L’Afrique, mon amour

Geschrieben inmitten der zweiten Halbzeit des Spiels Niederlande-Elfenbeinküste.

Meine Berührungen mit Afrika sind nicht besonders intensiv und nicht besonders zahlreich. Ich war mal zwei Wochen beruflich in Südafrika und konnte die Wochenenden auch zu touristischen Eindrücken nutzen. Aber wie das so ist mit einer Frau, die man nur kurz mal gesehen, sich aber trotzdem hoffnungslos verknallt hat: Ich liebe Afrika. Ich liebe die Landschaft, ich liebe die Afrikaner und ich liebe die afrikanische Musik. Wohlweislich, dass ich von dieser Liebe überhaupt nicht genug weiß, um sie (vordergründig) korrekt beurteilen zu können. So ist Liebe nun einmal.

Ich verquicke jetzt mal drei Eindrücke, die überhaupt nichts miteinander zu tun haben und so subjektiv gefärbt sind, wie es subjektiver nicht geht.

Der erste: ein Artikel in der F.A.Z. über die Bürgermeisterin von Kapstadt, Helen Zille, eine Tochter von aus Nazideutschland vertriebenen Juden. Dieser (leider grenzkostenfrei nicht erhältliche) Artikel beschreibt, welchen Sumpf Frau Zille vorfand, wie sehr Korruption, Nepotismus und Verschwendung unter ihrer ANC-Vorgängerin an der Tagesordnung waren.

Der zweite: der Auftritt der Elfenbeinküste bei der WM. Warum muss diese Mannschaft immer erst durch zwei Tore wachgerüttelt werden? Warum rufen sie ihr unglaubliches Potenzial, das sich vor denen der brasilianischen Ballkünstler nicht zu verstecken braucht, nicht durchgehend ab? So, wie sie Ende der ersten Halbzeit gegen die Niederlande gespielt haben, kann das kaum eine andere Mannschaft auf dieser Welt.

Der dritte: meine persönlichen Erfahrungen während der zwei Wochen. Ich sah ein für westliche Augen unglaubliches Gefälle zwischen Arm und Reich, das parallel zur Hautfarbe verlief. Ich traf junge weiße englischsprechende Südafrikaner, die alle dasselbe Ziel hatten: auswandern. Ich begegnete “verkrampten Buren”, offenem Rassismus und den Folgen roher krimineller Gewalt.

Einschub:
Eine Deutsche, bei der ich mal als Gast (im Gästezimmer ;-), ihr Freund war auch da) übernachtet habe: “Die Krimininalität rund um Johannisburg ist unglaublich hoch. Aber keine Angst - in diesem Viertel bricht keiner (gemeint: kein Schwarzer, R.) ein, denn hier leben fast nur Buren, und die rufen nicht nach der Polizei, wenn sie einen Einbrecher erwischen…”

Man muss die historische Größe eines Nelson Mandela einfach bewundern, aber was wird aus seinem Nachlass? Mir machte das Nebeneinander von schwarzer Armut und weißem Wohlstand unter der Flagge eines vom ANC regierten Südafrika den Eindruck der “friedlichen Koexistenz” des Kalten Krieges: Ein Zustand, der besser ist als befürchtet, der aber auf Dauer nicht so aufrechterhalten werden kann. Es ist klar: Die Weißen im Land müssen abgeben, und die Schwarzen müssen auf allen Ebenen mehr beteiligt werden. Aber ist die Aufgabe nicht eine zu große für Menschenwerk? Ohne Quote werden die Schwarzen nicht den Anteil an Führungspositionen in Wirtschaft und Verwaltung erhalten, der mehr als überfällig ist, aber ohne entsprechende Ausbildung wird die Quote zum Bremser. Und kann es dem Land wirklich gut tun, wenn gut ausgebildete Weiße in ihm keine Zukunft mehr sehen?

Ist es tatsächlich so, wie der FAZ-Artikel nicht direkt, aber für sich mit dem Thema Afrika Befassende auf der Hand liegend suggeriert, dass Clanswirtschaft und Stammesverbundenheit schwarze Machthaber immer korrumpieren müssen? Westler mögen den Kopf schütteln, aber die Menschen, die für uns einfach nur “Schwarze” sind, repräsentieren eigenständige Kulturen, wie es auch in den neun nicht-europäischen Landessprachen Südafrikas (neben Englisch und Afrikaans) zum Ausdruck kommt (vergleichbare Verwunderung ergreift den, der mehr über Indien erfahren will).

Provokative Verbindung:
Haben die weißen Südafrikaner, mit denen ich gesprochen habe, Recht, dass Schwarze per se dazu neigen, die Dinge schleifen zu lassen, den einfachsten Weg zu gehen und deswegen immer wieder neu angespornt werden müssen? Dass sie nichts organisiert bekommen, keine Vorstellung vom Morgen haben und deswegen einfach zu nichts Größerem “zu gebrauchen” sind?

Deutliche Antwort:
Nein, Verhalten hat nichts mit Hautfarbe, aber sehr viel mit Tradition, Geschichte, sozialer Lage und Politik zu tun. Natürlich darf sich eine ehemals weiß diktatorisch dominierte Gesellschaft nicht über die Unbildung der Schwarzen beschweren, die sie selbst jahrzehntelang bewusst herbeigeführt hat, nicht anders als Hitlers Pläne für die unterworfenen “Slawenvölker”. Aber tatsächlich, ob es nun eine Folge des Kolonialismus ist oder nicht, begünstigt die Diskrepanz zwischen am grünen Tisch entworfenen Nationalgrenzen und ethnisch-familiärem Zusammengehörigkeitsgefühl Korruption und Nepotismus. So lange ich über ein Budget verfüge und eine klare Trennlinie zwischen “uns” und “den anderen” ziehe, so lange werde ich das Budget kaum zu einer Art “Gemeinwohl” verwenden wollen. Ein Teil von Mandelas Größe war und ist, diese Grenzziehungen vergessen zu lassen. Seine Nachfolger beim ANC drohen dieses Vermächtnis zu verschludern.

Afrika hat ein riesiges Potenzial. Aber es tut sich schwer. Das gilt für den Fußball ebenso wie für die Politik. Wie können wir wirklich, also nicht nur vordergründig gutmenschlich, helfen?

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4 Kommentare zu “L’Afrique, mon amour”

  1. 17.06.2006 | 10:06

    Bye, bye Drogba: Rosen drücken auf’s Herz…

    Es gibt diesen Roman von Boris Vian - “L’ecume des jours”, “Der Schaum der Tage”. Da ist nicht nur diese sensationelle Sequenz drin, in der Jean-Sol Partre - na, wer damit wohl gemeint ist - einem Popstar, Philosophenkönig, Patriarchen……

  2. 17.06.2006 | 10:09

    Bye, bye Drogba: Rosen drücken auf’s Herz…

    Es gibt diesen Roman von Boris Vian - “L’ecume des jours”, “Der Schaum der Tage”. Da ist nicht nur diese sensationelle Sequenz drin, in der Jean-Sol Partre - na, wer damit wohl gemeint ist - einem Popstar, Philosophenkönig, Patriarchen……

  3. 18.06.2006 | 1:03

    [...] War mein Afrikameter gestern noch ziemlich weit unten, schöpfe ich heute wieder Hoffnung. Dennoch, ich muss von “L’Afrique, mon amour” noch immer nicht abgehen: Die afrikanischen Mannschaften schwanken zwischen unter- und überirdisch. Wenn sie inspiriert werden, dann leisten sie Grandioses. Wenn es um Graubrot geht, Grottenschlechtes. Wie sympathisch menschlich, also auch: wie ineffektiv. [...]

  4. Marian Wirth
    18.06.2006 | 17:49

    Starker Text!

    Einer meiner Lieblingstexte zu Afrika:
    Zeigt das wahre Afrika!
    Nur Elend und Sterben – warum die westlichen Medien ein falsches Bild vom schwarzen Kontinent zeichnen
    Henning Mankell in: DIE ZEIT, 03/2006

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