Nach Auftritt in ARD-Tagesthemen: Fu Xiancai zusammengeschlagen

Heute kam in den 9-Uhr-Nachrichten des DLF folgende Meldung:

China: Menschenrechtsaktivist nach Interview mit ARD-Fernsehen zusammengeschlagen 

In China ist ein Aktivist nach einem Interview mit dem ARD- Fernsehen so zusammengeschlagen worden, dass er seitdem gelähmt ist. Nach Angaben von Human Rights China wurde der Mann auf dem Rückweg von einem Polizeiverhör von hinten angegriffen. Der Intendant des Norddeutschen Rundfunks, Plog, hat wegen der Attacke beim chinesischen Botschafter in Berlin protestiert.In dem Fernsehbericht über den Abschluss der Bauarbeiten für den umstrittenen Drei-Schluchten-Staudamm hatte der Aktivist beklagt, er und viele andere Bewohner hätten für die Umsiedlung nicht die zugesagten Entschädigungen erhalten.

Nachdem ich diese Nachricht gehört hatte, machte ich mich auf die Suche nach näheren Informationen.

n-tv brachte eine umfangreichere dpa-Meldung, die mittlerweile von vielen Online-Quellen übernommen wurde. Auszug:

Nach Angaben der Menschenrechtsgruppe Human Rights in China (HRiC) ist Fu Xiancai von den Schultern abwärts gelähmt. Er sei auf dem Rückweg von einem Polizeiverhör wegen des Interviews von einem Angreifer mit einem schweren Objekt von hinten niedergeschlagen worden. Ihm seien Halswirbelknochen gebrochen. Der Aktivist habe mehrfach Todesdrohungen erhalten und sei unter Androhung von Gewalt aufgefordert worden, seine Proteste gegen die Umsiedlung für das Staudammprojekt am Jangtse-Strom in Zentralchina einzustellen.

Den besten Artikel liefert zurzeit die Netzeitung. Insbesondere wird dort ausführlich auf den Brief eingegangen, mit dem NDR-Intendant Jobst Plog beim chinesischen Botschafter der Volksrepublik China in Deutschland protestiert hat:

In dem Schreiben fordert Plog den Botschafter Ma Canrong auf, «alles in Ihren Kräften Stehende zu veranlassen, dass dem schwer verletzten Fu Xiancai jede notwendige und mögliche medizinische Versorgung zuteil wird». Es stehe «außer Zweifel», dass der Überfall ein «Racheakt unter anderem wegen seiner Äußerungen im Deutschen Fernsehen» gewesen war, schrieb Plog.

«Schwerstens verletzter» Bürger

Als federführende Anstalt der ARD bei den Olympischen Spielen 2008 sei es für den NDR umso bedrückender, «dass ein chinesischer Bürger schwerstens verletzt worden ist, weil er sich in einem Programm der ARD sachlich zu Wort gemeldet hat». Der Intendant fügte hinzu: «Das verheißt nichts Gutes für die von uns beabsichtigte Intensivierung unserer Berichterstattung während der Olympischen Spiele 2008.»

Der Artikel in der Netzeitung ist auch der (bisher) einzige, der angibt, um welche ARD-Sendung es sich handelt. Fu Xiancai trat in einem Bericht von Christoph Lütgert für das ARD-Mittagsmagazin und die ARD-tagesthemen am 19.Mai 2006 auf. Hier der direkte Link zu dem Bericht: Jangtse-Damm.

Und was hat Fu Xiancai dort gesagt?

Ich war 15-mal in Peking, um mich bei der Zentralregierung zu beschweren, über 50-mal bei der Orts- und Provinzverwaltung. Nie wurde mir geholfen. Im Gegenteil: Ich wurde bedroht und geschlagen.

“Human Rights in China” (HRiC) hat schon mehrfach über Fu Xiancai berichtet. So am 26. Oktober 2004:

A group of 650 villagers, led by Fu Xiancai, organized appeals to various levels of the government to obtain appropriate compensation for village land claimed by the Three Gorges Dam project. (Quelle)

Und  in einem Artikel vom 9. August 2005 unter der Schlagzeile Three Gorges Petitioners Impeded, Harassed u.a.:

Sources say Fu Xiancai has been subjected to constant harassment and intimidation by the head of Maoping Township’s Public Security Bureau, Wang Xiankui, ever since he was interviewed by an American journalist on May 14. Sources say Wang Xiankui has come to Fu Xiancai’s home several times and said he must be punished for granting the interview. In addition, PSB officers have set up round-the-clock surveillance outside Fu’s home, and follow him wherever he goes, and Fu has received many harassing phone calls. On May 20, another activist, Tan Bixuan, reportedly received an anonymous phone call telling him to instruct Fu Xiancai to prepare a payment of 10,000 yuan, or else something would happen to Fu’s son. Fu Xiancai telephoned the Yichang City police to report this serious threat, but the police said they could do nothing without evidence. When Fu threatened to take his complaint to a higher level, the Yichang PSB sent police from Zigui County to Fu’s home to look around, but their investigation reached no conclusion.

Auch in einem Artikel des Independent über den Drei-Schluchten-Staudamm wird Fu erwähnt:

Fu Xiancai (…) says he represents relocated people who have not yet received their full compensation. Predictably, the dam has attracted huge amounts of corruption - one local official was executed in 2000 for taking more nearly £600,000 in bribes and scores of bureaucrats have been arrested for corruption. “Around 80 per cent of the migrant people I talk to are dissatisfied. We’ve nothing against the project, it’s a good dam. But we want our compensation,” said Fu.

Later he takes us to see where his house used to stand - it is not under water, but is part of a subsidiary dam near the main project. He has a new house near the site of the old one, complete with Mao portraits.

As two Finnish colleagues, a Chinese editorial assistant and I leave down a dirt road, we are stopped by police and local officials and held for nearly four hours in a chilly government building, before being taken into rooms and interviewed separately. Talking to Fu, no matter how innocently, is a breach of Chinese rules governing how reporters can work. They demand our notes and any photos we have and we are eventually released after signing a statement.

(Hervorhebung hinzugefügt.)

In der St. Petersburg Times erschien letztes Jahr ein kritischer Artikel über den Drei-Schluchten-Staudamm: Heavy toll in powering a nation. HRiC hatte den Journalisten auch an Fu verwiesen. Was nach dem Gespräch mit Fu passierte, schildert er in einem zweiten Artikel: After lunch, it’s off to the local jail:

We had been warned by Human Rights in China, the group in New York that had referred us to Fu, that foreign journalists who interviewed him in the past had been detained and harassed by police.

Fu said friends warned him that police once tried to hire some thugs to run over him with a car. To protect himself, Fu said he no longer leaves his house at night.

We thought Fu and Human Rights were being paranoid. In a country of 1.3-billion people, why would one displaced peasant in a relatively isolated central China town evoke such a strong reaction?

The Zigui police never answered that question. But after threatening Fu with jail, the local authorities tried another tactic with him shortly after our visit.

The local Communist Party chief warned Fu not to talk to foreign journalists and offered him a job in a hydropower station in an outlying area of Zigui. Fu has taken the job, which pays about $120 a month, but promises to continue his campaign on behalf of the peasants in the Three Gorges area.

Jetzt ist er wohl endgültig zum Schweigen gebracht worden :-(

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8 Kommentare zu “Nach Auftritt in ARD-Tagesthemen: Fu Xiancai zusammengeschlagen”

  1. 13.06.2006 | 14:01

    Eigentlich sollte der Botschafter der Volksrepublik China in Deutschland umgehend Post von unserem Außenministerium bekommen — ein Brief von der ARD wird ihn sicher nicht allzu sehr berühren. Erinnert sich Bundeskanzlerin Merkel nicht an ihre eigene Jugendzeit, als sie u.a. auch Mitglied in kirchlichen Gruppen war? Das MfS hat durchaus zu ähnlichen Methoden gegriffen …

  2. Zodac
    14.06.2006 | 2:08

    Im vermeintlich kapitalistischen China zählt das Privateigentum der einzelnen Menschen nichts. Die Eigentums- und Rechtsordnung ist diskriminierend und ungerecht.

    Hier ist noch ein nettes Beispiel:

    “Nicht nur Bauern, auch andere Bürger wurden aus ihren Häusern vertrieben. Auf einem Gebiet von 40 Quadratkilometern soll eine neue Universitätsstadt entstehen. Ein gigantisches Projekt, das von Peking nie genehmigt wurde. Die Investoren zahlten horrende Quadratmeterpreise, den vertriebenen Bauern dagegen wurden lächerliche Entschädigungssummen geboten: Pro Kopf ein paar hundert Euro für den Verlust ihrer Existenz. ”

    http://www.br-online.de/politik/ausland/themen/2005/00141/daserste.shtml

  3. 14.06.2006 | 9:26

    [...] China. Schwere Verletzung. Regimekritiker in China nach ARD-Interview verprügelt. FAZ.net — Mehr dazu auf B.L.O.G. [...]

  4. 15.06.2006 | 11:13

    China – die Möchtegern Supermacht…

    China wird von vielen Experten als zukünftige globale
    Supermacht gesehen: wirtschaftlich führend, technologisch ganz weit vorne und
    schlicht auf Grund von Größe und Bevölkerung der dominierende Staat des 21. Jahrhunderts.
    Adieu USA, welcome Chi…

  5. Tim
    16.06.2006 | 12:30

    Vielen Dank für die aufwändige Recherche. Informationen über die Situation der Umsiedler finden sich auch auf der Seite von Three Gorges Probe- ein riesiges Archiv zu dem Thema.

  6. Marcus
    16.06.2006 | 15:17

    Heute stand in der TAZ ein Bericht, daß Fu Xiancai im Krankenhaus nicht die notwendige Behandlung erfährt, da sich die Ärzte weigern ihn zu operieren ohne im Vorraus Bezahlt zu werden. Es soll sich wohl um eine Summe um die 8000€ handeln.
    Meines Erachtens wäre es angebracht, daß Herr Fu Xiancai schnelle finanzielle Unterstützung seitens der Medien (durch Spenden, bzw. Aufrufe und schnelle Hilfe) erhält, da seitens der Regierung Chinas wohl nicht viel zu erwarten ist.
    Bis die Diplomatischen Mühlen gemahlen haben, könnte viel Zeit ins Land gehen.

  7. 16.06.2006 | 15:23

    Fu Xiancai wird wohl für immer gelähmt bleiben. Das Krankenhaus Yichang in Zentralchina hat die Behandlung verweigert, weil Fu und seine Familie sie nicht bezahlen konnte. Aber die örtlichen Behörden haben auch die Bauern aus Fu’s Heimatdorf daran gehindert, für ihn Spenden zu sammeln.
    Ich lebe seit 7 Jahren in China, aber wie wenig hier ein Menschenleben wert ist, erschüttert mich immer wieder.
    Human Rights Watch hat jetzt ein Spendenkonto für Fu eingerichtet. Näheres unter:
    http://www.br-online.de/politik-wirtschaft/mittagsmagazin/dynamisch/aktuell/stories/1506meinungsfreiheit.htm

  8. 20.06.2006 | 11:20

    [...] Deshalb kann ich nur dem Kommentar von Eva Corell beipflichten: Ich lebe seit 7 Jahren in China, aber wie wenig hier ein Menschenleben wert ist, erschüttert mich immer wieder. [...]

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