6. Juni 2006
China: Wirtschaftswachstum - Umweltschutz 1-0
Es gibt Tage, da wünsche ich mir, nicht so Deutschlandfunk-abhängig zu sein und morgens wenigstens so lange irgendeinen Dudelfunk gehört zu haben, bis ich gefrühstückt habe:
Umweltverschmutzung kostet China jährlich 200 Milliarden Dollar
Die wachsende Umweltverschmutzung kostet China jährlich mehr als 200 Milliarden Dollar. Der stellvertretende Leiter der Umweltschutzbehörde erklärte in Peking, trotz aller Bemühungen verschlechtere sich die Lage immer mehr. Die Verschmutzung des Wassers und des Erdreichs sei gravierend. Er beklagte, dass viele Beamte nicht bereit seien, die Maßnahmen für den Umweltschutz zu unterstützen. Seine Behörde hoffe, dass Nicht-Regierungs-Organisationen die Regionalregierungen dazu drängten, Umweltprobleme zu lösen.
(aus den heutigen 6:00 Uhr - Nachrichten des Deutschlandfunk)
Nach Abruf meiner China-bezogenen RSS-Feeds habe ich auch die betreffenden Meldungen aus der chinesischen englischsprachigen Presse:
Pollution costs equal 10% of China’s GDP (China Daily, übernommen von Shanghai Daily, via China Digital Times)
China Daily lässt die Kritik an den lokalen Behörden unerwähnt, gibt den kritischen Tenor des Berichts allerdings wieder.
Die Shanghai Daily nennt als Quelle die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua. Deren Zusammenfassung liest sich allerdings etwas anders:
China issues white paper on environmental protection
Insbesondere erwähnt Xinhua die lokalen Behörden, vermeidet aber den Begriff Nichtregierungsorganisationen und spricht stattdessen von “Öffentlichkeit”:
Zhu Guangyao showed a deep concern over local officials’ emphasis on economic development.
”The 7.5 percent annual growth rate set by the 11th Five-Year Plan will keep the country’s development at a stable pace. But some local governments, especially those in remote and backward areas, are still pursuing rapid economic development, giving more pressure on local environment and resources,” he said.
He suggested more efforts should be devoted to maintaining a reasonable and ordered development level and to enhancing the awareness of the importance of environmental protection among local officials and the public.
Aber das Verblüffendste an der Xinhua-Berichterstattung ist, dass sie den kompletten Bericht ins Netz stellen! (Nennt mich meinetwegen Regierungssprecher von Rotchina, aber kommunistische Staatspropaganda sah auch schonmal anders aus, wenn ich da so an “Prawda”, “Neues Deutschland” und “ITAR-TASS” in den 80ern denke.)
Wie auf jeder Xinhua-Seite findet sich am Ende auch hier die “Photo Gallery”, die es insbesondere männlichen Besuchern der Seite erleichtern soll, das soeben Gelesene sofort wieder zu vergessen; deshalb wird Xinhua in China-Bloggerkreisen auch gerne “Sinhua”, “Skinhua” oder “state-owned babe station” genannt. (Nein, “babe” ist in diesem Fall keine Anspielung auf die Ein-Kind-Politik).
The Standard aus Hongkong bringt zu dem Thema eine ausführliche Meldung von REUTERS (Beijing airs fears on impact of growth) und schiebt noch gleich einen Agence France Press - Bericht über Wiederaufforstungsbemühungen hinterher, mit denen die Sandstürme unter Kontrolle gebracht werden sollen, von denen Peking zunehmend heimgesucht wird (Turning back the tide of sand). Irgendwie beruhigend, dass es noch Nachrichtenagenturen gibt, die ordentliche Arbeit machen - und Zeitungen, die diese Arbeit dann nicht nur als Schlagzeile übernehmen.)
Noch bevor ich mir den Schlaf aus den Augen gerieben hatte, lief dann im DLF auch noch ein Bericht darüber, dass Australien, Indonesien und Vietnam ihre Energiepolitik stärker auf Atomkraft ausrichten wollen. Damit folgen diese drei Länder einem weltweiten Trend, dem sich - soweit ich sehen kann - nur Deutschland entzieht. Aber jetzt ratet mal, wo in Indonesien neue AKW’s gebaut werden sollen? Da kann man von alleine gar nicht drauf kommen. So wahnsinnig kann eigentlich keine Regierung sein. Eigentlich.
Naja, jedenfalls gut, dass ich für den Rest des Tages keine Zeit haben werde, DLF zu hören.
Verfasst von Marian Wirth um 08:45 Uhr in der Kategorie International, Politik, Umweltpolitik, Wirtschaft (Trackback)