Freiheit, die ich meine

Zugegeben – ich bin kein Philosoph. Vielleicht wäre ich gern einer geworden, aber damals meinte ich, mit dem Studium der Wirtschaftswissenschaften einen guten Kompromiss eingegangen zu sein zwischen meinem Wunsch, wenigstens Teilsystemeder menschlichen Welt zu begreifen, und einer guten Positionierung auf dem Arbeitsmarkt. Aber wie das so ist: Sobald man etwas erreicht hat, wird es wieder relativ unwichtig, und deswegen bewundere ich Leute wie MomoRules, die mit den Philosophennamen und -erkenntnissen nur so um sich werfen.

Mein Zugang zu philosophischen Ideen ist ein zufälliger und egozentrischer: Manche Werke fallen mir durch Zufall in die Hände, und manche Philosophen machen mich neugierig, auch wenn ich mit ihren Konzepten nicht allzuviel anfangen kann. Meistens aber interessieren mich die, bei denen ich entdecke, dass sie etwas, was ich vorher höchst unreif in meinem eigenen Kopf entwickelt habe, so oder ähnlich schon formuliert und durchdacht haben. Das geht mir übrigens nicht nur mit Philosophen so, sondern auch mit Ökonomen und Management-Theoretikern.

MomoRules muss mir daher nachsehen, dass ich als Anwort auf seine Frechheit keine gelehrte Abhandlung verfassen kann, die als Kandidat für das Feuilleton der F.A.Z. gelten könnte, wo von mir verehrte Könner wie z.B. Patrick Bahners selbst aus einem Telefonbucheintrag ein halbseitiges, mit geschichtlichen, philosophischen, künstlerischen und donaldistischen Querverweisen gespicktes Essay zu erstellen vermögen.

Ja, warum beharre ich so sehr auf diesem „engen“ Freiheitsbegriff, der Freiheit vor allem als Handlungsfreiheit des Einzelnen definiert, als die „Fähigkeit, Handlungen bewusst und selbstbestimmt zu wählen“, wozu insbesondere die Abwesenheit der Ausübung von Zwang durch andere gehört? Warum lehne ich das Konzept der sogenannten „positiven Freiheit“ ab, das Freiheit über die Erzeugung zusätzlicher Wahlmöglichkeiten erst generieren will?

Einfache Antwort: Weil die sogenannte „positive Freiheit“ die in meinem Sinn eigentliche Freiheit gefährden kann. Man koppelt damit nämlich den Begriff der Freiheit im Wesentlichen an die Ausstattung mit knappen Ressourcen, die, so sie für den Einzelnen nicht von vornherein auf einer nach oben offenen Skala gewährleistet ist, dann notfalls mit Mitteln zu „korrigieren“ wäre, die alle Kennzeichen der Ausübung unmittelbaren Zwanges aufweisen. Eine „Freiheit“ gegen die andere ausspielen zu können – das zeigt in meinen Augen allein schon die schiefe Ebene, auf die man mit solchen Forderungen geraten kann.

Nun scheint eine Hauptkritik gegen den liberalen Freiheitsbegriff darauf zu basieren, dass eine so verstandene Freiheit doch keinesfalls ausreiche, um ein „ausgefülltes Leben“ zu führen. Das behauptet auch keiner – nur, weil ich Freiheit konsequent so definiere, heißt das ja nicht, dass damit jedes andere Ideal automatisch erledigt wäre.

Was ist mit dem Argument „alles ist Zwang“? Tatsächlich ist unser Leben voll von Zwängen. Das fängt schon damit an, dass wir nicht freiwillig auf diese Welt kommen und sie auch (meist) nicht freiwillig verlassen. Darunter fällt auch der beklagenswerte Umstand, dass knappe Ressourcen zum Wirtschaften „zwingen“. Um diese Zwänge, die leider an unsere Existenz gekoppelt sind, geht es nicht, sondern um die, die von Menschen auf andere Menschen ausgeübt werden. Was ist dann mit dem bösen Arbeitgeber, der seinen Mitarbeiter zu Überstunden oder zu weniger Gehalt „bewegt“? Das ist im Sinn meiner Argumentation kein Zwang – der böse Arbeitgeber kann den Mitarbeiter zwar entlassen, aber so wenig wie eine Einstellung eine Zwangsmaßnahme ist, so wenig ist es eine Entlassung, denn wenn der Mitarbeiter diese Alternative akzeptiert, hat der böse Arbeitgeber keine Möglichkeit mehr, seinen eigentlichen Wunsch, nämlich den Mitarbeiter günstiger zu beschäftigen als vertraglich vereinbart, zu verwirklichen.

Aber was ist jetzt mit dem armen, arbeitslosen Mitarbeiter? Der fiele bei den Liberalen doch ins nackte Elend. Wenn er hungernde Kinder und eine weinende Ehefrau verhindern will, muss er doch dem Ansinnen des bösen Arbeitgebers nachgeben, und wir haben so etwas wie Zwang vorliegen. Sicher kommt das Inaussichtstellen einer potenziell existenzbedrohenden Alternative echtem Zwang sehr nahe. Auch deswegen wird man als Liberaler immer eine soziale Grundsicherung befürworten. Aber die aus meiner Sicht viel interessantere Frage ist die, wie realistisch das Szenario unter den Bedingungen größtmöglicher Freiheit überhaupt wäre – schließlich ist Langzeitarbeitslosigkeit kein vom Himmel fallendes Schicksal, sondern Ergebnis staatlichen (Zwangs-)Handelns.

Wegen der Art des „Diskurses“ selbst bin ich etwas befremdet. Wenn MomoRules Liberalen, die in Kommentarspalten eines Blogs ihr Konzept von Freiheit vertreten, wegen dieser ihrer Meinungsäußerung strategische Absichten (Erlangung von „Diskurshoheit“) und aggressives Verhalten („Denken unterbinden“) unterstellt, dann scheint er mir eher das zu umschreiben, was er selbst mit solchen Angriffen beabsichtigt. Ich ahne auch, warum: Der liberale (bzw. libertäre) Vorwurf, das Paradies, in das die Linken uns zu führen beabsichtigen, sei notwendigerweise auf Zwang aufgebaut, dieser Vorwurf trifft ins Mark und muss daher gründlich aus der Welt geschafft werden.

Nun unterscheiden sich Liberale und Libertäre ja nicht zuletzt dadurch, dass Liberale nicht die völlige Abwesenheit solchen Zwangs fordern. Sie wollen ihn nur minimieren. Aber das Bewusstsein, dass staatliches Handeln immer auf Zwang beruht, bleibt eben auch dann bestehen, wenn man dieses für konkret definierte Bereiche als sinnvoll erkennt. So ist auch meine Forderung zu verstehen, erst Freiheit zu definieren und sich dann über weitere, sinnvolle und notwendige Institutionen menschlichen Zusammenlebens zu unterhalten, die individuelle Freiheit dann durchaus wieder einschränken könnten. Wir brauchen aber diese Vorstellung von Freiheit quasi als „Schmerzgrenze“, als Gegengewicht zum prinzipiell unbegrenzten Machtpotenzial des Staates. Ein Freiheitsbegriff, der statt dessen zum unpraktikablen Glücksversprechen mutiert, spielt, wie liberale Theorie und die Geschichte ideologischer Regimes nahe legen, diesem Machtpotenzial nur in die Hand.

Zwei Quellen dazu von weit kundigeren Autoren zum Weiterlesen und Verdichten:

Zehn Thesen zur Freiheit (liberty.li)
Es gibt kein Recht, auf Kosten anderer zu leben -
Betrachtungen über Freiheit, Zwang und Vorenthaltung (Detmar Doering)

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29 Kommentare zu “Freiheit, die ich meine”

  1. 8.06.2006 | 21:23

    “Ein genetischer Interpersonalismus, der wohl selbst bei diesen transzendental-empirischen Doubelttenstrukturen wie Chomskys generativer Grammatik, bei der mir Sprache durch soziale Stimuli “wächst” wie ein Organ, noch gilt, ist wohl unabweisbar.”

    Rayson, glaube mir (aus bitterer Erfahrung): wer solche Sätze ‘rausdrückt, hat nicht nur nichts zu sagen. Der ist auch noch stolz darauf! Das ist pures Worthülsen-Geblubber. Gehirnwichserei.

    Aber, sorry: das weisst Du sicher selbst. So jedenfalls habe ich Deine Replik gelesen. Nur hat mein Mitleid obsiegt, das jedem gilt, der verständlich artikuliert, aber von Worthülsenakrobaten akustisch plattgewalzt wird. Oder werden soll.

    Ich glaube, dass dem Autoren tatsächlich die Sprache durch sozial-bloggale Stimulie wächst (”… mir Sprache … wächst” ;-) - nennt sich wohl ‘Entblösser’ oder ‘Mantelaufklapper’ oder ‘Exhibitionist’ - natürlich REIN intellektuell oder so - aber Entblössungslust ist kaum verhehlbar. Nur echt Scheisse, wenn dann der Schwanz nicht steht wie ‘ne EINS … und das geplante und ersehte Grauen in mildes Lächeln umschlägt.

    Gruss
    Andreas

  2. 8.06.2006 | 21:43

    Danke zunächst für die Antwort und die Forsetzung der Auseinandersetzung! Und auch für die Anerkennung am Anfang!

    Ein bißchen weniger Konzentration auf vermeindliche “Frechheiten” (Papa!), etwas mehr auf das, was ich da noch alles geschrieben habe, und Dir wäre beim Schreiben des folgenden Satzes vielleicht was aufgefallen:

    ” … der Freiheit vor allem als Handlungsfreiheit des Einzelnen definiert, als die „Fähigkeit, Handlungen bewusst und selbstbestimmt zu wählen“, wozu insbesondere die Abwesenheit der Ausübung von Zwang durch andere gehört”

    Daß ist nämlich exakt die Struktur, die ich aufzuzeigen versucht habe. Der erste Teil - Handlungsfreiheit als die Fähigkeit, Handlungen selbstbewußt und selbstbestimmt zu wählen - ist ein Begriff postiver Freiheit. Was ich noch hinzugefügt habe ist zwar schlicht, aber folgenreich: Daß eine so verstandene Freiheit ohne ein Konzept praktischer Vernunft Freiheit auch nicht zu explizieren vermag. Die laßt ihr immer weg, die Vernunft, in euren Beschreibungen von Freiheit.

    Die zweite Hälfte - Abwesenheit von Zwang durch Andere - ist ein Formulierung politischer Freiheit. Ich habe dafür plädiert, beides methodisch auseinanderzuhalten, was Dr. Dean im seinem Posting auch nicht getan hatte. In einem der Schweizer Blogs stand ganz treffend, negative Freiheit setze positive Freiheit voraus, dem hast Du im Zitat zugestimmt.

    Dann hat man schon mal zwei Bereiche separiert - Freiheit ganz grundsätzlich und solche in konkret politischen Zusammenhängen - und kann daraufhin besser miteinander reden.

    Ich behaupte nun, daß Freiheit im von Dir formulierten Sinne - der erste Teil, der mit der selbstbestimmten Wahl - auch über ein Konzept negativer Freiheit hinaus politische Implikationen hat, und es Grunde im gar keinen Sinn macht, überhaupt über Wirtschaft oder Politik zu reden, wenn man dies in den reinen Kategorien negativer Freiheit tut. Ihr seid dagegen, okay, also weitermachen. Aber bitte, indem man aufeinander eingeht und nicht den eigenen Dogmenkatalog fast wörtlich immer neu durchblättert.

    Auf diese ganze Nummer mit den Strategien jetzt einzugehen, macht wenig Sinn - erstaunlich ist, wie empfindlich reagiert wird, wenn man dezent eben jene diskursiven Methoden einsetzt, die im Bezug auf “die Linke” (was immer das ist) in jedem eineinhalbten Eintrag im liberalen Bloguniversum Anwendung finden (in Deinem Eintrag hier ja auch schon wieder). Mit ungleich härteren Kanonaden, übrigens.

    Man will überzeugen, und die Antwort ist “Du willst doch nur zwingen!” Dann zahlt man eben einmal mit gleicher Münze heim … und der Aufschrei ist riesengroß. Wechselseitige Perspektivenübernahme ist auch ein Teil der Moral, aber zu der kann man niemand zwingen, in der Tat. Aber etwas weniger Selbstgerechtigkeit, bitte. Im Gegensatz zu den FDOG hast Du das doch drauf.

    Außerdem habe ich mich schlicht und ganz egoistisch gelangweilt, seit 3 Monaten immer wieder das gleiche zu lesen … der Eintrag hier von Dir ist ja ein großer Schritt darüber hinaus. Danke, wie gesagt, und von Herzen!

  3. 8.06.2006 | 21:46

    Ja, lieber Herr Ulrich, auch solche Typen wie Sie meine ich mit “Diskurspolizei”. Hooligans im Geiste. Der Hinweis auf Chomsky ist wichtig, weil die schärfsten Attacken auf “Willenfreiheit” aktuell aus den Neurowissenschaften kommen, und wenn man denen zustimmt, kann man auf Libralismus gleich ganz verzichten.

  4. Parker8
    8.06.2006 | 22:05

    @MomoRules
    Ist es wirklich sinnvoll, einen Begriff wie Freiheit für Dinge herzunehmen, für die es andere Bezeichnungen schon gibt (Selbstbewusstsein u.a.)? Sollte man bei solchen Bestimmungen nicht auch etwas commonsensical bleiben? Es gab mal eine philosophische Richtung, die hieß Ordinary Language Philosophy - Wittgenstein spielte für sie eine wichtige Rolle -, und die haben das versucht.

  5. 8.06.2006 | 22:07

    @MomoRules

    weil die schärfsten Attacken auf “Willenfreiheit” aktuell aus den Neurowissenschaften kommen, und wenn man denen zustimmt, kann man auf Libralismus gleich ganz verzichten

    Irrtum. Nehmen wir an, die Neurowissenschaften liegen richtig mit ihrer Annahme, dass auf biologischer Grundlage das Wollen vorbestimmt ist, weil die biologischen Strukturen nur zulassen, was sie eben zulassen. Daraus würde folgen, dass es signifikante Unterschiede z.B. zwischen Ihrem und meinem Gehirn geben könnte. Erst ist der Unterschied da, dann folgt der Wille.

    Gerade dann muss man sich von der Vorstellung verabschieden, so etwas wie ein Einheitsmensch, ein Idealmensch könne in der Ideologie eines Gesellschaftssystems Platz haben, Kollektivismus mit dem Schema “alle verhalten sich gleich, denken gleich, tun das gleiche” etc.

    Gerade weil wir verschieden sind - nicht nur als Ergebnis eines freien Willens, sondern von vornherein - ist eine liberale Gesellschaft, in all der Vielfalt, nicht nur wirtschaftlich, die einzig menschenwürdige, menschgerechte Art des Zusammenlebens. Weil es in ihr nicht tolerabel ist, dass ein Mensch einen völlig anders strukturierten Menschen zwingt, so zu sein und zu denken wie er und dasselbe zu tun.

  6. Parker8
    8.06.2006 | 22:22

    Gerade weil wir verschieden sind - nicht nur als Ergebnis eines freien Willens, sondern von vornherein - ist eine liberale Gesellschaft, in all der Vielfalt, nicht nur wirtschaftlich, die einzig menschenwürdige, menschgerechte Art des Zusammenlebens.

    Ja, aber daraus folgt politisch nicht viel. Denn die jeweiligen freien Willen können ja in Konflikt miteinander geraten.

  7. 8.06.2006 | 22:29

    Oh, Gott, Sie sind ja noch dümmer, als ich auf Grund Ihrer Äusserungen hätte glauben dürfen.

    Ich jedenfalls hätte Angst vor Hooligans (wenn ich die favorisierte Ideologie dieser tendentiellen Bestien gerade nicht teilen würde). Warum glauben Sie (oder wollen sprachlich Glauben machen), dass Sie vor mir Angst haben müssten??? Körperlich, konkret, aktuell???

    Gut, Ihre persönliche Angst- und Kommunikationsstatur sei Ihnen gegönnt … aber trotzden: was haben die Neurowissenschaften (welch’ weites Feld :-)) mit ‘Freiheit’ zu tun? ‘Freiheit’ heisst nicht, keinen Grund für seine Entscheidungen zu haben (also irgendwie ‘absolut’ frei zu sein), sondern: ausser den in einem selbst liegenden Verpflichtungen nicht auch noch fremde, machtinduzierten ertragen zu müssen.
    Ich habe mit meiner Psyche genug zu tun … da brauche ich nicht auch noch dieses eklige Besserwisserpack, das, menschenfreundlich verpackt, AUCH NOCH auf mir ‘rumhackt.

    Kümmern Sie sich doch um Ihre eigenen Kisten. Machen Sie’s auf Grund Ihrer intellektuellen Schärfe besser als ich. Wenn Sie’s schaffen, mich praktisch zu überzeugen (nicht auf Grund theoretisierenden Gewichses), o.k. - dann bin Ihr Fan! Nur: reines Gelaber ist da nutzlos. Da muss schon Action folgen.
    Aber wenn halt ‘die’ NeuroWichsies kommen … JöHH! Ihr Problem, von wem Sie sich die Chuzpe abschwatzen lassen.

    Freiheit ist eine menschliche Erfindung. Aber zumindest eine, für die es sich zu leben lohnt. Sterben kann man ja wofür anders! Da haben Menschen Ihrer Statur ja Ideen genug …

  8. 8.06.2006 | 22:32

    Es kommt darauf an, ob eine freie Willensentscheidung einen selber oder andere Menschen betrifft. Ich bestreite, dass Menschen ohne verbindliche Regeln eines Rechtsstaates zurechtkommen, das bedeutet aber gewiss nicht, den Menschen alles vorzuschreiben und über sie beliebig zu verfügen. Jeder politische Streit lässt sich darauf reduzieren, welche Rechte das Individuum haben sollte, welche Grenzen zu ziehen sind, wo Staat/Gemeinschaft eingreifen sollten. Darauf basiert alles. Auch Parteien und Politiker sind nur verlängerter Arm des Wunsches, etwas verbindlich für alle festzulegen, im Sinne aller zu verbessern. Da wir wie gesagt nicht alle gleich sind, sollten die Eingriffe begrenzt und begründet sein, nicht ausufern. Es folgt also nicht wenig, sondern alles daraus.

  9. 8.06.2006 | 23:14

    Zu dieser späten Stunde will ich weniger auf Inhaltliches eingehen (muss gleich zu Illner ;-)), sondern nur kurz die Metaebene abhandeln:

    @Andreas

    Ich gebe dir Recht, dass solches Geschwafel oft auch auf eine andere Weise nur “ich hab den Längsten” postuliert. Ich will mich aber von solchem Gehabe nicht freisprechen, denn wenn Ökonomen von der “effizienten Allokation der Ressourcen” reden, dann ist das auch nicht weit davon entfernt.

    MomoRules kann halt wie wir alle nicht aus seiner Haut. Er redet, wie ihm zu reden gegeben ist, und das ist eben eine andere Weise als die meine oder die deine. Ich finde es völlig o.k., dass er seine Maßstäbe aber nur an sich anlegt und nicht etwa von mir Komplementäres erwartet. Die Diskussion zwischen verschiedenen Gedankenwelten bringt es nun einmal mit sich, dass auch verschiedene Sprachbilder verwendet werden. Aber vielleicht, und das ist das Spannende, entdecken wir auch, dass uns die Sprache mehr trennt als der Gedanke!?

    So lange ich einen Willen erkenne, die jeweils andere Seite trotzdem zu verstehen, so lange habe ich überhaupt nichts dagegen.

    Nicht, dass ich deine Position nicht zu schätzen wüsste. Ich profitiere gedanklich ja auch davon. Aber wenn sie zarte Pflänzchen der Kommunikation zu ersticken droht, hätte ich es zunächst lieber ohne. Zurück zu den Wurzeln geht immer.

    Und ich würde mich wirklich sehr freuen, wenn wir dem Anderen nicht Dummheit oder Ähnliches unterstellen müssten. Die Idee der Freiheit sollte sich auch ohne Beschimpfung ihrer tatsächlichen oder vermeintlichen Gegner durchsetzen können.

    @MomoRules

    Ich hoffe, du hast die Bewunderung des ersten Absatzes nicht als Ironie missverstanden - das war im Grunde ehrlich gemeint, wenn auch mein Selbstbewusstsein trotzdem sehr ausgeprägt ist ;-)

    Es gibt mehrere Möglichkeiten, mit radikaler libertärer Kritik umzugehen. Man kann mit gleicher Münze zurückzahlen - das bewahrt dann das Ego und sichert nach außen ab. Man kann aber auch versuchen, das an sich abperlen zu lassen und hinter die Motive zu schauen.

    Was ich bisher von euch beiden, Andreas und MomoRules, gelesen habe, lässt mich schon sehr bedauern, dass ihr hier Schützengräben aushebt. Den Verzicht darauf fände ich viel interessanter. Ganz ehrlich. Ihr müsst euch ja nicht einigen, sondern nur mal abtasten.

  10. 9.06.2006 | 0:11

    @Parker8:

    Auf einen solchen will ich ja hinaus, auf einen Freiheitsbegriff, den man mit Mitteln z.B. der ordinary language philosophy ermitteln kann.

    Am Ende der “Frechheit”, auf die Rayson sich bezieht, habe ich ja hirnwichsend auf “Selbstbewußtsein und Selstbestimmung” von Tugendhat verwiesen, der kommt aus der Ecke. Der hat die auf Wittgenstein aufbauende Sprachanalyse in Deutschland einst hoffähig gemacht.

    Auf einen Begriff, was denn Freiheit sei, kann man aber bei einem Konzept der Selbstbestimmung nicht verzichten. Übrigens auch einem solchen, der Herrn Ullrichs Einwände durchaus einbezieht - jetzt nicht hinsichtlich der Hirnwichserei, sondern hinsichtlich des Verhältnisses zu Anderen.

    “Selbstbewußtsein” ist ja noch mal was anderes, also “das Bewußtsein seiner selbst” … wie man von da zum Handeln kommt, ist ja gar nicht so einfach, das ist richtig kompliziert. Da verweise ich einfach mal auf folgende Einträge in meinem Blog. Greife ich auf.

    Zurück zur Selbstbestimmung: Die ist umfassender als Freiheit, eigentlich die formale Struktur aller Ethiken, aber das kann man nur dann einfach so rausrotzen, wenn man Andreas Ullrich heißt (der ja z.B. behauptet, über Handlungen würde man nur dann nachdenken, wenn Kosten entstehen - das ist dann die Kostentheorie der Freiheit) - also Hirnwichsen vermeiden möchte. Da braucht’s aber schon ein wenig Hirnwichsen, aber das greife ich dann auf!

    @Euroneuzeit:

    Das mit den Neurowissenschaften ist neuerdings brisanter, seit diesen Forschungen, die belegen wollen, daß es Willenfreiheit gar nicht gäbe: Benjamin Libet, “Mind Time. Wie das Gehirn Bewußtsein produziert”, Frankfurt/M. 2005.

    Der hat Versuche angestellt, daß allerlei Neuronengewitter in “unbewußten” Gehirnregionen der konkreten Handlung vorausgingen und nicht etwas ein bewußter Entschluß - so ungefähr. Der stellt sowas wie bewußten Willen (jetzt Gilbert Ryles Mannschaftsgeist, der nicht auf dem Spielfeld steht, mal außen vor gelassen, das noch mal zum Thema ordinary language philosophy) generell in Frage. Das ist aktuell nicht so offen konzipiert, wie Du es darstellst. Die werden gerade radikal.

    Was Du über Rechte, Rechtsstaat und die Anderen schreibst: Vollste Zustimmung.

    @Herr Ullrich:

    Entschuldigen Sie, aber rumgehackt haben Sie zuerst. Ich kannte Sie bis dato nur am Rande. Und ich glaube auch nicht, daß ich Sie als Fan überhaupt haben wollen würde. Und daß es Typen gibt, die angesichts von “”Hirnwichserei” zu Gewalttaten neigen, das zeigt sowohl die Historie - diesbezüglich hilft ein Blick z.B. in die Weimarer Republik - als auch ein Blick in meine eigene Biographie.

    Was die Neurowissenschaften betrifft: Das habe ich ja gerade schon beantwortet. Der Chomsky-Einschub erschien mir wichtig, weil:

    a.) Die Unterscheidung transzendental (Bedingung der Möglichkeit - z.B. von Erkenntnis) und empirisch (auf Erfahrung basierend) zeigt sich aktuell vor allem im Feld der Bio-Wissenschaften (Gentechnik, Neurowissenschaften). Insbesondere die Neurowissenschaften formulieren solche “transzendentalen” Bedingungen, wie oben ja skizziert wurde.

    Ganz egal, ob man nun von Foucault kommt - der ist Ihnen ja, glaube ich, auch geläufig - oder auch von Popper/Albert: Im Namen der Freiheit hat man diese als starke, tranzendentale Begründung, wie Libet sie formuliert, zurückzuweisen.

    Chomsky’s generative Grammatik bietet sich als früher Vertreter solcher Modelle an, um diese Struktur als solche darzustellen.

    In jenem Sinne, wie Euroneuzeit es oben schreibt, sind diese z.B. von Chomsky vertretenen, linguistischen Strukturen, die angeboren seien, eben den Prototyp einer Form, die sich dann mit interpersonalen Inhalten sozusagen auffüllen im Zuge der “Stimuli durch das Soziale”. Im Kontext meines Eintrages fand ich das schon wichtig, daß man es dann auch erwähnt, wenn man über “genetische Interpersonalität” schreibt, also die Vorstellung, daß man Fähigkeiten nur im Miteinander erwirbt.

    b.) Der kam auch in’s Spiel, der Chomsky und die sozialen Stimuli, weil ich streckenweise sprachphilosophisch - eher in Andeutungen - argumentiert habe. Zumindest durch die Hereinnahme der Bezugnahme Schnädelbachs auf Wittgenstein. Da bot es sich an, auch auf andere Weisen des Denkens über Sprache zu verweisen.

    Das kann man jetzt alles blöd finden, in meinem Selbstverständnis habe ich ein Problem: Viele Liberale vertreten das Konzept negativer Freiheit.

    Auch mir ist diese ungeheuer wichtig, die Freiheit als solche, auch ich finde, daß sich nur durch sie zu leben lohnt - ich finde es aber unplausibel, wie viele Liberale Freiheit beschreiben. Das funktioniert nicht. Sonst wär ich ja auch einer ;-)

    Deshalb grübel ich dann los, welche Konzepte mir denn plausibler erscheinen - und da bietet sich ein Blick in die Tradition an, z.B. zu Aristoteles und Kant. Nicht selbstzweckhaft, sondern um für mich und ggf. auch andere zu klären versuchen, was man sinnvoll meinen kann, wenn man Freiheit sagt … und ich glaube, daß man diese nur mit Anderen erleben kann. Hier z.B. gerade.

  11. 9.06.2006 | 0:14

    @Rayson:

    Danke für die Verteidigung! Hatte es auch nicht als Ironie verstanden - und ich hab’s auf meine Art gerade schon versucht, parallel zu Deinem Posting, das mit dem Überbrücken der Schützengräben … na ja, in Ansätzen zumindest …

  12. 9.06.2006 | 0:15

    @MomoRules

    Ok, zu noch späterer Stunde noch mal inhaltlich (ab morgen nachmittag ist meine Liebste wieder im Lande, da findet dann eine umfangreiche Neubewertung von Prioritäten statt…):

    Mir ist es im Prinzip gleich, in welches Schema du meine Aussagen einordnest. Mir liegt weniger an Begriffsgeschacher (obwohl manche das als Brot der Philosophie bezeichnen würden) als an inhaltlicher Klarheit.

    Ich behaupte nun, daß Freiheit im von Dir formulierten Sinne - der erste Teil, der mit der selbstbestimmten Wahl - auch über ein Konzept negativer Freiheit hinaus politische Implikationen hat, und es Grunde im gar keinen Sinn macht, überhaupt über Wirtschaft oder Politik zu reden, wenn man dies in den reinen Kategorien negativer Freiheit tut. Ihr seid dagegen, okay, also weitermachen. Aber bitte, indem man aufeinander eingeht und nicht den eigenen Dogmenkatalog fast wörtlich immer neu durchblättert.

    Einverstanden. Aber man wird doch, wenn man dazu aufgefordert wird, doch bitte auch mal sagen dürfen, worum es geht.

    Man will überzeugen, und die Antwort ist “Du willst doch nur zwingen!” Dann zahlt man eben einmal mit gleicher Münze heim … und der Aufschrei ist riesengroß.

    Ich wage, meine Zweifel an dieser Interpretation anzumelden. Ok, ich rede von “den Linken”, aber du mögest mir bitte nachsehen, dass ich weder Zeit noch Lust habe, auf eure zahlreichen Gruppierungen einzugehen - die werden für mich erst dann relevant, wenn sich deutliche Gegensätze in der Bewertung des von mir Gesagten ergeben. Zumal ich das Bedürfnis hatte, der “liberalen Diskurspolizei” eine ähnliche Vereinfachung entgegenzusetzen.

    Ich glaube tatsächlich nicht, dass Linke zwingen wollen. Ich glaube vielmehr, dass ihnen nicht immer bewusst wird, wie weit ihre Handlungsempfehlungen Zwang voraussetzen oder voraussetzen müssen. In der praktischen Politik wird sowas ja gerne dadurch verbrämt, dass man der Mehrheit verspricht, der Zwang werde sich schon nur auf die Minderheit auswirken. Aber das ist der Unterschied zwischen Erotik und Prostitution.

    Mir egal, wer wann welche Kanonen auf jemanden abgeschossen hat. Aber die Äußerung einer Meinung als etwas Übles hinzustellen, das passt nicht zu meiner Vorstellung einer Diskussion. Wie mittlerweile auch allen deutlich geworden sein sollte.

  13. Zodac
    9.06.2006 | 0:17

    Als argumentatorischer Keulenschwinger bin ich zwar weit entfernt vom eleganten Florettfechten geister Art, wie es Rayson udn Momo praktizieren, aber ich versuche mich mal trotzdem:

    Die Eskimos haben bekanntlich über ein dutzend verschiedene Ausdrucksweisen für Schnee. Angesichts der Mehrdeutigkeit des Freiheitsbegriffes ist es ein bischen schade, daß wir nicht ähnliches auch beim Freiheitsbegriff haben.

    Offensichtlich ist auch, daß die Freiheit als solche auch leicht mißbraucht werden kann. Die totalitären Regime haben niemals auf eine Freiheitsrethorik verzichtet.
    Gemessen daran wäre es wohl sinnvoll, wenn wir die Freiheit so definieren, daß sie am wenigsten mißbrauchanfällig ist. Ein Punkt, der meines erachtens für die “negative Freiheit” spricht.

    Unsere demokratischen politische Systeme und Institutionen streben bekanntlich auch nicht nach Vollkommenheit, sondern nach Ausgleich von menschlichen Unzulänglichkeiten. Vielelicht wäre eine ähnliche Einsicht auf für die Definition des Freiheitsbegriffes sinnvoll. Wir könnten uns ja an den Eskimos ein Beispiel nehmen und für die “positive Freiheit” einen neuen Begriff finden.

  14. 9.06.2006 | 0:28

    Vielleicht noch mal zu den Neurowissenschaften. Man kann sich dem Thema auf zwei Arten nähern: der indifferenten und der ignoranten,

    Die indifferente Methode würde darauf wert legen, dass sich durch die Erkenntnisse der Neurologie nichts geändert hat: Ab einer gegebenen Komplexität gibt es für das menschliche Gehirn keinen Unterschied zwischen Freiheit und nicht vorhersagbarer Determiniertheit. Oder, nur um zu beweisen, dass Hayek all das schon vorhergesehen hat: um die Zurückweisung der “Anmaßung von Wissen”.

    Die ignorante Position würde betonen, dass die Neurologie bei solchen Aussagen von ihren Voraussetzungen lebt: Wenn Reiz A Reaktion C auslöst, bevor Prozess B stattfindet, heißt das noch lange nicht, dass C und B nicht eine gemeinsame Basis haben, von der nur keiner bislang weiß. Es ist gut wissenschaftlich gesund, ohne Hinweis eine solche Basis nicht anzunehmen, aber dazu müssen wir uns nur vor Augen halten, dass Wissenschaft im Popperschen Sinn nichts (positiv) beweist, sondern nur (negativ) auschließt.

  15. 9.06.2006 | 0:30

    @Zodac

    Gemessen daran wäre es wohl sinnvoll, wenn wir die Freiheit so definieren, daß sie am wenigsten mißbrauchanfällig ist. Ein Punkt, der meines erachtens für die “negative Freiheit” spricht.

    Das ist, von einer bestimmten Seite her angenähert, ja auch der Kern meiner Argumentation.

  16. Parker8
    9.06.2006 | 0:41

    @MomoRules
    Ich bin völlig mit Ihnen d’accord, dass der Begriff Freiheit bestimmte weitere Begriffe - wie Selbstbestimmung - impliziert. Oder wenigstens nur sinnvoll in einem Modell verwendet werden kann, in dem noch solche weiteren Kategorien eine Rolle spielen. Aber es ist eine andere Frage, ob man das dem Wort selber zuschreiben soll. Freiheit ist hinreichend definiert als Abwesenheit von Zwang, das ist die primäre Bedeutung. Daran begeistern sich halt FDP-Anhänger. Soll heißen: Man kann die “FDPigkeit” nicht begrifflich widerlegen, das halte ich für verfehlt.

  17. 9.06.2006 | 0:59

    @Parker8

    Deine Rekursion auf real existierende Parteien der Bundesrepublik Deutschland entwertet deine Argumentation nicht unerheblich.

  18. Parker8
    9.06.2006 | 1:08

    Ach, das glaub ich nicht. In dem Parteinamen kommt das in Frage stehende Adjektiv eben vor.

  19. 9.06.2006 | 1:11

    MomoRules

    Der stellt sowas wie bewußten Willen (jetzt Gilbert Ryles Mannschaftsgeist, der nicht auf dem Spielfeld steht, mal außen vor gelassen, das noch mal zum Thema ordinary language philosophy) generell in Frage. Das ist aktuell nicht so offen konzipiert, wie Du es darstellst. Die werden gerade radikal.

    Gut, dann kann es schon sein, dass Deine Anfechtung dieser Machenschaften einen guten Grund hat… schon ist man sich einig.

  20. 9.06.2006 | 1:12

    @Parker8

    Was automatisch besondere Relevanz verleiht? Erstaunlich. Würdest du die Definition von “Sozialismus” an der CSU ausrichten? Da bin ich wirklich gespannt…

  21. googlehupf
    9.06.2006 | 3:34

    @MomuRules
    “[...]weil die schärfsten Attacken auf “Willenfreiheit” aktuell aus den Neurowissenschaften kommen, und wenn man denen zustimmt, kann man auf Libralismus gleich ganz verzichten”

    Selbst wenn man ganz biologistisch (ist das ein Wort?) argumentiert und dem Menschen den freien Willen abspräche, ließ sich nicht daraus ableiten man könne dann auf den Liberalismus verzichten. Aus meiner Sicht lässt sich aus der subjektiven Wahrnehmung, dass man über einen freien Willen verfügt schon das einzig notwendige Gegenargument konstruieren. Es ist nicht wichtig ob es nach objektiven, präzisen naturwissenschaftlicher Methode anders sei.

    Und wenn auch wenn ich generell ein sehr technophiler und naturwissenschaftlich denkender Mensch bin muss ich sagen: das Feld ist noch so wahnsinnig jung und man sollte das bisher gesammelte nicht überbewerten. Die menschliche Erkenntnis über die biologischen Vorgänge des eigenen Verstands ist außerordentlich gering.

  22. 9.06.2006 | 8:41

    @Rayson + MomoRules

    Erst mal heftig “Sorry!”, dass ich gestern so unter die Gürtellinie gegangen bin. Passiert mir selten, dann aber richtig.

    Zum Thema:
    Ich halte es nach wie vor für unergiebig, im atomaren Bereich nach Freiheit zu suchen. Die Atome, Moleküle, Synapsen und Transmitter wurschteln halt nach kausalen Naturgesetzen so vor sich hin. Mal wissen wir, was + wie sie etwas bewirken, mal nicht. Wenn aus solcher Forschung Reparaturanleitungen gebastelt werden: toll! Aber das ist für mich dann auch das Ende der Fahnenstange.
    Eine Stufe höher mag man dann noch dazu kommen, dass Organismen nach dem 2ten Hauptsatz der Thermodynamik einen Zustand grösstmöglicher Ausgeglicheheit anstreben (beim Menschen: Reizerledigung durch Handeln). Aber auch hier suche ich vergeblich Anhaltspunkte, dass über Freiheit verhandelt werden kann. Ich sehe das als ‘black box’ - gegeben wie die Schwerkraft. Der gegenüber habe ich auch keine ‘Freiheit’. Ich kann sie benutzen, überlisten und austrixen: aber ich bleibe ihr immer verfallen.
    Erst wenn ich gewissermassen Haut und Hirn des Menschen ‘zuklappe’ und von aussen das soziale Gezappel des Einzelnen begucke, fällt mir zum ersten Mal ein, über den Begriff ‘Freiheit’ nachzudenken.
    Ich halte es da mit Mises, der seine Handlungslehre genau an diesem Punkt beginnt. Die Einleitung zur ‘Nationalökonomie’ sei hier heftigst empfohlen.

    So far + einen schönen Tag!

  23. 9.06.2006 | 9:49

    Mönsch, das ging hier ja noch richtig klasse weiter!

    @Rayson:

    “Mir ist es im Prinzip gleich, in welches Schema du meine Aussagen einordnest. Mir liegt weniger an Begriffsgeschacher (obwohl manche das als Brot der Philosophie bezeichnen würden) als an inhaltlicher Klarheit.”

    Aaaaargh! Das ist dann eine Antwort wie die “Diskurspolizei”. Mir geht’s auch um inhaltliche Klarheit, was schreibe ich denn den ganzen Kram, mit “negativ” und “positiv” meint man ja in der Regel etwas, oft beide Seiten sogar das gleiche, sonst könnte man sich gar nicht verständigen. Aber genau dieser Klärung weicht ihr aus - mit guten Gründen, dann würde ja auch das eine oder andere liberale Kartenhaus in sich zusammenfallen. Da bleibe ich bei. Das ist einfach kein Argument, Deine Antwort.

    @Zodac:

    “Gemessen daran wäre es wohl sinnvoll, wenn wir die Freiheit so definieren, daß sie am wenigsten mißbrauchanfällig ist. Ein Punkt, der meines erachtens für die “negative Freiheit” spricht.”

    Das ist sogar was dran. Es gibt ja auch Traditionen, die sagen würden: Wenn man Freiheit überhaupt zu definieren sucht, dann unterwirft man bereits, indem man benennt und dadurch den Boden für potenzielle Eingriffe bereitet. Da tauchen dann - das ist mir schon mehrfach aufgefallen - ganz erstaunliche Parallelen zwischen bestimmten liberalen Positionen einerseits und Adorno, Foucault und Derrida andererseits auf. Und die FDOG will den armen Adorno demnächst vergewaltigen, indem sie ihn bösartig mißversteht … vergib ihnen, Herr …

    @Parker8:

    Freiheit ist hinreichend definiert als Abwesenheit von Zwang, das ist die primäre Bedeutung. Daran begeistern sich halt FDP-Anhänger. Soll heißen: Man kann die “FDPigkeit” nicht begrifflich widerlegen, das halte ich für verfehlt.

    Nein, das stimmt eben nicht. 1.) ist sie dadurch nicht hinreichend definiert, wie Raysons Ausführungen ja belegen, und 2.) kann man Teile derer natürlich begrifflich widerlegen, jetzt auch mal abgesehen von der Partei. Die gehen ja unsauber mit Begriffen um.

    @Andreas Ullrich:

    Entschuldigung nehme ich an! Um die Neurowissenschaften in ihre Schranken zu weisen, hilft aber der Blick von außen auf “Black-Boxes” nicht weiter. Das halte ich übrigens, was eigens zu belegen wäre und ich hier nur mal ebenso behaupte, für eine Grundfehler der Wirtschaftswissenschaften in der Form, wie sie mit dem Begriff “Anreize” arbeiten. Da steckt ja noch dieses mechanistische “Reiz-Reaktions”-Schema des Black-Box Behaviorismus mit drin, und das kann menschliches Handeln nicht erklären.

    Helfen tut der Wechsel zur 1. Person - “ich”, “wir”. Aus dieser Perspektive behaupten die Neurowissenschaften Unsinn.

    “Aus meiner Sicht lässt sich aus der subjektiven Wahrnehmung, dass man über einen freien Willen verfügt schon das einzig notwendige Gegenargument konstruieren. Es ist nicht wichtig ob es nach objektiven, präzisen naturwissenschaftlicher Methode anders sei.”

    schreibt Googlehupf ja diesbezüglich ganz richtig. So in etwa haben auch Reemstma und Habermas auf Libet reagiert. Raysons Antwort ist eine Alternative hierzu.

  24. 9.06.2006 | 12:55

    Typisch linke Diskurspolizei: Kritik an einer ihrer Ikonen kann nur “bösartig” sein, “Vergewaltigung” gar - auch wenn man noch gar nicht weiß, was auf einer in der Zukunft liegenden Veranstaltung gesagt werden wird.

  25. 9.06.2006 | 13:05

    @MomoRules

    Das ist einfach kein Argument, Deine Antwort.

    Es sollte auch keins sein, sondern eine Art “wenn du das so sehen musst, soll es mir auch recht sein”-Zustimmung.

    Das halte ich übrigens, was eigens zu belegen wäre und ich hier nur mal ebenso behaupte, für eine Grundfehler der Wirtschaftswissenschaften in der Form, wie sie mit dem Begriff “Anreize” arbeiten. Da steckt ja noch dieses mechanistische “Reiz-Reaktions”-Schema des Black-Box Behaviorismus mit drin, und das kann menschliches Handeln nicht erklären.

    Wenn das der Fall wäre, würden Ökonomen diesen Ansatz aufgeben. Das Gegenteil trifft zu: Er erklärt Verhalten verblüffend oft. Nicht das Verhalten, aber Verhalten. Der Mensch ist kein homo oeconomicus, aber wenn man ihn als solchen betrachtet, kommt man in vielen Fällen zu guten Erklärungen.

  26. 9.06.2006 | 14:50

    @Ingo:

    “An diesem Abend soll gezeigt werden, dass das extrem unterkomplexe, grotesk verzerrende und düstere Portrait der Realität westlicher Gesellschaften, das die Kritische Theorie zeichnet, dem Bedürfnis nach einer schnellen und einfachen Lösung für alle Menschheitsprobleme entspringt.”

    Der erste Teil ist wohl teilweise richtig, das mit dem Düsteren und Verzerrenden, aber auch nur zum Teil, und an der Kritischen Theorie ist allerhand zu kritisieren. Aber das mit dem “Bedürfnis nach einer schnellen und einfachen Lösung für alle Menscheitsprobleme” ist hinsichtlich Adorno und wohl auch Horkheimer schlicht Nonsens.

    Die haben Unentrinnbarkeit aufzuzeigen versucht, Lösungen weit und breit nicht in Sicht im “totalen Verblendungszusammenhang”, was ja nix Tolles ist, sondern auch Faulheit und Selbstgefälligkeit und auch etwas äußerst unangenehm Elitäres, und da irgendwelche Bedürfnisse reinprojizieren zu wollen, um auch ja wieder Bestätigungen für diesen ganzen Links=Rechts-Schwachsinn zu finden, das ist de facto Vergewaltigung eines großen Denkers, gegen den wir hier allenfalls Zwerge sind.

    Ob’s bei Marcuse nicht vielleicht sogar hinhaut, was Du da ankündigst, das will ich noch nicht mal bezweifeln. Stell das mal in’s Netz nach dem Vortrag. Fände ich spannend.

    Kleiner Tipp zur Vorbereitung, lieber außerordentlich ungeliebter Klassenfeind: Ziemlich grandios nimmt Herbert Schnädelbach in “Analytisches und Postanalytisches Denken” die Geschichtsphilosophie Adornos auf’s Korn. Da bleibt nix übrig.

    Habe gar nix dagegen, meine Ikonen anzupissen - außer Kant vielleicht, aber doch nicht so minderbemittelt wie in der Ankündigung der Veranstaltung. Allein schon dies Plakat ist hochnotpeinlich, weil’s eben nicht die Stilmittel der Totalitären nur darstellt, um deren Schrecken aufzuzeigen, sondern sie faktisch nutzt, genau auf die Art, wie’s jene auch tun würden. Und Adorno-Vorträge unter Mao, Hitler und Bin Laden-Bildchen hat mit Kritik auch rein gar nix mehr zu tun. Der war konsequent anti-totalitär.

    @Rayson:

    Das mit den Anreizen spar ich mir mal auf, da lese ich mich noch ein, was Dich aber nicht daran hindern sollte, mal Beispiele dafür in’s Netz zu stellen … und sorry für den Mißbrauch Deines Blogs zur FDOG-Kritik, aber da mag ich ebenso wenig kommentieren wie z.B. auch bei PI. Allen gelegentlichen Highlights bei den Popper-Mißverstehern zum Trotz …

  27. 9.06.2006 | 15:22

    @MomoRules:

    Wie kommt es bloß, daß man bei Linken stets den gleichen herablassenden Diskussionsstil findet? Naja, zur Sache: Zwischen der einfachen Lösung und der totalen Unentrinnbarkeit gibt es ein sehr breites Feld der imperfekten Zwischenlösungen, der politischen Kompromisse und des liberalen Durchwurschtelns, aber diese beiden Extreme berühren sich eben sehr stark. Wer die Welt im totalen Verblendungszusammenhang wähnt, wünscht sich eine schnelle und einfache Lösung für alle Menschheitsprobleme, denn alles, was darunter liegt, ist ja selbst Teil dieses Verblendungszusammenhangs und damit immer zu wenig. Dass Adorno als Bürger durchaus antitotalitär war, wird ausgiebig gewürdigt werden, seine Philosophie ist das allerdings nicht in jeder Hinsicht, und zumal seine Adepten waren das oft auch als Bürger nicht. Das weiß auch der von mir hochgeschätzte Herbert Schnädelbach, bei dem ich mehrere Vorlesungen gehört habe und dessen Adorno-Kritik ich kenne. Die Verneigung vor einem großen Denker, dessen Größe anzuzweifeln uns Zwergen nicht zusteht, kann sicherlich nicht das letzte Wort der Kritik sein und ist überdies ein unangenehm deutscher Gestus, jedenfalls nicht gerade aufgeklärt und liberal. Damit will ich’s gut sein lassen, denn da Du bei uns nicht kommentieren magst (wohl aus Angst, Dich zu verunreinigen) legst Du auf eine Diskussion mit mir wohl auch hier keinen großen Wert.

  28. 9.06.2006 | 15:30

    @Ingo:

    Stellt einfach mal den Text ins Netz, dann kann man ja evtl. konkret weitermachen. So ‘ne Trockenübung im fremden Blog ist ja auch nix. Ansonsten bleib ich dann heute einfach mal ganz genüßlich deutsch, damit Du Dich weiter für aufgeklärt und liberal halten kannst, und freu mich schon auf’s Spiel in 2 1/2 Stunden ;-)

  29. 9.06.2006 | 15:52

    Der “deutsch”-Vorwurf trifft offensichtlich immer. ;-)

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