ALG II und der dummdreiste Staat

Die aktuelle Regierungskrise und ob sie eine ist - dazu nur das.

Aber das Thema, um das herum sie ausgebrochen ist, könnte ein instruktives sein. Das Ziel der Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe zum “Arbeitslosengeld II” im “Hartz IV”-Paket war erklärtermaßen, sowohl die damit zusammenhängenden Ausgaben zu reduzieren als auch mehr bisher Arbeitslose durch Anreize (”Fördern und Fordern”) in Arbeit zu bringen.

Man hat also das gemacht, womit für den Juristen die Sache erledigt ist: Man schneidert auf einen bestimmten erhobenen Istzustand ein Gesetz. Nun hat diese Baggage da draußen, gewöhnlich auch Volk genannt, eine unangenehme Eigenschaft, die schon ganz andere Planungskaliber zum Verzweifeln und zur Realitätsverdrängung gebracht hat: Sie passt sich auf neue Bedingungen durch neue Verhaltensweisen an. Folge: Keins der Ziele wurde erreicht.

Wie das funktioniert, welche Gedanken dabei eine Rolle spielen, welche der üblichen Verdächtigen da wieder absahnen und was an bisher Verdecktem alles plötzlich sichtbar wird, dazu gibt es auf FAZ.net einen schönen Artikel, den ich heute so schön passend zu meinem gestrigen Entschluss, etwas zum Thema zu bloggen, serviert bekam. Also kam es, wie es kommen musste, und die Ausgaben sind höher als erwartet (wo bleiben eigentlich die jubelnden Keynesianer?).

Die sozialdemokratische Politik unserer Regierung reagiert darauf wie jeder blauäugige Heuristiker: Viel hilft viel. Also laut “Missbrauch” gerufen und noch mehr Regeln auf den neuen Istzustand draufgesetzt. Wollen wir auf das Ergebnis wetten?

Im FAZ-Artikel wird auch etwas tiefer gebohrt und das “Anspruchsdenken” speziell der Deutschen als eigentliche Ursache solcher Entwicklungen kritisiert. Ein Sozialstaat könne so, ohne Rückgriff auf alte Regeln wie “Sittlichkeit und Anstand” nicht funktionieren. Auch wenn es mich an meine und daher natürlich richtige Argumentation in der Diskussion über die Basis einen Sozialstaats mit MomoRules in den Kommentaren zu diesem Eintrag erinnert, und auch wenn sich ein Anspruch, der auf Formalien basiert, eben schon durch nur reines Erfüllen solcher erwerben lässt, sehe ich den Schwerpunkt, wie vielleicht schon angedeutet, hier woanders.

Es geht um grundsätzliches Politik- bzw. Staatsversagen, im Kern um die “Anmaßung von Wissen” (Hayek). Wirtschaft und Gesellschaft werden nicht als dynamische und komplexe Systeme, sondern als statische Gebilde betrachtet, die entsprechend leicht zu steuern und zu lenken seien. Wer geglaubt hätte, durch die Ökobewegung sei ein solches Denken vielleicht etwas aus der Mode gekommen, irrt sich offensichtlich, soweit es den Staat und seine Institutionen betrifft. Dass auf den Beipackzetteln staatlicher Medizin auch immer “bewirkt bei Einnahme Anschwellen der Bürokratie” stehen muss, wollen wir dabei, weil schon zu gewohnt, sogar mal außen vor lassen.

Wie naiv muss eine Regierung sein, die mit einem Gesetz explizit bestimmte “Anreize” schaffen will, um nicht zu begreifen, dass nicht nur das so wirkt, was sie als solches gedacht hat, sondern auch alles andere? “Missbrauch” ja - aber in einem sehr, sehr subjektiven Sinn, nämlich die dreisten Menschen da draußen wagen es, ihre Handlungen über die vom Gesetzgeber angenommenen Reaktionsmöglichkeiten hinaus auszudehnen. Sie tun einfach Dinge, an die keiner gedacht hat. Unfassbar.

Es bleibt dabei: Ein Staat kann einen Rahmen setzen, sowohl institutionell als auch sozial. Aber eins kann er nicht: lenken, auch wenn er es mit allen Mitteln auf dem Weg zur Knechtschaft - den man im sich abzeichnenden Umgang mit ALG-II-Empfängern durchaus aufscheinen sehen kann - versucht. Dazu ist er zu dumm. Die Art, wie er es mit seinen Zwangsmitteln dennoch versucht, muss man dann wohl dummdreist nennen.

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29 Kommentare zu “ALG II und der dummdreiste Staat”

  1. 5.06.2006 | 13:41

    Zustimmung. Ich denke, eine wirkliche Lösung bekämen wir nur, wenn wir den Mitarbeitern der Arbeitsämter vor Ort einfach größere Handlungsspielräume lassen würden, da diese wohl in den meisten Fällen besser beurteilen können, was einzelne Personen an Leistungen brauchen und was nicht. Natürlich müsste es auch hier gewisse gesetzliche Grundlagen geben, um Arbeitslose nicht der Willkür von einzelnen Mitarbeitern der BA auszuliefern (vielleicht etwa Möglichkeiten zum Wechsel des Bearbeiters). Aber vor allem sollte man länger darüber nachdenken. Ein Großteil der Politiker ist doch den Weg über die Juristerei gegangen, die müssten sich doch eigentlich auf das Aufspüren von Gesetzeslücken verstehen.

  2. 5.06.2006 | 13:56

    Meine These ist ja, dass “Gesetzeslücken” um so zwangsläufiger sind, je mehr mit Gesetzen “gelenkt” werden soll.

  3. 5.06.2006 | 14:04

    Als ich gestern diesen Artikel in der F.A.S gelesen hatte, kam mir der Gedanke zum Tabuthema, das ich kurz in der Diskussion um “Nichts ist ohne Risiko” erwähnte. Man könnte es fast das elfte Gebot unseres Sozialstaats nennen: “Du sollst nicht fragen, woher das Geld kommt.” Ich denke, wenn wir dieses Tabu nicht schleunigst abschaffen, dann fährt diese Gesellschaft ungebremst an die Wand.

    Irgendwo in der Entwicklungsgeschichte von der Aufbruchsstimmung der 50er Jahre über die funktionierende Soziale Marktwirtschaft zum sozialen Vollversorgungsstaat ist etwas ganz gewaltig schiefgelaufen. Finanzminister Steinbrück hatte mit seiner polemischen Aussage auf dem Juso-Kongress schon recht: Hartz-IV war kein Sozialabbau, sondern Sozialaufbau (zumindest, wenn man die Ausgabenseite betrachtet).

    Diese Reform ist in all ihren Teilen gescheitert. Ist es nicht eine Ironie der Geschichte, dass der Namensgeber wegen seiner Verstrickung in die VW-Affäre eigentlich schon lange vor einem Gericht stehen sollte? Aber wenn auch Gerhard Schröder, die SPD und der grüne Koalitionspartner die Hauptverantwortung tragen: die CDU hat über den Bundesrat mitgespielt. Deshalb ist in der großen Koalition nicht damit zu rechnen, dass die Fehler korrigiert werden.

  4. 5.06.2006 | 14:06

    @dointime: Vielleicht bekämen wir noch bessere Lösungen, wenn wir den Menschen freie Hand ließen?

  5. 5.06.2006 | 14:43

    Möglicherweise ist die Urheberschaft von Peter Hartz ein Grund dafür, dass die Hartz-Reformen so sind, wie sie sind. Denn als Manager eines Großkonzerns hatte er natürlich einen bestimmten Blick auf große Strukturen - eben einen, in dem sich alles über Anordnungen und Befehle lenken lässt. Der Volkswagen-Konzern wurde ja nicht über Regelungen und Anreize gesteuert, sondern über Anweisungen.

    Folgt ein Mitarbeiter den Anweisungen des Managements nicht, so ist er durch die hierarchischen Strukturen dort relativ leicht zu identifizieren und durch die starken Sanktionsmöglichkeiten bis hin zur Entlassung auch relativ einfach zum gewünschten Verhalten zu zwingen. Ganz anders beim Blick auf ein gesamtes Staatswesen - erstens fehlt der Überblick, zweitens fehlen die Sanktionen (weder Ausbürgerung noch verhungern lassen sind denkbare Alternativen). Also muss die Herangehensweise eine ganz andere sein.

    Aus diesem Grund bin ich gar nicht so überzeugt davon, dass ein höherer Anteil von Wirtschaftskapitänen und Managern (noch dazu Quereinsteigern) in der politischen Landschaft wirklich das Allheilmittel ist, als das er von manchen gesehen wird.

  6. 5.06.2006 | 14:59

    War es denn wirklich eine Urheberschaft oder nur eine Namensgeberschaft? In der Hartz-Kommission waren auch etliche Berufspolitiker vertreten, die das heute nicht mehr so gern erwähnt sehen, so z.B. der heutige Bauminister Tiefensee (damals OB von Leipzig). Und wenn man heute so liest, in welchem Stil Hartz im VW-KombinatKonzern gearbeitet hat, dann wundert man sich auch nicht über das Ergebnis der von ihm geleiteten Kommission ;-)

  7. 5.06.2006 | 15:14

    >auch wenn er es mit allen Mitteln auf dem Weg zur
    >Knechtschaft - den man im sich abzeichnenden Umgang mit
    >ALG-II-Empfängern durchaus aufscheinen sehen kann -
    >versucht
    –> Das ist meiner Meinung nach die große “Hintergrundgefahr”: Durch die Verschärfung der Gesetze gegenüber den Arbeitslosen werden mittelfristig so viele Grundrechte (oder zumindest normale Rechte) ausgehebelt und in ihr Gegenteil verkehrt, das am Schluß von den liberalen Restbeständen unserer Gesellschaftsordnung nicht mehr viel übrig bleibt. Und das nicht “nur” für eine bestimmte Gruppe

  8. 5.06.2006 | 15:45

    “@dointime: Vielleicht bekämen wir noch bessere Lösungen, wenn wir den Menschen freie Hand ließen?”

    Vielleicht bekämen wir die besten politischen Lösungen, wenn sich Diskussionen nicht so verdammt oft auf Schlagworte beschränken würden. :-P
    Wirklich nich bös gemeint, aber mich würde schon interessieren wie sich dieser - sicher sehr erstrebenswerte Grundsatz - deiner Meinung nach hier verwirklichen ließe.

  9. 5.06.2006 | 16:16

    Das habe ich schon einige Male in unterschiedlichen Zusammenhängen geschrieben: ich würde den ALG-II-Empfängern einen Jahresbetrag zwischen 2.400 und 4.800 Euro als freien Zuverdienst freigeben (dabei soll es gleichgültig sein, wann dieser Betrag dazuverdient wird). Gleichzeitig würde ich den potentiellen Arbeitgebern für typische Saisontätigkeiten und kurze Beschäftigungszeiten freiere Gestaltungsmöglichkeiten geben. Damit wären die Arbeitslosen nicht an die sehr knapp bemessenen 150 Euro im Monat gebunden und könnten sich leistungsorientiert etwas dazuverdienen.

    Ich kam deshalb auf 2.400 Euro, weil das der Nettobetrag ist, den ein polnischer Saisonarbeiter in einer Spargelsaison von sechs Wochen verdienen kann. Ich verspreche mir davon, dass viele “einfache” saisongebundene Arbeiten wieder von unseren eigenen Saisonkräften erledigt werden. Das Geld würde sicher schnell wieder in den Konsum gesteckt.

    Im zweiten Schritt verspreche ich mir davon, dass kurzfristige (fair bezahlte) Aufträge nicht mehr als Gefahr, sondern als Chance verstanden werden und dass die Leute eher bereit sind, in einer Art Patchwork-Form zu arbeiten, als sich ganz in die Hängematte zu legen.

  10. 5.06.2006 | 16:28

    @VolkerD: Könntest Du das etwas genauer ausführen? Momentan sieht es doch so aus, als ob (auch) neue Rechte eröffnet wurden, daher kommen ja jetzt die hohen Kosten.

  11. Parker8
    5.06.2006 | 16:36

    Wieso “kam es, wie es kommen musste”? Nach dem mikroökonomischen Ansatz zur Arbeitsmarktpolitk hätte es so gerade nicht kommen dürfen: Die Ausgangsanalyse war, dass die Arbeitslosenhilfe zu geringe Anreize zur Arbeitsaufnahme bietet. Deshalb sollte die Lohnersatzleistung auf Sozialhilfe-Niveau abgesenkt werden. Und die Hälfte der Arbeitslosengeld II-Empfänger Anfang des letzten Jahres stand sich ja auch schlechter.

    Jetzt wird exakt dieselbe Analyse für die aktuelle Situation aufgeboten. Und ginge man nun von 345 auf 295 Euro Unterstützung herunter, dann bekämen wir genau diese Analyse wenige Monate später wieder aufgetischt.

    Viel wichtiger ist, dass wir konjunkturell bedingt im Mai einen signifikanten Rückgang der Arbeitslosigkeit hatten. Aber Wirtschaftswachstum haben Mikroökonomen leider nicht auf dem Radar.

  12. 5.06.2006 | 16:52

    @Parker8

    Es geht nicht um Mikro oder Makro, sondern um Anspruch und Wirklichkeit politischer Gestaltung. Whitewashing.de hat’s verstanden.

  13. 5.06.2006 | 16:55

    Ergänzung:

    Und wer den Rückgang der Arbeitslosigkeit im Mai allein “konjunkturell bedingt” sieht, muss bei der Lektüre solcher Beiträge nur mal ab und an zwischen den geschlossenen Fingern beider Hände hindurchgeblinzelt haben…

  14. 5.06.2006 | 17:43

    Prima Rayson, jetzt verstehe ich wenigstens, was Du meinst. Rein rational kann ich die Argumente gut nachvollziehen. Aus der Perspektive eines (hoffentlich nur kurze Zeit) Betroffenen sieht das allerdings manchmal anders aus. Aber gerade aus dieser Froschperspektive kann ich Dir in einem Punkt aus vollem Herzen zustimmen - es zeichnet sich im Umgang mit ALG II-Empfängern durchasu “der Weg zur Knechtschaft” ab. Ein Struktur, die keinen Entscheidungsspielraum mehr zuläßt - der Empfänger hat keine Wahl, der Vermittler seinen Vorschriften-Dschungel. Die lögische Konsequenz wäre wirklich eine Art “Reichsarbeitsdienst”, allerdings gekoppelt mit einer geradezu kafkaesker Bürokratie.

  15. 5.06.2006 | 17:58

    @Martin: Nein. Die logische Konsequenz wäre eine Rodung des Vorschriften-Dschungels und eine Reduzierung derer, die sich “Arbeitsvermittler” nennen, aber in Wahrheit nur Hilflosigkeit vermitteln. Nach der Rodung des Vorschriften-Dschungels wäre es vielleicht sogar möglich, eine passende Software für die Arbeitsagentur zu schreiben …
    Der (mutmaßlichen?) Tendenz zur Knechtschaft kann man durch Förderung der Eigeninitiative entgegentreten (siehe oben).

  16. 5.06.2006 | 18:30

    @stefanolix:
    Was du da forderst, klingt sehr sinnvoll und ist auch Kernpunkt aller meiner Kommentare zu sozialer Sicherung. Der größte Fehler am derzeitigen Sozialstaat ist die Art und Weise, in der sie Eigeninitiative und den Wunsch, selbst zu leisten, vollkommen zerstört. Der einzige Weg, wie man einen Arbeitslosen zu geringfügiger Beschäftigung bekommen kann, ist Zwang, weil positive Anreize durch sofortige Leistungskürzung auf der anderen Seite völlig fehlen.
    Jetzt streichen wir noch die gewaltige Sozialbürokratie und ersetzen sie durch ein geringes Grundeinkommen (das m. E. bei Hartz IV plus Kombilöhnen durch die Hintertür ohnehin kommt, nur eben mit der Bürokratie), und wir haben: Meinen Traum von sozialer Sicherung.

  17. 5.06.2006 | 18:53

    Es ist nicht ganz ungefährlich, zu stark an einer Stellschraube zu drehen. Wenn man der Sozialbürokratie jetzt schon mit ihrer Streichung droht, dann blockiert sie alles Weitere. Ich denke, dass man diesen Leuten auch einen fairen Ausweg lassen muss: also schlage ich einen langsamen, aber stetigen Abbau vorwiegend durch natürliche Fluktuation und Verrentung vor. Dieser Abbau muss aus demographischen Gründen sowieso bald beginnen.

    Ja, wir haben ein geringes und gesichertes Grundeinkommen und ich würde daran auch momentan nicht rütteln. Ich sehe bei all diesen “scharfen Zwangsmaßnahmen” kein gutes Verhältnis zwischen Aufwand und Nutzen.

    Zur Ausgestaltung des o.g. Vorschlags: Ich schlage vor, dass der Arbeitslose auch eine einfache Einnahmen-Überschussrechnung beim Finanzamt abgeben kann. Er kann sich das Geld also auch durch freiberufliche/selbständige Arbeit verdienen (eine Umsatzsteuererklärung entfällt bei diesen Umsätzen sowieso).

    Aber am wichtigsten: er muss keinen Ein-Euro-und-fünfzig-Job annehmen, sondern er kann durch seine eigene Leistung mitbestimmen, wie lange er für seinen Zuverdienst arbeiten möchte. Wer sechs oder acht Wochen richtig ranklotzt, für den ist es vielleicht der erste Schritt zum Aufstieg. Ich denke, das ist ein realisierbarer Ansatz.

  18. 5.06.2006 | 19:40

    @ dointime
    Die Ermessensspielräume z.B. bei Sanktionen waren ja angeblich das Problem. Die Sanktionierten haben Widerspruch eingelegt oder sind zum Sozialgericht gegangen. Noch mehr Arbeit für den Sachbearbeiter. Um deinen Vorschalg umzusetzen müsste man bereit sein Widerspruchsrecht und Klagemöglichkeit einschränken, bzw. die Kosten dem Arbeitslosen aufzubürden im Falle seiner Niederlage. Klagen und Widerspruch einlegen ist m.W. ohne jegliches Risiko (man korrigiere mich falls dies nicht stimmt).

    @ stefanolix
    Dein Tabu ist Blödsinn, jeder weiss woher die Kohle kommt. Aber die meisten Steuerzahler haben kein tieferes Problem damit, vielleicht im Gegensatz zu dir.

  19. 5.06.2006 | 19:44

    [...] Diskussion um sinnlose staatliche Maßnahmen bei B.L.O.G. [...]

  20. 5.06.2006 | 20:05

    @Klaus
    Um exakt zu bleiben: das Tabu lautete nicht “Du darfst nicht wissen, woher das Geld kommt”, sondern “Du sollst nicht fragen, woher das Geld kommt.”

    Wie wir aus dem Artikel der F.A.S. erfahren haben, wurde das Tabu, ALG-II zu beantragen, offenbar durch sehr viele Leute erfolgreich überwunden. Jetzt muss auch offensiv darüber diskutiert werden, woher das Geld dafür kommt und wie man die Ausgaben in Grenzen halten kann. Es liegen ja Vorschläge auf dem Tisch.

  21. 5.06.2006 | 20:21

    @ stefanolix
    So herum wird es auch nicht besser: die Steuerzahler wissen dies ohnehin und AlGII-Empfänger schert dieses Wissen vielleicht auch nicht. Warum fragen was offensichtlich ist? Denn Letztere waren ja meistens auch schon Steuerzahler (mit Ausnahme vieleicht von Schülern und Stunden die übergangslos zu HartzIV gekommen sind)

  22. 5.06.2006 | 20:34

    Ein nicht zu vernachlässigender Anteil der ALG-II-Empfänger hat noch nie im Leben regulär gearbeitet und diese Erfahrung würde ich ihnen gern gönnen. Es muss deshalb offen darüber gesprochen werden, weil es ein krasses Missverhältnis ist, wenn ein arbeitender Familienvater mit zwei Kindern für ca. 1.800 Euro (netto) vierzig Stunden in der Woche arbeiten geht, während ein nicht arbeitendes Ehepaar etwa den selben Leistungsumfang ohne einen Handschlag bekommt.

    Ich hatte schon geschrieben, dass ich nicht auf Zwang und Kontrolle, sondern auf Anreize und auf die Befreiung von Restriktionen setze. Welchen Lösungsansatz verfolgst Du denn? Dass es so nicht weiterlaufen kann, ist doch auch für dich offensichtlich?

  23. 5.06.2006 | 21:03

    @ stefanolix
    Du willst Anreize und Befreiung von Restriktionen, ohne Zwang und Kontrolle? Dann musst du 4,5 Mio. Arbeitsplätze zur Verfügung stellen. So einfach ist das. Gib deinem nicht arbeitenden Ehepaar einen Job mit 1800 Euro netto und in 9 von 10 Fällen würde dieses Angebot angenommen (BTW: für einen Job der mir 1800 Euro netto einbringt würde ich dem Jobberater die Füsse küssen).

    Im Übrigen war die Politik in Sachen Jugendarbeitslosigkeit ein wenig erfolgreich, zumindestens in BW ist jene geringer als die gesamte Arbeitslosenquote (5,6% zu 6,5%). Die Konzentration auf die unter 25-jährigen hat sich bezahlt gemacht (zu welchen Preis wohl?)

  24. 5.06.2006 | 21:36

    Nein, es ist nicht so einfach und ich muss nicht 4.500.000 Arbeitsplätze zur Verfügung stellen. Wir wissen beide, dass man sich immer realistische Ziele stecken sollte und dass dieses Ziel völlig unrealistisch ist. Ich will schrittweise einen Teil der Langzeitarbeitslosen wieder mit Arbeit in Berührung bringen und ich will das mit Hilfe von Anreizen tun. Das sind sehr kleine, aber gangbare Schritte. Es ist besser, als gar keine Schritte zu tun.

    Ich glaube nicht, dass “die Politik” erfolgreich war. Sondern es waren auf beiden Seiten Menschen (Bewerber und Arbeitgeber), die sich um die Arbeits- und Ausbildungsplätze bemüht haben. “Die Politik” schafft überhaupt keinen Arbeitsplatz. Ich denke auch nicht, dass man in diesem Zusammenhang von irgendwelchen makabren Unterwerfungsgesten schreiben sollte — noch nicht mal im Scherz oder im bitteren Sarkasmus … Meine besten Wünsche hast Du und wie ich schon mal sagte, bin ich auch auf meinem Fachgebiet und um Rahmen meiner Möglichkeiten zur Hilfe bereit. Aber es bringt überhaupt nichts, die Maximalforderung von 4.500.000 guten Jobs aufzustellen, wenn kleine und beharrliche Schritte angebracht sind.

  25. 5.06.2006 | 23:14

    @stefanolix: Was Du da beschreibst, ist logisch im Sinne von “vernünftig”. Logisch im Sinne von “folgerichtig” ist leider das totalitäre Horrorszenario.

  26. Hardy
    6.06.2006 | 0:54

    @stefanolix
    Ich muss Dir bezüglich des Beispiels mit dem Ehepaare voll zustimmen. Für Leute, welche noch nie gearbeitet haben, war Hartz-lV ein Sozialaufbau, für solche jedoch, welche ihr halbes Leben oder länger in “Geld und Brot” waren, war es ein Sozialabbau. Sie wurden genauso behandelt als hätten sie nie gearbeitet und Steuern bezahlt. Da sich selbige auch noch in einem Altersbereich bewegen welcher relativ ungefragt ist, ist deren Chance auf einen neuen Job auch sehr klein. Waren sie auch noch so gut für das Alter vorzusorgen, wie es ja immer wieder von allen Bundesregierungen geraten wurde, wurden sie nach ALG-II Gesetzen auch noch dafür bestraft. Und die Sache mit den ein Euro Jobs ist sowieso ein Witz sondersgleichen wenn man bedenkt, dass dadurch wiederum andere Vollzeitstellen abgebaut werden, auf gut Deutsch: neue Arbeitslose werden produziert. Aber 1-Euro Jobber sind ja, in der Statistik zumindestens, keine Arbeitslosen mehr, auch wenn sie ALG-II erhalten.

  27. 6.06.2006 | 5:54

    Gerade darum geht es ja in meinem Vorschlag: Der Zuverdienst soll unabhängig von einem Ein-Euro-Job sein. Er soll in der Form von selbständig erledigten Kleinaufträgen oder Kurzzeitbeschäftigungen zu einem fairen Preis und leistungsorientiert erarbeitet werden.

    Man gibt doch den Leuten damit ein ganz anderen Selbstwertgefühl, wenn man ihnen sagt: “Gehe los und kümmere Dich selbst um den Zuverdienst, am Ende des Jahres wird abgerechnet”, als wenn man ihnen signalisiert, dass ihre ganze Arbeit eines Monats nur 150 Euro wert ist. Ein Ein-Euro-Job ist überhaupt in keiner Weise leistungsorientiert und deshalb hilft er auch nicht wirklich weiter.

  28. 6.06.2006 | 7:04

    >@VolkerD: Könntest Du das etwas genauer
    >ausführen? Momentan sieht es doch so
    >aus, als ob (auch) neue Rechte eröffnet
    >wurden, daher kommen ja jetzt die
    >hohen Kosten
    –> Ich meine damit die ganzen Vorschriften, die angelich dem “Fördern und Fordern” dienen sollen, aber stattdessen eine Überwachungsbürokraite aufbaut (die nun ausgebaut wird), deren Kosten dem Zweck nicht entsprechen, dafür aber die Menschen drangsalisieren.

    Es wundert mich, dass noch keiner auf die Idee gekommen ist, Arbeitnehmer an ihren Arbeitsplatz zu binden, in dem auf jeden Jobwechsel (der ja das Risiko der Arbeitslosigkeit beinhaltet) eine Steuer erhoben wird.
    Formal keine Einschränkung der freien Wahl des Arbeitsplatzes.

  29. 6.06.2006 | 7:21

    Ganz kurze Antwort: Ich will keine Überwachungsbürokratie. Ich will niemanden drangsalieren. Einen realisierbaren und zumindest liberal beeinflussten Weg habe ich angedeutet. Ohne Leistungsorientierung und Eigenverantwortung wird es nicht funktionieren.

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