4. Juni 2006
Der Link in seinen religiösen Zusammenhängen
Er war der Geburthelfer dessen, was wir heute als “Internet” kennen, obwohl das im Grunde viel mehr umfasst als nur das “World Wide Web”, das uns auch fast nur noch als Dreibuchstaben-Hostname begegnet: Der Hyperlink, kurz: Link.
Dadurch wurde eine Vernetzung möglich, die den Charme des Mediums erst ausmachte. Aber die ersten Spielverderber ließen nicht lange auf sich warten. In Deutschland musste es sich natürlich um Juristen handeln, konkret um das Landgericht Hamburg, das nach seinem Urteil die Ehre hatte, in zigtausend sogenannten “Disclaimern” ohne jede positive Rechtswirkung genannt zu werden.
Ein positives Urteil für den Link kam hingegen vom BGH mit seinem berühmten “Paperboy”-Urteil, das auch heutige Versuche klagewütiger Internet-Analphabeten, sich vor fremden Links zu schützen, aussichtslos erscheinen lässt.
Das waren sozusagen die Zeiten der frühen “Linksetzer”-Verfolgung, und wie wir alle wissen, folgt auf die Zeit der religiösen Verfolgung die der Staatsreligion. Ich habe den Übergang etwas verpasst, aber in Teilen der Blogosphäre, die überwiegend da angesiedelt ist, wo der Daumen rechts ist, hat die Linksetzung ungefähr den Status einer Priesterweihe nach römisch-katholischem Verhältnis erhalten: Durch das Handauflegen (Linksetzung) des Bischofs (bekannten Blogs) erhält der Kandidat (andere Blog) das Sakrament (die positive Bewertung).
So wie die römisch-katholische Kirche die Meinungs- und Gewissensfreiheit ihrer Gläubigen in die rechten Bahnen zu lenken versucht, so muss nach dieser Auffassung auch die Blogosphäre der Aufrechten Anfälle von Häresie und Wankelmut mit inquisitorischen Mitteln bekämpfen. Ein selbsternannter Klerus wacht mit Argusaugen über die Blogrolls, und sobald Exkommunizierte dort auftauchen, nimmt das Verfahren der peinlichen Befragung seinen Gang und die Jungs mit den Kapuzen werden von der Leine gelassen. Letztlich wird hier sogar die gute alte Tradition des Bilderverbots fortgesetzt: Dem einsamen, nicht durch den Klerus beaufsichtigten Surfer ist es verboten, sich ein Bild zu machen.
Trotz teilweise christlicher Zersetzung ist das Autorenkollektiv “Bürgersonne”, das auf diesem Blog schreibt, liberal genug, um dem römisch-katholischen Kirchenverständnis kritisch gegenüberzustehen. Wir gehen bis zum Beweis des Gegenteils davon aus, dass wir es mit denkenden Menschen zu tun haben, die allein darüber entscheiden können, welche Meinungen sie wie zu bewerten haben. In unserer Blogroll stehen Blogs, die von uns öfters aufgesucht werden, aber darunter sind auch welche, deren Beiträgen wir nur sehr selten zustimmen können. Wer auch immer einen dieser Blogs, den wir da stehen haben, exkommunizieren möchte, kann sich unserer Missachtung sicher sein.
Und ich bin kurz davor, als Zeichen der Solidarität unter Linksetzern und des Widerstands gegen Möchtegern-Inquisitoren, einen bestimmten Blog dort aufzunehmen, den ich so gut wie nie besuche.
Verfasst von Rayson um 18:01 Uhr in der Kategorie In eigener Sache, Politik (Trackback)