Der Link in seinen religiösen Zusammenhängen

Er war der Geburthelfer dessen, was wir heute als “Internet” kennen, obwohl das im Grunde viel mehr umfasst als nur das “World Wide Web”, das uns auch fast nur noch als Dreibuchstaben-Hostname begegnet: Der Hyperlink, kurz: Link.

Dadurch wurde eine Vernetzung möglich, die den Charme des Mediums erst ausmachte. Aber die ersten Spielverderber ließen nicht lange auf sich warten. In Deutschland musste es sich natürlich um Juristen handeln, konkret um das Landgericht Hamburg, das nach seinem Urteil die Ehre hatte, in zigtausend sogenannten “Disclaimern” ohne jede positive Rechtswirkung genannt zu werden.

Ein positives Urteil für den Link kam hingegen vom BGH mit seinem berühmten “Paperboy”-Urteil, das auch heutige Versuche klagewütiger Internet-Analphabeten, sich vor fremden Links zu schützen, aussichtslos erscheinen lässt.

Das waren sozusagen die Zeiten der frühen “Linksetzer”-Verfolgung, und wie wir alle wissen, folgt auf die Zeit der religiösen Verfolgung die der Staatsreligion. Ich habe den Übergang etwas verpasst, aber in Teilen der Blogosphäre, die überwiegend da angesiedelt ist, wo der Daumen rechts ist, hat die Linksetzung ungefähr den Status einer Priesterweihe nach römisch-katholischem Verhältnis erhalten: Durch das Handauflegen (Linksetzung) des Bischofs (bekannten Blogs) erhält der Kandidat (andere Blog) das Sakrament (die positive Bewertung).

So wie die römisch-katholische Kirche die Meinungs- und Gewissensfreiheit ihrer Gläubigen in die rechten Bahnen zu lenken versucht, so muss nach dieser Auffassung auch die Blogosphäre der Aufrechten Anfälle von Häresie und Wankelmut mit inquisitorischen Mitteln bekämpfen. Ein selbsternannter Klerus wacht mit Argusaugen über die Blogrolls, und sobald Exkommunizierte dort auftauchen, nimmt das Verfahren der peinlichen Befragung seinen Gang und die Jungs mit den Kapuzen werden von der Leine gelassen. Letztlich wird hier sogar die gute alte Tradition des Bilderverbots fortgesetzt: Dem einsamen, nicht durch den Klerus beaufsichtigten Surfer ist es verboten, sich ein Bild zu machen.

Trotz teilweise christlicher Zersetzung ist das Autorenkollektiv “Bürgersonne”, das auf diesem Blog schreibt, liberal genug, um dem römisch-katholischen Kirchenverständnis kritisch gegenüberzustehen. Wir gehen bis zum Beweis des Gegenteils davon aus, dass wir es mit denkenden Menschen zu tun haben, die allein darüber entscheiden können, welche Meinungen sie wie zu bewerten haben. In unserer Blogroll stehen Blogs, die von uns öfters aufgesucht werden, aber darunter sind auch welche, deren Beiträgen wir nur sehr selten zustimmen können. Wer auch immer einen dieser Blogs, den wir da stehen haben, exkommunizieren möchte, kann sich unserer Missachtung sicher sein.

Und ich bin kurz davor, als Zeichen der Solidarität unter Linksetzern und des Widerstands gegen Möchtegern-Inquisitoren, einen bestimmten Blog dort aufzunehmen, den ich so gut wie nie besuche.

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11 Kommentare zu “Der Link in seinen religiösen Zusammenhängen”

  1. 4.06.2006 | 18:23

    Der Artikel ist gut und nachdenkenswert. Für unsere Blogroll würde ich aber trotzdem Paulus zitieren: Prüft aber alles, und das Gute behaltet. (Erster Brief an die Thessalonicher).

  2. 4.06.2006 | 18:24

    Merci :-)

    Keine Sorge, als Ex-Schachspieler halte ich es auch mit dem Spruch: “Eine Drohung ist stärker als ihre Ausführung”.

  3. 4.06.2006 | 23:24

    Da war noch die Sache mit der Google-Bewertung, die viel mit der Frage der Verlinkungen zu tun hat. Da war außerdem noch die Sache, dass eine Linksetzung auch als Empfehlung verstanden wird (und auch, wenn viele Blogs auf meiner Blogroll eine andere Meinung vertreten, empfehle ich doch die meisten von ihnen als interessanten Lesestoff).

    Beide Bedenken wischst du mit einem “ist mir egal” beiseite. Sehr individualistisch, aber dann diejenigen, die sich dieser Tatsachen bewusst sind (und nach ihnen handeln), als inquisitorische Kapuzenträger zu bezeichnen, finde ich auch nicht in Ordnung.

    Du hast mir viel zum Nachdenken gegeben, was meine eigenen, etwas radikalen, Impulse in Bezug auf die Blogroll angeht. Dass du die andere Seite der Debatte offenbar gar nicht bedenkenswert findest, ist sehr schade.

  4. 4.06.2006 | 23:34

    @Karsten

    Google-Bewertung “ist mir egal”? Stimmt.

    Gegen das grundsätzliche Verständnis einer Linksetzung als Empfehlung wehre ich mich aber tatsächlich ausdrücklich und nicht im Sinne eines “ist mir egal”: Das führt zu besagten juristischen Problemen und zu besagten inquisitorischen Verfolgungen. Wenn jemand seine Links empfehlen will oder als Empfehlung verstehen will, sei ihm das unbenommen, nur wer gibt irgendwelchen Hobbyzensoren das Recht, das grundsätzlich auf alle anderen auszudehnen?

    “Die andere Seite der Debatte” wähnt sich schon so sehr selbst im Recht (”du verlinkst die, deswegen darf ich dich beliebig anpöbeln, diffamieren und bedrohen”), dass mal ein eindeutiger Gegenstandpunkt fällig war. Und sei es nur für mich zum Dampf ablassen.

  5. 4.06.2006 | 23:39

    Ich weiß nicht, ob die Vorteile der Links bei der Google-Bewertung noch so groß sind. Meiner Meinung nach wird das überbewertet.

    Sicher wird eine gegenseitige Linksetzung oft als Empfehlung verstanden, aber eben nur als Empfehlung und nicht als “Bündnis” oder als “Zusammenschluss zu einer Fraktion” oder gar als “vollständige Übereinstimmung” mit dem Linkpartner. Die inquisitorischen Kapuzenträger (um bei dieser Bezeichnung zu bleiben) überhöhen den Wert einer Verknüpfung per Link, um dann unpassende Links um so besser verdammen zu können.

  6. 5.06.2006 | 0:28

    @Rayson:
    Na gut, dann gehöre ich vielleicht nicht (mehr?) zu den Kapuzenträgern, ist das richtig? Immerhin pöbele ich nicht, diffamiere nicht und bedrohe nicht - ich stelle nur Fragen und gebe zu bedenken, ob das wirklich Blogs sind, die man öfter gelesen sehen will.

    Und wie ich schon vorher sagte: Linksetzung wird als Empfehlung verstanden. Dagegen kannst du dich zwar wehren, aber es ist nun einmal so (übrigens hoffe ich, dass der Link auf mich schon eine Empfehlung darstellt). Ich habe zwar begriffen, dass das bei dir nicht so sein muss, aber übe doch Nachsicht mit denen, die das nicht so schnell kapieren.

    Was ich noch einschieben will: Deine Segnungs-Analogie finde ich wirklich witzig. :)

    @stefanolix:
    Hat sich die Google-Policy so sehr geändert? Dann verstehe ich die steigende Bewertung unserer Site bei Google nicht…
    Was die Blockbildung angeht, so hoffe ich ja, dass sie schrumpft (oder besser noch durch eine Blockbildung nach argumentativer Qualität statt politischer Ausrichtung ersetzt wird). Da habe ich von Rayson schon einiges angenommen.

  7. 5.06.2006 | 6:53

    @Karsten: Ich will Rayson nicht vorgreifen, aber für mich hast Du nie zu den Kapuzenträgern gehört. Kannst Du Dich noch an die vielen Diskussionen über Links und Linkpolitik rund um Statler & Waldorf erinnern? Sie schwellen jetzt noch einmal richtig an, nachdem Statler das Blog “PI” aus der Blogroll genommen hat.

    Jetzt stelle ich mal meinen Glaubenssatz auf. Ein Link in der Blogroll signalisiert für mich folgendes: das verknüpfte Blog wird durch den Betreiber der Blogroll regelmäßig besucht und für interessant gehalten. Wer das Blog liest, zu dem die Blogroll gehört, kann das als Empfehlung auffassen.

    Der Kapuzenträger geht weit darüber hinaus und sagt: Wer ein Link in seine Blogroll aufnimmt, übernimmt damit eine moralische Mitverantwortung und steht inhaltlich voll hinter dem Inhalt der verlinkten Seite. Wenn die Betreiber der verlinkten Seiten Fehler machen oder Unsinn verbreiten, sind es in gewisser Weise auch die Fehler des Blogroll-Betreibers. Mehr noch: aufgrund von Links werden Bündnisse zwischen Blogs und sogar hierarchische Beziehungen unterstellt.

    Der Kapuzenträger überhöht also den Wert eines Links ins Unermessliche, um einen Vorwand für inquisitorische Untersuchungen und die daraus folgenden (moralischen) Verurteilungen zu haben. Und deshalb passt Raysons Metapher so schön: auch der Heiligen Inquisition ging es nicht um die Wahrheit oder um die Reinheit des Glaubens, sondern zuerst um die Verfolgung und Verurteilung Andersdenkender. Aber um Inquisition betreiben zu können, muss man die Wahrheit und den reinen Glauben vor sich her tragen.

    Von der Religion zurück zu Google: Natürlich verkenne ich nicht die Wichtigkeit von Links für die Einstufung bei Google. Aber sie gibt (IMHO) auch keinen Grund für eine Link-Inquisition her. Ich habe mich jedenfalls bei der Bewertung einer Seite noch nie vom Pagerank leiten lassen ;-)

  8. 5.06.2006 | 11:30

    @Karsten

    Du warst nicht gemeint. Wenn du bestimmte Sites nicht verlinken willst, weil du das als Empfehlung sehen würdest: o.k., ist doch dein Ding. Aber würdest du auch andere Blogs wegen deren Links inquisitorisch angehen? Ich glaube nicht.

    Stefanolix, der meinen Text richtig auf die aktuelle Debatte um die Links z.B. bei S&W bezogen hat, hat also alles Nötige dazu gesagt.

    Übrigens, ich unterscheide wie gewohnt feinsinnig zwischen Klerus und Kapuzenträger. Die einen geben die intellektuelle und moralische Richtung vor, die anderen machen die Schmutzarbeit.

  9. 5.06.2006 | 14:20

    Ich sehe in diesem Spiel zwar relativ wenig Kleriker und relativ viele Kapuzenträger, aber im Prinzip hast Du recht ;-)

  10. 5.06.2006 | 17:26

    Merkwürdig, wie naiv und politisch fahrlässig ich meine Blogroll zusammengestellt habe, einfach nach dem Prinzip “finde ich interessant, gefällt mir auch sonst”, ohne groß nach der politischen Ausrichtung oder der gesellschaftlichen Relevanz zu fragen. (Und schon gar nicht nach dem Rating bei Google oder Technorati.)
    Vielleicht sollte ich angesichts der neuerdings wieder verstärkt auftretenden Sandkastenspiele zumindest auf einen gewissen Sicherheitsabstand zwischen verfeindeten Bloggern achten.

  11. 5.06.2006 | 18:22

    @Martin:
    Zyniker. :)
    Dein Prinzip war “finde ich interessant, gefällt mir”, was man auch als “würde ich empfehlen” formulieren könnte, oder etwa nicht?
    Ich will da aber nicht weiter drauf herumreiten. Wie gesagt, ich habe da einiges überdacht und auch dazugelernt.

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