8. Juni 2006
Freiheit, die ich meine
Zugegeben – ich bin kein Philosoph. Vielleicht wäre ich gern einer geworden, aber damals meinte ich, mit dem Studium der Wirtschaftswissenschaften einen guten Kompromiss eingegangen zu sein zwischen meinem Wunsch, wenigstens Teilsystemeder menschlichen Welt zu begreifen, und einer guten Positionierung auf dem Arbeitsmarkt. Aber wie das so ist: Sobald man etwas erreicht hat, wird es wieder relativ unwichtig, und deswegen bewundere ich Leute wie MomoRules, die mit den Philosophennamen und -erkenntnissen nur so um sich werfen.
Mein Zugang zu philosophischen Ideen ist ein zufälliger und egozentrischer: Manche Werke fallen mir durch Zufall in die Hände, und manche Philosophen machen mich neugierig, auch wenn ich mit ihren Konzepten nicht allzuviel anfangen kann. Meistens aber interessieren mich die, bei denen ich entdecke, dass sie etwas, was ich vorher höchst unreif in meinem eigenen Kopf entwickelt habe, so oder ähnlich schon formuliert und durchdacht haben. Das geht mir übrigens nicht nur mit Philosophen so, sondern auch mit Ökonomen und Management-Theoretikern.
MomoRules muss mir daher nachsehen, dass ich als Anwort auf seine Frechheit keine gelehrte Abhandlung verfassen kann, die als Kandidat für das Feuilleton der F.A.Z. gelten könnte, wo von mir verehrte Könner wie z.B. Patrick Bahners selbst aus einem Telefonbucheintrag ein halbseitiges, mit geschichtlichen, philosophischen, künstlerischen und donaldistischen Querverweisen gespicktes Essay zu erstellen vermögen.
Ja, warum beharre ich so sehr auf diesem „engen“ Freiheitsbegriff, der Freiheit vor allem als Handlungsfreiheit des Einzelnen definiert, als die „Fähigkeit, Handlungen bewusst und selbstbestimmt zu wählen“, wozu insbesondere die Abwesenheit der Ausübung von Zwang durch andere gehört? Warum lehne ich das Konzept der sogenannten „positiven Freiheit“ ab, das Freiheit über die Erzeugung zusätzlicher Wahlmöglichkeiten erst generieren will?
Einfache Antwort: Weil die sogenannte „positive Freiheit“ die in meinem Sinn eigentliche Freiheit gefährden kann. Man koppelt damit nämlich den Begriff der Freiheit im Wesentlichen an die Ausstattung mit knappen Ressourcen, die, so sie für den Einzelnen nicht von vornherein auf einer nach oben offenen Skala gewährleistet ist, dann notfalls mit Mitteln zu „korrigieren“ wäre, die alle Kennzeichen der Ausübung unmittelbaren Zwanges aufweisen. Eine „Freiheit“ gegen die andere ausspielen zu können – das zeigt in meinen Augen allein schon die schiefe Ebene, auf die man mit solchen Forderungen geraten kann.
Nun scheint eine Hauptkritik gegen den liberalen Freiheitsbegriff darauf zu basieren, dass eine so verstandene Freiheit doch keinesfalls ausreiche, um ein „ausgefülltes Leben“ zu führen. Das behauptet auch keiner – nur, weil ich Freiheit konsequent so definiere, heißt das ja nicht, dass damit jedes andere Ideal automatisch erledigt wäre.
Was ist mit dem Argument „alles ist Zwang“? Tatsächlich ist unser Leben voll von Zwängen. Das fängt schon damit an, dass wir nicht freiwillig auf diese Welt kommen und sie auch (meist) nicht freiwillig verlassen. Darunter fällt auch der beklagenswerte Umstand, dass knappe Ressourcen zum Wirtschaften „zwingen“. Um diese Zwänge, die leider an unsere Existenz gekoppelt sind, geht es nicht, sondern um die, die von Menschen auf andere Menschen ausgeübt werden. Was ist dann mit dem bösen Arbeitgeber, der seinen Mitarbeiter zu Überstunden oder zu weniger Gehalt „bewegt“? Das ist im Sinn meiner Argumentation kein Zwang – der böse Arbeitgeber kann den Mitarbeiter zwar entlassen, aber so wenig wie eine Einstellung eine Zwangsmaßnahme ist, so wenig ist es eine Entlassung, denn wenn der Mitarbeiter diese Alternative akzeptiert, hat der böse Arbeitgeber keine Möglichkeit mehr, seinen eigentlichen Wunsch, nämlich den Mitarbeiter günstiger zu beschäftigen als vertraglich vereinbart, zu verwirklichen.
Aber was ist jetzt mit dem armen, arbeitslosen Mitarbeiter? Der fiele bei den Liberalen doch ins nackte Elend. Wenn er hungernde Kinder und eine weinende Ehefrau verhindern will, muss er doch dem Ansinnen des bösen Arbeitgebers nachgeben, und wir haben so etwas wie Zwang vorliegen. Sicher kommt das Inaussichtstellen einer potenziell existenzbedrohenden Alternative echtem Zwang sehr nahe. Auch deswegen wird man als Liberaler immer eine soziale Grundsicherung befürworten. Aber die aus meiner Sicht viel interessantere Frage ist die, wie realistisch das Szenario unter den Bedingungen größtmöglicher Freiheit überhaupt wäre – schließlich ist Langzeitarbeitslosigkeit kein vom Himmel fallendes Schicksal, sondern Ergebnis staatlichen (Zwangs-)Handelns.
Wegen der Art des „Diskurses“ selbst bin ich etwas befremdet. Wenn MomoRules Liberalen, die in Kommentarspalten eines Blogs ihr Konzept von Freiheit vertreten, wegen dieser ihrer Meinungsäußerung strategische Absichten (Erlangung von „Diskurshoheit“) und aggressives Verhalten („Denken unterbinden“) unterstellt, dann scheint er mir eher das zu umschreiben, was er selbst mit solchen Angriffen beabsichtigt. Ich ahne auch, warum: Der liberale (bzw. libertäre) Vorwurf, das Paradies, in das die Linken uns zu führen beabsichtigen, sei notwendigerweise auf Zwang aufgebaut, dieser Vorwurf trifft ins Mark und muss daher gründlich aus der Welt geschafft werden.
Nun unterscheiden sich Liberale und Libertäre ja nicht zuletzt dadurch, dass Liberale nicht die völlige Abwesenheit solchen Zwangs fordern. Sie wollen ihn nur minimieren. Aber das Bewusstsein, dass staatliches Handeln immer auf Zwang beruht, bleibt eben auch dann bestehen, wenn man dieses für konkret definierte Bereiche als sinnvoll erkennt. So ist auch meine Forderung zu verstehen, erst Freiheit zu definieren und sich dann über weitere, sinnvolle und notwendige Institutionen menschlichen Zusammenlebens zu unterhalten, die individuelle Freiheit dann durchaus wieder einschränken könnten. Wir brauchen aber diese Vorstellung von Freiheit quasi als „Schmerzgrenze“, als Gegengewicht zum prinzipiell unbegrenzten Machtpotenzial des Staates. Ein Freiheitsbegriff, der statt dessen zum unpraktikablen Glücksversprechen mutiert, spielt, wie liberale Theorie und die Geschichte ideologischer Regimes nahe legen, diesem Machtpotenzial nur in die Hand.
Zwei Quellen dazu von weit kundigeren Autoren zum Weiterlesen und Verdichten:
Zehn Thesen zur Freiheit (liberty.li)
Es gibt kein Recht, auf Kosten anderer zu leben -
Betrachtungen über Freiheit, Zwang und Vorenthaltung (Detmar Doering)
Verfasst von Rayson um 17:56 Uhr in der Kategorie Grundsatzfragen, Politik (Trackback)