmen und dann überlegt anzupacken (ja, auch an den Stellen, wo es wehtut).

  21. 1.06.2006 | 23:38

    Nunja, da die Kriminalität sinkt und die Aufklärungsquote steigt sind wohl die Kürzungen bei Polizei und Justiz verkraftbar. Bei der Landesverteidigung könnte man noch weiter sparen: Abschaffung der Wehrpflicht, keine aufwändigen Auslandseinsätze. In Bildung wird momentan wieder mehr reingesteckt. Und die Infrastruktur? Wo soll man denn da noch groß investieren? Noch mehr Autobahnen?

    Wirklich zu blöd, dass Arbeitslose, Rentner und Kinder nicht arbeiten wollen … aber sollen sie deswegen gleich verhungern? *stichel*

  22. 1.06.2006 | 23:56

    Achja, Klaus, natürlich kann ich mich mit 6,39 Millionen Kriminalitätsfällen im Jahr abfinden und trotz eines Anstiegs der Körperverletzungen um 5% nach weniger Polizei rufen.

    Natürlich kann ich, wo gerade kein Feind anklopft, die Ausrüstung der Bundeswehr vermodern lassen und alles Geld in die Auslandseinsätze stecken.

    Und natürlich kann ich es normal finden, dass nicht nur unsere Autobahnbrücken irgendwann nicht mehr befahrbar sein werden, sondern dass sich die Baufälligkeit auf Straßen, in Schulgebäuden und überhaupt in allem, was die öffentliche Hand eigentlich in Schuss halten sollte, abzeichnet.

    Aber ein Staat, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, den Arbeitenden das Geld zu Gunsten der Nichtarbeitenden abzunehmen, der wird es nicht lange tun. Und dass in einem Land die Mehrheit der Menschen nicht arbeitet, das finde ich alles andere als normal.

  23. 2.06.2006 | 0:15

    Ich finde mich keineswegs mit Kriminalität ab, ich glaube nur, dass unsere Polizei effizient arbeitet und Kriminalität auch weiterhin abnimmt (aus demographischen Gründen).

    Es werden auch in Zukunft keine Feinde anklopfen und bei Staaten wie dem Iran ist eine abgespeckte Bundeswehr auch nicht schlimm, dann hat die Appeasementpolitik wenigstens einen triftigen Grund.

    Und Autobahnen und Schulen gehören ohnehin privatisiert, oder?

    “… Arbeitenden das Geld zu Gunsten der Nichtarbeitenden abzunehmen ….” - also andersherum wäre es ja nun wirklich peinlich ;-)

  24. 2.06.2006 | 0:37

    Klaus, aus perönlichen Erlebnissen heraus bezweifle ich deine optimistische Einstellung, was die Kriminalität betrifft. Tatsächlich haben es auch viele Menschen bereits aufgegeben, mit ihrem Kriminalitätsproblem zur Polizei zu gehen (sofern keine Versicherung das formal erzwingt), weil sie sich der Nutzlosigkeit dieser Handlung bewusst sind.

    Und dass in Zukunft dieses Land nicht durch äußere Feinde bedroht sein wird - nun, das stimmt, wenn man es fatalistisch sieht und das Ende allein durch die Entwicklungen im Inland heraufbeschworen sieht, aber ansonsten wäre es das Ergebnis einer Prophetiegabe, die meines Erachtens erstmal zu belegen wäre.

    Und Autobahnen und Schulen gehören ohnehin privatisiert, oder?

    Sind sie aber nicht.

    “… Arbeitenden das Geld zu Gunsten der Nichtarbeitenden abzunehmen ….” - also andersherum wäre es ja nun wirklich peinlich ;-)

    Es ist in jeder Richtung peinlich.

  25. 2.06.2006 | 7:04

    @Klaus:
    Bildung, Sicherheit und Infrastruktur sind doch aber Voraussetzungen für den wirtschaftlichen Erfolg und damit letztlich auch für die Versorgung derer, die wirklich auf Transferleistungen angewiesen sind. Wenn man an Investitionen in Bildung, Sicherheit und Infrastruktur spart, dann sägt man also am eigenen Ast. Deshalb muss man mehr Menschen aus der Abhängigkeit von Transferleistungen befreien.

    Zur Polizei: Die Statistik ist das eine, die wirkliche Gefährdung durch Kriminalität ist das andere. Und sollten wirklich etwas weniger Kriminalfälle angefallen sein, dann muss Prävention auf der Tagesordnung stehen. Einen Polizeistaat haben wir mit Sicherheit nicht und mir wird auch zu oft von diesen “no-go-areas” gesprochen.

    Zum Schulwesen: Zumindest die Prüfung aller Schüler (einschließlich der Abiturienten) sollte zentral erfolgen, um Unabhängigkeit und Qualität zu sichern. Und dass die Schulen nicht weiter kaputtgespart werden dürfen, sieht jeder, der Kinder in der Schule oder kurz vor der Schule hat (bei mir ist beides der Fall).

    Auf den Gebieten Bildung und Verkehrs-Infrastruktur könnte ich mir Modelle in privater und öffentlicher Partnerschaft vorstellen.

  26. dointime
    2.06.2006 | 7:34

    “Zur Polizei: Die Statistik ist das eine, die wirkliche Gefährdung durch Kriminalität ist das andere.”
    Es wäre allen geholfen, wenn das Geld für Polizei und Krankenhäuser nicht für das Führen von Statistiken ausgegeben würde. Soweit ich das von Menschen aus meiner Umgebung sagen kann, ist das tatsächlich ein großes Problem.

    “Ich glaube, es ist weniger die Bürokratie als die Politik selbst, die bürokratische “Lösungen” bevorzugt.”
    D’accord.

    “Zum Schulwesen: Zumindest die Prüfung aller Schüler (einschließlich der Abiturienten) sollte zentral erfolgen, um Unabhängigkeit und Qualität zu sichern.”
    Das sichert nicht die Qualität des Unterrichts, sondern vor allem das sture Lernen der Fakten A bis 29bII sowie weniger strenge Bewertung vorhergehender Klausuren und der Abiklausuren selbst. Höhere Qualität dürfte kaum die Folge sein.

    Wiki-Nachtrag zur USA und deren Spendenbereitschaft:
    “Die USA ist das Land mit der größten Spendentradition. Hier werden pro Jahr knapp 250 Mrd Dollar gespendet. Das sind pro Einwohner etwa 860 Dollar. Etwa ein Drittel der gesamten Spenden kommt jedoch von Unternehmen. Ein großer Teil der Gelder kommt der Bildung und medizinischer Forschung zugute. Nur etwa 10 Prozent fließen in die Armutslinderung.”
    Mit 25 Milliarden $ lässt sich in einem Land wie den USA kein soziales Netz finanzieren.

  27. der gute don
    2.06.2006 | 9:08

    Mit 25 Milliarden $ lässt sich in einem Land wie den USA kein soziales Netz finanzieren.

    Es sind ja dann wohl auch 250 Mrd $ und keine 25?

  28. der gute don
    2.06.2006 | 9:10

    und btw, es gibt staatliche Arbeitslosenhilfe in den USA. Sie ist lediglich beschränkt auf 5 Jahre.

  29. 2.06.2006 | 10:38

    Bildung, Sicherheit und Infrastruktur sind doch aber Voraussetzungen für den wirtschaftlichen Erfolg - ich nehme dies mal so hin, aber die Frage sei schon gestellt wieviel Geld du in diese Systeme reinschütten willst. Und wo bleibt bei dir eigentlich die Forschung? Und du müsstest mir erklären warum die USA wirtschaftlich so stark sind, obwohl sie in diesen drei Bereichen - in regional unterschiedlicher Ausprägung - so viele Schwächen hat. Weil so viele Bereiche wie Energieversorgung, Telekommunikation, Post, etc nicht mehr Staatsaufgaben sind, warum sollte da nicht bei den Investitionen gespart werden. Gerade im Osten gab es so viele “Investitionen”, die nichts als Milliardengräber wurden, wenn da das Geld etwas knapper wird, wird man sich wieder auf das wesentliche konzentrieren.

    Zur Polizei: Die Statistik ist das eine, und Bildzeitung lesen das andere. Die gefühlte Kriminalität ist sicher höher als die reale. Aber gerade die “no-go-areas” wären die Ausnahme, wo mehr Polizeistreifen durchaus angebracht sein könnten.

  30. 2.06.2006 | 13:36

    @Klaus
    Ich bin noch nie in Verbindung mit BILD-Lektüre gebracht worden, vielen Dank für die neue Erfahrung … Ich hatte bereits angedeutet, dass Liberale keinen Polizeistaat wollen. Aber leider ist ein gewisses Maß an Staat notwendig, um die innere Sicherheit zu gewährleisten.

    Natürlich gehört Forschung genauso wie Bildung, Sicherheit und Infrastruktur zu den Voraussetzungen. Ich will da kein Geld “hineinschütten”, sondern angemessen investieren. Wir leben momentan mit gigantischen Schulden und stark verminderten Investitionen. Nur mit Tricks bleibt der Haushalt verfassungsgemäß. Das kann doch nicht gesund sein.

    Es gibt im Osten wie im Westen Investitionsruinen und ein Teil der verbauten Geldsummen geht zu Lasten der Haushalte von Bund, Ländern und Kommunen. Aber das sind “versunkene” einmalige Kosten, die man jetzt also nicht mehr bejammern sollte. Man kann daraus nur lernen, wie man es besser machen muss.

    Im Unterschied dazu belasten uns aber die Kosten für eine ausufernde Bürokratie (und deren Folgen) dauerhaft. Hier wird also nicht ein einzelner Fehler gemacht (falsche Investition gefördert), sondern ein Fehler immer weiter mitgeschleppt. Mit fatalen Folgen.

    Nein, ich denke nicht, dass es die wesentliche Aufgabe eines Staates ist, Geld anmöglichst viele bedürftige Bürger zu verteilen. Ich denke, dass das Land auf nachhaltige Weise zukunftsfähig und stabil gehalten werden muss. Auf dieser Basis kann man beginnen, nach Lösungen zu suchen. Aber wenn man weiter Milliardenschulden aufhäuft, um möglichst viel Geld verteilen zu können, dann ist das weder nachhaltig gedacht noch macht das unser Land zukunftsfähig.

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