Reizworte (3): “Unternehmensethik”

Als ich hier anfing zu bloggen, war ich ein “Traffic Snob”, immer auf der Suche nach Themen, die möglichst nur mich interessieren. Aber die Zugriffs- und Kommentarzahlen zu den ersten beiden Reizwörtern (linksliberal und neoliberal) haben mich korrumpiert. Deshalb hier Folge 3, für das verlängerte Wochenende:

Will the market make corporations “ethical” on its own, or are governments needed to force them into social responsible positions?

fragt Mark Thoma von Economist’s View. Für mich ist die Frage schon falsch gestellt, denn unabhängig davon, ob “der Markt” Unternehmen von selbst zu ethischem Handeln zwingt, können Regierungen ganz sicher nicht die Alternative sein, sondern m.E. allenfalls eine aktive Bürgergesellschaft im Rahmen eines Rechtsstaats. Und “erzwingen” könnte eines solche (utopische?) Bürgergesellschaft auch nichts.

Aber diese Frage ist auch nur der Einstieg zu einem langen Zitat aus einer (Abonnenten vorbehaltenen) FT-Kolumne von Jonathan Guthrie: Ethics, enterprise and expediency. Guthrie musste leider an einer Tagung in Monaco teilnehmen, auf der es darum ging, wie die Wirtschaft den Armen helfen und die Erde retten kann.

Guthrie schreibt zwar

Debates on corporate social responsibility thrill me as little as talks on diesel locomotives by bobble-hatted trainspotters

, hat aber pflichtbewusst ausgeharrt und mitgeschrieben, z.B.

John Hilary of War on Want, a traditional lefty, thundered: “We cannot accept unbridled free market capitalism.” Richard D. North of the rightwing Institute of Economic Affairs, countered: “Capitalist firms do well for the world when they are selfish and honest about it.”…

Zu corporate social responsibility (CSR) in Asien gibt es übrigens ein m.E. hervorragendes (Nicht-Nur-)Blog. Es ist schon teilweise haarsträubend, was in den boomenden Ländern dieses Kontinents so abgeht.

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7 Kommentare zu “Reizworte (3): “Unternehmensethik””

  1. 15.06.2006 | 10:30

    Zum Thema Unternehmensethik passt ganz gut das Thema westliche Firmen in China.

    Es geht nicht darum, ob Firmen total oder gar nicht ethisch handeln. Meist werden diese Extreme gegenübergestellt. Ethisches Handeln findet jeden Tag in Unternehmen statt, auch in den weltweit operierenden Konzernen. Die Frage ist, was für ein Ethos dahintersteht und vor allem, in welchen Fällen dies nicht funktioniert.

    Ein Unternehmen, das in China Elektrogeräte herstellt beispielsweise, kann dort ggf. von einer Ethik profitieren, die Ausbeutung für akzeptabel hält. Eine Ethik der Rücksichtnahme, der Verantwortung, ggf. auch der Beteiligung der Beschäftigten am Erfolg kann sich aber auszahlen.

    Und immer wenn sich eine Ethik auszahlt, weil die Mitarbeiter motivierter sind und aus eigenem Antrieb bereit sind, mehr zu arbeiten oder weil das Unternehmen von dem humanen Image profitiert, dann wird eine solche Ethik umgesetzt. Oder wenn das Unternehmen sein Image durch bestimmte Maßnahmen verbessert (Beispiel BP mit seiner Imagekampagne über erneuerbare Energien).

    Zahlt es sich bei den Umsätzen, dem Marktanteil, der Konsumentenstimmung, der Aktionärsmeinung, im Wettbewerb hingegen nicht aus, eine rücksichtsvolle und verantwortungsbewusste Ethik anzuwenden, dann wird es zumindest tendenziell immer Firmen geben, die das auch nicht tun. Ob der Staat gerade in einer globalisierten Welt daran etwas ändern kann, ist mit vielen Fragezeichen zu versehen.

  2. Marian Wirth
    15.06.2006 | 11:30

    Euroneuzeit,

    Zum Thema Unternehmensethik passt ganz gut das Thema westliche Firmen in China.

    Das stimmt. Danke für den Link!

    Oder wenn das Unternehmen sein Image durch bestimmte Maßnahmen verbessert

    Na, da liegt ja ein Hase im Pfeffer. Nach der Theorie wird ein Unternehmen, dessen Produkte schlecht sind und deshalb von den Konsumenten nicht (mehr) akzeptiert werden, etwas dafür tun müssen, dass sich seine Produkte verbessern.

    In der Praxis gibt es aber noch einen anderen Ausweg: Image-Pflege durch PR. Ich habe manchmal den Eindruck, dass die meisten Unternehmen mehr Ressourcen darauf verwenden, den (potentiellen) Kunden mittels Marketing- und PR Kampagnen Sand in die Augen zu streuen und Konkurrenten zu bekämpfen, als das Produkt zu verbessern.

    Und im Fall der Unternehmensethik ist es genauso: Statt die Arbeitsbedingungen zu verbessern oder wenigstens zuzugeben, dass sie verbesserungswürdtig sind (damit die Konsumenten sich frei entscheiden können, indem sie dies bei ihrer Kaufentscheidung berücksichtigen können), werden Prestige-Projekte aus der Taufe gehoben, ein bisschen soziales Sponsoring betrieben und in Hochglanzbroschüren behauptet, dass alles wunderbar sei und es sich bei gegenteiligen Behauptungen nur um substanzlose Vorwürfe missgünstiger Konkurrenten handele.

    Und wenn die PR-Abteilung des Unternehmens einigermaßen fähig ist, dann geht diese Strategie auf. Das ist dann aber keine Ethik, sondern virtueller Ethik-Ersatz.

    Ob der Staat gerade in einer globalisierten Welt daran etwas ändern kann, ist mit vielen Fragezeichen zu versehen.

    Das sehe ich anders. Für den Nationalstaat sehe ich da überhaupt keine Fragezeichen. Und solange die Globalisierung nicht zu einer Vergleichbarkeit von Sozialstandards geführt hat (wenn das überhaupt jemals der Fall sein sollte), stellen sich auch für supranationale Organisationen wie die EU diese Fragen nicht. Das zeigt sich wiederum am Beispiel China: Die EU meint immer, sie könne ihre Sozialstandards zu einer Voraussetzung der Zusammenarbeit mit anderen Kontinenten machen. Ein Gipfel jagt den nächsten. Und mit wem arbeiten die Länder Südamerikas und Afrikas währenddessen zusammen? Mit China! Wenn die EU dann mit ihren Gipfeltreffen fertig ist, wird es keinen Grund mehr geben, überhaupt noch über Zusammenarbeit zu reden.

    (Ich verwende bewusst “Vergleichbarkeit” und nicht “Gleichheit” der Sozialstandards. Gleiche Sozialstandards auf der ganzen Welt wird es nie geben.)

  3. Zodac
    15.06.2006 | 12:42

    Arbeits- und Umweltbedingungen verbessern sich automatisch mit Wachsendem Wohlstand einer Gesellschaft. Dementsprechend halte ich es für eine relativ unwichtig, ob das einzelne Unternehmen nun eine ethische Position vertritt, oder eben nicht.
    Ein westliches Unternhemen, welches in der 3. Welt einsteigen will, muß zwangsläufig den Menschen bessere Bedingungen bieten, als diese aktuell haben.

    Wobei sich anmerken läßt, daß ausländische Investoren wohl nicht hinreichend sind für ein Entkommen aus der Armut. Wobeio ich ich hier wieder auf Hernando de Sotos Thesen abschweifen könnte, was aber vom eigentlichen Thema wegführt.

  4. Boche
    15.06.2006 | 13:12

    Ich denke zwar nicht, dass sich irgendetwas “automatisch” verbessert, vielmehr muss jede Verbesserung durch menschliches Bemühen erkämpft werden.

    Aber ich bin der Meinung, dass man Ethik von Menschen und nicht von Organisationsformen verlangen sollte, die primär andere Ziele haben.
    Oder, wie ich Marian nur zustimmen kann: Die Einhaltung ethischer Standards kann nur durch die Bürger eines Landes durchgesetzt werden. Gegebenenfalls auch gegen spezielles, unternehmerisches Tun, wenn die Menschen das für notwendig und sinnvoll halten.

  5. googlehupf
    15.06.2006 | 14:24

    Wer Unternehmen zu “ethischem Handeln” bewegen will muss andere Leute die das genauso sehen zum “voting with one’s dollars” mobilisieren. Dieser Graswurzelansatz ist aus meiner Sicht der effektivste Weg ein solches Ziel zu erreichen.
    Marken können nämlich nicht nur zur “Blendung” von Kunden benutzt werden sondern sind auch sehr anfällig für Kampagnen (man siehe Shell, Nike, etc.). Insofern verstehe ich z.B. nicht warum Leute wie Klein Marken kritisieren, bieten sie doch eine prima Angriffsfläche.

    Davon abgesehen ist das primäre Ziel von Unternehmen nun mal Profit und das ist erstmal nichts “unethisches”. Die Marktwirtschaft zwingt aber niemanden zur Organisationsform des Unternehmens - es gibt ja auch noch non-profit, Coops, etc. Auch das ist ein Ansatz der wunderbar ohne ein supranationales Gewaltenmonopol funktionieren kann (sogar im großen Stil, sieh z.B. Mondragón). Ich wundere mich immer wieder, warum es die ganze Bewegung um Attac, Greenpeace, etc. nicht schafft so etwas auf die Beine zu stellen anstatt nach Gesetzen und internationalen Standards zu schreien.

  6. 15.06.2006 | 14:58

    Marian

    In der Praxis gibt es aber noch einen anderen Ausweg: Image-Pflege durch PR. Ich habe manchmal den Eindruck, dass die meisten Unternehmen mehr Ressourcen darauf verwenden, den (potentiellen) Kunden mittels Marketing- und PR Kampagnen Sand in die Augen zu streuen und Konkurrenten zu bekämpfen, als das Produkt zu verbessern.

    Und im Fall der Unternehmensethik ist es genauso: Statt die Arbeitsbedingungen zu verbessern oder wenigstens zuzugeben, dass sie verbesserungswürdtig sind (damit die Konsumenten sich frei entscheiden können, indem sie dies bei ihrer Kaufentscheidung berücksichtigen können), werden Prestige-Projekte aus der Taufe gehoben, ein bisschen soziales Sponsoring betrieben und in Hochglanzbroschüren behauptet, dass alles wunderbar sei und es sich bei gegenteiligen Behauptungen nur um substanzlose Vorwürfe missgünstiger Konkurrenten handele.

    Und wenn die PR-Abteilung des Unternehmens einigermaßen fähig ist, dann geht diese Strategie auf. Das ist dann aber keine Ethik, sondern virtueller Ethik-Ersatz.

    Das stimmt. Aber an dieser Stelle kommen Journalisten und vielleicht auch Blogger (?!) und andere Menschen ins Spiel, die auf Missstände hinweisen. Sofern sie es dürfen, was in China ja i.d.R. nicht der Fall ist. Man kann das Pferd nicht am Schwanz aufzäumen. Als erstes muss man für die notwendigen Rechte des Einzelnen eintreten, damit der Einzelne überhaupt seine Anliegen artikulieren kann. Und virtuelle Ethik, wie Du es nennst, muss ja nicht von den Konsumenten abgekauft werden. Das Problem ist immer nur, dass vielen Leutes zu viel egal oder nicht bewusst ist. Man kann informierte Menschen nicht so leicht veralbern wie uninformierte. Eine andere Möglichkeit, etwa über eine Zwangsethik, sehe ich nicht.

  7. 16.06.2006 | 0:21

    Man muss schon ein wenig zwischen “gut gemeint” und “gut gemacht” unterscheiden. Mal abgesehen davon, dass staatliches Handeln m.E. Ethik weder vorschreiben noch eine bestimmte umsetzen kann (und auch nicht soll!), kann das, was uns ungeheuer “ethisch” vorkommt, in Wirklichkeit zu einer Verschlechterung der Lebensbedingungen derer führen, die wir mit unserer Haltung zu schützen meinen.

    Unternehmen stehen im Wettbewerb. Wenn ihre Kosten über denen ihrer Wettbewerber liegen und sie auf dem Markt keine höheren Preise durchzusetzen in der Lage sind, werden sie sich nicht lange halten können. Wenn ein Unternehmen nun in ein Entwicklungsland geht, dann meist zunächst aus dem Grund, weil dort die Kosten, insbesondere für Arbeit, niedriger sind. Erhöhen sich diese Kosten durch die Einführung bestimmter Sozialstandards, ohne dass die Produktivität Schritt hält, kann dann ein anderer Standort mit von vornherein höheren Kosten, aber auch höherer Produktivität attraktiver sein. Das heißt also, das Bestehen auf hohen Sozialstandards wird tendenziell dazu führen, dass Unternehmen die Standorte wählen, wo diese Standards bereits wegen höherer Produktivität existieren. Es ist dann nach außen fein raus, gerade weil es nicht in die Entwicklungsländer geht. Ob die sich darüber freuen werden?

    Andererseits, und das wird ebenso tendenziell auf dem Markt entschieden, können bessere soziale Bedingungen auch durchaus zu höherer Produktivität führen, wenn ausreichend Kapital vorhanden ist, so dass die angebotenen Arbeitsplätze über einfachste Arbeit hinausgehen und ein Wettbewerb um die knappe qualifizierte Arbeit in Gang kommt. Ein reiner Lohnwettbewerb führt dann nämlich zu hoher Fluktuation, während ein angenehmes Arbeitsumfeld gute Leute an das Unternehmen binden kann.

    “Unternehmensethik” ist meistens eine Frage der Wettbewerbssituation. Ein Unternehmen, dem es gelingt, sich auf irgendeinem Markt, also Absatz-, Arbeits- oder Kapitalmarkt, durch besonders hohe ethische Standards vom Wettbewerb zu differenzieren, kann davon durchaus auch profitieren.

    Allerdings sollte es jenseits des Wettbewerbs wirklich auch Schmerzgrenzen geben. Man, also die Öffentlichkeit, die Vertragspartner und je nach Sachlage auch der Staat, sollten es Unternehmen nicht durchgehen lassen, von Menschenrechtsverletzungen und kriminellen Machenschaften zu profitieren, Selbst wenn ich davon überzeugt bin, dass solche Unternehmen auch auf freien Märkten keine Zukunft hätten, wäre jeder Tag, an dem sie ihr Unwesen treiben können, einer zuviel.

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