Das Scheißland hat Probleme

Manchmal ist das nebenbei Aufgeschnappte das Interessanteste.

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Vor einiger Zeit stand ich in einer Tankstellenkasse um zu bezahlen.
Im Fernseher über dem Würstchen-Verzehrtisch in der Ecke wurden Bilder eines Sturms gezeigt, der gerade eine (andere) Tankstelle verwüstete. Ein Mann kaute auf seiner Wurst und sah sich das televisionäre Treiben stumpfäugig an.
Ein zweiter Mann trat mit seinem Kaffeepott hinzu, sah auf den Bildschirm und fragte, wo das denn wäre. “In Amerika.” antwortete der Würstchenkauer lapidar.
“Richtig so. Scheißland.” war die Reaktion des Kaffeetrinkers. Der elfte September vor fünf Jahren muss für ihn ein Feiertag gewesen sein.
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Gestern lief im Zimmer nebenan der Fernseher. Die für meinen Geschmack etwas zu penetrant burschikose Frau Heidenreich moderierte die Sendung “Lesen”.
Sie stellte ein Buch vor, das von einem Iraner handelte, der in den USA lebt. Wohl um zu verdeutlichen, wie fremd sich der Mann fühlte, meinte Frau Heidenreich sinngemäß: “Er lebt in den USA. Einem Land, das mit seinem Heimatland gerade viele Probleme hat.”

Ich stelle mir gerade vor, man hätte Ähnliches gesagt, als mein Heimatland noch DDR hieß.
Dass etwa die USA (oder wer auch immer) “Probleme mit meinem Land hätten”.
Ich für meinen Teil hätte darauf bestanden, dass die USA vielleicht Probleme mit der SED-Herrscherclique hätten, nicht aber mit meinem Land.
Diese Gleichsetzung von Staatsgebilden mit Individuen, die untereinander Streit haben oder sich verstehen können, ist gerade dann unsinnig, wenn es sich um Diktaturen handelt, in denen Gewaltherrscher für ein Land und für die geknechteten Untertanen zu sprechen vorgeben.

Differenzierungsvermögen auch in den Nebensätzen stünde einer Literaturpäpstin vielleicht gut zu Gesicht. Oder bin ich wieder zu pingelig?

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22 Kommentare zu “Das Scheißland hat Probleme”

  1. 7.06.2006 | 15:21

    Ganz sicher sind Sie zu pingelig. Oder glauben Sie etwa, dass Frau Heidenreich ihre Texte vorher schreibt und dabei gründlich reflektiert?

  2. Boche
    7.06.2006 | 15:28

    Ja, kann sein, dass das zu viel verlangt wäre. Das hatte ich mir auch kurz überlegt. Und dann sagte ich mir: Vielleicht erkennt man an solchen Nachlässigkeiten ja doch mehr, als der Nachlässigen lieb ist? *

    * Was der Besuch von Vorlesungen zur Psychoanalyse doch für Langzeitwirkungen haben kann…

  3. 7.06.2006 | 15:35

    Solche Vorlesungen können zahlreiche schädliche Nebenwirkungen entfalten. Zum Beispiel läuft man Gefahr, einen Sinn für solche Nachlässigkeiten zu entwickeln. Das haben Sie vermutlich billigend in Kauf genommen, oder?

    Ich füchte, dass Frau Heidenreich ihre Texte als feuilletonistisch begreift.

  4. Boche
    7.06.2006 | 15:48

    Das haben Sie vermutlich billigend in Kauf genommen, oder?

    Ach, ein naiver Student Anfang Zwanzig rechnet noch nicht mit all dem Unheil, das ihm durch das professorale Hintergrundgeräusch droht, während er mit Mitstudentinnen flirtet…

    Ich füchte, dass Frau Heidenreich ihre Texte als feuilletonistisch begreift.

    Das rettet sie aber nicht vor meinem sensiblen Gehör und meiner gnadenlosen Bissigkeit.
    ;-)

  5. 7.06.2006 | 16:07

    Das Erlebnis in der Tankstelle, hm, nix besonderes. Manchmal bin ich einfach nur erstaunt, wie stabil der Antiamerikanismus in unserem Land ist. Jeder meint, er dürfe sein Scherflein zu diesem beständigen Ressentiment beitragen.
    An der Tankstelle der würstchenkauende Normalo, im Lehrerkollegium der sich intellektuell dünkende Studienrat, der Provinzpolitiker, der Umweltaktivist … alle, alle sind in diesem Gefühl eins. Manchmal glaube ich, ich bin in diesem Land der einzige, dem es nicht so geht.

  6. Boche
    7.06.2006 | 16:11

    Sie sind nicht der Einzige.
    Das Ihnen vielleicht zum Trost an diesem sonnigen Mittwoch-Nachmittag.

  7. 7.06.2006 | 16:44

    Ich hoffe nur, dass Sie nicht jedem, der der Politik der gegenwärtigen US-Administration kritisch gegegenübersteht, pauschal Anti-Amerikanismus unterstellen.

  8. 7.06.2006 | 17:01

    Nein, nur jedem zweiten. In unserer Wordpress-Installation regelt das ein Zufallsgenerator.

  9. Boche
    7.06.2006 | 17:02

    Falls Sie mich meinten, Herr Büge:

    Ihre Sorge ist unbegründet. Die US-Regierung (übrigens bevorzuge ich das deutsche Wort “Regierung” statt der schludrigen aber eingebürgerten Nicht-Übersetzung “Administration”, die wohl auch ein Quäntchen Verachtung mitschwingen lassen soll) genießt bei mir keine besondere Verehrung, die mich Kritik als Sakrileg ansehen lassen würde.

    Andererseits lasse ich mich auch ungern täuschen, wenn sich Antiamerikaner (wie es auch Antisemiten gern tun) hinter vermeintlich sachlicher Kritik verbergen und dann doppeltes Maß anlegen, das sie dann doch verrät.

  10. Boche
    7.06.2006 | 17:03

    Uff, ich hatte auch das Gefühl, dass ich irgendwie ferngesteuert funktioniere. Und nun sogar per Zufallsgenerator…!

  11. 7.06.2006 | 17:13

    Ich meinte eigentlich nicht Sie, sondern Cicero, und ich finde, auch in dieser Sache muss es gerecht zugehen. Es kann nicht sein, dass Menschen, die sich wegen der amerikanischen Politik Sorgen machen, pauschal diffamiert werden.

    Ich bevorzuge den Begrif “US-Administration”, weil mit der jeweiligen Regierung in den USA ja auch die gesamte Führungsebene der Behörden wechselt. Administration greift in diesem Zusammenhang einfach weiter als Regierung.

  12. Marian Wirth
    7.06.2006 | 17:26

    die wohl auch ein Quäntchen Verachtung mitschwingen lassen soll

    Also, jetzt bist Du aber wirklich zu pingelig, Boche!

    Ich hätte diese beiden Zitate sicher nicht so zusammenmontiert. Ich kann zwar Herrn Böge nicht folgen, wenn er meint, Frau Heidenreich bereite ihre Anmoderationen nicht vor, aber diese Anmoderation scheint mir doch nicht zu der ersten Begebenheit zu passen und ist eher ein Ausdruck von Hilflosigkeit.

    Die Bewohner der beiden Länder scheinen mir übrigens gerade nicht besonders viele Probleme miteinander zu haben, die Regierungen der beiden Länder haben schon seit Jahrzehnten Probleme miteinander - und mit dem iranischen Präsidenten sollte eigentlich jeder Mensch ein paar Probleme haben. Erstaunlich, wie beliebt viele seiner Thesen gerade im Westen sind.

  13. Boche
    7.06.2006 | 17:33

    Marian, die Zusammenmontage war vielleicht etwas unglücklich. Denn Antiamerikanismus wollte ich der Heidenreich gar nicht unterstellen. Sondern nur unzulässige Verallgemeinerung.

  14. 7.06.2006 | 18:48

    Ich hoffe nur, dass Sie nicht jedem, der der Politik der gegenwärtigen US-Administration kritisch gegegenübersteht, pauschal Anti-Amerikanismus unterstellen.

    Um des Himmels willen, lieber Lutz Büge, wie kommst Du denn auf diese Idee (danke für das “Sie”, aber es ist hier doch eher unüblich, hm). Aber würdest Du den Ausdruck “Scheißland” nur auf die “Regierungsadministration” (sind jetzt alle zufrieden?) beziehen. Ich nicht.
    Außerdem stimme ich dem lieben Boche zu, der bei der Verwendung des Begriffes “Administration” antiamerikanisches Tremolo vernimmt - ich höre es auch. Es klingt in etwa so, wie “Regime” für die demokratisch gewählte Regierung im Irak, was dann zur Bezeichnung “Regimegegner” für Terroristen führt, und denen mit diesem Begriff ein Hauch von Rechtfertigung zuteil wird.
    Außerdem hat m.E. Boche auch recht, wenn er meint, Kritik an der Regierung sei allzu oft nur kaschierter Antiamerikanismus. Manchmal fällt die Verkleidung aber auch. Wenn es im SPIEGEL heißt: “Amerikaner gegen Kyotoprotokoll”, dann ist es doch nur die Regierung Bush, die es ablehnt.

  15. 7.06.2006 | 19:41

    @ Cicero:
    Gerne “du”.

    “Aber würdest Du den Ausdruck “Scheißland” nur auf die “Regierungsadministration” beziehen?”

    Ich persönlich würde dergleichen über kein Land sagen, weil die Handelnden einer Regierung, jedenfalls in demokratischen Ländern, immer nur von einem Teil des Volks gewählt sind und weil sie keineswegs immer nach dem Gusto dieses Volks handeln müssen, nicht einmal nach dem ihrer eigenen Wähler. Im übrigen stimme ich Boche vollkommen zu, wenn er die Gleichsetzung von Staatsgebilden mit Individuen anprangert. Ich habe zu dieser amerikanischen Administration oder meinetwegen auch Regierung durchaus eine kritische Einstellung, aber ich war selbst schon in den USA und fand es ziemlich klasse dort.

    Das anti-amerikanische Tremolo, dass du da zu hören meinst, wenn ich von Administration spreche statt von Regierung, ist vermutlich eine Sache deiner Assoziationen. Ich habe oben schon begründet, warum ich diesen Begriff vorziehe. In den USA ist es eben nicht einfach nur die Regierung, die ausgewechselt wird, sondern gleichzeitig müssen tausende von leitenden Köpfen in den Behörden gehen bzw. kommen. Der Begriff “Regierung” erfasts diesen gewaltigen, an eine Wahl gebundenen Wechsel ganz einfach nicht.

    “Amerikaner gegen Kyoto-Protokoll”: Da hast du natürlich recht, das ist auch in meinem Augen eigentlich eine unzulässige Verkürzung, es sei denn, die Meldung gibt das Ergebnis einer Umfrage in den USA wider.

  16. 7.06.2006 | 19:46

    @Lutz Büge

    Nur mal zur Klarstellung: Das antiamerikanische Tremolo, das ich in “Administration” zu vernehmen meine, betraf nicht Sie konkret. Das war eher allgemein und im Sinne von “das ich gelegentlich zu vernehmen meine” gemeint.

  17. 7.06.2006 | 21:26

    Das habe ich auch so verstanden.
    Gut, nachdem alle Terminologieschwierigkeiten geklärt sind, stellen wir fest, dass wir uns eigentlich einig sind, gell?

  18. Boche
    7.06.2006 | 22:02

    Mist.
    Es gefährdet meinen Ruf, wenn das Ergebnis hier Konsens lauten sollte. ;-)

  19. 7.06.2006 | 22:11

    Jetzt sag aber nicht, ich wäre daran schuld ;-)

    Das ist es übrigens, was mich an der Blogosphäre stört: Die Auseinandersetzung verläuft teilweise dermaßen zugespitzt, das keine Verständigung mehr erfolgt. Ich hab schon ein paarmal erlebt, dass differenziertes Herangehen an Themen zu Kuschelszenen führte, weil man plötzlich festgestellt hat, dass man gar nicht so weit auseinander ist. Das heißt ja wohl, dass solche Diskussionen vielfach Selbstzweck sind, oder?

    Ciceros Blog ist ein schönes Beispiel dafür.

  20. Boche
    7.06.2006 | 22:16

    So lange man letztlich feststellt, was hinter aller Polemik tatsächlich die Inhalte sind, ist es doch in Ordnung.
    Schließlich sind wir hier in den Blogs, um uns zu streiten, oder?
    Und dazu gehört wohl eben auch das anregende Mittel der Überspitzung.
    Das natürlich auch in übertrieben großen und dann nicht mehr wirksamen Dosen gegeben werden kann. Das ist sicher vielfach so.

    Wofür Ciceros Blog jetzt ein Beispiel sein soll habe ich noch nicht erkannt. Ich muss mich dort erst einmal ein wenig umsehen. Wie auch in deinem (ich nehme mal das Du-Angebot ungefragt an ;-) ) FR-Blog.

  21. 7.06.2006 | 22:22

    Vielleicht sollten wir noch einen Disclaimer schalten: Hier wird hemmungslos geduzt, und auch wer siezt, wird zurückgeduzt. Und wenn der Bundespräsident hier kommentieren sollte.

    Welchen Sinn soll ein fortgeschrittenes Alter denn sonst haben, wenn nicht das Recht, Konventionen hochzuhalten, die einen als alten Hasen ausweisen.

  22. 8.06.2006 | 8:38

    Jetzt reißt ihr mir das letzte Blättchen Haltung runter. Ich werde mir überlegen müssen, ob ich evtl. ebenso hemmungslos zurücksieze

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